Das Altpapier am 7. Oktober 2020 Die 320-Jahre-Story

Party on in der Medienlandschaft: Manfred Bissinger, Dirk Ippen, Tagesspiegel, Süddeutsche Zeitung und Instagram werden in diesen Tagen zusammen ziemlich alt. Eingeweiht wird zudem Axel Springers zweiter Lebenstraum neben dem Fall der Mauer. Und: der Herkunftsnennungsjournalismus des Nordkuriers. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Teasergrafik Altpapier vom 07. Oktober 2020: Porträt Autor Klaus Raab
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Hoch sollen sie leben

Gibt es die Jubiläen in diesen Tagen irgendwo im Sonderangebot? 80 Jahre Dirk Ippen, 75 Jahre Tagesspiegel, 75 Jahre Süddeutsche Zeitung, 80 Jahre Manfred Bissinger: Es geht zu wie auf einer Partymeile, auf der die alten Zeiten besungen werden, damit sich auch die neuen ein wenig kuscheliger anfühlen. 10 Jahre Instagram kommen als Bonus oben drauf.

  • Verleger Dirk Ippen, der genauso heißt wie der Verlag, darf im dpa-Geburtstagsinterview den Mindestlohn "ingesamt eher" zum Irrweg erklären; gerade bei den Zeitungszustellern regle sich das doch "sozusagen von selbst", sagt er: "Wenn wir nicht gut zahlen, dann bekommen wir auch keine Zusteller mehr." Gegen eine Mehrwertsteuersenkung für Presseprodukte hätte er allerdings nichts einzuwenden.

  • Der Tagesspiegel und die Süddeutsche Zeitung begingen (ersterer) und begehen (zweitere) ihre eigenen Jubiläen auf nach und nach lesens werten (und, für Medienhistoriker und -nerds, vielleicht auch archivierenswerten) Sonder- und Themenseiten.

  • Der Vollständigkeit halber: Manfred Bissinger wurde zu seinem 80., wie Kollege René Martens an dieser Stelle schon notiert hat, in der Süddeutschen vom Altkanzler gewürdigt, etwa dafür, dass er "große Skandale aufgedeckt, Verleger von Sockeln gestoßen, gesellschaftliche Entwicklungen beeinflusst und vor allem Maßstäbe für guten Journalismus gesetzt" habe.

Und in zehn Jahren kommt dann, als weiteres Jubiläum, noch der zehnte Jahrestag der Einweihung des neuen Axel-Springer-Gebäudes in Berlin dazu, mit dem sich "der Lebenstraum Axel Springers" erfüllt habe, wie CEO Mathias Döpfner laut Horizont am Dienstag sagte. War Springers Lebenstraum bislang nicht immer "der Fall der Mauer", "die friedliche Wiederherstellung der Deutschen Einheit" bzw. "ein wiedervereinigtes Deutschland" gewesen? Egal, jetzt war’s wohl doch ein Haus.

Die Rolle der Architekturbetrachtung für den Medienjournalismus

Verlagshäuser sind generell super. Vielleicht erkennt man, wenn man sie begeht, sogar mehr als in Geburtstagsinterviews und Jubiläumsausgaben über die Dynamik, der Medienunternehmen unterworfen sind. Je weiter sich Journalismus vom Papier löst, desto wichtiger wird für den Journalismus über Medien der Ort, an dem sie gemacht werden. Irgendetwas muss man ja anschauen und anfassen, wenn schon die Zeiten des Papiers ihrem Ende zugehen.

Der Deutschlandfunk beginnt sein Feature zum 75. Geburtstag der SZ also mit einer Betrachtung des Redaktionsgebäudes, des Hochhauses an der Hultschiner Straße im Münchner Osten:

"ein spektakulärer Bau: Mehr als 100 Meter hoch, die Fassade vollständig aus Glas, ausgezeichnet für seine nachhaltige Architektur. Geplant und gebaut wurde Mitte der Nullerjahre. Platz für unter anderem gut 570 Arbeitsplätze der Redaktion, wie damals die ‚SZ‘ selbst verkündete. Doch das wird sich bald wohl ändern: Bis zu 50 Redakteursstellen sollen wegfallen, fast jede zehnte."

