Das Altpapier am 24. September 2020 "Man ist irgendwann auserzählt"

Viele Junge-Leute-Themen heute: Es geht um Deutschlands TikToker Nummer 1, um die sinkende Zahl von Nachwuchsjournalisten, um eine Wochenzeitung, die per WhatsApp verbreitet wird – und um die Medienaktivitäten von Fridays for Future. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Teasergrafik Altpapier vom 24. September 2020: Porträt Autor Klaus Raab
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Deutschlands meistgefolgter TikToker

Flirt-Bots oder Drogen-Videos? YouTube hat mal wieder scharfen Kram auf seinen Medienseiten. "Bots auf Instagram sind wie nervige Eiswerbung im Kino: Nicht mehr ohne vorstellbar", teasern die Grimme-Online-Award-Träger von Ultralativ ihren neuesten Medienfachvortrag an. STRG_F aus der öffentlich-jugendlich-rechtlichen funk-Videothek erweitert den Instagram-Diskurs um "Abzocke mit Fake-Drogen". Und bei den Space Frogs geht es in ihrem zweitneuesten Video um die Kunst, zu "blocken wie ein Böhmermann".

Aber Entschuldigung, ich will Sie wirklich nicht langweilen mit diesem Alte-Leute-Content. Wen interessiert das schon noch? Die Jugend ist ja in Teilen bereits wieder weitergezogen, hört man. Zum Beispiel dorthin, wo Falco Punch, 24, schon als alter Sack durchgeht:

"Mit 24 Jahren ist Falco Punch ziemlich alt für TikTok, das Netzwerk der Generation Z, der ab 2000 Geborenen."

So steht es im Porträt des zuletzt meistgefolgten deutschen TikTokers in der Zeit (€). Der weiß, dass die Uhren nicht aufhören, weiterzulaufen: "Man ist irgendwann auserzählt. Mein Gesicht kann langweilig werden, mein Style sich wiederholen." Der "TikTok-Mechanismus" setze ihn unter Druck, gegen die Masse unbekannter Profile zu bestehen, "um seinen Platz oben im Feed und die Aufmerksamkeit des Publikums zu behalten". Bis dahin allerdings wird die Kuh noch gemolken: "Als Jahresverdienst gibt sein Manager einen 'mittleren sechsstelligen Betrag' an."

Unfair, ruft da der Journalismus-Sonntagsredner in Ihnen? Dann machen Sie’s ihm halt nach! Allerdings, Spoiler: Das wird wohl nicht klappen. Denn:

"Nachmachbarkeit ist ein Erfolgsfaktor auf der Plattform, die sich ihren Amateurcharme bewahrt hat. (…) Theoretisch brauchen Jugendliche bloß ein Smartphone, keine Kameras und Schnittprogramme, um sie nachzumachen. Aber Falco Punch macht auch gern einen Test: Er gibt sein Handy samt Anweisungen weiter. Langsam drehen. Höher halten. Langsamer. Er erklärt ganz genau, was man tun muss, damit es aussieht wie bei ihm. Aber es sieht nie aus wie bei ihm. Kriegt keiner hin. In jedem Schwenk, in jedem Zoom, jeder Bewegung stecken Jahre der Übung. Nachmachbar, aber unnachahmlich."

Im Grunde, könnte man wohl sagen, ist TikToker Falco Punch das, was im Journalismus einmal Edelfeder genannt wurde. Wenn man’s miteinander vergleichen würde. Was man aber wohl lassen sollte. Man vergleicht ja Zirkuspferde auch selten mit Trauerschwänen.

Will hier jemand in den Journalismus?

Nochmal zur Klarstellung: TikTok-Video-Creators und Journalistinnen verfolgen sehr unterschiedliche Tätigkeiten, auch wenn sie beide was mit Medien machen. Den erfolgreichsten TikTokern wird das Monatseinkommen, das sie mit lächerlichen Quatschvideos verdienen, von Journalisten deshalb auch unter keinen Umständen geneidet. Journalist wird man ja auch nicht wegen des Geldes, sondern wegen Dings.

In einer Beziehung stehen beide Gewerke aber doch: Beide konkurrieren um die Aufmerksamkeit ihres Publikums, die aber begrenzt bleibt. Jedenfalls solange niemand eine App erfunden hat, die den Tag um ein paar Stunden verlängert.

Womöglich hat die Was-mit-Medien-Konkurrenz, also etwa TikTok, nicht nur den besseren Zugriff auf das junge Publikum, sondern auch auf Berufswünsche der jungen Leute? – Das denkt man sich so, wenn man beim Altpapier-Schreiben durch seine zirka 38 offenen Text-Tabs flaniert, nach einem roten Faden sucht, und direkt nach der Lektüre des Zeit-Texts über den TikToker Falco Punch bei "Zapp" hängen bleibt.

"Zapp", das Medienmagazin aus dem Hause NDR, fragte sich am Mittwoch, was der Nachwuchs derzeit eigentlich so lerne, nun, da immer noch einige Redakteure im Home-Office herumhängen. Und siehe da: welcher Nachwuchs? "Einige Medienhäuser haben den aktuellen Ausbildungsjahrgang gestrichen – Corona-bedingt wie es heißt." Wird wirklich hier und da ein ganzer Jahrgang ersatzlos nicht ausgebildet?

