Das Altpapier am 30. Oktober 2020 Mitnahme- und Ablehnungseffekte

Die Berichte über Avignon zeigen, in vielen Online-Redaktionen hakt es im Redaktions-Getriebe, wenn es um schnelle, saubere Korrekturen von Fehleinschätzungen geht. Die Presseförderung des Bundes wird konkreter: Digitales soll nach ziemlich analogen Kriterien subventioniert werden. Außerdem geht die Diskussion um vermeintliche Fronten und Risse zwischen Twitteria und Print-Menschen weiter. Ein Altpapier von Nora Frerichmann.

Teasergrafik Altpapier vom 30. Oktober 2020: Porträt Autorin Nora Frerichmann
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Fehlendes Fehlerprotokoll

Beginnen wir mit einer rhetorischen Frage: Warum gibt es in vielen (Online-)Redaktionen eigentlich noch immer keine festen, funktionierenden Protokolle für Fehler-Korrekturen und klare Verantwortliche, die sich fix um Berichtigungen  und Aktualisierungen alter Artikel nach neuen Entwicklungen kümmern, grade auch in unübersichtlichen Gemengelagen nach Anschlägen wie in Frankreich? Keine Zeit, Hektik, Arbeitsverdichtung, kein Geld dafür, werden Sie jetzt wahrscheinlich sagen.

Die Berichterstattung über den zunächst "Medienberichten zufolge" mutmaßlich islamistischen Anschlag bei Avignon gestern zeigt, dass schnelle Berichtigungen und Aktualisierungen überholter Mutmaßungen augenscheinlich immer noch keine besonders hohe Priorität haben.

Zunächst dominierten Berichte, die die vereitelte Tat bei Avignon mit dem mittlerweile als islamistischen Terrorakt eingestuften Angriff mit drei Toten in Nizza in Verbindung brachten. Im Laufe des Donnerstagsnachmittags mehrten sich Stimmen, dass der von der Polizei getötete Angreifer wohl eher aus einem rechtsextremistischen Umfeld, dem Dunstkreis der Identitären Bewegung, stammte. Gestern Abend vermeldeten französische Medien auch die Bestätigung der Polizei, dass es sich in Avignon nicht um einen islamistischen Terrorakt, wie wenige Stunden zuvor in Nizza, handelte. Beim Spiegel hieß es dementsprechend recht schnell:

"Nach Angaben der Rechercheplattform 'Mediapart' und dem Sender LCI unter Berufung auf Polizeikreise soll es sich bei dem Angreifer in Avignon um einen 33-jährigen Identitären handeln. Demnach soll er einen Mann mit nordafrikanischen Wurzeln bedroht haben, bevor ihn die Polizei überwältigte."

Bei ZDF hieß es Donnerstagnacht allerdings noch in einer auf Agenturmaterial basierenden Meldung etwas verunfallt formuliert:

"Auch in einem Vorort von Avignon in Südfrankreich hatte zuvor einen islamistischen Vorfall. In Montfavet bedrohte ein Mann laut Polizeiangaben mehrere Passanten mit einer Pistole. Medien berichten, er habe ebenfalls 'Allahu Akbar' geschrien. Polizisten erschossen den Mann."

Auch bei der "Tagesschau" hieß es am Abend noch, bei Avignon habe "offenbar ein Islamist Passanten bedroht", bei der Rheinischen Post war von einem "mutmaßlich islamistischen Anschlag" die Rede und die taz stellte die Taten in Paris und Nizza in einem Text in eine Reihe mit Avignon, in dem es um "die neue islamistische Terrorwelle" geht.

Solche Fehleinschätzungen zu übernehmen ist ärgerlich, passiert in unübersichtlichen Situationen wie dieser aber leider immer wieder. Umso wichtiger ist in journalistischen Redaktionen aber - grade in Zeiten von gezielter Desinformation – ein klar geregeltes Protokoll für Fehlerkorrekturen und Aktualisierungen, das zu jeder Tages- und Nachtzeit greifen kann.

Darauf zu hoffen, dass sich Fehler online versenden ist so naiv wie gefährlich. Fehleinschätzungen sind im Netz nun mal sichtbarer und die Verantwortung schnell einzugreifen damit größer.

