Das Altpapier am 29. Oktober 2020 Politische Bindemittel

Es gibt wieder einmal Ärger um eine politische Satire. Den Mechanismus dahinter kennen wir schon. Ben Smith schlägt weiße Listen für Plattformen vor. Und Imre Grimm skizziert die Welt als Pushmeldung. Ein Altpapier von Ralf Heimann.

Teasergrafik Altpapier vom 29. Oktober 2020: Porträt Autor Ralf Heimann
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Zum Hintergrund

Sie wissen es längst, aber noch nicht von mir: Das Altpapier wird in diesem Jahr 20 Jahre alt. Daher erscheinen in dieser Woche neben der regulären Kolumne einige Jubiläums-Altpapiere, in denen die Autorinnen und Autoren noch einen Schritt weiter zurück gehen als wir das hier jeden Tag machen, um das sich das ganze Geschehen mit verschränkten Armen aus der Entfernung anzusehen.

Unser lieber Übermedien-Kollege Boris Rosenkranz hat zu heute, wenn man so will, einen Hintergrund-Beitrag geschrieben. Er ist für seinen Jubiliäumstext einen Schritt zurückgegangen und hat durch den Text auf die graue Wand geschaut, die Sie beim Lesen des Altpapiers jeden Tag vor sich haben. Es ist eine sehr schöne Stilkritik geworden. Schauen Sie selbst.

Aber nun zu den aktuellen Themen.

Die Wagenburg-Mechanik

In Frankreich ist wieder das passiert, was eigentlich jedes Mal passiert, wenn Karikaturen erscheinen, die sich mit dem Islam beschäftigen. Es gibt heftige Verwerfungen. Und jetzt müssen wir da wieder durch. Die Frage ist: Was darf Satire?

Nein, keine Sorge, die Frage stellen wir erst mal zurück. Aber vielleicht doch ein Blick auf die Folgen, die das aktuelle Titelblatt der Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo hat. Oder zunächst vielleicht erst einmal die Beschreibung dessen, was dort überhaupt zu sehen ist. Joseph Hanimann schreibt für die SZ:

"Auf der Titelseite seiner am Mittwoch erschienenen Ausgabe zeigt Charlie Hebdo eine Zeichnung vom türkischen Präsidenten in Unterhose und Feierabendstimmung. In der einen Hand hält er eine Bierdose, mit der anderen lüftet er einer Frau über dem Hintern den Schleier. Privat sei er ganz lustig, lautet die Überschrift."

Erdogan behauptet laut Hanimann, er habe sich die Zeichnung gar nicht angesehen. Und das macht die Sache noch etwas deutlicher. Der Inhalt spielt keine Rolle. Die Tatsache, dass irgendwo eine satirische Zeichnung erschienen ist, reicht als Anlass und als Trigger schon aus. Das wiederum gibt den Blick frei auf die mediale Mechanik, die im Hintergrund wirkt, und die Rainer Hermann in seinem Beitrag auf der FAZ-Medienseite heute beschreibt (55 Cent bei Blendle):

"Erdogan kann sich darauf verlassen, dass bei Angriffen auf die Türkei oder seine Person die Wagenburg um ihn herum enger wird und auch Wähler, die von ihm abrücken, sich wieder mit ihm identifizieren."

So ergibt sich mit jedem Angriff politisch eine ganz günstige Situation für Erdogan. Aber das ist natürlich nicht das Problem der Charlie-Hebdo-Redaktion.

"Murat Yetkin, einer der bekanntesten türkischen Journalisten und Kritiker Erdogans, schrieb auf seiner Website, diese Karikatur habe keinen anderen Zweck, als zu provozieren. 'Charlie Hebdo' habe das Feld der Meinungsfreiheit verlassen, jetzt betreibe das Magazin Provokation",

schreibt Hermann. Und das, was Yetkin schreibt, ist nicht einmal vollkommen falsch. Dass die Redaktion mit ihrem Titelbild das Feld der Meinungsfreiheit verlassen hat, würde ich bezweifeln. Aber die Zeichnung ist sicher eine Provokation. Es ist allerdings eine Provokation, die durchaus einen Nutzen hat, denn Satire ist auch eine Art Seismograph der Freiheit. Sie testet mit ihrem Instrumentarium aus, ob das vom Staat gegebene Versprechen, dass Meinungen und die Presse frei sind, auch tatsächlich gehalten wird. Nur das harmoniert natürlich nicht mit einem System mit anderen Prioritäten.

