Das Altpapier am 22. Oktober 2020 Hot shit

Wenn etablierten Journalisten Argumente nicht gefallen, erklären sie sie einfach mal zum Shitstorm. Handelt es sich dabei um die verzweifelten Versuche, eine Machtposition zu verteidigen, die sich nicht mehr verteidigen lässt? Außerdem auf der Agenda: die zu geringe mediale Repräsentation von Bürgern, die härtere Schutzmaßnahmen gegen die Pandemie fordern. Ein Altpapier von René Martens.

Teasergrafik Altpapier vom 22. Oktober 2020: Porträt Autor René Martens
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"Antisemitisches Malen nach Zahlen"

Die SZ veröffentlicht in ihrer heutigen Ausgabe die erste Widerrede aus ihrer Autorenschaft gegen Helmut Maurós Anti-Igor-Levit-Artikel - nachdem die Chefredaktion am Dienstagabend eine Mitteilung in eigener Sache publizierte, die sie selbst als "Entschuldigung" klassifizierte (Altpapier von Mittwoch).

Das am meisten verbreitete Zitat aus Emckes Text ist Folgendes:

"Ist es wirklich möglich, dass Juden in deutschen Zeitungen dafür verspottet werden, wenn sie ihre Angst, ihre Verzagtheit, ihre Wut ausdrücken? Dass ihnen nahegelegt wird, sich in anderen Worten zu beklagen, höflicher, weniger echauffiert, oder noch besser: sie würden sich still verhalten und auf anderes konzentrieren?"

Die Stellungnahme der Redaktion kritisiert die regelmäßige SZ-Kolumnistin ebenfalls:

"In (der) heißt es: Die 'Verunglimpfung des Judentums' sei nicht das Ziel des Autors gewesen. Das mag stimmen. Es geht hier auch nicht um eine Person, sondern einzig um einen Text. Und da reicht diese Erklärung nicht aus. Auch ahnungslos transportierte Ressentiments sind Ressentiments. Auch unwissend geäußerte Vorurteile reproduzieren Vorurteile mit einer eigenen Geschichte der Ausgrenzung und Verletzung. Das müssen wir, die wir in der Öffentlichkeit sprechen oder schreiben, bedenken: Unsere Äußerungen, Begriffe und Bilder haben einen Resonanzraum, sie werden verstanden und gedeutet in historischen und intertextuellen Bezügen, sie wiederholen oder bestreiten, was andere, vor uns oder gleichzeitig, artikuliert haben. Niemand spricht oder schreibt in einem erfahrungsleeren Raum. Wir müssen fragen, bei jedem Satz, den wir schreiben, jedem Bild, das wir evozieren, was wir darin zitieren, welche Erinnerungen damit für wen verkoppelt sind, welche Stimmen so legitimiert oder delegitimiert werden. Liest man die krawallige Polemik gegen Levit in diesen historischen Bezügen, dann fallen einem Formulierungen auf, die klassisch antisemitische Zuschreibungen und Klischees aufrufen. Das muss nicht direkt geschehen. Es genügt, Assoziationen zu triggern, indem angedeutet wird, was dann das lesende Publikum vervollständigt. Das ist wie antisemitisches Malen nach Zahlen: Es braucht nur ein paar Punkte, die miteinander verbunden werden, das fertige Bild entsteht dann imaginär von allein."

Am Mittwoch kurz erwähnt wurde hier bereits die Reaktion Ulf Poschardts (€), für den der "Umgang" der SZ-Chefredaktion

"mit einem heiß diskutierten Feuilletonartikel um dem Twitter-Einpeitscher, Menschenrechts-Aktivisten und Weltklassepianisten Igor Levit deutlich (macht), wer das Blatt führt: Die Chefredakteure sind es eher nicht, sondern die Twitter-Brigade einer neuen linken Meinungsführerschaft, der sich nicht nur öffentlich-rechtliche Medien zunehmend beugen."

Ein 1a Schenkelklopfer mal wieder. Dass Poschardt den Begriff "Twitter-Einpeitscher" verwendet, ist besonders hübsch, denn als das habe ich bisher eher Poschardt wahrgenommen. Mittlerweile liegt der Kommentar als "Remix" vor, wie der Meister selbst es formuliert. Er hat nun Emckes Text noch mit eingearbeitet.

kress.de hat für Menschen ohne Welt+-Zugang ein paar Aussagen Poschardts aggregiert. Darin findet sich im Konjunktiv wiedergegeben ein unheilvoller Ausblick darauf, wie bei der SZ künftig gearbeitet wird:

"Jeder Autor und Redakteur dieser Zeitung wird sich künftig genau überlegen, wen er wie kritisiert."

