Das Altpapier am 3. August 2020 Ich höre, also bin ich

"Wer die fantastische Dunja Hayali angreift, greift uns alle an", schreibt Ulf Poschardt, der Chefredakteur der Welt-Gruppe. Aber ist er nicht mitverantwortlich für eine anti-öffentlich-rechtliche Stimmung, die in diesen Angriffen zum Ausdruck kommt? Außerdem: Dirk Kurbjuweit vom Spiegel begründet möglicherweise ein neues journalistisches Genre. Ein Altpapier von René Martens.

Teasergrafik Altpapier vom 3. August 2020: Porträt Autor René Martens
Bildrechte: MDR / MEDIEN360G

Die Heuchelei eines Brandstifters

Ein Thema, das Teile der vergangenen Woche dominierte - jedenfalls aus einer medienkolumnistischen Perspektive -, waren die Folgen der Angriffe des Welt-Kolumnisten Don Alphonso auf die Politikwissenschaftlerin Natascha Strobl und das Politikmagazin "Panorama" (siehe unter anderem das Altpapier von Donnerstag). Das dominierende Thema zum Beginn der neuen Woche, und zwar nicht nur unter medienkolumnistischen Aspekten, ist die Demonstration der Corona-Leugner in Berlin.

Lassen sich diese beiden Themen möglicherweise verquicken? Dafür bietet sich unter anderem eine Screenshot-Gegenüberstellung des Twitter-Nutzers @sojajunge an: Links ein am Sonntag abgesetzter Tweet von Ulf Poschardt, Chefredakteur der Welt-Gruppe, in dem er sich in die Pose des Staatsmanns wirft: "Wer die fantastische @dunjahayali angreift, greift uns alle an." Daneben ein aus dem vergangenen Sommer stammendes Zitat des in den vergangenen Tagen von Poschardt leidenschaftlich verteidigten Don Alphonso. Dieser sprach im Zusammenhang mit Hayali und ihrem Sender damals von "Dunjas Regime-TV".

Poschardts Tweet bezieht sich auf die Angriffe gegen Hayali, die diese selbst in einem viral gegangenen Instagram-Video dokumentiert hat. Angesichts dessen, wie stark sein Laden eine anti-öffentlich-rechtliche Stimmung schürt, ließe sich in Anlehnung an Cinan Sinanoglu fragen, ob Poschardt einer von denen ist, die das Haus anzünden und dann Applaus dafür wollen, dass sie die Feuerwehr gerufen haben. Zumal Poschardt ja auch der, nun ja, These zuzustimmen scheint, es gebe in Sachen Haltung zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk "wenig zwischen Unterwerfung und Bekämpfung".

Hayalis Video und Reaktionen darauf hat im Übrigen der Tagesspiegel auf der Basis von Nachrichtenagenturen-Material zusammengefasst. Der Text geht auch darauf ein, dass Hayali, die selbst einige Screenshots von zumindest teilweise womöglich justiziablen Instagram-Kommentaren bei Twitter zusammengestellt hat, die Dreharbeiten schließlich abbrechen musste. Zu anderweitigen Behinderungen der journalistischen Arbeit siehe zum Beispiel diesen Tweet des Fotografen Leon Enrique und der Schluss eines taz-Interviews mit Levi Salomon vom Jüdischen Forum für Demokratie.

Der Unterschied zwischen Hören und Sehen

Während Dunja Hayali mal wieder mittendrin war, schreibt Dirk Kurbjuweit für die Spiegel-Morgenlage aus einer etwas anderen Perspektive:

"Ich war den ganzen Tag zu Hause, bekam nicht viel mit von den Ereignissen. Die Fenster standen alle offen, es war ein heißer Tag. Am Abend fiel mir irgendwann die ungewohnte Geräuschkulisse auf. Ständig Polizeisirenen, ständig Hubschrauber in der Luft. Es klang ein wenig nach Bürgerkrieg, über Stunden. Ich checkte häufig Nachrichtenportale und erwartete, Berichte über Straßenschlachten zu lesen. Aber sie blieben aus. Auch die Berichte in den Zeitungen von heute decken sich nicht mit dem Eindruck, den ich von der Geräuschkulisse hatte."