Digitalförderung nach analogen Kriterien

Das Konzept ist mit seinen vier mickrigen Seiten recht grob, aber seit gestern gibt es erste offizielle Planungen zur im Juli überraschend angekündigten Subventionierung der deutschen Presse.

Ziel der Förderung ist, wie Ulrike Simon bei Horizont + aus dem Konzept zitiert, der "Erhalt der Medienvielfalt und -verbreitung in Deutschland" sowie "die Stärkung des Journalismus und darin tätiger Medienschaffender für die Unterstützung des dringend gebotenen Transformationsprozesses".

220 Millionen Euro sollen deutsche Zeitungen, Zeitschriften und Anzeigenblätter im Zuge dessen bis 2022 zur Verfügung gestellt bekommen. Das Geld soll über Zuschüsse für  für Technik und Infrastruktur fließen, um irgendwie noch den Punkt "Staatsferne" argumentieren zu können.

Grundlage für die Förderung ist laut "@mediasres"-Reporter Christoph Sterz allerdings "etwas sehr Analoges" - die Abozahlen der zugestellten Zeitungen. Größere Zeitungen sollen Sterz zufolge entsprechend mehr Geld bekommen. Die Verlage erhalten demnach 45 Prozent und investieren aus eigener Tasche 55 Prozent. "@mediasres" rechnet vor:

"Eine kleine Lokalzeitung wie die Ostfriesen-Zeitung in Niedersachsen mit ungefähr 27.000 Abo-Kundinnen und –Kunden würde nach Berechnungen unserer Redaktion etwa 260.000 Euro bekommen, müsste aber selbst etwa 320.000 Euro investieren. Bei der größeren Süddeutschen Zeitung wären beiden Zahlen entsprechend mehr als zehnmal so hoch."

Bisher ist das alles recht holzschnittartig. Der Dortmunder Medienökonomie-Prof Frank Lobigs erwartet durch die Förderung hauptsächlich Mitnahmeeffekte:

"Es werden sich viele Verlage finanzieren lassen, was sie eh gemacht hätten und für mehr taugt das Konzept, meine ich, nicht",

sagte Lobigs Deutschlandfunks "@mediasres". Das Konzept sei so weit gefasst, dass fast alle Tätigkeiten im digitalen Bereich hineinfielen und die Verlage sicher "irgendwas finden, was da gut passt". Das Papier zeige außerdem "erschreckend wenige Vorstellungen davon, wie man überhaupt Wirkungen der Förderungen erzielen will".

Genaueres will das Wirtschaftsministerium in einer Förderrichtlinie festlegen. Auch andere Beteiligte wie das Finanzministerium, der Bundesrechnungshof und wahrscheinlich die EU-Kommission müssen den Plänen ja vorher noch zustimmen.

Bis dahin bleibt wohl die Gießkannen-Kritik der Grünen bestehen, wie auch die Forderung der Linken nach einer Garantie, dass die Mitarbeitenden der geförderten Verlagen mindestens tariflich bezahlt werden und im Zuge der Transformation kein Personalabbau betrieben werden darf.

Der BDZV spricht sich seit September ohnehin für eine andere Art der Förderung – über eine geringere oder komplett wegfallende Mehrwertsteuer – aus.

Das Riss-Phantasma

Wenn es um Kritik an der kritischen Auseinandersetzung mit Kritik an einem Artikel geht, tanzen wir hier hinter den Kulissen dieser Kolumne ja bekanntlich im Kreis, feiern ein Medienmeta-Fest und schmieren unseren Senf noch auf den ganzen Stapel oben drauf.

Um die ganze Sache auch für Nicht-Medienmeta-Nerds einigermaßen verständlich zu machen, muss ich etwas ausholen: Erinnern Sie sich an die Diskussion um den Artikel "Igor Levit ist müde" in der Süddeutschen? Im Altpapier war die Kritik, unter anderem an antisemitischen Denkmustern in dem Text, zum Beispiel vergangene Woche Thema ebenso wie die Kritik an dieser Kritik. Tenor derer war in etwa, dass publizistische Freiheit von einer "neuen linken Meinungsführerschaft" bei Twitter gefährdet sei und Redaktionen sich diesem Druck zunehmend beugten.

