Das Altpapier am 2. Oktober 2020 Der Eine-Milliarde-Dollar-Coup

Google schleimt sich mit seinem neuen Nachrichtenangebot Showcase und einem Eine-Milliarde-Dollar-Versprechen an Verlagshäuser heran. Dabei gibt es noch einige offene Fragen. Ansonsten harkt es bei der Journalismusförderung in Deutschland mit Blick auf die digitale Transformation an zu vielen Stellen. Ein Altpapier von Nora Frerichmann.

Teasergrafik Altpapier vom 2. Oktober 2020: Porträt Autorin Nora Frerichmann
Bildrechte: MDR / MEDIEN360G

Googles Besänftigungsstrategie

Google bekommt die Schlagzeilen, die der Konzern sich wohl erhofft hat. Nach den wolkig-vagen Worten aus dem Juni ist es nun so weit: Der Konzern hat gestern News Showcase gestartet, das Angebot, mit dem Inhalte von Verlagshäusern lizenziert werden.

In einem neuen separaten Bereich (bisher nur bei Google News auf Android) wird ein Newsfeed aus sogenannten Story-Panels mit Inhalten von Verlagen ausgespielt, für die Google die Medienhäuser bezahlt. Nach den Texten sollen demnächst auch Videos, Audios und Tageszusammenfassungen ausgespielt werden. U.a. FAZ, Golem (nehmen beide auch selbst teil) und Süddeutsche berichten.

Die Texte sind zwar nicht (wie hier im Juni gescherzt) mit Hinweisen wie "Diesen Artikel hat Google Ihnen spendiert" oder "Save the news, use Google" markiert. Dafür gibt es aber genügend Schlagzeilen, die Google runtergehen dürften wie Öl:

“Google News Showcase: Google will Verlagen eine Milliarde Dollar für journalistische Inhalte zahlen“ (Standard)

“News Showcase: Google zahlt eine Milliarde US-Dollar Lizenzgebühren für Artikel“ (Heise)

“Google agrees to pay news publishers more than $1 billion“ (CNN)

Diese viel bejubelte Milliarde US-Dollar bzw. etwa 854 Millionen Euro will der Tech-Konzern nach eigenen Angaben in den ersten drei Jahren weltweit in die Hand nehmen, um Inhalte auf News Showcase bereit zu stellen. Teilweise sind das auch Inhalte, die bei den Medienhäusern hinter einer Paywall stehen. Im Google-Blog schreibt Zentraleuropa-Chef Philipp Justus im Marketingsprech:

“Bei dem neuen Produkt geht es nicht nur um eine substantielle finanzielle Förderung für Verlage in Deutschland, es geht auch um eine neue Form, journalistische Inhalte zugänglich zu machen. Die in News Showcase gezeigten Artikel werden von Redaktionen kuratiert, die ihre hohe journalistische Qualität vielfach auch mit preisgekrönten Arbeiten unter Beweis gestellt haben. Leser:innen erhalten so tiefere Einblicke und Hintergründe zu den jeweiligen Themen. Die Verlage wiederum bekommen über News Showcase die Möglichkeit, eine engere Bindung zu ihrem Publikum aufzubauen.“

Die Botschaft: Seht her, wir tun alles dafür, dass ihr besser zu eurem Publikum gelangt und sind bereit, für journalistische Arbeit zu zahlen. Welchen finanziellen Gewinn der Konzern sich davon verspricht, wird nicht erwähnt. Beim Nieman Lab (Harvard University) wirft Joshua Benton ein:

“when a corporate announcement like this seems to make no sense at all from a straight profit-and-loss perspective, it’s probably about meeting a deeper need somewhere else - in this case, Google’s need to be beloved enough to remain underregulated.“

Dass Google das Angebot zunächst für Print- und Digitaltitel startet, dürfte kein Zufall sein. Wegen des Leistungsschutzrechts steht der Konzern mit den Verlegern in verschiedenen Ländern gefühlt seit einem halben Jahrhundert im Streit. Video- und Audioangebote sollen in Showcase folgen.

Auch der Schritt, das Lizenzprogramm erst mal in Deutschland, Australien und Brasilien zu testen, sieht nach Besänftigungsstrategie aus. Vor allem hierzulande wird der Streit um das Leistungsschutzrecht intensiv geführt und Down Under sorgt ein neues Mediengesetz ebenfalls in puncto Lizenzzahlungen für Streit (mehr bei Heise).

Benton geht davon aus, dass Google den Medienhäusern mit Showcase ein kleines Leckerli hinwirft, um zu vermeiden, dass der Konzern staatlich stärker reguliert wird. Denn das würde Google wohl deutlich mehr an Geld und Spielraum kosten. Google und Facebook würden gerne für journalistische Inhalte bezahlen, solange es zu ihren Konditionen passiere, schrieb Benton schon bei der Ankündigung des Showcase-Vorhabens im Juni. Die wichtigen Elemente dieser Google-Spielregeln fasst er im aktuellen Text zu drei Punkten zusammen. Der Konzern wolle

1. selbst entscheiden, welche Publisher er bezahlt und wie er sie bezahlt.

