Collage zur Medienkolumne "Das Altpapier" zum Thema: Ministerpräsidentenkonferenz zur Zukunft der Öffentlich-Rechtlichen und Prominente als Namensgeber für Zeitschriftentitel
Bildrechte: Collage MEDIEN360G / panthermedia / dpa / mdr

Das Altpapier am 20. Oktober 2017 Portemonnaie im Blick

Die Ministerpräsidenten schweigen noch, aber neue Ideen für ARD, ZDF und die bessere Verwendung von Rundfunkgebühren gibt es natürlich trotzdem. Deutsche Medien überlassen den Protest gegen Missstände gerne den Betroffenen, und das ist schlecht. Die mysteriösen Listen des BKA beim G20-Gipfel bleiben mysteriös. Staunen, Schmunzeln und Weitererzählen: Auf Barbara und Daniela folgt Eckart von Hirschhausen, das Magazin. Ein Altpapier von Juliane Wiedemeier.

Collage zur Medienkolumne "Das Altpapier" zum Thema: Ministerpräsidentenkonferenz zur Zukunft der Öffentlich-Rechtlichen und Prominente als Namensgeber für Zeitschriftentitel
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Bei Welt.de kann man schon mal abstimmen: "Sollen ARD und ZDF zu einem Fernsehsender fusionieren?" Ja? Eher ja? Oder doch nein? Die Mehrheit tendiert derzeit zu Ersterem, was nur ein mittleres Wunder ist, wenn man bedenkt, dass die Befragten ihre Informationen aus einem Produkt aus dem Hause Geschmack-von-Nordkorea-Döpfner beziehen und es sich zudem um Leute handelt, die in ihrer Freizeit gerne seltsame Umfragen bei Welt.de beantworten.

Damit herzlich Willkommen zu Tag fünf in der "Woche der Entscheidung" (Altpapier am Mittwoch), in der alle noch mal ihre Meinung zum öffentlich-rechtlichen System aus dem Fenster hängen und damit den Hintergrundsound stellen für die Ministerpräsidenten, die seit gestern und bis heute u.a. über dessen Zukunft und Finanzierung debattieren (s.a. Altpapier gestern).

Damit niemand ungeduldig wird: Wirklich Neues aus der Sitzung ist bislang nicht nach außen gedrungen.

Daniel Bouhs hat vor der Saarbrücker Tür von Schloss Halberg ein paar Zitate eingesammelt und vertwittert wie etwa

"'ÖRR muss weiter Qualität bieten können, wir müssen aber auch das Portemonnaie der Bürger im Blick haben - ein Spagat': @ManuelaSchwesig."

"ARD auf Regionales begrenzen, @tagesschau killen? 'Absolut nicht diskutabel': Rundfunkkommission-Vorsitzende Malu Dreyer."

Michael Hanfeld macht daraus in der für seine Privatfehde reservierten rechten Spalte auf der FAZ-Medienseite (0,45 Euro bei Blendle) (mag sich vielleicht mal, by the way, eine Bachelorarbeit der Frage widmen, um was für eine Textgattung es sich dabei handelt? In Aussicht steht die Entdeckung einer neuen meinungsäußernden Darstellungsform, FAZismus oder so), die "Wortmeldungen der Ministerpräsidenten zu ihrer Beratung einer womöglich großen, wahrscheinlich aber kleinen, wenn nicht gar ausfallenden Reform des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sind eine Kakophonie sondergleichen", während es die dpa (veröffentlicht bei Meedia) bei der neutralen wie nichtssagenden Aussage "Die Ministerpräsidenten der Länder sehen parteiübergreifend Nachbesserungsbedarf bei den Plänen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks für Einsparungen und Strukturreformen" belässt. Dort steht aber auch, dass die offizielle Äußerung der Ministerpräsidenten erst im März des kommenden Jahres zu erwarten sei. So lange muss aber natürlich niemand auf neue Meinungsbeiträge warten.

Auch ne Idee: ARD-Anstalten einstampfen und vom Eingesparten Sat1 fördern

Auftritt Conrad Albert, Vorstand bei ProSiebenSat1 und heute Interviewpartner von Caspar Busse auf der SZ-Medienseite.