Schlimm! Journalisten, die sich "genau überlegen", was sie schreiben! Wo kämen wir denn da hin, wenn das alle täten?

Zu Poschardts Text und dessen damit im Zusammenhang stehenden Twitter-Wortmeldungen äußern sich unter anderem Hasnain Kazim und Patrick Bahners. Für Poschardt seien "antisemitische Ressentiments 'andere Meinung'. So wie Rechtspopulisten, Rechtsextremisten und 'Liberale' auch Rassismus als 'andere Meinung' sehen", schreibt Kazim. Unter anderem auf den vom Welt-Chef verwendeten Begriff "Shitstorm" nimmt Bahners Bezug, wenn er schreibt, Poschardt stehe für einen "Fake-Liberalismus", für einen "Kult der Meinungsfreiheit, der Argumente verachtet".

Tendenziell poschardtesk äußert sich wiederum Bahners’ FAZ-Kollege Jan Brachmann. Der Klassik-Experte schreibt auf der FAZ-Medienseite, die SZ-Chefredaktion habe

"sich nicht dem Druck der Argumente, sondern dem von Personen in ihrer schieren Masse gebeugt".

Es passt wohl nicht in die Vorstellungswelt Brachmanns, dass Menschen von außerhalb die besseren Argumente haben können als eine Redaktion. Ein weiterer Klassik-Experten-Text steht in der neuen Ausgabe der Zeit. Christine Lemke-Matwey schreibt unter anderem:

"Der jüdische Künstler Igor Levit twittert selbst exzessiv, gegen Trump, gegen Rassismus, gegen Antisemitismus und die AfD – kurz: gegen alles, was 'rechts' ist und für ihn das liberale Denken bedroht."

Da weiß man gar nicht, was Lemke-Matwey in erster Linie degoutant findet: Dass er "exzessiv" twittert oder dass er es gegen rechts bzw. "rechts" tut. Dass es sie nerve, dass Levit "gefühlte 50 Anti-Trump-Tweets täglich" absetze, hat Lemke-Matwey schon 2017 bekundet - in einem Text, der im Blog der Neuen Musik-Zeitung seinerzeit wunderbar  eingeordnet wurde.

Die Krönung des aktuellen Lemke-Matwey-Kommentars kommt zum Schluss:

"Was freilich auch bleibt, sind die groben Keile auf einen groben Klotz. Von Kollegenschelte über Antisemitismus-Vorwürfe bis zu pseudolinguistischen Analysen wurde bei Twitter aufgefahren, was die alarmistische Vernunft gebietet. Wer sich nicht dauernd im Netz tummelt, könnte es mit der Angst zu tun kriegen. Vor der Gnadenlosigkeit der Reflexe und vor Argumenten, die partout kein Gras mehr wachsen sehen wollen."

Dass die gute alte "Kollegenschelte" Grundlage beinahe jeder Medienkritik ist - geschenkt. Aber dass eine Journalistin auf Twitter blickt, als gehöre sie einem neu entdeckten Aborigines-Stamm an, kann man befremdlich finden. Oder, um es mit Johannes Franzen zu sagen:

"Die Angst, die beim kursorischen Scrollen durch Twitter oft zu entstehen scheint, ist inzwischen ein eigenes Genre kulturjournalistischer Emotion."

Georg Diez schreibt zur Levit-Debatte:

"Eine Entschuldigung einer Zeitung ist erstmal keine Bedrohung der Meinungsfreiheit, sondern das Ergebnis von Meinungsfreiheit - neu daran ist (jedenfalls für die deutsche Öffentlichkeit), dass einzelne Personen dazu in der Lage sind, Institutionen zu widersprechen. Das ist ein Emanzipationsakt, der durch die digitalen Medien möglich ist, die wiederum den traditionellen Medien die wirtschaftliche Grundlage nehmen - aber eben mehr und mehr auch die Grundlage ihrer Bedeutung im demokratischen Diskurs."