Nun gibt‘s noch zwei Stufen oben drauf: In der Zeit diagnostiziert der Lüneburger Kulturwissenschafts-Prof Andreas Bernard auf dieser Diskussion fußend einen "Riss zwischen Social-Media-Community und institutionalisiertem Journalismus", was sich wiederum sezieren lässt. Aber eins nach dem anderen...

Bernard zeichnet in dem Text unter anderem ein Gegeneinander von Twitteria und Print-Publikationen. Die Twitter-Kritiker:innen verstünden sich ausdrücklich als "als Gegengewicht zu den Massenmedien und dem traditionellen Feuilleton" und griffen die arrivierten Medienhäuser unentwegt an, klopften sie auf Verfehlungen ab:

"Die Geschosse der Tweets feuern auf ihre Ziele, verdichten sich, bilden hashtaggebündelte Formationen. Gleichzeitig erscheint Twitter für die Gemeinschaft der Nutzer als moralisches Korrektiv, als Forum besonderer Integrität, das etwa eine Zeitung für die Publikation eines verfehlten Textes haftbar machen kann (wie es im Fall der Süddeutschen Zeitung auch gelungen ist)."

Diese Skizze zweier Fronten - Kritik via Twitter vs. traditionelle Redaktionen - die der Kulturwissenschaftler da diagnostiziert, ist mindestens simplifizierend und ignoriert die Verschränkung zwischen beiden Seiten. Auf Anhieb lässt sich eine Handvoll Nutzer:innen nennen, die die Plattform einerseits für (Medien-)Kritik nutzen, andererseits aber auch selbst für "die alten Institutionen", wie Bernard sie nennt, arbeiten (Hasnain Kazim, Nicole Diekmann, Georg Diez, Johannes Franzen…).

Franzen, einer dieser Doppelagenten (der u.a. für FAZ, taz und Zeit schreibt), spießt die Verinfachung Bernards natürlich prompt – wo sonst geht es schnell, umfassend und aufmerksamkeitsträchtig? – bei Twitter auf:

"Was der Artikel über den angeblichen Riss zwischen Twitter und Print zeigt, ist, dass man - um das Phantasma dieses Risses aufrecht erhalten zu können - gerade die Regeln, die etablierten Journalismus doch eigentlich auszeichnen sollten (richtig zitieren) vernachlässigt."

Franzen sieht sich in dem Text mehrfach falsch oder verkürzend zitiert. Denn Bernard klaubt darin  verschiedene Twitter-Zitate zusammen, um seine Riss-These zu belegen, ohne jedoch transparent zu machen, woher diese Aussagen genau kommen.  Damit pansche er "eine narrative Verfügungsmasse" zusammen, "bei der man nach Herzenslust zusammenschieben und erfinden kann", kritisiert Franzen.

Warum ich dieses Scharmützel hier so breit ausrolle? Es illustriert mal wieder ein großes Missverständnis, wahrscheinlich auch eine gewisse Eitelkeit und Angst vor Machtverlust von Publiziste:innen, die damit sozialisiert wurden, erst mal unwidersprochen veröffentlichen zu können und sich abseits der eignen Redaktion nicht so schnell und umfassend mit Einwänden konfrontiert zu sehen.

Analyse von und Kritik an Erregungsspiralen bei Twitter natürlich richtig und wichtig. Das Heraufbeschwören simplifizierter Fronten ist dafür aber wohl eher kontraproduktiv.

Im taz-Interview von Simon Sales Prado beleuchtet die Bestseller-Autorin Morgan Jerkins eine andere ebenfalls schon oft betonte Seite der Twitter-Medaille – die einige Medienschaffenden im Ringen um Deutungshoheit wohl Angst macht. Die Schwarze US-Amerikanerin hat die Essaysammlung "This Will Be My Undoing" geschrieben und lehrt in diesem Wintersemester als Gastprofessorin für Literatur an der Universität Leipzig.

