Das Altpapier am 21. Oktober 2020 Irgendwas, aber mit Ausrufezeichen!

Eine Exklusivmeldung des WDR zur Rassismusstudie ist dann doch keine. Dokumentarfilmer Ashwin Raman kritisiert die Auslandsberichterstattung der Öffentlich-Rechtlichen. Ein Nannen-Preisträger arbeitet nun für eine NGO, sieht sich aber weiterhin als Journalist. Und: der Graben zwischen Aufmerksamkeit und Substanz. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Teasergrafik Altpapier vom 21. Oktober 2020: Porträt Autor Klaus Raab
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Es wird irgendeine Studie geben

Wer nicht so richtig genau wissen will, ob die Bundesregierung eine Studie zu Rassismus in der Polizei in Auftrag gibt, für den gibt es seit Montag ein Angebot: Nach ziemlich exakt 60 von 74 Gesprächsminuten kündigt Vizekanzler Olaf Scholz im Podcast “Macchiavelli“ von WDR Cosmo an: “Es wird eine Studie geben.“ Nachfrage: “Es wird eine Studie geben?“ Scholz: “Davon bin ich ziemlich überzeugt.“ Keine Nachfrage: Was für eine Studie wird das genau sein?

Gut, dass man an zentraler Stelle eine Nachfrage vergisst, kann im Rahmen eines langen Gesprächs, in dem viele verschiedene Baustellen bearbeitet werden, passieren. Aber muss man dann eine Pressemitteilung herausgeben, in der das Wort “exklusiv“ vorkommt?

Die Mitteilung, die der WDR am Montagnachmittag verschickte, um Scholz’ Aussage zu verbreiten, beginnt mit dem Satz: “Vize-Kanzler Olaf Scholz (SPD) kündigt an, dass die Bundesregierung nun doch Rassismus innerhalb der Polizei untersuchen wird.“ Von “Rassismus innerhalb der Polizei“ war im Podcast allerdings nicht die Rede. Das wäre in der Tat eine Neuigkeit gewesen. Scholz sprach lediglich von einer Studie, und dass es eine solche geben soll, ist keineswegs neu. Nur eben nicht die zu strukturellem Rassismus in den Behörden, die seit Äonen gefordert wird.

Wer sich dafür interessiert, wie das Studienpaket, das es nun geben soll, angelegt ist, findet aktuell Kommentare beispielsweise beim Deutschlandfunk (“Es wird keine gesonderte Studie zu Rassismus bei der Polizei geben“), bei Zeit Online oder – andere Position – in der FAZ (€).

Für uns von der Abteilung Medienwatching wäre das kein Thema, wäre nicht jene Exklusivmeldung entstanden, die dem WDR-Podcast gedient haben mag, der inhaltlichen Klärung aber nicht: “Dafür eine Pressemitteilung zu machen, dient alleine dem Format, nicht dem Nachrichtenwert“, kritisierte Ann-Kathrin Büüsker vom Deutschlandfunk bei Twitter. Und das traf es doch ganz gut.

“Jede Woche nur Trump und Brexit“

Womit wir bei einem Thema wären, das größer ist als dieses Beispiel: beim Graben, der zwischen der Aufmerksamkeit für Themen und ihrer Substanz und bisweilen auch Relevanz verläuft. Der Dokumentarfilmer Ashwin Raman, ausgezeichnet mit vielen Preisen, darunter dem Grimme-Preis (Offenlegung: Ich gehörte der Jury an), hat in der Welt (€) die Öffentlich-Rechtlichen, für die er lange gearbeitet hat, dafür kritisiert, sie würden in der Auslandsberichterstattung falsche Prioritäten setzen.

Seine Filme, die häufig spät liefen, würden “vergraben unter Vorabendschmonzetten und Talkshows“, wird er indirekt zitiert:

“Die findet Raman 'banal‘, und auf das Stichwort hin bricht sein Frust über deutsche Auslandsberichterstattung aus ihm heraus: 'Jede Woche nur Trump und Brexit, das ist de facto Null.‘ Dass Journalisten oft mit der Bundeswehr in deren Einsatzgebiete fliegen und sich rumführen lassen, statt auf eigene Faust hinzufahren und alles zu sehen – 'Das ist dann nicht Afghanistan, sondern Hofberichterstattung.‘ Dass in Brüssel massenhaft Korrespondenten sitzen, die über politische Querelen in der EU berichten, während deren Kollegen in Asien oder Afrika teils weite Teile eines ganzen Kontinents im Alleingang abdecken müssen – 'So können Sie nicht mal oberflächlich berichten.’“

