Das Altpapier am 7. September 2020 Hashtag #Drecksblatt

Witwenschütteln war gestern, jetzt schütteln Bild und RTL Kinder. Ihre Berichterstattung aus Solingen sorgt für Entrüstung: Twitter überschlägt sich, die “taz“ fordert einen Boykott, die “SZ“ sieht “eine Art von Missbrauch“. Noch besser wär’s gewesen, hätte sie ihre eigene Berichterstattung vorher mal gescannt. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Teasergrafik Altpapier vom 7. September 2020: Porträt Autor Klaus Raab
Bildrechte: MDR / MEDIEN360G

Berichterstattung aus Solingen: Wo ist die Grenze zum Unverantwortlichen?

Nachdem in Solingen eine Frau mutmaßlich fünf ihrer Kinder getötet hat, wurde am Samstagmorgen das Bildblog aktiv. “Viele Medien berichten über den Fall“, heißt es dort. “Manche seriös und nachrichtlich, andere geschmacklos und boulevardesk.“ Stimmt alles. Wobei die Frage ist, wo die Grenzen verlaufen.

Wenn Sie mich fragen, beginnt das Boulevardeske bereits auf der Straße in Solingen, wenn Kuscheltiere gefilmt und Nachbarn und Passanten befragt werden, die außer ihrer Erschütterung nicht viel beitragen können. Wenn sich in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung eine Nachbarin “wieder an den Tisch setzt“ und “die Hände vor ihr Gesicht“ schlägt. Oder bei der Bilderstrecke, die bei der Rheinischen Post unter den Artikeln zum Thema hängt. Aber wo beginnt das Geschmacklose, oder, greifbarer: das medienethisch Bedenkliche bis Unverantwortliche?

Nun, Bild und RTL, denen die Konzentration des Bildblogs gilt, haben die Grenze dahin jedenfalls nach allgemeiner Lesart (meiner auch) überschritten. Beim Witwenschütteln haben sie es nicht belassen. Für die taz ordnet Anne Fromm die Qualität des Vorgehens ein:

“Der Begriff 'Witwenschütteln‘ steht für niederträchtigsten Boulevardjournalismus: Hinterbliebene werden von JournalistInnen bedrängt, bis sie herzzerreißende Details und rührende Fotos rausrücken. Die Bild hat es gerade geschafft, diese Praxis noch zu unterbieten. In Solingen (…) haben Bild-Reporter keine Witwe, sondern ein Kind geschüttelt.“

Tatsächlich, ein Kind. Ein weiterer Sohn der mutmaßlichen Täterin soll später per Telefon und WhatsApp-Nachrichten Kontakt zu Freunden und Freundinnen aufgenommen haben. Bildblog schreibt: “Einen dieser Freunde hat sich 'Bild‘ geschnappt. Die Redaktion lässt den Jungen, der gerade mal zwölf Jahre alt ist, erzählen, was ihm sein Kumpel alles anvertraut hat. (…) Sie zeigt auch einen Screenshot der WhatsApp-Unterhaltung der beiden“.

Und RTL? Jürn Kruse schreibt im Übermedien-Newsletter:

“RTL stellte gar den zwölf Jahre alten Freund vor die Kamera, blendete seinen vollen Namen ein – und interviewte ihn. Als sei es das Normalste der Welt, den minderjährigen Freund eines minderjährigen Opfers so auf dem Medien-Boulevard zu präsentieren oder intimste Nachrichten eines Kindes (!) zu veröffentlichen, das gerade seine fünf Geschwister verloren hat. Und das Schlimmste: Niemand, niemand, niemand, der oder die was zu sagen hat in den Redaktionen von RTL oder 'Bild‘, hat das verhindert.“

“Die Empörung darüber war allgemein“, fasst Willi Winkler in der Süddeutschen Zeitung zusammen und hat damit Recht. Nicht nur trendete bei Twitter der Hashtag #Drecksblatt, womit Bild gemeint war, die mit dem “Drecksblatt“ mittlerweile verwachsen ist wie Tempo mit dem Taschentuch. Sondern neben der taz (die gar einen Bild-Boykott fordert) und der SZ problematisiert auch der Tagesspiegel heute die Solingen-Berichterstattung von RTL und Bild.