2. für ein kleines Nebenprodukt wie eben Showcase zahlen und nicht für Inhalte in der ertragreichen Suche. (“They want to make sure the deal isn’t: 'We’re giving publishers back some of the money they think we steal from them everyday.‘ It’s: 'Let’s partner on something new.‘“)

3. gute Presse, um den öffentlichen Druck zu senken was Regulierung und Besteuerung angeht. (What could possibly make a company want to give away 0.15% of its revenue? The threat of someone else taking 10% of it.)

Showcase vs. Leistungsschutzrecht

In Deutschland sind bisher 20 Verlagshäuser mit etwas mehr als 50 Titeln dabei, u.a. die Zeit, die Rheinische Post, Spiegel und Manager Magazin, die Ströer-Portale T-Online und Watson, regionale Angebote wie WAZ und Thüringer Allgemeine (Funke), Frankfurter Rundschau, HNA und Merkur (Ippen), die Berliner Zeitung, aber auch Tech-Portale wie Golem und Netzwelt.

Vor dem Hintergrund des Streits um das Leistungsschutzrecht fällt vor allem auf, dass auch die FAZ bei Showcase eingestiegen ist, die ja im juristischen Streit und der öffentlichen Diskussion um das Leistungsschutzrecht immer sehr vehement auftrat und darauf beharrte, dass Google für die Verlinkungen und Nutzung von Snippets, also Anreißer journalistischer Texte, bei Google News bezahlt. Google hat einen strategisch guten Zeitpunkt gewählt, denn in der Corona-Krise, dürften vielen Verlagen die unverhofften Lizenzgelder willkommen sein.

Angebote aus dem Hause Springer, das das ebenfalls nachdrücklich auf eine Vergütung nach dem Leistungsschutzrecht pocht, sind allerdings nicht in Showcase vertreten. Bei Golem heißt es:

"Axel Springer steht Kooperationen mit Facebook, Google und vergleichbaren Anbietern aufgeschlossen gegenüber", sagte ein Sprecher der Nachrichtenagentur dpa und fügte hinzu: “Allerdings nur soweit dadurch die effektive Wahrnehmung von Leistungsschutzrechten nicht erschwert oder unmöglich wird. Insofern setzen wir uns weiterhin mit Nachdruck für eine wirkungsvolle Umsetzung der EU-Urheberrechtsrichtlinie ein."

Und auch der BDZV (Bundesverband Digitalpublisher und Zeitungsverleger) erklärte laut Golem, Google erkenne mit dem neuen Angebot grundsätzlich an, dass es für Presseinhalte zahlen müsse.

“Es ist daher umso weniger nachvollziehbar, dass der Konzern sich gegen klare gesetzliche Regelungen zum Schutz von Presseinhalten wendet. Es drängt sich der Verdacht auf, dass Google offenbar lieber ein eigenes Angebot lanciert, bei dem es die Teilnahmebedingungen diktieren kann, anstatt Recht und Gesetz in der EU anzuerkennen.

Kritiker warfen Google bei der Ankündigung von Showcase im Juni mangelnde Transparenz, etwa bei der Preisgestaltung, vor und warnten vor einer Spaltung der Verlage.

Viel konkreter wird Google auch jetzt beim Thema Transparenz nicht. Es bleibt also weiter zu beobachten, ob kontinuierlich auch Google-kritische Beiträge in Showcase auftauchen werden, ob bei dem Programm auch auf (Digital-)Abos der Medienhäuser verwiesen wird, wie das Angebot von Nutzerinnen und Nutzern überhaupt angenommen wird und ob ein kostenfreier Zugriff via Google auf Paywall-Inhalte für die Zahlungsbereitschaft der Lesenden auf lange Sicht förderlich sein wird.

Innovationsskeptizismus

Aber wenn man sich nicht auf Finanzspritzen von Digitalkonzernen verlassen will, wie könnte Journalismusförderung im Jahr 2020 stattdessen aussehen? Bisher ist es auf dem Feld  in Deutschland zu mau, kritisieren die Medienwissenschaftler Christopher Buschow und Christian-Mathias Wellbrock in der aktuellen Ausgabe von epd Medien (bisher leider nicht online). Sie sehen eine “erhebliche Finanzierungslücke für Innovationen im deutschen Journalismus“. Ein Gutachten zur Innovationslandschaft im deutschen Journalismus der beiden im Auftrag der LfM (Landesanstalt für Medien NRW) zeige,

“dass die Innovationsbarrieren in den Bereichen Finanzierung, Wissen und Berufskultur sowie Kooperation besonders stark ausgeprägt zu sein scheinen. Der öffentlichen Hand stehen verschiedene Instrumente zur Verfügung, um hier Abhilfe zu schaffen - direkte finanzielle Unterstützung ist dabei nur ein Baustein unter mehreren in einer systematischen.“

Bisherige Initiativen in den Bundesländern (Journalismus Lab der Landesanstalt für Medien NRW, Medialab Bayern, Medieninnovationszentrum Babelsberg, Nextmedia Hamburg) seien vor allem regional ausgerichtet und mit kleinen Budgets ausgestattet, vor allem im Vergleich zum europäischen Ausland und zu Initiativen von Google und Facebook.