Beispielhaft für die über Architekturkritik vermittelte Branchendynamik ist aber vor allem Peter Richters Rundgang durch das neue Springer-Haus in der Süddeutschen Zeitung:

"Irgendwo in einer der unteren Etagen steht tatsächlich die Bronzeskulptur eines Zeitungslesers rührend in der Ecke, wie zur Entsorgung rausgestellt und vom Facility Management nur noch nicht abgeholt. Irgendwo in den oberen Etagen quietschen derweil die Turnschuhe der jungen Leute aus den Abteilungen der Internet-Dienstleister herum, mit denen Springer heute wesentlich sein Geld verdient, und sie alle sind wirklich deutlich zu jung, um sich erinnern zu können, dass Wohnungs- oder Autoanzeigen die Wochenendausgaben von Zeitungen mal so dick wie Telefonbücher gemacht haben (andererseits sind sie auch zu jung, um sich an Telefonbücher zu erinnern)."

Und hier erschließt sich dann auch, was Axel Springers zwei mutmaßliche Lebensträume miteinander zu tun haben: "Mauerfälle und Vereinigungen auf allen Ebenen."

Der Herkunftsnennungsjournalismus des Nordkuriers

Themenwechsel. Am 25. September postete die Social-Media-Redaktion des Nordkuriers: "Ein Mann hat seine Lebensgefährtin in Schwerin angegriffen und das gemeinsame Kind entführt. Seitdem fehlt von ihm und dem Säugling jede Spur." Der verlinkte Artikel zeigte bei Facebook – im Bearbeitungsverlauf des Postings kann man das nachvollziehen – die Überschrift "Polizei sucht Zeugen: Tunesier entführt Baby in Schwerin". 1190 Mal wurde es geteilt. Auf lediglich 10 Shares brachte es dagegen das Folgeposting vom Dienstag, dem 5. Oktober: "Öffentlichkeitsfahndung: Vater hat doch nicht Baby in Schwerin entführt".

Auch das Originalposting, wurde vom Nordkurier am Dienstag aktualisiert, wie man ebenfalls im Bearbeitungsverlauf sehen kann; dort steht nun unter anderem: "Der ursprüngliche Verdacht stellte sich als falsch heraus." Da war die Geschichte vom kidnappenden Tunesier aber schon zehn Tage in der Welt. Die Korrektur dürfte nur ein Bruchteil der Leute wahrgenommen haben, denen die Erstmeldung in die Timeline gespült wurde. Was bleibt, ist der erste Eindruck.

Das ist kein Einzelfall, würde der Off-Sprecher in einer Formatdoku nun sagen. Es handelt sich vielmehr um Beleg Nummer ca. 21738, warum Facebook einen Folgeberichterstattungsalgorithmus bräuchte, mit dem sichergestellt werden könnte, dass Korrekturen auch bei all den Userinnen und Usern ankommen, die sie sehen sollten. Gibt’s natürlich nicht. Facebook hat ja nicht für alles, äh, Geld.

Was die Redaktionsverantwortung betrifft, kann man nun sagen, eine Zeitung könne nichts dafür, wenn die Polizei erst eine Fahndung herausgibt und sie später zurückzieht: Journalisten machen halt Zeugenaufrufe der Polizei öffentlich, im Lokalen ist das Standard, wenn auch ein schwieriger. Eines ist aber schon bemerkenswert: Der mutmaßliche Täter (der im Facebook-Posting vom 25.9. nicht mutmaßlich genannt wurde) wurde noch als "Tunesier" bezeichnet. Als sich der Verdacht nicht bestätigte, war er dann ein "Vater".

Benjamin Fredrich, der Chefredakteur des in Greifswald, also im Verbreitungsgebiet des Nordkuriers ansässigen Katapult-Magazins (zuletzt in diesem Altpapier), der auf dieses aktuelle Beispiel soeben aufmerksam gemacht hat, hat schon im August in einem Text nahegelegt, dass die Nennung der Herkunft nichtdeutscher Tatverdächtiger beim Nordkurier System habe – und darauf folgende Gewaltaufrufe in Kommentaren dort "weder gelöscht, noch kommentiert – sondern einfach stehengelassen" würden:

"Die Reichweite eines solchen Artikels ist etwa 80-mal größer als ein Nordkurier-Artikel ohne Rassismus. Es gibt eine Studie, die zeigt, dass Deutsche zwar zu 69,4 Prozent in der Polizeistatistik vorkommen, aber nur zu 2,9 Prozent von den Zeitungen genannt werden." (Sie war hier im Altpapier unter dem Stichwort "Herkunftsnennungsjournalismus" Thema.) "Bei nicht-deutschen Tätern ist es andersrum. Sie werden überproportional häufig genannt. Beim Nordkurier ist die Sache aber plumper, die grundlose Markierung einer Nationalität in den Überschriften und vor allem die Duldung der Gewaltandrohung in der Facebook-Kommentarspalte ist Standard."