Diese Kritik ist nicht neu, aber es steht ja auch nicht “exklusiv“ darüber. Und sie ist auch nicht zwangsläufig unberechtigt. Die Behauptung, ARD und ZDF würden nicht ausreichend aus diversen Weltregionen berichten, ist zwar nicht in allen Einzelfällen zutreffend. In anderen Fällen – zuletzt ging es am Montag im Altpapier um einen – mag es auch Gründe für Zurückhaltung geben. Aber dass zumindest die prominentesten und das Gesellschaftsgespräch mitprägendsten Formate der Öffentlich-Rechtlichen, die Talks, Schlagseite haben, ist offensichtlich. Nach Talkshows zu Auslandsthemen jenseits von Brexit, Trump, Putin, Erdogan und China müsste im Archiv jedenfalls etwas länger gegraben werden.

Dass man über, zum Beispiel, den Putsch in Mali (der in der öffentlich-rechtlichen Auslandsberichterstattung stattfand, aber nicht übertrieben prominent) nicht gut talken kann, mag sein. Aber es sagt ja niemand, dass man den einen oder anderen Sendeplatz nicht umwidmen dürfte.

Wird Transparenz wichtiger als Unabhängigkeit?

Wo waren wir gerade? Richtig, bei einem Graben, der zwischen der Aufmerksamkeit für Themen und ihrer Substanz und bisweilen auch Relevanz verläuft.

“Früher zahlten Mediennutzer fürs Informiertwerden und nicht für die Information, heute muss jeder einzelne Beitrag sein Publikum finden. Medienhäuser sagen jetzt: Wir müssen Themen finden, die den Nutzern Geld wert sind, und unsere Berichterstattung danach ausrichten.“

Sagt, in einem kress-Interview, ein anderer mehrfach ausgezeichneter Journalist, der Nannen- und Theodor-Wolff-Preisträger Karsten Krogmann, in dessen Twitterprofil seit Neuestem steht: “Pressechef beim WEISSEN RING, vorher Chefreporter bei der Nordwest-Zeitung“.

Es ist ein lesenswertes Interview, weil Krogmann nicht unbekannte Entwicklungen im Journalismus, die er als ungut empfindet, benennt –

“Es wird genau gemessen, welche Themen wie viele Abos generieren, welche Beiträge die größte Reichweite erzielen oder die stärksten Social-Media-Reaktionen auslösen. In vielen Häusern rücken Vertrieb und Marketing immer näher an die Redaktionen heran“ –,

ohne dabei aber defätistisch zu werden. Meines Erachtens interessanter als der Reichweiteaspekt ist aber ein anderer: Der Weiße Ring, dessen Presseabteilung Krogmann nun leitet, ist ein “gemeinnütziger Verein zur Unterstützung von Kriminalitätsopfern und zur Verhütung von Straftaten“. Er arbeite aber nach wie vor journalistisch, sagt er, sogar investigativ. Er dockt damit an eine laufende Debatte an.

“Ich bezweifle (…), dass investigativer Journalismus bei Medien, bei denen er nicht zum Markenkern gehört, dauerhaft einer Überprüfung im Hinblick auf die Verkaufbarkeit standhält. Vor diesem Hintergrund ist es nicht schlecht und vielleicht sogar notwendig, dass auch außerhalb der Branche transparente neue Medienangebote entwickelt werden. Genau das tun wir in einem klar definierten Bereich.“

Schließen Medienangebote von “außerhalb der Branche“ hier eine Lücke? Denkbar. Einer Organisation wie zum Beispiel Greenpeace traue er “verlässliche Recherchen in einem definierten Bereich zu“, sagt Krogmann. “Bei einem Unternehmen wäre ich skeptischer, weil das Ziel nicht Aufklärung ist, sondern der Verkauf eines Produkts.“ Dieser Unterschied ist für die weitere Debatte über Aktivismus und Journalismus nicht unwichtig, zumindest sollte er mitbedacht werden. Über seine These, dass Transparenz “zunehmend wichtiger wird als Unabhängigkeit“, sollte man aber nochmal reden. Mehr Transparenz wäre gut. Aber sie macht Unabhängigkeit nicht verzichtbar.

