Das Altpapier am 28. September 2020 Geschichte wird gemacht

Falls es mal eine Zeit gab, in der spannende Dokumentationen ein öffentlich-rechtliches Alleinstellungsmerkmal waren, ist sie vorbei. Sogar ProSieben will sein lineares Publikum schon wieder überraschen. Die ARD-"Tagesthemen" haben eine echte Meinungsjournalismus-Debatte angezettelt. Und im quälenden britisch-amerikanischen Prozess gegen Julian Assange wurde es konkret – mit deutscher Beteiligung... Ein Altpapier von Christian Bartels.

Teasergrafik Altpapier vom 28. September 2020: Porträt Autor Christian Bartels
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Jetzt dreht Netflix auch noch deutsche Dokus

Oh, der vergangene Freitag ging "in die deutsche Fernsehgeschichte ein"? Sicher nicht wegen des ARD-Freitagsfilms (auch wenn in "Das Leben ist kein Kindergarten" die Handschrift der künftigen Programmdirektorin Christine Strobl wieder zu erkennen gewesen sein mag), und der Freitagsabends-Krimi-Schiene des ZDF wegen schon gar nicht; die läuft ja seit Jahrhunderten unverändert.

Nein, Steffen Grimberg hatte, als er für die taz den einleitenden Satz formulierte, keinen festen Sendetermin im Sinn, sondern einen nonlinearen Starttermin: "ab 25. September", "startet kurz vor dem Tag der Deutschen Einheit" die "erste deutsche Netflix Original Doku Serie", lautet das Werbe-Wording zur Dokureihe um den Mordanschlag auf Detlev Rohwedder anno 1991, und "es passiert nicht alle Tage, dass ein ausländischer Programmanbieter eine Doku-Miniserie extra für Deutschland produziert". Ja, kam das "zuletzt ... von BBC-geschultem Personal im Rahmen der Reeducation nach der NS-Zeit vor"?, scherzt Grimberg.

Jedenfalls hat er zu dieser "neuen Konkurrenz" für die Doku-Platzhirsche ARD und ZDF einen der Macher, Christian Beetz von der Produktionsfirma Gebrüder Beetz, instruktiv befragt. Einerseits zu den Vorteilen des in diesem Segment neuen Auftraggebers Netflix ("'Bei den Öffentlich-Rechtlichen hast du Angst vor den Juristen, weil die so viel bremsen. Bei Netflix fragen die Anwälte: Wie können wir das Projekt voranbringen?' Klassische Film-Abnahmen, hierzulande für viele Dokfilmer*innen wegen der diversen beteiligten Sender oft eher Fegefeuer-Runden mit trockenen Keksen gibt es gar nicht..."), zu den Nachteilen aber auch ("Recherchen und Stoffentwicklung gehen geldmäßig auf die Kappe der Macher*innen. Netflix zahlt erst, wenn ein Stoff verbindlich produziert wird").

Einen eingebauten Vorteil, den nonlineares Angebot gegenüber linearem Fernsehen besitzt, hatte Kurt Sagatz (Tagesspiegel) sich von Beetz vorige Woche sagen lassen: "Bei Netflix heißt es: 'Die Story diktiert die Länge'", im alten Fernsehen ist's das Programmschema.

Der Tsp.-Text ist vor allem eine Kritik der Netflix-Produktion. Solche Kritiken hagelte es wieder. Kleiner Schnelldurchlauf: "ebenso verführerische, lehrreiche wie düstere Geschichtsstunde" (FAZ), "überaus sehenswert" (Berliner), "bedient alte Verschwörungstheorien und verbreitet neue Spekulationen" (Welt) ... Was große Plattformen anbieten, erhält eben Aufmerksamkeit im Überfluss. Das ist ein weiterer Startvorteil des Plattformkapitalismus (Am Rande: Unter der werblichen Überschrift "Amazon verbessert Sprachassistentin Alexa" meinte die anderen Kontexten häufig seriös agierende Agentur dpa kürzlich die Meldung, dass dieser Datenkrake seine "smarte" Wanze weiterzuentwickeln ankündigte, in den Medienfluss einspeisen zu müssen ...)

Grimberg – der ja auch für dieses MDR-Portal tätig ist und sich frisch eine neue Herausforderung aufgehalst hat: als frisch gewählter Vorsitzender eines Berliner Journalistengewerkschafts-Landesverbands! – sieht Netflix dann aber doch eher nicht als harten neuen Rivalen von ARD und ZDF:

"Bevor jetzt bei den deutschen Sendern die Angst umgeht, müsse man sich aber eines klar machen, meint Beetz: 'Die Kernzielgruppe von Netflix sind die 20 bis 30jährigen. Und die gucken in Deutschland eh nicht mehr öffentlich-rechtlich.'"

