Das Altpapier am 15. Dezember 2020 Verflossene Herrlichkeit

Was das Krawattenablegen von Jan Hofer bedeutet, und wieso Deutschland kein antiautoritärer Kinderladen, und Schuldzuweisen unproduktiv ist.

Teasergrafik Altpapier vom 15. Dezember 2020: Porträt Autorin Jenni Zylka
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Der würdige Halsknoten

Er hätte ja auch die Schuhe ausziehen können, um 20.15 Uhr am Montagabend, vor einem Publikum von über 14 Millionen Menschen. Hat er aber nicht: Jan Hofer legte am Ende seiner letzten Sendung als Nachrichtensprecher die Krawatte ab. Das war vermutlich körperlich die praktikablere Geste (seit 15 Jahren stehen die Tagesschausprecher*innen am Pult, um die stimmliche Dynamik zu vergrößern, und wahrscheinlich können nur die ehemaligen Primaballerinen unter ihnen unaufgewärmt einen Fuß auf den hüfthohen Tisch schwingen, um lässig den schwarzen Leder-Derby vom Hacken zu holen. Zudem muss man sich dann ja auch noch des Zustands seiner Socken sicher sein...)

Dazu kommt die Symbolik, die diesem jetzt schon mannigfach geteilten (unter anderem hier im Spiegel) Krawatten-Bild innewohnt: Mit der Krawatte aus einem roten, glänzenden (Seiden?)Satinstoff mit weißen Polkadots, gebunden in einem einfachen Windsor-Knoten, legte der Chefsprecher nicht nur sein Amt, sondern auch seine Würden nieder. Denn der als Farbklecks zum unauffälligen Anzug getragene Halsschmuck, der übrig blieb von pfauenhafter Herrenkleidung in einer Zeit vor über 200 Jahren, als Mode noch nicht als “oberflächlich“ und damit höchstens für ebensolche Frauensleut angemessen erschien; das geknotete Sinnbild für eine “verflossene Herrlichkeit“ der Männermode, wie die Modetheoretikerin Barbara Vinken 2013 in “Angezogen. Das Geheimnis der Mode“ schrieb, bedeutet heute immer noch vor allem eins: Korrekt angezogen zu sein. Und Korrektheit ist der zweite Vorname einer Nachrichtensendung. 36 Jahre lang war sie auch Hofers Motto. (Auf der Dezember-Ausgabe der US-Vogue ist übrigens der Musiker Harry Styles ohne Krawatte, aber in einem Kleid abgebildet. Die vestimentären Regeln sind also doch flexibler, als man denkt.)

Die kleinste Rebellengeste

Die Krawatte abzulegen, sollte dennoch demnach (gar nicht so viel anders als in Steven Soderberghs eleganter Elmore Leonard-Adaption “Out of sight“, in der Gangster George Clooney, der es zunächst in einem “seriösen“ Beruf versucht, in der allerersten Szene seine Krawatte herunterreißt um eine Bank zu überfallen) den Privatier unterstreichen, die Spannung verpuffen lassen, die Gemütlichkeit des Rentendaseins andeuten – und zurückhaltend den Rebellen beschwören. Es war dennoch keine laute, politische oder geschmäcklerische Aussage, sondern tief unten auf der Rebellengestenskala. Hofer blieb sich und seinen Grundsätzen treu, darüber lässt sich auch die FAZ hier etwas nostalgisch aus:

“Wenn Jan Hofer zu sprechen begann, rief der Großvater zur Ruhe, ob man nun gerade die Familie nach einer drei Stunden langen Fahrt in Empfang nehmen oder Wichtiges aus dem Ofen hätte retten können: Rund um den Opasessel musste Grabesstille herrschen, Hofer hatte das Wort, und alle wussten, wo sie hingehörten.“

Ach Gottchen, das weiß man heutzutage ja kaum noch... Hofer wäre ganz anders in die Annalen des Öffentlich-Rechtlichen Fernsehens eingegangen, wenn er am Ende sein Hemd aufgerissen und das Bad Religion- oder Hells Angels-T-Shirt gezeigt hätte, oder, noch besser, ein Shirt mit dem Spruch, “Was heißt ARD? - Ausschaltknopf Rechtzeitig Drücken“ oder so – aber nun ja. Ist nicht sein Ding. Was sein Ding ist, haben unter anderem die Zeitungen der Funke-Mediengruppe herausklamüsert und hier zusammengeschrieben – laut des Hamburger Abendblatts hört der 68jährige gern Podcasts, und zwar vor allem, Überraschung: “Zärtliche Cousinen“ mit Atze Schröder und Till Hoheneder. (Die Sendung ist ungefähr genauso lustig wie Atze Schröders Minipli – das meine ich ganz wertfrei, wer über das eine lacht, kann garantiert auch über das andere lachen.)