Ich weiß nicht, ob es für diese Form des Journalismus schon einen Namen gibt: Man hört etwas durchs Fenster, wundert sich dann, dass Journalisten, die nicht nur etwas gehört, sondern auch etwas gesehen haben, einen anderen Eindruck haben, und gibt dann in einem Artikel dieser Verwunderung Ausdruck. Kurbjuweit schreibt weiter:

"Ich stelle (die Corona-Politik) nicht infrage, aber ich würde die Demonstranten auch nicht pauschal 'Covidioten' nennen, wie die SPD-Vorsitzende Saskia Esken."

Das würde ich auch nicht tun, denn: Wer Ideologien pathologisiert, entpolitisiert sie. Darüber habe ich im Mai im Altpapier geschrieben. Die entsprechende Passage bezog sich auf ein Interview, das die taz mit der Psychologin Pia Lamberty führte. Es geht darum, wie man auf die Demonstrationen der Verschwörungstheoretiker reagiert. Lamberty sagte damals: 

"Es wäre wichtig, in den Medien auch strukturelle Analysen und historische Einordnungen zu liefern, damit Menschen sehen: Das ist nicht neu, das hat historische Vorläufer."

Diese implizite Medienkritik scheint mir angesichts der Berichterstattung über die Berliner Demo weiterhin aktuell zu sein.

Zurück zu Kurbjuweit. Dass er den Begriff "Covidioten" für nicht angemessen hält, begründet er auf recht abstruse Weise:

"Es ist noch weniger als sonst die Zeit, in der man etwas genau wissen kann. Und deshalb ist derjenige, der eine andere Meinung hat, nicht ein Idiot, sondern einer, der einer anderen Erzählung folgt."

Wenn ein Journalist eines nicht gerade irrelevanten Mediums die Ideologie der Berliner Demonstranten - Menschenhass und der Wunsch nach einem Massensterben - als "andere Erzählung" verniedlicht, dann lässt das für die künftige Berichterstattung einiges befürchten. Das gilt auch für den "Ich bin kein Corona-Maßnahmen-Gegner, aber …"-Sound, den Kurbjuweit anstimmt (siehe das erste Zitat aus dem Text).

Apropos Befürchtungen: Detlef Esslinger schreibt in einem SZ-Kommentar:

"Wenn (…) eine wohl fünfstellige Anzahl von Menschen am Samstag die Straße des 17. Juni in Berlin bevölkert hat, muss man befürchten, dass zum Ausdruck gebracht wurde, was Hunderttausende umtreibt; mindestens."

Da mag etwas dran sein. Man könnte aber auch in Erwägung ziehen, dass das Ausmaß der Berichterstattung dazu beiträgt, dass eine Minderheit sich größer fühlt als sie ist.

Was kommt in der Berichterstattung zu kurz?

"Es ist das Tückische an der Krankheit, dass die Betroffenen verschwinden; sie sind nicht Teil der Debatte. Wenn sie nicht sterben, sind sie in Quarantäne. Sie hätten, fragte man sie, viel zu sagen: dass sämtliche Hygienekonzepte nicht ausreichen (…); dass inmitten der Wiedereröffnungsfeierlichkeiten der deutschen Trias Schweinemast, Mallorca und Bahnkomfort der pure Zufall guter Aprilzahlen von der heran rollenden Welle der Neuinfektionen schon wieder aufgezehrt ist."

Das schreibt Leo Fischer (Neues Deutschland) in einem Artikel, der vor Demo und Kundgebung erschienen ist.