Und wo das nicht mehr gelingt, ist das in der Demokratie immer auch eine erste Warnstufe. Damit wären wir auch schon wieder bei den USA.

Die Knaller im Wahlkampf

Willi Winkler hat für die SZ-Medienseite mit dem New-York-Times-Medienkolumnisten Ben Smith gesprochen, unter anderem über die Frage: "Was war diesmal im aktuellen Wahlkampf der Knaller?"

So einen Knaller kann Smith gar nicht benennen, er leitet stattdessen über zu einer Geschichte, die nicht so richtig gezündet hat, die über Hunter Biden, Joe Bidens Sohn (Altapier hier und hier), die von mehreren Medien, unter anderem Fox News, abgelehnt wurde, schließlich aber doch erschien, bei der Murdoch-Postille New York Post. Twitter und Facebook, um das kurz zu rekapitulieren, versuchten zunächst zu verhindern, dass die Geschichte auf ihren Plattformen verbreitet wird, gaben sie dann aber wieder frei. Smith sagt dazu:

"Twitter musste das nicht machen und hätte es auch nicht tun sollen. Sie verfügen gar nicht über die Kapazitäten, um festzustellen, welche von den Geschichten, die in den Medien auftauchen, seriös sind. Facebook ist da engagierter, mit einem komplizierteren Prüfvorgang. Das zeugt wenigstens von einem gewissen Verantwortungsbewusstsein."

Im Falle von Twitter ist das sicher ein richtiger Hinweis. Bei Facebook könnte man vielleicht besser sagen: Es zeugt von einem gewissen Bewusstsein dafür, welche Schritte als verantwortungsbewusst wahrgenommen werden. Dahinter stehen vermutlich auch einfach wirtschaftliche Interessen. Ein aktueller Text von Tom Rudl für Netzpolitik.org vervollständigt das Bild von der tatsächlichen Motivlage im Konzern noch etwas. Er schreibt:

"Eine aktuelle Studie US-amerikanischer Forscher bestätigt den Eindruck, Facebook habe eine rechte, sich selbst verstärkende Empörungsmaschine erschaffen. Im Unterschied zu anderen sozialen Medien wie Reddit sorge die Struktur der Plattform dafür, dass konservative Nutzer:innen im rechten Ökosystem bleiben, selbst wenn sie bei externen Quellen landen – die oft genug Fox News, Daily Caller oder Breitbart heißen."

Andererseits attackieren die Republikaner in den USA zurzeit die großen Plattformen, unter anderem eben auch Facebook, weil sie sich benachteiligt fühlen, aber auch das muss nicht zwingend etwas mit der Wirklichkeit zu tun haben, denn hier wirkt natürlich der gleiche Mechanismus wie im Falle von Erdogan. Schon die Forderung schweißt die eigene Anhängerschaft wie ein politisches Bindemittel zusammen. Die dpa schreibt, hier zu lesen beim Spiegel:

"Wenige Tage vor der US-Präsidentenwahl haben die Republikaner die Chefs von Facebook, Twitter und Google unter Druck gesetzt, um lockerere Regeln für Amtsinhaber Donald Trump zu erzielen. In einer Anhörung im US-Senat warfen sie den Plattformen vor, konservative Ansichten zu unterdrücken und drohten mit schärferen Gesetzen."

Die Plattformen sind hier aber durchaus angreifbar. Ben Smith schlägt eine Lösung vor, die die Republikaner zwar nicht zufriedenstellen dürfte, die aber den Vorteil hätte, dass sie die Debatte auf eine Ebene über dem Einzelfall heben würde. Smith:

"Ich bezweifle (…), dass Twitter und Facebook überhaupt über die Voraussetzungen verfügen, um beurteilen zu können, was eine verlässliche Nachricht ist und was nicht. Dafür braucht es Journalisten, die das gründlich recherchieren. Allerdings gäbe es die Möglichkeit, dass sie, statt bestimmte Websites zu blockieren, etablierte Medien, von deren Verlässlichkeit sie überzeugt sind, auf eine weiße Liste setzen und sie damit nach vorn spielen."