"Brauchen wir wirklich zwei Anstalten, also ARD und ZDF? Brauchen wir wirklich jede einzelne ARD-Anstalt, sei sie noch so klein? Brauchen wir zwei sich überlappende Korrespondentennetzwerke? Brauchen wir mehr als 200öffentlich-rechtliche TV-, Radio- und Digitalangebote?",

fragt dieser, natürlich rein rhetorisch, denn die Antwort, was von dem eingesparten Geld statt einzelner ARD-Anstalten und überlappender Korrespondentennetzwerke bezahlt werden sollte, hat er gleich mitgebracht:

"Der Inhalt zählt! Daher sind wir davon überzeugt, dass relevante Inhalte gefördert und finanziert werden sollten – und zwar unabhängig davon, wer sie sendet oder produziert – und nicht einzelne Sender oder Institutionen. Unsere Sender erreichen das Publikum, das ARD und ZDF nicht haben.(…) Wir erreichen junge Menschen und leisten schon heute einen wertvollen Beitrag zur Grundversorgung – den wollen wir in Zukunft weiter ausbauen. Von der öffentlichen Finanzierung sind wir aber bislang ausgenommen."

Bäm! Bzw. schon lustig, wie entspannt alle Kritiker der Rundfunkgebühren immer werden, wenn es darum geht, dass sie selbst von den Einnahmen profitieren könnten.

Immerhin: der Mann spricht für einen Privatsender, da sind die Interessen offensichtlich.

Dass es beim sachsen-anhaltischen Staatskanzleichef Rainer "Fünf-Minuten-Fame-dank-Tagesschauabschaffungsforderung" Robra nicht ganz so einfach ist, hat Jürn Kruse für die taz aufgedröselt:

"Warum nur redet Robra in dem Interview nicht über eine Eingliederung des ZDF in die ARD? Und warum kommt er nicht ein einziges Mal auf die Idee, dass die Akzeptanz der Öffentlich-Rechtlichen erhöht werden könnte, wenn sich die Parteien zu größeren Teilen aus den vielen Gremien – den Verwaltungs-, Rundfunks- und Fernsehräten – zurückziehen würden (es war schließlich nie so gedacht gewesen, dass sich CDU, CSU, SPD und Co. in allen Gremien breitmachen)?

Vielleicht weil Rainer Robra Mitglied des ZDF-Fernsehrats ist. Vielleicht. Aber das eine hat mit dem anderen bestimmt nichts zu tun."

Wer sich in der Öffi-Debatte an Neutralität versucht und wen sie wenig interessiert

Verwicklungen aller Orten, die es nicht leichter machen, sachlich über die Öffentlich-Rechtlichen zu debattieren. Einen Versuch, es als Beteiligter trotzdem hinzubekommen, hat die "Tagesschau" unternommen und gestern einen Schwerpunkt zum Thema Strukturreform produziert, den man als Einstieg in die Debatte durchaus nutzen kann. Falls Sie die vergangenen Wochen in einem Erdloch verbracht haben bzw. gerne noch einmal ein Best-of von Mathias Döpfners BDZV-Taschenlampen-Rede (Altpapier) sehen möchten, nehmen Sie sich die zehn Minuten Zeit.

Zu Gute halten muss man dem Beitrag, dass mit Michael Hanfeld einer der größten Öffi-Kritiker ausführlich zu Wort kommt und auch gleich mit dem Vorwurf konfrontiert wird, er schreibe "kampagnenartig von Zwangsgebühren" (Provokation gehöre halt dazu, lautet Hanfelds Antwort).

Andererseits ist er dramaturgisch so aufgebaut, dass Vertreter der Sender wie Hermann Eicher, Justiziar des SWR ("Wir sind nicht ihr Problem", sagt er den Verlagen) oder Tommy Buhrow ("Wir suchen nicht die Konfrontation, aber wir haben auch lange die andere Wange hingehalten, ganz staatstragend und verständnisvoll") das letzte Wort haben. Und wenn man DJV-Chef Frank Überall interviewt, dann sollte man doch darauf hinweisen, dass jemand, der auf der Website des WDR als freier Mitarbeiter vorgestellt wird, eventuell nicht ganz der neutrale Beobachter ist, als der er verkauft wird.