Was bewog bild.de und rtl.de zur Entfernung der Beiträge?

Immerhin scheinen die beiden Redaktionen selbst gemerkt zu haben, dass sie auch nach ihren Maßstäben zu weit gegangen sind. Bild.de hat den besagten Text im Nachhinein von der Seite genommen, laut Tagesspiegel am Samstagnachmittag. Kurt Sagatz:

“Der entsprechende 'Bild‘-Bericht war zunächst unter anderem auf der Homepage der Zeitung als kostenpflichtiger Plus-Text abrufbar. Während andere Stücke zum Tod der fünf Kinder auch später noch auf Bild.de zu finden waren, entschied sich die Redaktion offenbar, den Beitrag 'Freund Max telefonierte mit dem Sohn, der überlebte‘ von der Seite zu nehmen.“

Und bei rtl.de ist der Beitrag in der Ursprungsfassung ebenfalls nicht mehr auffindbar. Die Frage ist, warum sich RTL.de und bild.de dazu entschlossen haben.

  • Aus Sorge vor einer Rüge des Presserats vielleicht? Hm. Bis zum Samstagmittag waren laut Tagesspiegel dort bereits 50 Beschwerden eingegangen. Das hieße aber, es gäbe bei Bild Menschen in Verantwortung, denen der Pressekodex nicht im Zweifel egal ist. Das wäre durchaus eine Nachricht.

  • Wegen der breiten öffentlichen Kritik? Wäre denkbar. Vielleicht ist die Bigotterie tatsächlich zu leicht greifbar, wenn man heute Richtlinie 8 und vor allem 11 des Pressekodex (“Die Presse beachtet den Jugendschutz“, “Die Berichterstattung über Unglücksfälle und Katastrophen findet ihre Grenze im Respekt vor dem Leid von Opfern und den Gefühlen von Angehörigen. Die vom Unglück Betroffenen dürfen grundsätzlich durch die Darstellung nicht ein zweites Mal zu Opfern werden“) mit großer Geste einreißt. Und morgen dann wieder zu Spendenaktionen “zugunsten von BILD hilft e.V. 'Ein Herz für Kinder’“ aufruft.

  • Oder etwa aus Einsicht? Tja, man weiß es nicht. Bild.de hatte einen anderen Text, in dem – auch in der Überschrift – “eine dramatische Handy-Nachricht“ des Jungen an eine Mitschülerin zitiert wird, auch am Sonntagabend noch im Repertoire. Willi Winkler berichtet in der SZ über Andeutungen von “ein bisschen Reue“ bei Bild (aber nicht zu viel). Und über Bedauern im Detail (auch nicht zu viel) bei RTL, allerdings verbunden mit dem verlässlich billigen Hinweis auf ein bestehendes öffentliches Interesse an der Berichterstattung. Wäre halt nur schön, wenn öffentliches Interesse nicht mit dem eigenen Sensationalismus verwechselt würde.

Worin besteht die Grenzüberschreitung genau?

Man sollte aber doch noch einmal im Detail betrachten, worin genau die Grenzüberschreitung besteht. Detlef Esslinger kommentiert in der Süddeutschen Zeitung:

“Es ist eine Art von Missbrauch, den Bild und RTL nach dem Familiendrama in Solingen begangen haben. Beide Medien veröffentlichten Handy-Nachrichten, die der überlebende Junge nach dem Tod seiner fünf Geschwister an Freunde geschickt hatte. Wie tief kann man sinken?“