Der Versuch der Diskurszerstörung, nächstes Kapitel

Zu den oben schon erwähnten Reaktionen auf die "Panorama"-Berichterstattung zum Thema Rechtsextremismus in der Bundeswehr und insbesondere den Folgen der Angriffe Don Alphonsos (aka Rainer Meyer) auf Natascha Strobl (siehe erneut Altpapier von Donnerstag) äußert sich die Betroffene unter anderem gegenüber der taz. Peter Weissenburger schreibt:

"'Als der ARD-Beitrag ausgestrahlt wurde, gab es zunächst gute inhaltliche Kritik von Personen, mit denen ich bereichernd diskutieren konnte', sagt Strobl. 'Nachdem sich Rainer Meyer eingeschaltet hat, war mein Twitteraccount hingegen nicht mehr benutzbar.' Strobl spricht von Benachrichtigungen alle fünf Sekunden, von denen nicht alle, aber die große Mehrheit diffamierende und handfest bedrohende Nachrichten und Kommentare seien. Man sei nur noch 'damit befasst, Screenshots zu erstellen und zu blockieren'."

Auch Viktor Funk hat für die FR mit Strobl gesprochen.

Der nunmehr fürs Neue Deutschland tätige Ex-Soldat Daniel Lücking rekonstruiert in einem Thread, "wie der Diskurs über ein Thema mit Militärbezug in den letzten Tagen zerstört wird". Das bezieht sich auf den von der rechten (Medien-)Szene verbreiteten mindestens irreführenden Begriff "Panoramagate". Siehe dazu auch die Reaktion der "Panorama"-Redaktion auf die "schrägen Vorwürfe".

Lücking analysiert außerdem den Versuch der Welt am Sonntag, im Zuge der "Panoramagate"-Chose mit Hilfe von allerlei Geraune einen Whistleblower zu diskreditieren, der mehrmals auf rechtsextreme Vorfälle in der Bundeswehr aufmerksam gemacht hat.

Über diesen Whistleblower haben meines Wissens "Panorama" einmal und "Kontraste" zweimal berichtet (zwei davon werden im WamS-Text kurz erwähnt). Wer die Beiträge kennt, bekommt nun, anders als die WamS, nicht unbedingt den Eindruck, dass es sich bei dem Whistleblower um eine "schillernde Figur" handelt. Der Film von "Panorama" aus dem März dieses Jahres ist noch im Netz zu finden, auf den ersten Beitrag von "Kontraste" aus dem Januar 2019 gibt es einen Verweis in einer Bundestags-Drucksache, von dem anderen "Kontraste"-Beitrag ist zumindest eine Kurzfassung auffindbar.

75 Jahre Frankfurter Rundschau

Die Frankfurter Rundschau feierte am Samstag ihren 75. Geburtstag. Claus-Jürgen Göpfert, der seit 35 Jahren als Lokalredakteur für die Zeitung tätig ist (siehe auch "Hessenschau"), blickt zurück:

"Der wirtschaftliche Weg der Frankfurter Rundschau wurde Ende der 90er Jahre schwieriger, auch, weil das Unternehmen den Umbruch, den die sozialen Medien mit sich brachten, erst langsam nachvollzog."

Man ahnt zwar, was gemeint sein könnte. So wie der Satz dort steht, ist er aber etwas rätselhaft, weil es "Ende der 1990er Jahre" noch gar keine "sozialen Medien" gab. Die FAZ - die, ja durchaus zu Recht, darauf hinweist, dass nach der Insolvenz "ausgerechnet die Frankfurter Konkurrenten des defizitären Blattes, die FAZ und die Frankfurter Neue Presse beziehungsweise die Frankfurter Societät die Rundschau retteten", kann sich zum Jubiläum eine Stichelei nicht verkneifen: Die FR sei "schon lange nicht mehr die führende linksliberale Stimme in der deutschen Zeitungslandschaft."

Was zwei Fragen aufwirft: Wer ist diese "führende Stimme" denn heute? Oder gibt es sowieso keine führende linksliberale Stimme mehr "in der deutschen Zeitungslandschaft"?

Altpapierkorb (Pressefreiheit in Ungarn, Liquidation des Instituts für Rundfunktechnik, Tik Tok, James Murdoch, Tilman Jens)

+++ Zur Lage der Pressefreiheit in Ungarn schreibt Judith Langowski im Tagesspiegel: "Am einfachsten für Deutsche sei die Lage zu verstehen, wenn sie sich vorstellten, 'dass die AfD ihr medienpolitisches Programm verwirklichen würde'. Das sagt Gábor Polyák, Professor an der Universität Pécs in Südungarn und Leiter der Denkfabrik Mérték Média Monitor, die die Medienpolitik und Pressefreiheit in Ungarn untersucht."