Höchste Zeit, sich zu fragen, ob es eigentlich auch Medienmacher gibt, an denen diese Debatte vorbeigeht? Altpapier-Kollege Christian Bartels hat sie in seiner Medienkolumne bei evangelisch.de gefunden, in Form der Privatradios. Zumindest öffentlich stören die sich etwa an der neuen ARD-Audiothek viel weniger als die Verleger an tagesschau.de. Warum?

"Falls die Privatradios, die den Umstieg aufs Digitalradio (…) stemmen sollen, sich auch noch beklagen würden, dass die 'Audiothek' ihnen Hörer wegnimmt, hätten sie durchaus recht. Vermutlich werden sie es deshalb nicht tun, oder eher: bloß reflexartig, weil sie viel größere Gefahren kennen: Streamingdienste wie Spotify oder – weil immer nur die Marktführer zu erwähnen, ja deren Stellung stärkt – das für Freunde klassischer Musik empfehlenswerte Berliner Start-up Idagio, knapsen viel mehr vom Zeitbudget potenzieller Radio-Hörer ab."

Übertragen würde das allerdings bedeuten, dass deutsche Verlage kein größeres Problem kennen als ARD und ZDF. Was die Frage aufdrängt, ob man beispielsweise bei der FAZ in den vielen Jahren unter Frank Schirrmacher eigentlich mal das eigene Feuilleton gelesen hat?

#Metoo ist überall

Beantwortet wird stattdessen an dieser Stelle eine andere Frage aus dem Altpapier vom Mittwoch, nämlich, wann sich deutsche Schauspielerinnen zu #metoo zu Wort melden?

Gestern bei Spiegel Online war das der Fall:

"'Die Täter haben auch deshalb so eine Macht, weil sie von dem Schweigen der Opfer und deren Scham profitieren', sagt Nina Brandhoff. Die 42-Jährige spielt regelmäßig in Serien wie 'Um Himmels Willen', die 'Rosenheim-Cops' oder 'Der Bergdoktor' - und hat erst vor Kurzem von einem Regisseur, der ihr eine Rolle in Aussicht stellte, den Satz zu hören bekommen: 'Ich würde jetzt gern deine Brüste aus deinem Ausschnitt holen und daran herumspielen.'

Und Brandhoff ist offenbar nicht die einzige Schauspielerin, die so etwas erlebt. Nach einem Aufruf von SPIEGEL ONLINE meldeten sich Dutzende, die Ähnliches berichten, fast niemand traut sich wie Brandhoff, dies unter ihrem Namen zu tun."

Auch Du, Deutschland, also.

Der Text stammt von Julia Köppe - natürlich einer Frau, wie vermutlich Johannes Kram sagen würde, der beim Bildblog der Debatte noch einen weiteren Spin verleiht:

"Gerade weil Frauen die Opfer des Missstandes sind, müsste die journalistische Debatte doch so laufen, dass es nicht zum Frauen-Thema gemacht wird, dass es nicht vor allem Frauen sind, die hier Veränderungen fordern. Wenn es vor allem Frauen sind, die diese Debatte führen müssen, bleibt der Eindruck der Befindlichkeit. (…)

Deutsche Medien neigen oft dazu, gesellschaftliche Konfliktthemen den 'Betroffenen' aufzubürden, was dazu führt, dass diese vor allem als Bittsteller wahrgenommen werden. Warum waren es fast immer Lesben und Schwule, die in Talkshows erklären mussten, warum sie nicht diskriminiert werden wollen?"

Wenn die angesprochenen Sendungsredaktionen mit der Analyse ihrer AfD-Einladungspolitik durch sind, können sie da ja gleich weiter machen.

Altpapierkorb (G20-Akkreditierungen; Eckart, das Magazin; 50 Jahre ungelöstes Aktenzeichen, ein BWLer als Chefredakteur)

+++ Journalisten, die auf Listen standen, die es nicht hätte geben dürfen: Über neue Entwicklungen bei den entzogenen G20-Gipfel-Akkreditierungen informiert bei den Faktenfindern der "Tagesschau" Patrick Gensing. Auch die taz macht das zum Thema.

