Das Altpapier am 3. Dezember 2020 “Crisis? What crisis?“ (Supertramp)

Der Streit um den Rundfunkbeitrag beschwört eine Regierungskrise. Und manche Talkshow-Schlagabtausche evozieren mehr Reaktionen als andere.

Teasergrafik Altpapier vom 3. Dezember 2020: Porträt Autorin Jenni Zylka
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Whazzupp in Sachsen-Anhalt?

Hupsi, scheint als wurstelten sich die Medien immer noch am gleichen Thema wie zum Beispiel gestern und vorgestern ab: Darf der Rundfunkbeitrag, wie einst im Juni angekündigt, (hier ein Beweis aus der SZ), nun zum nächsten Ersten teurer werden? Oder nicht? Die einen berufen sich auf “Beitragsstabilität“, die eine Erhöhung verbiete, die anderen auf die Inflation. Und droht mit der Weigerung Sachsen-Anhalts, die Erhöhung mitzutragen, und dem möglichen Schulterschluss mit der AfD, ein “zweiter Fall Thüringen“, wie der Spiegel in seiner Zusammenfassung fragt? Und mutmaßt:

“In Sachsen-Anhalt ist die Situation allerdings anders als in Thüringen. Während Kemmerichs Wahl in Thüringen überraschend kam, sind hier alle Szenarien bereits absehbar: Scheitern der Koalition, Rücktritt des Ministerpräsidenten, zudem die bundesweiten Auswirkungen, wenn der Staatsvertrag scheitert. Derzeit lässt sich nichts ausschließen.“

Na dann schließen wir zunächst auch nichts aus, und überlegen lieber, ob der Tagesspiegel mit seiner noch finstereren Prognose diesbezüglich Recht haben könnte:

“Die Rundfunkpolitik hat es wieder einmal nicht geschafft, Maß und Mitte für diesen Rundfunk zu definieren“

bestätigt man dort das Dilemma, und konstatiert düster weiter:

“Rundfunkpolitik mit den Stimmen der AfD zu machen, ist ein Desaster. Weil es eben keine vorausschauende, zielführende Politik ist, dafür eine destruktive. Die 86 Cent zu verweigern, ist keine Heldentat von Asterix und Obelix, sondern das Versagen eigener Anstrengung, wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk sparsam und effizient zu arbeiten hat.

Handfeste Regierungskrise?

Wobei Asterix und Obelix sich auf den kurz darüber gezogenen Vergleich von Sachsen-Anhalt mit einem “kleinen gallischen Dorf“ beziehen. Die taz widmet sich ebenfalls der “Regierungskrise in Sachsen-Anhalt“, und schaut sich genau an, was die AfD aus der Sache mitnehmen kann:

“Die CDU würde der AfD damit auch zu einem symbolträchtigen Erfolg bei einem ihrer Kernthemen verhelfen: der Schwächung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Die Brandmauer zu den radikal Rechten würde weiter zerbröseln. Und die Kenia-Koalition vermutlich platzen. Doch um der Gebührenerhöhung zuzustimmen, dafür hat sich die CDU seit Langem zu sehr festgelegt. Die CDU steckt also in der Klemme – genau dort, wo die AfD sie haben will. Deren Ziel ist es, die Christdemokraten weichzukochen.“

Vielleicht müsste man mal einen schicken Thinktank dazu zusammenstellen, ob und wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk seinen Leumund verbessern könnte. Zum Beispiel durch Arbeiten an der Transparenz der Ausgaben – es macht einen schlechten Eindruck, wenn die einzigen konkreten Beträge, die einem spontan zum ÖR einfallen, die Gehälter der Intendant*innen sind. Oder durch genaueres definieren, was ohne die 86 Cent Erhöhung eingespart werden müsste – und dann bloß nicht mit undurchsichtigen Informationshonoraren, Mitarbeiter*innen-Umzugskosten oder ähnlichem kommen, sondern unbedingt mit Tatort- oder Politmagazin-Produktionsgeldern! Den einschlägigen Werbeagenturen fiele bestimmt etwas ein – aber wie rechnet man deren Kosten ab...? It’s a drag.