Wer ist der Mann? Eben.

Erinnern Sie sich an Greta Thunbergs ICE-Fahrt vor zehn Monaten? Luke Mockridges Auftritt im ZDF-“Fernsehgarten“ vor 14 Monaten? Nein? Gut. Ein gestern vielgelesener Text aus einer benachbarten Relevanzliga handelt von einem Journalisten, den in Deutschland kaum jemand kennen dürfte. In der “Meistgelesen“-Liste vom Dienstag jedenfalls stand der Beitrag zum Beispiel beim Spiegel.

Wer ist der Mann? Tja, eben. Er ist in den USA bekannt, arbeitet für den New Yorker und CNN – oder, wer weiß, hat gearbeitet –, wurde nun aber suspendiert, weil er während einer Zoom-Konferenz masturbiert habe, offensichtlich im Glauben, Kamera und Mikrofon seien ausgeschaltet. Die Welt meldet es, Bild sowieso, auch RND.de oder Abendblatt.de. Die Süddeutsche Zeitung glossiert es wenigstens. Das Geschehen sei “von seltener Peinlichkeit“, findet Willi Winkler in der “Abspann“-Glosse, bevor er ein paar Locken auf die Glatze dreht.

Was die Geschichte für das deutsche Publikum so relevant macht, dass sie mit Foto und Namen verteilt werden muss? Nun, es soll Beiträge geben, die nur deshalb in Medien auftauchen, weil sie “die größte Reichweite erzielen oder die stärksten Social-Media-Reaktionen auslösen“, um Karsten Krogmann noch einmal zu zitieren. Wüsste man es nicht besser, könnte man um ein Haar auf die Idee kommen, da sei etwas dran.


Altpapierkorb (SZ-Entschuldigung bei Igor Levit, Attacken auf Journalisten in den Niederlanden, befristete Akkreditierungen für US-Korrespondenten?, funk-Integration, Open Source Investigation von Vice)

+++ Die Chefredaktion der Süddeutsche Zeitung hat sich für einen polemischen Text über den Pianisten Igor Levit nach einigem Hin und Her entschuldigt. Der Text war als antisemitisch kritisiert worden, wohl auch im Haus, was ein guter Grund für eine Entschuldigung wäre. Dass er auch ihrer Ansicht nach antisemitisch gewesen ist, schreibt die Chefredaktion allerdings nicht, und das ist etwas bedauerlich: Es wäre doch schön, das zu klären. Würde sie den Text selbst nicht als antisemitisch betrachten, müsste sie das entweder begründen – oder sich eben den Schuh anziehen, den Ulf Poschardt, Chefredakteur der mit einem guten Antisemitismusdetektor ausgestatteten Welt, ihr hinhält: Wer Journalismus betreibt, sollte “nicht beim ersten lauten Knall eines Shitstorms einknicken“. Claudius Seidl von der FAZ twittert, der Ausgangsartikel “war bösartig, bisschen durcheinander und nicht besonderes intelligent“ – aber das müsse drin sein.

+++Attacken auf Journalisten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in den Niederlanden sind Thema in SZ und FAZ.

+++ Die USA planen zeitlich befristete Akkreditierungen für Korrespondenten. Die deutschen Verleger, Rundfunkanstalten und Journalistenverbände sind natürlich überhaupt nicht einverstanden (Tagesspiegel, DWDL).

+++ funk werde in die ARD- und ZDF-Mediathek integriert, schreibt DWDL unter Berufung auf eine Mitteilung der Sender.

+++ Vice hat herausgefunden, welche Bahnhöfe die hässlichsten in Deutschland sind – mit Open Source Investigation: “Wir geben es direkt zu: Es war noch keiner von uns je in Hagen, wir haben diesen Bahnhof nie gesehen. Aber weil wirklich sehr viele Menschen ihn zu hassen scheinen, haben wir uns entschlossen, den Bahnhof Hagen einfach aus der Ferne, anhand von Fotos aus dem Internet, fertig zu machen. Früher hätte man das 'niedrigsten Schreibtisch-Journalismus’ genannt, mittlerweile heißt das aber 'Open Source Investigation‘ und gilt als richtig modern!“

Neues Altpapier gibt es wieder am Donnerstag.

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