Und weil

"viele Medien nicht in der Lage sind, über die eigene Krise angemessen zu berichten, behandeln sie etwa Twitter und alles, was auf Twitter geschieht, nicht als das, was es ist: die radikale Erweiterung des Diskurses, die viele neue Allianzen, Kraftzentren und Argumentationsmechanismen mit sich bringt (…) Was sie als Einschränkung ihrer Meinungsfreiheit empfinden (…), ist tatsächlich eine Einschränkung ihrer bisherigen Machtposition, die sie versuchen, auf dem Feld der Diskurskritik oder -kontrolle zu verteidigen."

Somit ließe sich vorerst zusammenfassen: Mit der Verwendung des Begriffs "Shitstorm" versuchen sehr etablierte Journalisten, Kritik zu delegitimieren. Vielleicht könnte man ja mal versuchen, den Begriff umzucodieren und sich dabei an Formulierungen wie "hot shit" oder "cool shit" orientieren.

"Was läuft schief mit dem Meinen und den Meinungen?"

Auf einer allgemeineren Ebene über Debatten zu reden, bietet sich heute ebenfalls an. Dafür sorgt Deutschlandradio-Intendant Stefan Raue, der uns auf der FAZ-Medienseite zuruft:

"Rettet die Meinung!"

Eine Frage, die sich Raue in dem für 55 Cent bei Blendle zu habenden Text stellt, lautet:

"Was läuft da schief mit dem Meinen und den Meinungen, warum ist ihr Ruf so zweifelhaft und schlecht, obwohl es jeder täglich heimlich oder offen praktiziert?"

Mein Lieblingssatz aus dem Text:

"Es ist mindestens ein Missverständnis, dass die Meinung nur eine unangenehme Randerscheinung eines keimfreien und meinungslosen 'Fakten, Fakten, Fakten'-Journalismus sein soll."

Ich würde ja sogar sagen, dass ein klassischer Bericht in gewisser Hinsicht viel mehr Meinung vermittelt als ein Kommentar. Im Bericht wird durch die Auswahl der Blickwinkel auf ein Thema und durch die Auswahl von O-Tönen und anderen Zitaten festgelegt, welcher Ausschnitt der Wirklichkeit dem Publikum präsentiert wird. Der auf dieser Realitätskonstruktion aufbauende Kommentar ist oft genug nur ein Nice-to-have und mindestens ebenso oft ein vorhersehbares Textbaustein-Gebilde.

Raue knöpft sich unter anderem eine besondere Spezies der Lautsprecher des Meinungsgewerbes vor:

"In größtmöglicher Spannung zum verbalen Dauerdonner stehen die Ängstlichkeit und diese Weinerlichkeit, wenn die Angedonnerten, Politiker oder Medien, nicht gleich in Beifallsstürme ausbrechen. Der Tellkampsche Duktus, der großangekündigte Skandaltext, der in der jammernden Pose endet, dass sich nun doch kaum jemand aufgeregt hat, offenbart den großen Widerspruch zwischen Aggression und Liebesbedürftigkeit. Starkes Meinen, aber zu feige, um sich kontroversen Debatten zu stellen, das ist die rätselhafte Botschaft."

Der Autor macht "drei Vorschläge, der Meinung im politischen Diskurs wieder zu ihrem Recht zu verhelfen", bei einem nimmt er Bezug auf eine Untersuchung von Friedhelm Neidhardt, Barbara Pfetsch und Christiane Eilders, die 2004 unter dem Titel "Die Stimme der Medien. Pressekommentare und politische Öffentlichkeit in der Bundesrepublik" erschienen ist:

"Wir müssen versuchen, die Kommunikationsstörung innerhalb des 'Kommentariats' aufzubrechen",

schreibt Raue. Laut Neidhardt, Pfetsch und Eilders bestehe dieses "Kommentariat"

"aus einer überschaubaren Gruppe von Leitartiklern, die Ereignisse und Nachrichten deuten und deren Meinungen der Orientierung dienen sollen. Aber: 'Das Kommentariat besteht aus Leuten, die sich bei Podiumsdiskussionen und Talkshows zwar regelmäßig treffen und auch aufmerksam lesen, was sie schreiben, aber sie erwähnen und zitieren sich nicht.' Die Meinungen werden aufgenommen und registriert, aber ein echter Dialog der Leitmedien über die Fragen der Zeit gibt es nicht, die kritisch aufklärende Kommunikation miteinander wird vermieden. Nur der, der täglich drei Tageszeitungen liest, 'Tagesthemen' und 'heute journal' sieht und die Presseschau beim Deutschlandfunk hört, vereint diesen notwendigen Diskurs in seinem Kopf."