Jetzt dreht sogar ProSieben deutsche Dokus

Noch ein Satz aus demselben Text verdient Aufmerksamkeit. Was meint die Netflix-Doku-Verantwortliche denn damit, dass "gerade das deutsche Privatfernsehen im Non-Fiktionalen sehr stark" sei? "Galileo", Trucker-Dokus oder Zootiere-Soaps?

Nun, tatsächlich dürfte am heutigen Fernsehabend Pro Sieben-Publikum, das im Vertrauen auf Programmzeitschriften wegen eines jüngeren Tarantinos einschaltet, schon wieder überrascht werden. Und zwar nicht, weil Klaas & Joko schon wieder Sendezeit gewonnen hätten. Vielmehr hat der Unterföhringer Privatsender aus eigenem Antrieb "kurzfristig sein Abendprogramm für eine investigative Recherche" umgeworfen, wie als erster wohl Michael Hanfeld in der Samstags-FAZ melden konnte, und zwar im Rahmen einer ziemlich begeisterten Kritik zum "'Pro Sieben Spezial: Rechts. Deutsch. Radikal' von und mit dem Reporter und Moderator Thilo Mischke". Noch begeisterter ist dwdl.de:

"Gerade die unverblümten Aussagen, die sich ergeben weil Mischke dran bleibt und dann wissend von Protagonisten in die Kamera getätigt werden sowie die Dokumentation der lächerlichen Erklärungsversuche offensichtlich nationational-sozialistischer Motive und Abkürzungen heben 'Rechts. Deutsch. Radikal' auf ein in dieser Intensität selten zuvor gesehenes Level - eindringlich aufbereitet für die junge ProSieben-Zielgruppe, aber nicht nur die. Die letzte halbe Stunde wird dann - ohne zu viel zu verraten - noch einmal überraschend ...",

wobei der Lückerath offenbar deswegen auch noch eine einstweilige Verfügung für möglich hält. "Der Sender versichert auf Nachfrage, dass ihm eidesstattliche Erklärungen von Menschen vorliegen, die das so mitgehört hätten. Ein Sprecher der AfD-Bundestagsfraktion erklärte am Sonntagmittag, dass man den Film bisher nicht kenne und deshalb auch nicht kommentieren könne", schreibt die Süddeutsche.

Bei der Vorbesprechungs-Reichweite erreicht ProSieben fast Augenhöhe mit Netflix. Vielleicht geht also tatsächlich ein Trend zu spektakulär-relevanten Dokus bei den privatwirtschaftlichen Bewegtbild-Anbietern.

Und vielleicht auch einer zum Guerilla-Programmieren, das linear mit Ereignisfernsehen überrascht, statt wochenlang im Voraus in Programmzeitschriften (bei denen es sich ja um eine aussterbende Mediengattung handelt) angekündigten Sendeschemata zu folgen. Das wäre dann echt ein Kapitelchen Fernsehgeschichte.

Erste Zwischenbilanzen zu den neuen "Tagesthemen"-Ideen

Unterdessen haben die ARD-"Tagesthemen" sich nicht auf dem Markennamen "Das Erste" ausgeruht, sondern Debatten angestoßen. Das lässt sich zur aktuellen Öffentlichkeits-Offensive schon mal sagen. Einerseits gibt es ja die neue, sogar das herkömmliche 30/45/60/90-Minuten-Sendeschema sprengende Rubrik namens "Mittendrin", zu der Altpapier-Kollege René Martens in der Medienkorrespondenz eine erste Bilanz zieht. Es handele sich um ein "belebendes Element".

Andererseits haben die "Tagesthemen" den werktäglichen "Kommentar" in "Meinung" umbenannt, was früh viele Kommentare und Meinungen nach sich zog (siehe u.a. Altpapier "Der Witz der Meinungsfreiheit"), und im selben Zuge geschickt ein neues "Pro & Contra"-Format annonciert, das zu Debatten bereits beitrug, bevor es ein einziges Mal zu sehen gewesen wäre (siehe Altpapier "Pro Pro & Contras"). Zu diesen Aktionen zog die SZ-Medienseite am Samstag eine Art Bilanz. "Braucht es überhaupt noch Meinungsjournalismus?", wenn doch überall im Netz Meinungshäufchen herumliegen bzw. -fliegen, lautete die Fragestellung (die die Autorin Meredith Haaf auf Twitter auch nicht ungeschickt mit "Ich arbeite extrem gern als Meinungsredakteurin ..." ankündigte).

