Das Altpapier am 26. Oktober 2020 Die Ärzte auf Hans Meisers Spuren

Ingo Zamperoni bekommt Hausbesuch von einer Band, tanzt aber nicht. Katja Wildermuth heißt die neue Bauleiterin des Bayerischen Rundfunks auf der Baustelle ARD-Mediathek – die noch nicht im "Netflix-Modus" läuft, das aber vielleicht auch gar nicht muss. Und: eine Ankündigung in eigener Sache. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Teasergrafik Altpapier vom 26. Oktober 2020: Porträt Autor Klaus Raab
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Das Altpapier hat Geburtstag: eine Ankündigung

Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Mittelgroße aber auch. Diese Kolumne wird in diesem Herbst 20 Jahre alt; Anfang November 2000 erschien die allererste Ausgabe. Das wollen wir von heute an feiern – in erster Linie mit Beiträgen von Kolleginnen und Kollegen, die das Altpapier begleitet haben. Die es gelesen, vielleicht auch versehentlich mal nur durchgescrollt, die es verlinkt, kritisiert, geteilt oder geherzt, in jedem Fall aber: wahrgenommen haben. Und die verstanden haben, warum es dieses Blog gibt.

Ihre Texte werden in den kommenden Wochen zusätzlich zu unserer morgendlichen Ausgabe hier bei MDR Medien360G erscheinen. Die Jubiläumsseite, auf der alle Gastbeiträge – oder wie wir sie nennen: Geschenkpapiere – erscheinen, finden Sie hier.

Den Anfang macht heute der Medienjournalist Jörg Wagner vom Rundfunk Berlin-Brandenburg, der dort seit mehr als 23 Jahren das radioeins-Medienmagazin moderiert. Er stellt in seinem Beitrag eine grundsätzliche Frage: "Welche Wirkung hat Medienjournalismus überhaupt?"

Eine Einführung in die Geschichte des Altpapiers hat darüber hinaus der freie Medienjournalist Steffen Grimberg geschrieben, der, wie wir, regelmäßig für den MDR arbeitet. "Seit 20 Jahren bürstet das Altpapier Medienkritik gegen den Strich", schreibt er hier nebenan auf den Seiten von MDR MEDIEN360G. Er hat auch die erste Altpapier-Ausgabe ausgegraben (oder vielleicht auch bei Wikipedia gefunden), die auf den 6. November 2000 datiert ist. Dabei handelt es sich um das Produktionsdatum. Offiziell erschienen ist die erste Altpapier-Ausgabe mit dem Start der Netzeitung am 8. November 2000.

Und wir machen jetzt mal weiter. Und holen, wie immer an einem Werktag, unsere Bürste raus.

Die "Tagesthemen" ersetzen die ZDF-Hitparade

In einem kleinen Interview mit der taz trauert der Organisator der deutschen Vorentscheidung zum Grand Prix Eurovision, Jürgen Meier-Beer vom NDR, einem "'abgewürgten' Oldtimer" hinterher, der ZDF-Hitparade. So stand es in der ersten Altpapier-Kolumne im November 2000. Interessant, interessant. Die ZDF-Hitparade lief einen knappen Monat später zum letzten Mal, und Meier-Beer kritisierte die Auswirkungen auf die sogenannte Musikszene:

"Da neue deutsche Musikproduktionen im Formatierungsdruck der Sender immer weniger Chancen haben, hätte das Ziel einer Neuentwicklung lauten müssen: Wir bauen der deutschen Musikszene eine erfolgsträchtigere Bühne! Die deutsche Musikszene ist längst mehr als der deutsche Schlager!"

20 Jahre später ist nun endlich wieder alles gut, wie Markus Lanz sagen würde. Die deutsche Musikszene hat eine neue Bühne – die "Tagesthemen". Am Freitag spielten Die Ärzte live den Sendungs-Jingle, und wie via dpa hier und da übermittelt wurde, gab es damit mutmaßlich "erstmals Live-Musik in der Nachrichtensendung". Zumindest erstmals in dieser Nachrichtensendung. Der Jingle einer anderen wurde bereits einmal von einem anderen prominentem Punk live performt: Hans Meiser eröffnete regelmäßig die Nachrichtenparodie der "RTL Samstag Nacht" am Xylophon.

Die "Tagesthemen" haben also am Freitag die Geschichte der Comedy weitergeschrieben. Meinungen dazu? Gibt es, und darum ging’s ja wohl. Es gibt sogar noch mehr Meinungen als Ärzte-Songs, wie hinterher allüberall genachrichtenagenturt wurde:

"Twitter-Nutzer sprachen von einer 'coolen Aktion' und einer 'tollen Idee', der Beitrag des Senders vom Freitag erhielt Tausende Likes. Einen halben Tag nach der Veröffentlichung hatte das Video am Samstagvormittag auf Instagram über eine halbe Million Aufrufe. Auch hier kommentierten Hunderte Nutzer den Auftritt."