Die Frage wäre also nicht mehr in jedem einzelnen Fall: Stimmt diese Recherche wirklich? Sondern: Halten wir dieses Medium für eine seriöse Quelle? Darauf eine Antwort zu finden, ist natürlich auch nicht ganz leicht. Der journalistisch arbeitende Chris Wallace ist etwa ebenso bei Fox News angestellt wie der Propaganda-Clown Sean Hannity, aber einfache Lösungen gibt es vermutlich auch in diesem Fall nicht.

Kein Raum für Zwischentöne

Zuletzt noch zu einem Essay von Imre Grimm für das Redaktionsnetzwerk Deutschland, der sich ebenfalls mit der Situation in den USA vor der Wahl beschäftigt, und dessen These ist: "Nicht nur in sozialen Medien ist kaum noch Raum für Zwischentöne." Dabei geht es natürlich wieder einmal um die hier schon oft bemühte Ambiguitätstoleranz. Die funktioniert nur dann, wenn Menschen von ihrer eigenen Position abstrahieren, wenn sie ihre eigene Position als relativ anerkennen. Oder wie Imre Grimm schreibt:

"Dazu gehört die Bereitschaft, anderer Leute Bedürfnisse, die Realität der Welt sowie evidenzbasierte Fakten anzuerkennen."

Und vor allem der letzte Punkt ist dabei elementar, denn an ihm entscheidet sich, ob Zwischentöne überhaupt möglich sind. Wenn das Urteil sich mit den Fakten ändert, sind auch graduelle Änderungen denkbar. Das Phänomen bei populistischen Positionen ist aber eben gerade, dass Fakten keinen Einfluss auf das Urteil haben. Hier ergeben sich einige Schnittmengen zu Verschwörungsideologen. Interessant ist immer die Frage: Was könnte bewirken, dass die Einschätzung sich ändern? In vielen Fällen ist die ernüchternde Antwort wahrscheinlich: Nichts.

Möglicherweise haben auch die technologischen Mechanismen Einfluss eines von Zwischenstufen befreiten Journalismus. Dazu noch ein vorletztes Mal Ben Smith:

"Durch die sozialen Medien finden sich Journalisten in einer völlig neuen Situation wieder, weil ihre Leser und Quellen Widerworte finden. Doch auf der anderen Seite ist das Bedürfnis, seinen Nutzern und seinen Followern genau das zu erzählen, was sie hören wollen, nicht weniger stark ausgeprägt."

Imre Grimm zitiert die Guardian-Chefredakteurin Katharine Viner, die geschrieben hatte, die Technologie störe die Wahrheit.

"Denn was nicht in Zehntelsekunden auf Interesse stößt, wird ignoriert. Was substanziell, aber reizarm ist, wird aussortiert. Das führt zu einer Simplifizierung der Welt, einer Aufsplittung großer Zusammenhänge in disparate, leicht konsumierbare, grell ausgeleuchtete Einzelfacetten. Die Welt als Pushmeldung."

Und nun noch ein allerletztes Mal zurück zu Ben Smith. Das Interview endet nämlich sehr schön. Willi Winkler fragt Smith, der als Buzzfeed-Chefredakteur die Veröffentlichung des sogenannten Steele-Dossiers verantwortete: "Am Ende hat dieses Dossier Trump wahrscheinlich mehr als alles andere geholfen. Spüren Sie deshalb Reue?" Und Smith antwortet, nachdem er gesagt hat, dass er es nicht bereue. 

"Aber wenn Sie sagen 'am Ende' gerate ich in Verwirrung. Glauben Sie, dass wir das Ende erreicht haben? Das Ende von was?"

In diesem Fall: das Ende vom Altpapier. Und damit zum Korb.


Altpapierkorb (Google-Millionen, Medienstaatsvertrag, Krisenkommunikation, Vaunet, DuMont, Aurich, Nachrichtenwüsten)

+++ Um die Studie von Ingo Dachwitz und Alexander Fanta zu den Google-Millionen für Medienhäuser ging es hier gestern schon. Christian Meier hat die wichtigsten Aussagen für die Welt zusammengefasst (€). Daniel Bouhs berichtet für das NDR-Medienmagazin "Zapp". Er thematisiert die offenbar verflogenen Berührungsangste der Verlage.