Ob es für die "Tagesthemen" ein Erfolg ist, dass seit der "Kommentar"-Umbenennung "deutlich weniger" "verärgerte E-Mails, Briefe oder Nachrichten auf Social Media" eingingen, darüber ließe sich womöglich auch schon wieder streiten. Zur Frage, ob Streit in Medien nötig ist und hilft oder unvermeidlich ist, greift Haafs lesenswerter Text nicht bloß bis zu Kurt Tucholsky, sondern sogar ins Jahr 1765 zurück. Und folgert für die Medien- Gegenwart:

"Zudem etabliert sich immer mehr ein Konsens, es sei zentrale Aufgabe von Redaktionen, Meinungsvielfalt zu zeigen und auch zu erzeugen. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist dazu sogar laut Rundfunkstaatsvertrag verpflichtet. Die Zeit etwa gründete höchst öffentlichkeitswirksam im vergangenen Jahr ein neues Ressort 'Streit', in dem Kontroversen in Textform ausgetragen werden ... Auch in den USA - wo Meinungs- und Nachrichtenredaktionen meist streng getrennt arbeiten müssen - ist der Meinungsjournalismus in Bewegung, wenn auch gegenläufig: Kleinere Redaktionen schaffen ihre Meinungsseiten aus Personalnot lieber gleich ab."

Fast hätte man da gern noch gewusst, wie dazu die SZ selbst mit ihrer äußerst homogenen Meinungsseite (die freilich auch nicht allen Rundfunkbeitragszahlern, sondern bloß freiwillig zahlenden Abonnenten gefallen muss) steht. Aber diese Debatte ist gewiss auch noch nicht zuende.

Die Anregung, zur Meinungsbildung nicht bloß über Themen beizutragen, zu denen meinungsfreudigen Zeitgenossen sowieso schon eine (Meinung) haben, sondern auch zu den anderen, gab dann noch Franziska Augstein, Redakteurin der Süddeutschen und wie der Name sagt, der Publizistik tief verbunden, auf den den österreichischen Medientagen. Der Standard fasst sie unter der nahezu idealtypischen Online-Überschrift "Wie sich Journalismus von Prostitution unterscheiden sollte" zusammen:

"'Journalistische Arbeit sollte darin bestehen, Leute zu informieren – auch über Themen und Zustände, von denen sie nicht wissen, dass sie sie interessieren könnten.' Journalistinnen und Journalisten könnten 'nicht nur das schreiben, wovon ihnen ein Algorithmus sagt, dass Henriette Müller das wissen will'",

sollten sich ihre Themen und deren Gewichtung also nicht von dem vorgeben lassen, was in den sog. sozialen Medien gerade trendet.

Jetzt wird's konkret im quälenden Prozess gegen Assange

Was macht eigentlich Jakob Augstein? Lässt sich soo genau gerade nicht sagen, weil er offenbar nicht mehr twittert. Aber ... und damit zum Assange-Prozess.

Der quälende Prozess, den Großbritannien und irgendwann vermutlich (bzw.: hoffentlich nicht!) die  USA gegen Julian Assange führen, zieht medial seit Jahren dieselben Reaktionen nach sich. Einige engagierte Beobachter beschweren sich erbittert; aktuell tat es Reporter ohne Grenzen-Geschäftsführer Christian Mihr per Newsletter: "Bei offenkundigen Schauprozessen in der Türkei ist es gang und gäbe, dass RSF – auch unter Corona-Bedingungen – als Prozessbeobachter garantierten Zugang bekommt". Großbritannien dagegen führe gegen Assange eher einen Geheimprozess und "verletzt damit auf eklatante Weise seine menschenrechtlichen und rechtsstaatlichen Verpflichtungen". Dann meldeten die ROG noch, dass die internationalen Version der (im Mihr-Beitrag verlinkten) Pro-Assange-Petition Ziel "einer Spambot-Attacke geworden [ist]. Dabei wurden der Petition Zehntausende gefälschte Unterschriften hinzugefügt".