Wie albern solche Social-Media-Analysen freilich sind, erkennt man, wenn man "Twitter-Nutzer" durch "Fußgängerzonen-Flaneure" oder "Eichhörnchen im Grunewald" ersetzt, und wenn man bedenkt, was sonst noch alles eine halbe Million Aufrufe irgendwo bekommt. Zum Beispiel jedes zweite Schleimvideo von Kinder-Influencern. Also was – bürst, bürst – ist eigentlich daran berichtenswert?

Widerspruch gegen die "Tagesthemen"-Aktion von nicht völlig beliebig herausgepickten Popkritikern gab es auch. Ohne nähere Angabe von Gründen befand die Medienpolitikerin Tabea Rößner von den Grünen, der Auftritt sei "befremdlich". Christoph Kappes kritisierte, die ständige Steigerung von Unterhaltungselementen sei "grundfalsch". Und dass der Musikauftritt einer Band in den "Tagesthemen" am Tag der Veröffentlichung eines neues Albums selbstverständlich PR-Zwecke erfüllt, auch wenn es im folgenden Interview um die nachrichtenrelevante Existenznot von Kulturschaffenden ging, ist schon auch diesem oder jenem aufgefallen.

Die Titanic hat es am besten zusammengefasst:

"Bei ihrem sensationellen Auftritt in den Tagesthemen setzte sich die Potsdamer Deutschrockband 'Die Ärzte' im Gespräch mit Ingo Zamperoni für die Menschen in der Corona-gebeutelte Kulturbranche und eine gute Chartplatzierung ihres neuen Albums ein."

Bemerkenswert finde ich allerdings, dass niemand auf die Idee gekommen zu sein scheint, die sonst in jeder Situation hervorgekramten Lex Friedrichs des ehemaligen "Tagesthemen"-Moderators Hanns-Joachim zu zitieren. Dabei ist der Ärzte-Auftritt einer der seltenen Fälle, in denen sie mal grob zur Empirie passen würde. Als Friedrichs seinerzeit sagte, man solle sich "mit keiner Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten", meinte er schließlich nicht den Journalismus, wie oft quatschigerweise behauptet wird, sondern ausschließlich die Art der Präsentation von Nachrichten im Fernsehen. Indem die "Tagesthemen"-Redaktion den Musikern ihren Jingle überantwortete, machte sie sich nach Friedrichs Definition wohl schon mit ihnen gemein.

Ich finde nach Durchsicht aller Akten: Weil Moderator Ingo Zamperoni keinen Pogo getanzt hat, passt’s schon. Solange dahinter eine rein redaktionelle Entscheidung steht, störe ich mich nur bedingt daran, dass mal eine Band den "Tagesthemen"-Jingle spielt. Auftritte von Kulturschaffenden dienen regelmäßig auch zur Bewerbung von was auch immer. Das ist manchmal nicht zu verhindern, und das bedeutet für Redaktionen, dass sie abwägen müssen.

Lex Friedrichs. Wäre übrigens gar kein schlechter Name für eine Band.

Der Weg der ARD-Mediathek "zum vollwertigen Streaming-Dienst"

Weiter geht’s mit Abwägungsfragen. Zum Beispiel mit dieser: Welchen Inhalt stellt man wann in die Mediathek? Der ehemalige Altpapier-Autor Peer Schader schreibt in seiner DWDL-Sonntagskolumne: "Jeder Erfolg im Non-Linearen befördert zwangsläufig die Enttäuschung im regulären Programm". Er spricht etwa von der kürzlich zu Ende gegangenen dritten Staffel von "Babylon Berlin":

"Während die ARD-Kommunikation eine Jubel-Pressemeldung nach der anderen aussendet, um die dritte Staffel von 'Babylon Berlin' als Mediatheken-Erfolg zu feiern und Channel-Manager Hager sich freuen darf, dass man damit 'eins zu eins den Geschmack der Streamer' treffe, stellte die Serie im Ersten mit fast jeder neu ausgestrahlten Folge einen neuen Minusrekord auf."

In der Kolumne geht es um die Frage, wie weit der Weg der ARD-Mediathek "zum vollwertigen Streaming-Dienst" ist, der sie werden soll. Und?

"(D)ie gute Nachricht: Mit ihren Mediatheken erreichen die großen TV-Sender bereits 57 Prozent der Bevölkerung, die dort 'mindestens selten' Bewegtbildinhalte anklicken. Und die schlechte: Das klingt ein bisschen besser als es tatsächlich ist."

Denn:

"Die Angebote hinken der größer werdenden Konkurrenz hinterher. Das gilt vor allem für die Lieblings-Problemzielgruppe der Öffentlich-Rechtlichen, die 14- bis 29-Jährigen, die online zwar TV-Inhalte konsumieren – aber halt bei YouTube."

Womit teilweise eine der Baustellen beschrieben wäre, auf denen auch Katja Wildermuthkünftig Helm tragen wird.