Es wäre womöglich sinnvoll, da öfter mal hinzuschauen.


Altpapierkorb (Instagrams Geburtstag, Rainer Stadler, Bettina Jarasch und der RBB, Verschwörungsbullshit über den WDR)

+++ Instagram I: Der Geburtstag, der über die schon erwähnten hinaus die meisten Jubiläumsbeiträge abwirft, ist der von Instagram, und Kritik und Faszination halten sich ungefähr die Waage: "Die Menschen lieben Instagram – weil sie hier ihre Selfies posten können", schreibt der Digitalistan-Blog des WDR. "Instagram gelingt es, weniger anfällig für Hass, Hetze und politische Manipulationen zu sein als Facebook und Twitter. Was vor allem daran liegen dürfte, dass auf Instagram Bilder regieren – und zwar diskutiert werden kann, aber wenig diskutiert wird." Erschreckend sei dagegen, dass auf Instagram "sogar komplett virtuelle Figuren" herumgeisterten, "die als Influencerinnen und Influencer ernst genommen werden."

+++ Instagram II: tagesschau.de konzentriert sich stärker auf die Pläne des Mutterschiffs Facebook: "Der Dienst", also Instagram, "habe mittlerweile all die schlechten Eigenschaften von Facebook übernommen (…). Zum Beispiel die dauernden Benachrichtungen, um die Benutzer immer wieder in die App reinzuziehen. Und noch etwas hat sich geändert. Im Hintergrund scheint Facebook-Chef Zuckerberg die technische Integration von Instagram mit Facebook voranzutreiben", um die Zerschlagung von Facebook zu verhindern.

+++ Instagram III: Meedia (€) wirft "angesichts des Tiktok-Booms" die Frage auf, "wie lange der Siegeszug der Facebook-Tochter noch anhält".

+++ Instagram IV: Und bei @mediasres vom Deutschlandfunk heißt es: "Ohne Instagram kommt kaum noch ein Medium aus, das eine junge Zielgruppe erreichen möchte." Redaktionen, die noch nicht bei Instagram sind, aber es gerne wären, wenden sich für Lektüre- und Expertentipps hierhin.

+++ "Wenn man wie ich über Medien schreibt, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass man über Bereiche schreibt, die in irgendeiner Form das eigene Unternehmen betreffen. Interessenskonflikte gab es zwar auch früher, doch das Ausmass hat stark zugenommen. Und die derzeitige wirtschaftliche Krise verschärft das Problem, denn den Medien geht es schlecht. Ihre Existenz steht auf dem Spiel. In solchen Zeiten sinkt die Toleranzgrenze gegenüber ‚Hofnarren‘." Rainer Stadler, der die NZZ verlassen hat, lotet im persoenlich.com-Interview Probleme der Medienjournalismus in der Schweiz aus.

+++ Die Kandidatur der Grünen Bettina Jarasch für den Einzug ins Berliner Rathaus stellt den RBB vor ein Problem, schreibt der "Checkpoint" des Tagesspiegels (lesbar nach Anmeldung): "Denn der Ehemann der ausgebildeten Redakteurin, Oliver Jarasch, ist hier Abteilungsleiter ‚Aktuelle Magazine‘ (Mittagsmagazin, Abendschau etc.) und bestimmt damit über die politische Berichterstattung des Senders entscheidend mit."

+++ Nein, WDR-Mitarbeiter haben keine "Reichsflaggen zu Dreharbeiten auf einer 'Querdenken'-Demonstration von Kritikern der Corona-Maßnahmen mitgebracht (…), ‚um 'bessere' Bilder zu erzeugen’." Die FAZ (€) schreibt auf, wie eine ausgedachte Behauptung in die Welt kam. Dass sich der WDR mit einigem Aufwand gegen solchen Verschwörungsbullshit wehren muss, damit er nicht in der Welt bleibt, ist aber schon verrückt.

Neues Altpapier gibt es am Donnerstag.

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