Auch unabhängig von Corona-Bedingtheiten ist die Zahl der Bewerberinnen und Bewerber an Journalistenschulen aber offensichtlich in den vergangenen Jahren erheblich kleiner geworden. Der schlechte Ruf von Journalisten, heißt es als Begründung, sinkende Honorare, die Unsicherheit der Arbeitsplätze. Tja. Wohin führt das? Ist auch Journalismus vielleicht irgendwann… auserzählt wie Falco Punch?

Eine Wochenzeitung per WhatsApp

Nein, Schluss jetzt mit schlechter Laune: Journalismus wird gebraucht werden, und zwar exakt so lang, bis er irgendwann nicht mehr gebraucht wird. Die Fragen sind aktuell eher, wie er verbreitet werden könnte. Was seine Aufgaben sind. Und wie er sie erfüllt.

Wie er verbreitet werden könnte? Nun, ausgeschöpft sind die Möglichkeiten noch nicht. Und nein, ich meine nicht dieses große neue Ding namens "Podcast", das Wolfgang Bosbach nun mit Christian Rach erfunden hat. Die Süddeutsche Zeitung stellt heute auf der Medienseite vielmehr etwas wirklich nicht Alltägliches vor, nämlich die Wochenzeitung The Continent des südafrikanischen Journalisten Simon Allison, die per WhatsApp verbreitet wird (und mit Twitter um Aufmerksamkeit konkurriere, wie er sagt, weshalb die Texte "kurz, scharf und witzig" sein sollen).

"Als Nächstes wollen sie sich daran machen, die Zeitung profitabel aufzustellen. Ein Abo-Modell funktioniert auf Whatsapp nicht, also soll es Mitgliedschaften geben, sollen Stiftungen angesprochen werden und Werbekunden."

Interessantes Projekt, ich lese mich ein, sofern Twitter mich mal lässt.

Fridays for Future übernimmt

Noch mehr Dinge mit jungen Menschen und Medien? Bitte: Die Klimaaktivistinnen und -aktivisten von Fridays for Future haben den aktuellen Stern mitgestaltet – als "Zeichen zum Weltklimatag". Und am Freitag wird die taz, für die eine solche "freundliche Übernahme" nichts Neues ist, anlässlich des "Global Strike Day" von Fridays for Future übernommen: "Klimabewegung kapert Medienhaus", kündigt sie selbst die Ausgabe an.

Der Journalismus-Puritaner (oder war’s der Klimaschutzdringlichkeitsbezweifler? Man verwechselt sie irgendwie so leicht) hüpft da natürlich im Quadrat. Irgendwo versteckt sich auch ein Argument in seiner Kritik. Den armen Hanns-Joachim Friedrichs, der nun wieder bemüht wird (hier nur ein Beispiel), könnte er aber wirklich mal in Ruhe lassen.

Für alle, die glauben, Friedrichs habe in seinem ganzen Journalistenleben eigentlich nur einen Satz gesagt (nämlich jenen, den immer jemand aus der Mottenkiste kramt, sobald irgendwo ein Journalist sich erdreistet, auf einen Missstand hinzuweisen), hätten wir hier noch eine andere Passage aus seinem berühmten letzten Interview. Als er über einen Film sprach, den er selbst gemacht hatte, sagte er: "Die Sendung hat eine grüne Botschaft." Die Rede war von einer Sendung über die Natur und Tiere. Und die Botschaft lautete: "Wenn der Mensch sich weiter so bemüht, dann kriegt er das auch noch kaputt." Zitat Umweltaktivist Friedrichs Ende.


Altpapierkorb (Berliner Verlag, Neue Narrative, Geschichtssendungen des WDR, Donald-Trump-Journalismus, Stand der Fernsehproduktion, Gendern)

+++ Will Holger Friedrich den Berliner Verlag schon wieder verkaufen? Über Munkeleien, die sich nicht bestätigen lassen, schreibt Markus Wiegand in kress pro.

+++ Das Magazin Neue Narrative liegt nicht mehr am Kiosk, rechnet vor, warum es besser ist, und verschenkt Printausgaben, statt sie wegzuwerfen.

+++ Der WDR könnte an Geschichtssendungen sparen, schreibt Steffen Grimberg in der taz und fasst sich an den Kopp.

+++ An den Murmeltiertag fühlt sich James Fallows in The Atlantic beim Blick auf den Donald-Trump-Journalismus erinnert. Simon Hurtz empfiehlt seinen Text bei piqd: "Journalistïnnen (wiederholen) die Fehler, die sie bereits vor vier Jahren begangen haben: Sie fallen auf Trumps Provokationen herein".

+++ Der Tagesspiegel begutachtet den Stand der Fernsehproduktion während der Pandemie: "Wie steht es um den Ausfallfonds für deutsche TV-Produktionen?"

+++ Und weil heute Jugend-Tag ist: Ein Journalistenschüler aus München kolumniert für seine Ausbildungsklasse bei Meedia über das Gendern.

Neues Altpapier kommt am Freitag.

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