Die neue Bauleiterin des Bayerischen Rundfunks

Katja Wildermuth: Wie am Freitag hier angerissen, heißt so die neue Intendantin des Bayerischen Rundfunks. Diese Sache wäre also durch. Womit sie aus mitteldeutscher Sicht allerdings erst losgeht: "Der MDR braucht eine neue Programmdirektorin", schreibt Peter Stawowy – auch ein dem Altpapier verbundener MDR-Kollege – bei flurfunk-dresden.de.

Nun wären Personalmeldungen sagenhaft uninteressant, wären nicht inhaltliche und strategische Fragen mit ihnen verbunden. Und da sind wir also jetzt unter anderem bei der Mediathekenfrage:


"Spannend wird zu sehen sein, wie sehr sich der BR unter seiner neuen Chefin als viertgrößte ARD-Anstalt in den Medienverbund einbringen wird. Bislang changierte der BR hier zwischen einem mild-bornierten 'am bayerischen Wesen soll die ARD genesen' und fröhlichem Kalte-Schulter-Zeigen. So drückte (der noch amtierende BR-Intendant Ulrich; AP) Wilhelm bei der Dauerbaustelle ARD-Mediathek ein bayerische Lösung durch und schoss gegen die geplante ARD-weite Kulturplattform. Ironie der Geschichte: Die Federführung für diese hat der MDR und Wildermuth wäre für sie in Halle verantwortlich gewesen."

Schreibt MDR-Kenner Steffen Grimberg in der taz.

Auch die dpa sieht die weitere Entwicklung der ARD-Mediathek auf der Liste der Baustellen, die mit Wildermuths Antritt verknüpft sind:

"Es wird nicht mehr nur das fortlaufende TV-Programm geschaut, sondern auf Plattformen gestreamt. Internationale Konkurrenten wie Netflix, Amazon und Disney haben sich längst im deutschen Markt etabliert. Die neun ARD-Anstalten reagieren darauf mit eigenen Streaming-Offensiven. (…) Der BR hat zuletzt in einigen wichtigen Fragen Gegenpositionen zur Mehrheit oder auch zu allen anderen ARD-Anstalten eingenommen − inklusive zu Wildermuths MDR. Wie ist da ihr künftiger Kurs?"

Ja, wie? Und was folgt dann daraus für den künftigen Kurs der ARD-Mediathek?

Peer Schader findet, ARD und ZDF müssten gar nicht, wie kürzlich von einem Ministerpräsident in der FAZ (Abo) gefordert, "in den Netflix-Modus" umschalten, "sondern bloß konsequent umsetzen, was sie längst erkannt haben: Dass es für sich verändernde Sehgewohnheiten nicht nur neue Plattformen braucht. Sondern auch andere Inhalte."

Vielleicht könnten Musiker auch den einen oder anderen weiteren Programmpunkt live untermalen. Next stop: Nico Santos singt unplugged das Wetter. Zieht euch warm an, Leute, es wird superfresh!


Altpapierkorb ("Barbaren", "Ab 18!", Gewaltfantasien gegen Presse, Pandemie bei World of Warcraft, TikTok)

+++ Eine Ergänzung zur Konkurrenz zwischen öffentlich-rechtlichen Mediatheken und Streamingdiensten steht im Horizont-Interview (lesbar nach Anmeldung) mit den Produzenten der historischen Dramaserie "Barbaren", der ersten deutschen bei Netflix: "Wir haben Mitte 2018 bei Netflix um eine Serie gepitcht. Unser Vorteil war, dass wir wussten, dass Netflix einen historischen Stoff sucht. Vor diesem Hintergrund haben wir die "Barbaren" entwickelt. Nur ein paar Wochen später kam der Auftrag für die erste Staffel, dann wurde im Sommer 2019 gedreht, und jetzt beginnt schon die Ausstrahlung. Das ist wirklich einzigartig".

+++ Besprechungen der Serie gibt es unter anderem bei FAZ und SZ.

+++ 3sats Dokumentarfilmreihe "Ab 18!", in der junge Filmemacherinnen und -macher ihre Arbeiten präsentieren, besprechen die heutige Print-FAZ und der Tagesspiegel.

+++ Hinrichtungsfantasien gegen die – wer immer das genau sein mag – "Covid-Presse" machte Benjamin Piel öffentlich.

+++ "Im Online-Rollenspiel World of Warcraft bricht Ende 2005 durch einen Programmierfehler eine Pandemie aus, die sich nahezu auf die gesamte 6,5 Millionen starke Spielerschaft auswirkt, den Spielealltag komplett verändert, echte epidemiologische Daten hervorbringt und damit 15 Jahre später menschliches Verhalten in einer echten Pandemie erklärt": Es ist ein neues YouTube-Video von Ultralativ erschienen.

+++ Und die Süddeutsche Zeitung erklärt, wie TikTok funktioniert.

Das nächste Altpapier erscheint am morgigen Dienstag. Das nächste Geschenkpapier auch.

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