Team Plasberg vs. Team Will

Und darum noch kurz zu etwas anderem, bitte: Manchmal versteht man diese komischen Medien aber auch nicht. Über den wirklich nur ein kleines bisschen rotznäsigen Frank Plasberg-Lapsus, mit dem der Moderator auf seine Unsicherheit gegenüber gendergerechter Sprache hinwies (Montagabend bei der ansonsten sehr interessanten Coronaimpfungs-“Hart aber fair“-Sendung, Plasberg sagt: “Reaktionen der Zuschauerinnen und Zuschauer – oder wie sagt man heute, Zuschauer*innen?“ und weist dann in einem knappen, quasi-virtuellen Schenkelkopfmoment darauf hin, dass heute Montag, und nicht der – gendergerechte - Anne Will-Sonntag sei, hier ist die ganze Sendung, das kleine Geplänkel kommt ab der 57. Minute), über diesen wirklich zu vernachlässigenden Schlagabtausch, über den ich quasi jetzt schon mehr geschrieben habe als nötig, Entschuldigung, darüber echauffieren sich jedenfalls seitdem mehrere Nachrichtenportale wie watson, Focus und DerWesten, pochen auf empörte Tweets und beschwören fast eine generalstabsmäßig angelegte Fehde zwischen Plasberg und Will.

Team Verbot vs. Team Wissenschaft

Dagegen, und das ist das Verwunderliche, blieb die große, laute, langanhaltende Empörung in Bezug auf Jörg Thadeuzs’ unverständlichem Verhalten gegenüber seiner Gesprächspartnerin Maja Göpel aus, und über die in seiner RBB-Talkshow vom 20.11. angebrachte Vermutung, aus Umweltgründen ausgesprochene Ausschlusskriterien zum Beispiel für SUVs anzuwenden, käme einem staatlichen Verbot gleich. (Die Linken wollen uns die SUVs verbieten! Erst die Wurst, und dann auch noch das!). Samira El Ouassil schrieb zum Glück im Spiegel darüber, nämlich unter dem Titel “Verbotskritik verbieten!“ eine Abhandlung über das V-Wort, hier ein Auszug:

“Dieses riesengroße Stoppschild der Verbotsrhetorik verbreitet effektiv Panik vor autoritärem Paternalismus. Doch wenn man sich die Forderungen mal genauer anschaut, erkennt man, dass oft nur über Ampeln gesprochen wird, bei denen wir eben bei Rot stehen bleiben sollen. Ist jede rote Ampel ein Fortbewegungsverbot? So wie das Wort »Verbot« in politischen Diskursen rund um Covid-19, Klima oder Sprache verwendet wird, handelt es sich meist um einen Kategorienfehler. Jedenfalls wenn es die Einschränkung einer Freiheit meinen will und daraus ableitet, dass jede Einschränkung automatisch ein Verbot sein muss.“

Es gab jedoch noch viel, viel mehr an der Art der Gesprächsführung auszusetzen – wie und wann zum Beispiel das Wort “apodiktisch“ gebraucht wurde, darüber könnte man eine eigene Metakommunikationsabhandlung schreiben. Braucht man zum Glück aber nicht – denn Göpel hat sich in der genannten Talkshow dermaßen eloquent, strukturiert und überzeugend selbst verteidigt, dass man ihr einen Preis verleihen sollte. Für das Wahrnehmen, Zusammenfassen und dennoch nicht Vermischen von sachlichen und persönlichen Ebenen – ihren Interviewer mit den Worten “ich möchte wirklich wissen worauf Sie hinauswollen“ anzugehen, war hervorragend. Ich weiß ja, Äpfel und Birnen beziehungsweise unterschiedliche Talkshows mit unterschiedlichen Themen und Moderator*innen kann man nicht einfach so vergleichen. Doch dass bei ersterer erwähnter Talkshow twitter-, Newsportal- und zeitungsweit ein Streit konstruiert, bei zweiterer jedoch der tatsächlich stattfindende Streit größtenteils nur auf social media beachtet wurde, ist kurios. Und wird auch daran liegen, dass das eine in der ARD, das zweite im RBB stattfand. Womit wir mit einer unschönen, etwas bemühten Schlangenbewegung wieder ein kleines bisschen am Anfang, dem Staatsvertrag der Bundesländer wären, zumindest bei der Struktur, die all dem zugrunde liegt. Ach Gottchen, es hört einfach nicht auf.

