Das Altpapier am 31. August 2020 Öffentlichkeit herstellen, aber richtig

Wer von der Berliner Corona-Demonstration berichtete, hatte keinen leichten Job. Wird ihre Bedeutung überschätzt? Oder unterschätzt? Die "New York Times" schafft das gedruckte Fernsehprogramm ab. Und das "Streaming-Zeitalter", mit dem sie die Maßnahme begründet, erreicht auch Deutschland, Österreich und die Schweiz. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Teasergrafik Altpapier vom 31. August 2020: Porträt Autor Klaus Raab
Bildrechte: MDR / MEDIEN360G

Die Corona-Skeptiker-Demonstration und das "Tauziehen um die Deutungshoheit"

Es war kein einfacher Job, den aktuell arbeitende Berichterstatter und Kommentatorinnen am Wochenende hatten. Wie bildet man eine zwar große Demonstration, deren vorgebliches Anliegen aber laut ZDF-"Politbarometer" von neun Zehnteln der Deutschen abgelehnt wird, medial angemessen ab?

Kann man gar nicht groß genug berichten, wenn dabei Reichsflaggen vor dem Reichstag geschwenkt werden? Sollte man Demonstrantinnen und Demonstranten, die "gegen Corona" auf die Straße gehen, als wär’s eine Tarifverhandlung, lieber weniger Aufmerksamkeit schenken? Wie kann man differenziert auf Menschen schauen, die sich anzuerkennen weigern, dass eine komplexe Gesellschaft komplexer ist als ein Modellbausatz und "auf der Begegnung mit dem Zufälligen und Unbekannten basiert" (Link zu Facebook)?

Wie gesagt, nicht der leichteste Job. Es galt, Öffentlichkeit herzustellen. Allerdings – und das war die Schwierigkeit in diesem "Tauziehen um die Deutungshoheit" (Deutsche Welle) – richtig.

Zwei medienkritische Ansätze in der Demo-Kommentierung

Beim Versuch, die für diese Medienkolumne relevanten Aspekte der Berichterstattung zu identifizieren, sind mir zwei medienkritische Ansätze aufgefallen. Die erste These: Womöglich werden die jüngsten Corona-Demos in ihrer Bedeutung medial überschätzt.

"Vielleicht sollte man das Spektakel in Berlin achselzuckend zur Kenntnis nehmen und sich den wirklichen Problemen widmen, die das Virus noch auf lange Zeit mit sich bringen wird", schlägt im FAZ-Leitartikel (€) heute Daniel Deckers vor, der die Größe und den Geräuschpegel der wohl etwa 32.500 (spiegel.de) bis "rund 40.000 Menschen" (Polizeiangaben laut Tagesspiegel) starken Demonstration nicht zu überschätzen gewillt scheint: "Im fünften Monat nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie ist von einer breiten und lautstarken Protestbewegung gegen die Politik von Bund und Ländern weit und breit nichts zu sehen."

Marina Kormbaki, Hauptstadtkorrespondentin des Redaktionsnetzwerks Deutschland, sieht die breite Berichterstattung gar von "voyeuristischen Gelüsten" beeinflusst und meint: "(D)er öffentliche Fokus auf die Aufgebrachten wirkt wie eine Riesenlupe: Er lässt sie größer, zahlreicher und bedeutsamer erscheinen, als sie tatsächlich sind."

Der andere – nicht nur, aber auch – medienkritische Ansatz der Berichterstattung: Womöglich werden die Folgen der jüngsten Corona-Demos für die Vernetzung von Regenbogenfähnlern mit Rechtsextremisten unterschätzt – von denen, die sie für überschätzt halten.