Buschow und Wellbrock empfehlen deshalb in ihrem Gutachten verschiedene Fördermaßnahmen, z.B.:

- Wissen und Ausbildungsmaßnahmen mit Blick auf Innovationen und Gründungen zu stärken, denn im Journalismus gebe es eine innovationsskeptische Berufskultur und in der Ausbildung gebe es in dem Bereich viele Lücken.

- Diversität in Medienunternehmen zu stärken, um Marktchancen und Publikumsschichten zu erschließen.

- Kooperationen zwischen wichtigen Akteuren und der Wissenschaft zu fördern,  auch mit finanziellen Anreizen

- Anschubfinanzierungen für Innovationsprojekte auch für bestehende Medienunternehmen, etwa über staatsfern organisierte wettbewerbliche Verfahren

Eine staatsfern organisierte Innovationsförderung und -politik sei wichtig, aber auch nicht zu überschätzen, mahnen die Wissenschaftler dabei. Sie könne “nur eine Teilantwort“ auf die gegenwärtigen Problemlagen sein.

Wenn die Voraussetzungen für Innovationen schwierig sind, ist es für Tech-Unternehmen wie Google und Facebook umso leichter, ihre Marktmacht mit eigenen Förderprogrammen wie der News Initiative und Angeboten wie Showcase oder Facebook News weiter auszubauen.

Altpapierkorb (Creative Commons bei den ÖR, Facebook-Anzeigen zu Wahlbetrug, Berichterstattung über Menschen mit Behinderung)

+++ “Tagesschau“ goes Creative Commons: Die ARD erlaubt damit eine nicht-kommerzielle Nutzung einiger Inhalte. Bei den Materialien, die unter Creative-Commons-Lizenz stehen, handelt es sich vor allem um kurze Erklärvideos, schreibt Timo Niemeier bei dwdl.de. Leonard Dobusch kritisiert bei netzpolitik.org, die Tagesschau-Videos stünden unter der restriktivsten Creative-Commons-Lizenz BY-NC-ND, die kommerzielle Nutzung und Bearbeitung der Inhalte ausschließe. Auch eine Einbettung in Plattformen wie Wikipedia sei so nicht möglich. Das ZDF (in dessen Fernsehrat Dobusch sitzt) handhabe das mit der CC-Lizenzierung von Terra-X-Videos freier.

+++ Facebook will Anzeigen löschen, die fälschlicherweise von Wahlbetrug sprechen oder vorzeitig Zweifel am Endergebnis säen, berichtet der Spiegel (via Reuters). Dabei soll es zunächst um Anzeigen im Zusammenhang mit der anstehenden Präsidentschaftswahl in den USA gehen.

+++ Einen Perspektivwechsel in der Berichterstattung über Menschen mit Behinderung fordert Andrea Schöne bei Übermedien (€) und kritisiert ein Feature des Deutschlandfunks. 

+++ Das umstritten Social Media Gesetz in der Türkei ist in Kraft getreten, berichtet Anna Biselli bei netzpolitik.org. “Soziale Netzwerke mit mehr als einer Million Nutzer:innen in der Türkei müssen Nutzer:innendaten im Inland speichern und in den nächsten Wochen eine Vertretung im Land einrichten“, schreibt sie und trägt Hintergründe und Reaktionen zusammen.

+++ Japanische Medien hätten lange fast ausschließlich positiv über die eigentlich für 2020 geplanten Olympischen Spiele in Tokio berichtet, erklärt Felix Lill bei “@mediasres“ im DLF. Langsam zeichne sich aber ein Wandel ab und die Berichterstattung werde kritischer.

+++ Zum Schluss noch ein Lese-Tipp für das Wochenende: Der ehemalige Chefredakteur der Süddeutschen, Kurt Kister, erinnert sich anhand von Bürofunden wie einer ewig abgelaufenen Raviolidose, einer Dinnereinladung von Assad und Schröders Zigarre an Erlebnisse aus seiner journalistischen Laufbahn. Anlass ist der 75. Geburtstag der Zeitung.

Neues Altpapier gibt's am Montag. Erholsames Wochenende!

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