Das Altpapier am 11. August 2020 "Wir leben im Zeitalter der Dystopie"

Sommerloch? Nichts da. Die Sommerloch-Geschichte vom bissigen Berliner Monsterwels ist trotzdem mal wieder da. In der Lisa-Eckhart-Aufwallung wird die Rolle der Medien hinterfragt. Und es geht um die im Vergleich mit anderen Staatschefs dann doch zu große mediale Präsenz von Donald Trump – und ein "Albtraumszenario". Ein Altpapier von Klaus Raab.

Teasergrafik Altpapier vom 11. August Juli 2020: Porträt Autor Klaus Raab
Bildrechte: MDR / MEDIEN360G

Der Ewige Wels

Der Sommer ist da, mit Wetter satt, und damit gibt es endlich auch feine Tiergeschichten: "Schock am Schlachtensee", titelte die Berliner Boulevardzeitung B.Z. am Montag – ein "Riesenwels habe einer Elfjährigen den Fuß zerbissen. "Zerbissen" freilich eher im Sinn von aufgeschürft.

Man weiß nun allerdings nicht: Ist es der Wels, der 2014 im Schlachtensee schon einmal einen Dackel nicht wirklich aufgefressen hat? Oder der, der dort 2012 vielleicht nach einer Ente geschnappt und 2008 Hunger auf einen Taucher gehabt haben könnte? (Oder war der Taucher eine Frau?) Oder ist es der Wels, der 2014 einen Schwimmer im Berliner Flughafensee quasi gedingst hat?

Wir können nur spekulieren, denn, wie der Tagesspiegel 2008 bereits erklärt hat: "Weil gegen Fische grundsätzlich nicht ermittelt wird, führt die Polizei keine Statistik über Beißvorfälle." Wir wissen nur eines: Es ist Sommer – denn es gibt neue Geschichten vom Ewigen Wels.

Die Lisa-Eckhart-Sache

Was nicht heißt, dass es sonst nichts zu besprechen gäbe. Über die Einladung-Ausladung-Wiedereinladung der Kabarettistin Lisa Eckhart zu einem Literaturfestival, zum Beispiel, und über Drohungen, die es dann doch gar nicht gegeben hat (aber hätte rein theoretisch geben können, wenn die Welt nur wäre, wie sie nicht ist), haben nach wie vor allerlei Redaktionen allerlei zu sagen.

"Zapp" vom NDR, zum Beispiel, fasst die Geschichte zusammen und kommt dabei auch auf die Rolle der berichtenden Medien zu sprechen – es handelt sich schließlich um ein Medienmagazin. Waren wirklich "linke Zensurwächter" am Werk, die den Auftritt der fernsehbekannten Eckhart verhindern wollten? Nein, es habe ja gar "keine Drohungen etwa des Schwarzen Blocks oder anderer" gegeben, von denen zunächst die Rede gewesen war:

"So ist das gezeichnete Schreckensbild von gewalttätigen Autonomen nicht mehr als eine überdimensionierte Projektion einer mikroskopischen Darstellung. Und der Projektor sind die Medien: Zuerst eine dramatisierende Mail des Veranstaltungsort, darauf aufbauen ein paar dramatisierende Aussagen des Festivalleiters, die dann wiederum einige Kulturjournalisten zum Anlass nehmen, in dramatisierender Weise die Deutung der angeblichen Drohung einfach übernehmen – anstatt einfach mal nachzufragen."

Ja nun. Schlagworte wie "Cancel Culture" könnte man auch in die Narrativ- oder Framing-Forschung einspeisen (über die der Tagesspiegel berichtet): Ereignisse werden auf eine bestimmte Art gelesen. Und es kann sein, dass die Lesart mehr über die Lesenden verrät als über das Ereignis. So ist es wohl im Fall Eckhart. Befürchtungen werden zu Warnungen, Warnungen zu Drohungen, Drohungen führen zu Absagen, Absagen zu endzeitlichen Interpretationen. Und am Ende sind viele durchpolarisiert, ohne dass etwas geschehen wäre.

Allerdings ist der "Zapp"-Kommentar, veröffentlicht am Montagnachmittag, schon überholt, denn zu lesen ist darin: "Auftritt von Lisa Eckhart findet wohl doch statt". Nö, tut er wohl nicht. Die von "Cancel-Culture"-Kritikern gecancelte Eckhart werde "das Angebot, am Wettbewerb um den Kühne-Preis 2020 über den Umweg einer Videolesung teilzunehmen, nicht annehmen", hieß es alsbald beim Spiegel, und die FAZ, die weite Teile der Medienseite der Sache widmet (€), hat Ähnliches erfahren.