+++ Mecklenburg-Vorpommern hat als letztes Bundesland zugestimmt, der neue Medienstaatsvertrag kann damit in Kraft treten, berichtet unter anderem dpa, hier zu finden bei Infosat.de. Zur Erinnerung: Der Vertrag ersetzt den Rundfunkstaatsvertrag, der die Regeln für den Rundfunk festgelegt hat. Der neue Vertrag gilt auch für Online-Plattformen.

+++ Steffen Grimberg bemängeltin seiner taz-Kolumne, dass öffentlich-rechtliche Sender sich mit Selbstironie schwertun.

+++ Über die neuen Corona-Regeln wurde schon berichtet, als die Bundesregierung noch gar nicht bekanntgegeben hatte. Wie kann das passieren? Und ist das wirklich in Ordnung? Ja, sagt Deutschlandfunk-Hauptstadtstudio-Leiter Stephan Detjen im Kollegengespräch mit dem Medienmagazin "@mediasres", das sei ganz normal, und man meint ein bisschen herauszuhören, dass die Interviewerin sich von den Antworten  noch etwas mehr erhofft hatte.

+++ Die privaten Medien wünschen sich mehr Hilfen in der Corona-Zeit. Das hat Annette Kümmel, die Vorstandsvorsitzende des Verbands Vaunet, in dem diese Medien sich zusammengeschlossen haben, am Mittwoch bei den Münchener Medientagen gesagt, wie die dpa berichtet, hier zu lesen beim Handelsblatt. Das meint zum einen Fördergeld, zum anderen aber offenbar vor allem auch weniger Beschränkungen, zum Beispiel bei der Werbung und beim Urheberrecht. Nun ja, die Gunst der Stunde. Vaunet hat übrigens soeben auch einen neuen Jahresbericht veröffentlicht.

+++ Das Kölner Medienhaus DuMont steckte vor Jahren offenbar unbemerkt von der Öffentlichkeitin großen finanziellen Schwierigkeiten, berichtet Gregory Lipinski für Meedia. "Die Ursachen waren: eine Fehleinschätzung über die Zukunft der Frankfurter Rundschau, der Berliner Zeitung und der Hamburger Morgenpost, alte Modelle, die in der digitalen Transformationszeit nicht mehr zeitgemäß waren, sowie unglückliche Personalentscheidungen", sagt Verlegerin Isabella Neven DuMont. Vor der Pleite hat das Unternehmen sich danach dann durch den Verkauf unter anderem der Berliner Zeitung und der Hamburger Morgenpost gerettet.

+++ Stefan Dunkmann, ehemaliger Mitherausgeber und Chefredakteur der Ostfriesischen Nachrichten betreibt in Aurich einen, nun ja, wie soll man sagen, ziemlich zweifelhaften Youtube-Kanal. Im Beitrag des NDR-Medienmagazins "Zapp" beschreibt er seine Vorstellung von Journalismus so: "Manchmal muss man vielleicht auch einfach mal auf den Busch klopfen und gucken, ob unten was rausfällt."

+++ Jannis Brühl berichtet für die SZ darüber, wie Facebook und Twitter in den amerikanischen Wahlkampf gezogen werden. Sehr schön beschrieben: "Lust auf eine noch aktivere Rolle haben die Konzernlenker sicher nicht. Die hohen Werbeumsätze ihrer Unternehmen basieren ja gerade darauf, dass sie sich zurücklehnen, während Milliarden Nutzer Beiträge veröffentlichen."

+++ Wo es keinen öffentlich-rechtlichen Rundfunk und dazu vielleicht auch noch Nachrichtenwüsten gibt, haben manipulative Medien leichtes Spiel. Die New York Times berichtet über ein Netzwerk aus 1.300 Websites und Zeitungen, die von einem ehemaligen Fernsehreporter betrieben werden, und die Meinungen in eine bestimmte Richtung drängen. Man kann sich die Recherche auch in einem Podcast anhören, dann braucht man etwa eine halbe Stunde Zeit.

Neues Altpapier gibt es am Freitag.

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