Denn wenn "ein Völkchen aus Regenbogen- und Reichskriegsflaggenträgern, aus Meditierenden im Schneidersitz und ‚Putin, Putin‘-Rufern, aus Trommlern im Rasta-Look und Glatzköpfen" (Detlef Esslinger in der Süddeutschen Zeitung) gemeinsam demonstriert, besteht unabhängig von den Teilnehmerzahlen die Gefahr, dass rechtsextremes Gedankengut normalisiert wird. Andreas Flammang, Ann-Katrin Müller und Jonas Schaible etwa schreiben bei spiegel.de: "Mit dieser Veranstaltung verfestigt sich die Allianz der Corona-Leugner, in der der organisierte Rechtsextremismus nicht die Kontrolle hat, aber zu der er jetzt ganz selbstverständlich gehört."

Ich will aber nun nicht vollends in eine Presseschau abgleiten, die nicht einmal im Ansatz vollständig wäre, sondern eher darauf hinaus, dass von aktuell arbeitenden Berichterstattern und Kommentatorinnen Sensibilität gefordert war. Zentral war auch, das Framing der Rechtsradikalen nicht ad hoc zu übernehmen.

Die Social Media, vor allem Twitter, wirkten dabei sowohl als Ad-hoc-Affektverstärker als auch als Reflexionsinstrument. Am Wochenende sei keineswegs "der Reichstag gestürmt" worden, twitterte zum Beispiel der Journalist Yassin Musharbash am Samstagabend, nachdem die Einschätzung bereits Kreise gezogen hatte. "Rechtsextremisten haben die Polizeiabsperrung überrannt und es auf die Treppen des Reichstagsgebäudes geschafft", schrieb er; das sei kein Reichstagssturm. Das war für meine Begriffe ein guter Einwurf. Man braucht nicht die Bilder kleinzureden, die während der Demonstration am Wochenende entstanden sind. Aber die Einordnung des Geschehens kann keinesfalls denen überlassen werden, die vom "Sturm auf Berlin" faseln, weil sie es geschafft haben, in die richtigen ICEs einzusteigen.

Die "New York Times" schafft das gedruckte Fernsehprogramm ab

Die taz hat vor vielen Internetzeitaltern einmal das Fernsehprogramm abzuschaffen versucht. Mehr als ein Drittel der gedruckten Medienseite, die sie produzierte, wurde von der Programmchronologie der beliebtesten Fernsehsender aufgefressen. Die geniale Überlegung: weg damit, ein paar kleine redaktionell ausgewählte TV-Hinweise tun’s auch! Das war 2003. Dann allerdings meldeten sich Leserinnen und Leser zu Wort:

"Der Sinn einer Tageszeitung – ob ihr es wahrhaben wollt oder nicht – liegt auch darin, eine tägliche Wetterprognose und einen Überblick über das Fernsehprogramm zu bekommen. Service heißt das Zauberwort!", hieß es in einem Leserinnenbrief. Und in einem anderen – und das klang erstaunlich 2020: "eine seriöse Zeitung liefert keine Bevormundung, sondern Information." Das Fernsehprogramm kehrte schließlich zurück, um zu bleiben.

Auch Frank Schirrmacher hat es wohl einmal aus der Zeitung gestrichen, wie nun bei FAZ-Redakteur Patrick Bahners zu lesen war. Schirrmacher habe die Reform allerdings "(leider!) nach einem Aufstand der Leser zurücknehmen" müssen. Da ging’s der FAZ wie der taz.

Am Wochenende wurde nun aber Geschichte geschrieben: Die New York Times schafft das gedruckte Fernsehprogramm ab. "After 81 years, this weekend will be the series finale for the daily television listings in the print editions of The New York Times", schreibt sie (wie "Was mit Medien" aufgefallen ist). Einige Leserinnen und Leser werde das enttäuschen, so die Times, "like any cancellation". Den meisten werde es aber wohl gar nicht auffallen: Die lineare Programmliste "spiegelt nicht mehr wider, wie Menschen Fernsehen konsumieren."

Wetten, wie lange die Times durchhält, werden angenommen. Ganz klein ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie bei ihrer Entscheidung bleiben wird, aber wohl nicht. "Wir sind im Streaming-Zeitalter", schreibt sie.