Demnach bestünde die Grenzüberschreitung also bereits in der Veröffentlichung der Handy-Nachrichten. Das kann man so sehen. Dann allerdings könnte man schwerlich nur Bild und RTL kritisieren. Eine Reportage der Rheinischen Post vom Freitag beginnt zum Beispiel ebenfalls mit einer WhatsApp-Nachricht (“Es ist 13.49 Uhr, als Jana (Name geändert) eine WhatsApp-Mitteilung ihres Freundes M. erhält…“). Und die Süddeutsche Zeitung zitierte, online am Freitagabend, die Rheinische Post mit just dieser Passage, inklusive der wörtlichen WhatsApp-Zitate. Was im Zusammenspiel mit Esslingers gepfeffertem Kommentar unter Umständen vielleicht doch etwas unglücklich ist. : "(Update 13:15 Uhr: Die Süddeutsche Zeitung hat die Zitate aus dem WhatsApp-Chat mittlerweile transparent aus ihrem Artikel entfernt.)"

Schöne Grüße allerdings an alle hochrangigen Springer-Leute, denen ich womöglich gerade einen Hinweis gegeben habe, wie sie auch in ihrem nächsten Podcast wieder in wehleidiger Pose darüber absenfteln können, wie unfair mit Bild umgesprungen werde: Ich glaube dennoch, dass der “Sturm der Entrüstung“ (SZ) mit Bild und RTL exakt die Richtigen trifft. Sie haben sich entschieden, Kinder aus Sensationslust mit Name und Foto in eine mit Pufflicht ausgeleuchtete Manege zu ziehen und schlachten das Leid des Jungen aus. Ein erfolglos auf Journalistenpreis getrimmter Reportage-Einstieg mit geänderten und abgekürzten Namen aus der Rheinischen Post und ein Zitat daraus im Mittelteil eines SZ-Textes spielen in einer anderen Liga.

Ich selbst würde mir, wenn es um Kinder geht – noch dazu um ein Kind, das soeben Unvorstellbares hinter sich hat –, die größtmögliche Zurückhaltung wünschen. Ich wundere und, ja, ärgere mich deshalb auch über die SZ und die Rheinische Post. Aber niemand hat nach meiner Kenntnis so frei von Zurückhaltung agiert wie Bild und, vor allem, RTL, wo man von Unkenntlichmachung und Anonymisierung offensichtlich noch gar nichts gehört hat. Geschweige denn von der sogar noch viel besseren Möglichkeit, Elfjährige und ihre Freunde nach einer solchen Geschichte einfach komplett in Ruhe zu lassen.


Altpapierkorb (BBC, Julia Encke, Corona-Medienkritik, Pekings Propaganda, Politainment)

+++ Die Älteren erinnern sich: Am Freitag ging es an dieser Stelle um die BBC. Bei “Breitband“ und am Sonntag im Observer/Guardian auch.

+++ Das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ist unter neuer Leitung erschienen: Im Impressum steht nicht Simon Strauß, sondern Julia Encke. “Das überrascht“, schrieb Kai-Hinrich Renner dieser Tage.

+++ Jagoda Marinic kritisiert in ihrer SZ-Kolumne, es mangele an sachlicher Kritik an der Corona-Politik. Das geht auch an Medien: “In normalen Zeiten würde jeder Diskurs solide Medienkritik enthalten, die auch das Schüren von Ängsten kritisiert. Doch seit Monaten riskieren nur wenige Denker fundierte Gegenpositionen, als wäre jede Kritik eine Leugnung der Gefahr.“

+++ Den Umgang mit Pekings Propaganda im öffentlich-rechtlichen Fernsehen thematisierte vergangene Woche Übermedien. Um die “Wuhan“-Kontroverse geht es auch.

+++ Und in tazFuturZwei (noch nicht online) schreibt Samira El Ouassil über die Gegenwart des Politainments: “Man könnte behaupten, dass durch Corona die Politik zur Unterhaltung geworden ist – aber nicht in dem Sinne, dass Politik noch unterhaltsamer wurde, sondern dass sie in vielen Formaten die Unterhaltung ersetzt hat.“

Neues Altpapier erscheint am Dienstag.

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