Da gehe ich nun aus vielerlei Gründen nicht mehr mit, weil Erkenntnisse, die vor 16 Jahren richtig gewesen sein mögen, heute möglicherweise nicht mehr gelten. Findet ein "Dialog" der Leitmedien heute nicht in gewisser Weise bei Twitter statt? Auch wenn es sich dabei nicht immer um "kritisch aufklärende Kommunikation miteinander" handeln mag. Und aus anderen Gründen aus der Zeit gefallen wirkt der letzte Satz dieser Passage. Wer debattentechnisch auf Zack sein will, muss heute ja zumindest teilweise andere und viel mehr Quellen checken. Die Presseschau des Deutschlandfunks gehört übrigens nicht dazu, weil man hier viel zu oft die oben erwähnten vorhersehbaren Textbaustein-Gebilde vorgesetzt bekommt.

"Der vielleicht letzte Höhepunkt des linearen Fernsehens"

Unter dem Titel "Pandemie und Exekutive im Fernsehen" ist in der Herbst-Ausgabe der Halbjahreszeitschrift POP. Kultur & Kritik (Inhaltsverzeichnis) ein mehr als 30-seitiger Essay erschienen, für den Thomas Hecken quasi-protokollarisch die TV-Berichterstattung zu Corona rekapituliert. Ein Reiz besteht darin, dass man hier Eindrücke in ihrer Unverfälschtheit präsentiert bekommt. Es handle sich, so Hecken,

"durchweg um Notizen vom jeweiligen Sendetag oder vom Tag danach, sie sind also nicht im Lichte späterer Ereignisse und dadurch beeinflusster Erinnerungen verfasst".

Hecken zieht aus dem Gesehenen unter anderem den Schluss, dass die Zeit "von Anfang März bis Mitte Mai" die "Hochzeit des Fernsehens" war, die "Tage der großen Aufmerksamkeit" danach aber "(vorerst) vorbei" waren:

"Das öffentlich-rechtliche Fernsehen, flankiert von den größeren kommerziellen Sendern, konnte während dieser Hochzeit (…) zwar nicht für größere Aufklärung sorgen, jedoch für einen kontinuierlichen, die Zeit füllenden Strom an unentwegten Bemühungen, die karge Erkenntnis zu umgehen, dass man in vielerlei Hinsicht wenig oder nichts wusste (…) Wollte man den vielleicht letzten Höhepunkt des linearen Fernsehens auf eine kurze Formel bringen, könnte man (…) auf eine besondere Balance verweisen, die durch das Corona-TV-Programm zustande kam: auf das Gleichgewicht zwischen der Angst, die durch die permanente Verkündung von Fallzahlen, durch 'exponentielle' Prognosen sowie Berichte aus besonders betroffenen Ländern erzeugt wurde, und ihrer Besänftigung, die durch unablässiges Reden erreicht werden sollte."

Im Sommer habe "der warnende Tenor" dann "deutlich nachgelassen":

"Die sehr hohen Juli-Fallzahlen in den USA nutzten die Sender z.B. nicht für lange Berichte aus Krankenhäusern in Los Angeles, Miami etc., obwohl damit eindrückliche Beweise vorlagen, was geschieht, wenn man grundlegende Vorsichtsmaßnahmen missachtet."

Da in Buchform erscheinende Halbjahreszeitschriften einen langen Produktionsvorlauf haben, endete die Arbeit an Heckens Essay Ende Juli. Sein Beitrag endet also zu dem Zeitpunkt, an dem die Berichterstattung beginnt, sich wieder dem Modus und der Tonalität der Monate März bis Mai zu nähern:

"Ab dem 30.7. gab es in der ARD dann wieder kurzfristig ins Programm genommene 'Extra'-Sendungen zur Corona-Lage. So konnte es nun bis zur Durchführung von Impfungen oder bis zur Erlangung der 'Herdenimmunität' noch lange weitergehen."

Angesichts der aktuellen Entwicklung der Pandemie ließe sich natürlich fragen, ob das lineare Fernsehen nun vielleicht noch eine weitere "Hochzeit" erlebt - auch wenn solche Formulierungen immer einen zynischen Beiklang haben.