Auch ORF und SRF hinterfragen ihre Fernsehprogramme

Zumindest die Jüngeren in Deutschland wissen, wovon die New York Times spricht. Erst am Freitag wurde im Altpapier die "Bewegtbildstudie 2020" der TV Spielfilm zitiert. Bei Horizont standen Details: "Während bei den über 50-Jährigen das lineare Fernsehen mit über drei Stunden weiterhin klar dominiert, haben bei den jüngeren Zuschauern bis 29 Jahren Streamingdienste (1:38 Stunden) und Videoportale wie Youtube (1:18 Std.) das klassische Fernsehen (0:49 Std.) abgelöst."

Auch der öffentlich-rechtliche ORF in Österreich "hinterfrage" gerade seine Rundfunkkanäle, berichtet aktuell der Standard: "Auf dem Weg zur ORF-Strategie für die nächsten fünf Jahre geht es durchaus ans – teils über Jahrzehnte – Eingemachte. Welche Programme könnte der ORF in fünf, sechs Jahren gar nicht mehr linear ausstrahlen?" Eine Antwort: das Angebot des Sportspartenkanals ORF Sport Plus vielleicht. Es "könnte im Sportchannel der Streamingplattform ORF-Player gut aufgehoben sein, heißt es als Beispiel für mögliche Rückzugsfelder".

Und auch in der Schweiz geht es in eine vergleichbare Richtung: Für das Schweizer Radio und Fernsehen SRF hat Direktorin Nathalie Wappler dieser Tage angekündigt, im Rahmen des Projekts "SRF 2024" das Prinzip "digital first" zu etablieren (Welt). Die FAZ schrieb dieser Tage:

"Das lineare Fernsehen sieht sie als Auslaufmodell, das mit der Generation seiner letzten Zuschauer verschwinden wird. Auf die Herausforderung reagiert Nathalie Wappler mit Programmen, die für Youtube und Instagram konzipiert werden – von der Volksmusik bis zu Web-Serien."

Wenn Volksmusiksendungen erst digital first laufen, sind wir wirklich im postlinearen Zeitalter.


Altpapierkorb (Journalisten in Belarus, "Tagesthemen mittendrin", Söder-Begleitungsjournalismus, Schmidt, Schlegl, Corona-Folgen für britische Medien)

+++ In Belarus wurden Journalisten festgesetzt, darunter ein ARD-Kamerateam (u.a. Tagesspiegel, plus Reaktionen).

+++ Peer Schader kolumniert bei DWDL über "Tagesthemen mittendrin": "Leider entspricht das Ergebnis bislang noch nicht den vollmundigen Versprechungen."

+++ Albrecht Ude vermeldet im Newsletter von Netzwerk Recherche, "wie doof" er "unseren Journalismus manchmal finde". Als Markus Söder ans norddeutsche Watt reisen wollte, seien 70 Journalistinnen und Journalisten willens gewesen, ihn zu begleiten: "Am Ende drehen und beobachten wir uns alle gegenseitig, um zu analysieren, wie verrückt das alles ist, dass Markus Söder sich im Watt filmen lässt und wir Medien es bereitwillig berichten."

+++ Magnus Klaue verabschiedet Harald Schmidt im Freitag in den Vorruhestand.

+++ Den Roman von Tobias Schlegl, einst Fernsehmoderator, nun Rettungssanitäter, verarztete die Süddeutsche Zeitung (€) am Samstag, persönliche Begegnung inklusive.

+++ Heute geht es in der SZ um die Folgen der Coronakrise für britische Printmedien.

+++ Harald Staun kommentiert in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (€) noch einmal das Interview von Lars Sänger mit Björn Höcke hier im MDR: "Wer wissen will, wie man mit Rechten redet, konnte bei Sänger (…) vergleichsweise viel lernen, auch wenn man ihm manchmal ein paar der ungläubigen Gesichtsausdrücke gewünscht hätte, mit denen neulich der amerikanische Journalist Jonathan Swan so herrlich die Luft aus Donald Trumps Sprechblasen gelassen hatte. Offen blieb nur die Frage, wozu man überhaupt solche Interviews braucht."

Neues Altpapier erscheint am Dienstag.

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