Altpapierkorb (Live-Berichterstattung zu Trier, dem Bayerischen Rundfunkrat und spionierenden Knopfaugen)

+++ Noch so ein ewiges Thema: Hier kritisieren übermedien die immer wieder gleich ärgerliche Live-Berichterstattung kurz nach Straftaten, über die man noch nichts weiß, und die sich darum in der Abfrage von Befindlichkeiten ergehen.

+++ Die Süddeutsche berichtet hier von einer Initiative der Landtags-Grünen in Bayern, um den Rundfunkrat in Bayern diverser zu machen! Halleluja!

+++ Die taz warnt hier vor spionierenden Knopfaugen im Kinderzimmer (aka smart Spielzeuge, die mit dem Internet verbunden sind und Daten an Werbetreibende verkaufen), und ich möchte nur mal kurz darauf hinweisen, dass Spielzeug AN SICH mitnichten über jeden Zweifel erhaben ist. Das weiß man doch spätestens seit Toy Story 3, in dem eine mafiös aufgestellte Spielzeugtruppe die Kindertagesstätte “Sunnyside“ kontrolliert, und sich nachts mit Barbie-Ken zum Zocken trifft. Großartig.

Neues Altpapier gibt es am Freitag.

3 Kommentare

Thomas T vor 12 Wochen

Grimme glaubte fest daran, dass sich die „Grundgesetze des Rundfunks“, der Wille zu „Objektivität“ und „Qualität“ durchsetzen würden und der Rundfunk ein Mittel sei, um die Demokratisierung voranzubringen. Der Rundfunk als „Erzieher zum Qualitätsgefühl“ dürfe allerdings „nicht der verführerischen Jagd nach Popularität verfallen.“
Unser Rundfunk als „Geschenk“! Wenn ich mir die Informationswüsten anschaue - und dafür brauche ich nicht nach Brasilien zu schauen, wo sich die meisten Menschen nur Whatsapp als Informationskanal leisten können, oder in die USA, wo in ländlichen Gebieten Foxnews die Meinungsbildung beherrscht oder auch Deutschland, wo der Kahlschlag bei der lokalen und regionalen Presse ernüchternd ist – dann bin ich froh, das wir diese Vielfalt noch haben. Und verdammt noch mal, 86 Cent sind weniger, als der Flutschfinger beim Kiosk meines Vertrauens kostet.
Macht doch Mal den BBC-Test hier in Deutschland, dann wird man sehen, wie groß der Verlust wäre.

Thomas T vor 12 Wochen

Erinnert sei hier an die Antrittsrede von Adolf Grimme, der im November 1948 das Amt des Generaldirektors des NWDR übernahm und über „Das Ethos des Rundfunks“ sprach. Mit Blick auf die wenig gefestigte demokratische Kultur in Deutschland sagte er, es sei nicht so sehr die Frage wichtig, „was die Hörer erwarten, sondern was sie erwarten sollten.“ Er hielt es für die vornehmste Aufgabe des Rundfunks, „diese berechtigten Erwartungen erst einmal zu wecken.“ Mit der Bemerkung, der Rundfunk sei als „Geschenk“ zu betrachten und müsse ein „Instrument des Dienstes am ganzen Volk“ werden, knüpfte Grimme indirekt an den Gründungsmythos der Weimarer Republik an, die als Ort der verfassungsgebenden Nationalversammlung Weimar gewählt hatte als Angebot an alle Deutschen, die Republik mit aufzubauen.

Thomas T vor 12 Wochen

Im Januar 2018 hat das ZAPP-Magazin über einen bemerkenswerten Versuch der BBC berichtet, die auf das Kostenargument und den Einwand vieler, die BBC doch gar nicht zu nutzen, reagiert hat und die Rundfunkteilnehmerinnen und -teilnehmer einem Test unterzogen. Neun Tage sollten 70 Fernsehhaushalte auf alle Angebote der BBC verzichten. Sie wurden dazu einmal vor und einmal nach dem Test zu ihrer Meinung über die BBC befragt. Es stellte sich heraus, dass die neuntägige Abstinenz doch zu einigem Erstaunen geführt hat, auf was alles verzichtet werden musste. Teilweise war gar nicht bekannt, dass die Lieblingssendungen und-programme BBC-Produktionen waren. Nach neun Tagen änderte sich bei vielen Testhaushalten die Meinung und die Wertschätzung stieg an.