Die Leisen gehen nicht auf Demos

Kommen wir schließlich noch zu Betrachtungen der aktuellen Pandemie-Berichterstattung: Bei M - Menschen Machen Medien spricht Ulrich Hottelet von einer "Schieflage". Unter Bezug auf eine ZDF-Umfrage vom 9. Oktober schreibt er:

"Die Gegner der staatlichen Gesundheitsschutzregeln werden gerne überrepräsentiert, die Befürworter härterer Maßnahmen kommen dagegen kaum zu Wort. Dabei finden (…) 64 Prozent die Maßnahmen richtig, 12 Prozent bewerten sie als übertrieben und 23 Prozent halten sie für zu schwach. Dennoch findet die dritte Gruppe in der Berichterstattung kaum statt, allenfalls in kurzen Bürgerbefragungen am Straßenrand. Corona-Leugner und -Verharmloser, Verschwörungstheoretiker aller Schattierungen und Rechtsradikale dagegen bekommen in TV-Demoberichten breiten Raum, ihre abstrusen Thesen bekannt zu machen."

Woran könnte das liegen? Hottelet:

"Insbesondere Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen neigen weniger zu öffentlichkeitswirksamen Protestzügen."

Die "Leisen" (Hottelet) liefern den Medien also nicht die Bilder, die diese zu brauchen glauben. Da ist etwas dran, aber: Wenn man berücksichtigt, dass rechtsrandige Positionen nicht nur in der Corona-Berichterstattung überrepräsentiert sind, kann es nicht nur daran liegen.


Altpapierkorb (neues Mediathek-Label ARD Retro, neue Zahlen zur harten Auflage der Zeitungen, Intendantenwahl beim BR, USA Today mit Wahlempfehlung)

+++ Die Kritik, dass sich die Öffentlich-Rechtlichen bei der Bestückung ihrer Mediatheken in einem viel zu geringen Maße ihrer eigenen Archive bedienen, ist in den letzten Jahren in unterschiedlichen Kontexten formuliert worden - auch in dieser Kolumne. Nun kündigt die ARD an, "zum UNESCO Welttag des Audiovisuellen Erbes am 27. Oktober 2020" in der Mediathek das "Label ARD Retro" einzuführen. Finden wird man dort zumindest vorerst vor allem regionale Nachrichtensendungen und Nachrichtenmagazine aus der Zeit vor 1966. Warum diese zeitliche Begrenzung? Diese Frage beantwortet der NDR: "Hintergrund für diese Entscheidung ist unter anderem die Rechtslage, die sich mit Inkrafttreten des Urheberrechtsgesetz am 1. Januar 1966 geändert hat. Diese Rechtslage verhinderte es per Gesetz, dass Urheber für die heutige Online-Nutzung erforderliche Rechte bereits zum damaligen Zeitpunkt überhaupt einräumen konnten. Im Vergleich zu Retro-Videos, die vor 1966 gesendet worden sind, ist allein aus diesem Grund eine andere Herangehensweise bei der rechtlichen Prüfung einer Vielzahl von unterschiedlichen Rechteinhabern notwendig. ARD Retro soll aber schrittweise auch um Produktionen aus späteren Jahren erweitert werden."

+++ dwdl.de geht auf die Entwicklungen der harten Auflage (Einzelverkauf und Abos) bei Tages- und Wochenzeitungen im dritten Quartal ein. Demnach hat Die Welt im Vergleich zum Vorjahreszeitraum 28,4 Prozent bzw. 20.178 Käufer und Abonnenten eingebüßt. Jetziger Stand: eine harte Auflage knapp über 50.000. Lorenz Matzat prognostiziert bei Twitter, dass Poschardts Drucksache "in etwa 6 Monaten weniger Auflage als die taz haben" werde.

+++ Der Tagesspiegel wirft einen Blick auf die beiden Kandidaten und die eine Kandidatin, die heute Intendant des BR werden möchten. Die Frau im Rennen ist Katja Wildermuth, MDR-Programmdirektorin in Halle. Der Rundfunkrat des BR wählt ab 14 Uhr.

+++ Und MDR-Kollege Steffen Grimberg beschäftigt sich in seiner taz-Kolumne mit der Zeitung USA Today - weil sie, wie viele andere amerikanischen Medien auch, in diesem Präsidentschaftswahlkampf zum ersten Mal eine Wahlempfehlung gibt.

Neues Altpapier gibt es wieder am Freitag.

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