+++ Jetzt wollen die Leute nicht mal mehr die Landlust kaufen und weitere Erkenntnisse aus den aktuellen IVW-Zahlen haben DWDL und Meedia.

 +++ So erklärt sich eventuell, warum Gruner+Jahr für seinen Stern-Ableger Gesund Leben nun Eckart von Hirschhausen als Chefreporter und Dauer-Coverboy verpflichtet hat. "Stern Gesund Leben mit Dr. Eckart von Hirschhausen zeigt die Freude am Leben, das Wunderwerk Mensch und lädt zum Staunen, Schmunzeln und Weitererzählen ein", freut sich die Pressemitteilung schon heute auf den Launch im Januar. Wer die Barbara schon ausgelesen hat und nicht so lange warten mag: Bereits am Mittwoch hat der Bauer-Verlag Daniela Katzenberger, das Magazin (¯\_(ツ)_/¯) an den Kiosk gebracht, das sich in "nichts von den üblichen Bauer-Blättern unterscheidet. Nur, dass die gängigen Themen – Deko fürs Heim, Adel und Prominente, Rezepte, Frisuren und Familie – über Daniela Katzenberger verkauft werden", wie Silke Burmeister heute auf der SZ-Medienseite schreibt. Vier Hefte, die uns gerade noch gefehlt haben ("Jupp - Jugend heute") finden sich dort auch.

+++ Die Meinung von Christian Meier und Stefan Winterbauer zu diesem sowie anderen Themen lässt sich in der aktuellen Ausgabe des Medien-Wochen-Podcasts nachhören.

+++ Hätten Sie’s gewusst? Instant Articles gibt es noch, und nun sollen sogar Bezahlschranken in sie integriert werden, wie Facebook selbst ankündigt.

+++ "Aktenzeichen XY… ungelöst" hält sich hartnäckig erfolgreich, seit 50 Jahren und durch alle Brillenmoden hindurch. Kurt Sagatz im Tagesspiegel und Klaus Deuse bei @mediasres blicken zurück.

+++ "Die Qualifikation eines Chefredakteurs, die in der Regel auf Ausbildung und jahrelange Erfahrung und inhaltliche Auseinandersetzungen beruht, wird ersetzt durch die Fähigkeit, Geschäftsfelder und Kooperationen zu erschließen. Das ist nicht nur ein Schlag in das Gesicht all jener, die sich den Ansprüchen dieses Berufs verpflichtet fühlen, es zeigt auch deutlich, welchen Stellenwert Journalisten im Hause Gruner+Jahr noch haben und was der Verlag von seinen Leserinnen und Lesern hält – wenig." Silke Burmester analysiert bei Übermedien die Chefpostenvergabe bei der Zeitschrift Eltern an den BWLer Bernd Hellermann.

+++ Ebenfalls bei Übermedien: Boris Rosenkranz über Fake-Verwirrungen bei der baden-württembergischen Landesmedienanstalt.

+++ Über die Geschichte des Serienbooms, das Budget von Netflix und die Frage, wie viele Hochglanzserien sich in einer Arbeitswoche überhaupt sehen lassen, macht sich Axel Weidemann auf der FAZ-Medienseite Gedanken (0,45 Euro bei Blendle).

+++ Früher Spiegel-Titel-Chef, heute Moderator beim Hamburg 1: Für Ulrike Simon ein guter Grund, Stefan Kiefer ihre Spiegel Daily-Kolumne zu widmen.

+++ Wie der Spiegel mit seinem Täglich-Bezahl-Versuch setzt auch der Deutschlandfunk mit dem Podcast "Der Tag" auf den Veröffentlichungszeitpunkt 17 Uhr. Für die aktuelle Ausgabe epd medien (derzeit nicht online) hat Alexander Matzkeit reingehört und meint: "Es kommt nicht so oft vor, dass man als Hörer täglich dabei sein kann, wenn eine Redaktion herausfindet, wie ein neues Dispositiv ihre gelernten und geplanten Formen und Inhalte verändert. Das alleine ist schon spannend, auch wenn die Sendungen es nicht immer sind." Außerdem in der Ausgabe: Berichte aus den Jurys des Robert Geisendörfer Preises.

Das nächste Altpapier erscheint am Montag. Schönes Wochenende!