Dem Verkauf von Eckharts Roman wird die Aufwallung am Ende freilich kaum geschadet haben. Wenn, wie die FAZ berichtet, ihr Verlag beklagt, ihr würden bei dem Literaturwettbewerb nicht die gleichen Bedingungen zugestanden wie den anderen sieben Teilnehmerinnen und Teilnehmern, so ist das zwar wahr: Eine Videolesung ist nicht das Gleiche wie eine Präsenzlesung. Die Frage ist nur, inwiefern die anderen sieben im Vergleich diejenigen sein könnten, die profitieren. Ihre Namen, geschweige denn die Titel ihrer Veröffentlichungen, sind im Lauf der Berichterstattung ja kaum irgendwo gefallen.

Mehr über die "Cancel-Culture-Gespensterdebatte" stand im gestrigen Altpapier.

Das Gruselmärchen vom Trump

Übrigens: "Ich weiß, in Deutschland gilt die Aufmerksamkeit gerad irgendwelchen Lisas, aber in #Belarus werden Leute wegverhaftet, die Präsidentschaftskandidatin Swetlana Tichanowskaja musste untertauchen & ihre Mistreiterin Maria Kolesnikowa wurde festgenommen. Morgen wird ‚gewählt’."

Twitterte die Zeit-Korrespondentin Alice Bota vor einigen Tagen, um die Aufmerksamkeit bei Twitter ein wenig umzulenken. Mittlerweile ist die Wahl in Belarus halbwegs breit thematisiert worden, auch in ihren medialen Zusammenhängen. Bei netzpolitik.org geht es um Interneteinschränkungen, bei @mediasres um die Pressefreiheit im Land. Und in den Politikressorts hat man die Ereignisse natürlich auch auf dem Radar.

Festzuhalten ist aber, dass mögliche Wahlfälschungen und Streit über die Wahlergebnisse zwischen den Kontrahenten in diesem Fall nur vorübergehend und tagesaktuell breit thematisiert werden, während über die US-Präsidentschaftswahl schon Monate vorher Prognosen und detaillierte Szenarien herumgereicht werden. Man kann’s natürlich nicht eins zu eins vergleichen. Die mediale Prominenz der US-Politik in Deutschland hat viele Dimensionen; dass US-Präsidenten eine Medienrummelplatzattraktion sind, ist nicht neu. ("Meistgelesen" in der Nacht auf Dienstag bei spiegel.de zum Beispiel: "Trump will sich am Mount Rushmore verewigen lassen".)

Es fällt aber schon auf, wie präsent Donald Trump in deutschen Medien im Vergleich zu allen anderen Staatschefs der Welt ist. Im ersten Fernsehtalk nach der Sommerpause ging es schon los: Die Gesprächsthemen bei "Maischberger" waren vergangene Woche Corona und die US-Wahl.

Aktuell kursiert etwa ein Szenario, wie Trump sich verfassungskonform ins Weiße Haus tricksen könnte. Fabian Reinbold erklärt es etwa in seinem Newsletter: "Die Auszählungen und das Ringen um die Frage, welche Stimmen zählen und welche nicht, könnten sich nicht nur Tage, sondern Wochen hinziehen. (…) Nach dem Wahlkampf würde dann der Kampf um die Wahl beginnen. Es ist nicht sicher, dass es so kommt, aber wahrscheinlich." Der Spiegel nennt es ein "Albtraumszenario". Und Heinrich Wefing schreibt in der Zeit (€): "Ein Gruselmärchen? Hoffentlich. Aber keineswegs sicher."

Während vor vier Jahren, bei der letzten Wahl, die wenigsten einen Pfifferling auf Trump setzen wollten, das schlimmste anzunehmende Ergebnis also einfach nicht infrage kam, wird nun also das schlimmste anzunehmende Szenario als wahrscheinlich erachtet. "Wir leben", schreibt Alex Rühle in der Süddeutschen Zeitung in anderem Zusammenhang, "im Zeitalter der Dystopie. Zukunft wird in den aktuellen Drehbuch-Szenarios und Romanhandlungen ausnahmslos als düstere Variante der Jetzt-Zeit gezeigt." Journalismus nicht zu vergessen.