+++ Das öffentlich-rechtliche Institut für Rundfunktechnik (IRT), dessen Entwicklung wir hier ab 2017/18, als es aufgrund eines Kriminalfalls ungewollt in die Schlagzeilen geriet (siehe etwa ein Altpapier von Anfang 2018) und auch zuletzt (siehe diese Kolumne) immer wieder verfolgt haben, wird liquidiert. Anika Blatz berichtet darüber in den SZ vom Samstag und kommentiert die Angelegenheit in der heutigen Ausgabe. Im Kommentar erinnert sie daran, dass die Geschichte einer Einrichtung zu Ende gehe, "der Erfindungen wie Videotext, elektronische Zeitlupe in der 'Sportschau', ultrahochauflösendes Fernsehen und viele andere Selbstverständlichkeiten der heutigen TV-Welt zu verdanken sind (…) Wenn es dem Gesellschafterkreis, bestehend aus 14 Rundfunkanstalten, trotz intensiver Mühen nicht gelingt, eine wirtschaftliche Zukunft für solch ein Institut zu finden, zeigt das, wie massiv der Kostendruck bei den öffentlich-rechtlichen Sendern mittlerweile ist."

+++ Donald Trump will Tik Tok verbieten!? Es gebe in den USA "kein konkretes Gesetz, das das Verbot dieser App als solches erlaubt", sagt dazu der Jurist Dennis-Kenji Kipker bei Deutschlandfunk Kultur.

+++ Unter der Überschrift "Zu liberal für die Familie" berichtet die SZ darüber, dass James Murdoch, jüngster Sohn Rupert Murdochs, sich aus dem Vorstand der News Corp zurückgezogen hat, also "dem Teil von Murdochs Imperium, in dem die Zeitungen versammelt sind". "James Murdoch’s resignation from the board of News Corp (…) removes a powerful dissenting voice against the rightwing slant of the group", weiß der Guardian.

+++ Die Medienkorrespondenz hat erfahren, dass die ARD die Verträge der Talkshows "Anne Will", "Hart aber fair" und "Maischberger. Die Woche" verlängern will. Die bisherigen Verträge laufen zum Jahresende aus.

+++ In einem Nachruf auf den im Alter von 65 Jahren verstorbenen Buchautor Tilman Jens erinnert Willi Winkler (SZ) auch an dessen journalistisches Wirken: Jens war beim Stern und später beim HR, arbeitete für "Titel, Thesen, Temperamente" und drehte Filme unter anderem über Scientology, Kurt Masur und Axel Springer.

Neues Altpapier gibt es wieder am Dienstag.

2 Kommentare

Ernst678 am 05.08.2020

Ich möchte noch hinzufügen das der Artikel durchaus angemessen und ziemlich realitätsnah ist. Besonders der Satz "...Die das Haus anzünden und dann Applaus dafür wollen, dass sie die Feuerwehr gerufen zu haben." trifft den Nagel auf den Kopf und beschreibt die irre Situation in der sich Deutschland befindet.

Ernst678 am 05.08.2020

Wer Dunja Hayali angreift, der greift uns alle an, auch wenn der Griff nur rein verbal ist. Ja genau, endlich sagt mal einer was uns allen auf der Seele brennt. Hayali, das Sprachrohr der Gottkanzlerin, die wieder mal in genialer Einfachheit einen Sieg für Einigkeit und Recht und Freiheit eingefahren hat, sollte uns auf ewig ein Vorbild sein! Es ist eine Schande das sie ihren Dreh abbrechen mußte und nun wieder auf Hörensagen zurückgreifen muß. Unsere allseits beliebte Saskia Esken hat deswegen völlig recht wenn sie erst die Polizei als latent rassistisch und jetzt alle Demonstranten als Covidioten bezeichnet. Ja, die Wahrheit in ihrem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf! In dem Sinne, vorwärts immer, rückwärts nimmer!