Große Aufmerksamkeit erregt so was jeweils nicht, einerseits weil es aus deutscher Sicht andere, noch größere Gründe gibt sich aufzuregen als Praktiken der guten alten NATO-Verbündeten, andererseits, weil jeglicher News-Wert fehlt: Assange ist ja schon seit Jahren eingekerkert, und Anzeichen dafür, dass sich das irgendwann ändern könnte, liegen nicht vor. Insofern erfüllt das quälende Einkerkern und gelegentliche Zurschaustellen Julian Assanges zweifellos auch Schauprozess-artige Abschreckungs-Zwecke.

Am Freitag aber ging es im Prozess sehr konkret um einen zentralen Vorwurf gegen den Wikileaks-Gründer, nämlich dass er "US-Diplomaten und Helfer der USA gefährdet habe, indem er 250 000 Depeschen aus US-Botschaften ungeschwärzt ins Netz stellte." In dem Zusammenhang sagte Jakob Augstein aus bzw. wurde dessen Aussage verlesen, berichtet die Süddeutsche (€) unter der Überschrift "Das verratene Passwort". Es ging um einen recht alten Artikel aus Augsteins Freitag, "der am 25. August 2011 erschien" und den Satz "Das Passwort zu dieser Datei liegt offen zutage und ist für Kenner der Materie zu identifizieren" enthielt. Dieser also müsste es sein.

"Der ganze Fall ist ein Lehrstück über den falschen Umgang mit Geheimnissen", schreibt Jannis Brühl, doch läge "der ursprüngliche und unverzeihliche Fehler" weder beim Freitag noch bei Assange, sondern eher beim Guardian oder einem von dessen Autoren. Schön wäre, wenn dank dieser offenkundig komplexen Fragen der britische Rechtsstaat wieder erwacht ...

Altpapierkorb (Corona-Virus, Bautzen, Paris, "Perpetuum Mobile der Restpostenerzeugung", Bigotterie)

+++ Falls Sie sich auch fragten, warum lange so wenig von Joachim Huber zu hören war, dem Medienressort-Chef des Tagesspiegel: Er war schwer am Corona-Virus erkrankt, dann "vollverkabelt" aus dem Koma erwacht und berichtet in diesem unbedingt hörenswerten Interview des RBB-Radios Eins davon.

+++ Das ist mal kein Helikopterjournalismus: "Das Arte-Fernsehteam blieb gleich ein halbes Jahr lang in dem 40000-Einwohner-Ort" Bautzen, und die FAZ ist heute begeistert vom Arte-Doku-Zehnteiler über die sächsische Stadt.

+++ In Paris hat es vor dem Gebäude, in dem die Islamisten die Charlie Hebdo-Redaktion ermordet hatten, erneut einen Mordanschlag gegeben, der zum Glück nicht gelang. Die Opfer befänden sich nicht mehr in Lebensgefahr, berichtet die SZ (und weiteres über die angespannte Atmosphäre in Frankreich).

+++ Der Privatsender Vox "hat aus einer großartigen Idee ein Perpetuum Mobile der Restpostenerzeugung werden lassen, bei dem es bloß noch darum zu gehen scheint, Zuschauerinnen und Zuschauern möglichst viel Quatsch anzudrehen", meint Peer Schader bei dwdl.de zur erfolgreichen Show "Die Höhle der Löwen".

+++ Dem Bigotterie-Vergleich zwischen Springers Bild-Zeitung und der SZ, die die kleine, aber einflussreiche Döpfner-Julian-Reichelt-Front anstellte, ging Stefan Niggemeier bei uebermedien.de nach: "Ist die 'Süddeutsche Zeitung' also 'einfach nur bigott', wie der 'Bild'-Chefredakteur meint? Oder nur sehr schlecht darin, ihre Fehler transparent zu korrigieren?". Ob es wirklich besser ist, in einem auch nicht unwesentlichen Detailaspekt "sehr schlecht" zu sein als bloß "bigott", was ja weniger eine scharf umrissene Kategorie als bloß eine Meinung ist, könnte gleich wieder ein Streitpunkt sein ...

+++ Und zur Mathias Döpfner/ Friede Springer-Lage (Altpapier vom Freitag, zu dem noch der gewohnt gut informierte Beitrag Kai-Hinrich Renners in der Berliner Zeitung nachzutragen sein könnte) hat Willi Winkler etwas in "in der großen Märchentruhe von Youtube" gefunden und beglossiert (SZ), das ich selber dort nicht fand. Auf Youtube länger nach Inhalten zu suchen, gehört allerdings auch zu den überdurchschnittlich deprimierenden Medien-Erlebnissen.

Neues Altpapier gibt's wieder am Dienstag.

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