Altpapierkorb (NDR-Corona-Doku, Vernehmungsvideo, Jimmy Lai/Hongkong, Nikolaus Blome zu RTL, Olaf Scholz, Bulgarien-Berichterstattung)

+++ Falls es sich nicht nur um einen Arbeitstitel handelt, wird die Corona-Doku des NDR, die am 24. August im Rahmen der "Die Story"-Reihe in der ARD gesendet wird, "Der Zug der Seuche" heißen. Auch um Wuhan wird es der Ankündigung zufolge gehen. Die Frage ist, wie. Eine andere Doku zum Thema – "Wuhan. Chronik eines Ausbruchs" vom SWR, Arbeitstitel war "Inside Wuhan" – war im Juni kurzfristig abgesetzt worden, nachdem (auch oder vor allem aus dem NDR) heftige Kritik formuliert worden war (siehe u.a. dieses Altpapier). Es ging in der folgenden Debatte um den möglichen Propagandagehalt des Films. Die Prognose, dass es über den NDR-Film und die Vorgeschichte noch ein paar Takte zu lesen geben wird, ist wohl nicht gewagt.

+++ Im Juli hat "STRG_F" vom NDR das Video einer polizeilichen Vernehmung des Angeklagten im Mordfall Walter Lübcke veröffentlicht (Altpapier). Im Interview mit der Süddeutschen Zeitung, nun auch gedruckt, erklärt die Medienethik-Professorin Larissa Krainer, warum sie die Veröffentlichung für problematisch halte: "Da sind erst einmal die Tabubrüche im Bereich des Täterschutzes. (…) Vor allem ist es aber ein Tabubruch im Sinne des mangelnden Opferschutzes. (…) (B)eim Ansehen habe ich mir gedacht, was ist der nächste Schritt? Livestreaming von Verhören?"

+++ Der Hongkonger Medienmogul Jimmy Lai wurde verhaftet. Die taz schreibt: "Vorgeworfen wird ihm eine mutmaßliche Verschwörung mit ausländischen Mächten – ein Strafbestand auf Grundlage des umstrittenen Sicherheitsgesetzes, das Peking im Juli der Bevölkerung Hongkongs aufgezwungen hat. (…) Amnesty International wertet Lais Festnahme als Angriff auf die Pressefreiheit." Und die SZ kommentiert: "Die Verhaftung von Jimmy Lai zeigt deutlich wie nie: Peking verliert in Hongkong keine Zeit. Lange hat die Staatsmacht versucht, ihn mundtot zu machen. Mit dem Sicherheitsgesetz hat sie nun das Instrument dafür. Der Medienunternehmer wird aber nicht der Letzte sein, den die Behörden holen. Die Durchsuchung von Redaktionsräumen ist nur der nächste Tiefschlag beim Sturz der Stadt."

+++ Was ist bei Twitter los? Gestern war Olaf Scholz los: Die SPD hat ihn am Montagvormittag als Kanzlerkandidaten nominiert, und zu seinen Erfolgsaussichten ließ sich bei Journalistentwitter, aber nicht nur da, bereits einiges meinen – auch wenn es voraussichtlich noch ein paar schöne Tage bis zur Bundestagswahl sind. Von "Einzig denkbare Wahl" bis "So hat die SPD wieder keine Chance" sind Pitches für Kommentare aller Art dabei.

+++ RTL hat die eine oder andere Position neu besetzt. Unter anderem leitet der Spiegel-Kolumnist und ehemalige stellvertretende Bild-Chefredakteur Nikolaus Blome künftig das Ressort Politik & Gesellschaft (Tagesspiegel, DWDL) unter Ex-Bild-Chefredakteurin Tanit Koch.

+++ Über die Berichterstattung über den EU-Mitgliedsstaat Bulgarien bemerkt Keno Verseck bei piqd aus aktuellem Anlass: "Von allen mittel- und südosteuropäischen EU-Ländern kommt Bulgarien in den Politikteilen deutsch- und englischsprachiger Medien am wenigsten vor. Leider zu Unrecht. In Bulgarien herrschen seit vielen Jahren weitaus problematischere Verhältnisse als in Ungarn oder Polen, ist die Demokratie dort weitaus beschädigter als in diesen beiden Ländern."

Neues Altpapier erscheint am Mittwoch.

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