"Twitter baut (...) Wissenshierarchien ab, die bestimmen, wer als schlau gilt, wer mitreden darf. Ohne Twitter wäre ich heute nicht hier",

erzählt sie aus eigener Erfahrung. Auch das bringt sicherlich nicht ausschließlich rosa Wolken und Regenbögen mit sich, ist aber ein Faktor, mit dem Publizist:innen weiterhin lernen müssen, umzugehen.  


Altpapierkorb (Spiegel-Kommission zu Leyendecker-Text, neue Facebook-Podcast, VAUNET will Corona-Hilfen)

+++ Auch heute geht die Reihe der Geschenk-Papiere zu unserem 20. Jubiläum weiter: Im Laufe des Tages geht eine sehr lesenswerte "Presseschau durch die Menschheitsgeschichte" von der Steinzeit bis zur Nachkriegszeit online. Geschrieben hat den nicht satire-freien Longread der scharfsinnige Lorenz Meyer, den Sie sicher vom BILDblog kennen.

+++ Der Spiegel hat 27 Jahre nach Veröffentlichung des Textes "Der Todesschuß" über die vermeintliche Hinrichtung des RAF-Terroristen Wolfgang Grams einen Bericht über die interne Prüfung der damaligen Recherchen und Vorkommnisse veröffentlicht. In der aktuellen Ausgabe schreibt die Spiegel-Kommission über den Fall: "Nach vielen Gesprächen mit damals Beteiligten – innerhalb und außerhalb der Redaktion – ist die Kommission zu der Überzeugung gelangt, dass der SPIEGEL mit der Berichterstattung über die Abläufe in Bad Kleinen auf Basis einer mangelhaft geprüften und falschen Aussage einen journalistischen Fehler begangen hat." Trotz erheblicher Zweifel an der Glaubwürdigkeit der Quelle habe die Redaktion die Unstimmigkeiten nie aufgeklärt.

Die Süddeutsche, bei der der verantwortliche Autor Hans Leyendecker lange arbeitete, kritisiert den Umgang des Spiegels mit dem Journalisten und einige der Unterstellungen. Sie betitelt einen entsprechenden Text mit "Die Schuldvermutung"

+++ Der WDR-Intendant und turnusmäßige ARD-Vorsitzende Tom Buhrow hält eine gemeinsame Mediathek mit dem ZDF für denkbar: "Ich finde, das ist der Zug der Zeit", sagte Buhrow laut dwdl.de bei den Medientagen München.

+++ Mehrere US-Zeitungen empfehlen die Wahl des Demokraten Joe Biden zum Präsidenten, berichtet Nina Rehfeld in der FAZ (€). Sie wirft einen Blick aus die Tradition der Wahlempfehlung und dröselt die aktuellen Diskussionen darum auf.

+++ Mit dem "Facebook-Briefing" geht das Netzwerk jetzt selbst unter die deutschsprachigen Podcast-Produzent:innen. In der ersten Folge sprechen die Psychologin Pia Lamberty und Johannes Baldauf, Facebooks Public Policy Manager, mit Host Hendrik Wieduwilt über Verschwörungserzählungen.

+++ Mit "Late Night Alter" ist gestern Abend die neue Show auf dem ehemaligen Sendeplatz des "Neomagazin Royale" gestartet. Voraus blickte bei dwdl.de Senta Krasser. Rückblickend meint Alexander Krei eben dort nach der ersten Sendung am Donnerstagabend: "Noch greift kein Rad ins andere; wirkt die gesamte Sendung wie ein viel zu lang geratenes YouTube-Video. Klar ist aber auch: Late Night benötigt Zeit. Das war bei Schmidt ebenso wie bei Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf der Fall."

+++ Das CPJ (Comittee to Protect Journalists) hat den Global Impunity Index 2020 veröffentlicht. Die Liste zeigt, in welchen Ländern die meisten Journalist:innen-Morde ungestraft bleiben. Somalia, Syrien und Irak stehen in diesem Jahr ganz oben auf der Liste. Seit 2019 hat sich dabei nicht so viel verändert.

Neues Geschenk- und Altpapier gibt's wieder am Montag. Erholsames Wochenende!

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