Der antiautoritäre Kindergarten

Ebenfalls sozusagen begrenzt lustig: Bei “hart aber fair“ hat sich gestern kurz ein Streit eingeschlichen, der den themenimmanent etwas redundant wirkenden Talk über das Weihnachtsfest unter Corona-Regeln (“Macht zu die Tür, die Fenster auf“), der ja auch schon ähnlich bei Anne Will (hier der Spiegel darüber) und überhaupt tagtäglich privat und öffentlich geführt wird, dann doch ein wenig in eine andere Richtung lenkte: Es ging kurz darum, ob mit den Weihnachtsregeln zur Gastanzahl eigentlich Menschen, die ihre Familie nicht mögen oder keine haben, benachteiligt sind. Sind sie nicht, behauptete prompt der niedersächsische Ministerpräsident, und verwies auf die “zwei Haushalte“ und die offen formulierten “Ehe- oder Lebenspartner*innen“ – damit habe man versucht, möglichst die gesamte Gesellschaft abzubilden. Leider versickerte der Gesprächsstrang schnell wieder, und es ging zurück zum üblichen Gekabbel darüber, wer wann in Sachen Regeln versagt hat, genauso echote es auch bei Twitter, und zum Beispiel in der Welt, die die Aussage des geladenen Wissenschaftsjournalisten und Arztes Werner Bartens symptomatisch zur Überschrift macht:

“Wie so ein antiautoritärer Kindergarten“

verglich der das Verhalten der Regierung, aber auch der Bürger*innen mit dem “Nein Joshua, bitte halte dich an unsere Abmachung, wir haben doch drüber gesprochen“-Flair, das jede*r bei diesem Vergleich vor Augen hat. Und lässt mit dem Bild auch die andere Variante aufblitzen: Um 13 Uhr ist Mittagsschlaf, ob man müde ist oder nicht! Irgendwie wird man den Verdacht nicht los, dass dieses “Die Politik ist schuld“ – “Nein, die Bürger*innen sind schuld!“ – Schuldzuweisen (in Bezug auf steigende Infektionszahlen und verschärfte Maßnahmen) zwar in letzter Instanz notwendig und sinnvoll, aber momentan noch wenig zielführend ist - und vielleicht auch mit dem von Individualismus geprägten, gesellschaftlichen Selbstverständnis in Deutschland zusammenhängt.

Die rationalen Deutschen

Über dem Tellerrand, zum Beispiel gen Osten, ist das anders: Hier ein Text von Hans Nieswandt in der taz darüber, dass man der Pandemie dort “im Kollektiv“ begegne.

“Was aber den Umgang mit dem Virus und die Einschätzung der diesbezüglichen westlichen Bemühungen betrifft, ist man hier fest im kollektiven Konsens verankert: Gegenseitige Rücksichtnahme ist der Schlüssel, über deutsche Maskenpanik kann man, egal ob progressiv oder reaktionär, nur den Kopf schütteln.“

Dann wundert er sich mit seinen koreanischen Freund*innen und Vertrauten weiter darüber, dass gerade die angeblich “rationalen Deutschen“ sich so irrational verhalten:

“Das im Westen nach wie vor weit verbreitete Streben zur Lücke, das zielstrebige Aufspüren von individuellen Freiräumen, und sei es einfach durch das Ignorieren oder Diskreditieren von Maßnahmenkatalogen, wird hier mit großer Verwunderung wahrgenommen. Rationalität und gegenseitige Rücksichtnahme sind in Südkorea hohe Güter, und zumindest Ersteres wurde bisher auch stets für eine typische Eigenschaft der deutschen Kultur gehalten.“

Womit wir wieder bei der Rationalität und Krawatten-Korrektheit vom Anfang wären. Das Leben in Deutschland ist eben weder ein Black-Tie-Event noch ein Berliner Kinderladen von 1968. Wenn die wüssten, die Südkoreaner*innen...

Altpapierkorb (Mai-Thi Nguyen-Kim, CDU-Männerrunde, politische Glühweinrunde)

+++ Aber jetzt weg von der Vergangenheit und hin zur Zukunft: Mai-Thi Nguyen-Kim ist die “Journalistin des Jahres 2020“, wie unter anderem das rnd meldet, gewählt vom “Medium Magazin“, und irgendwann nächstes Jahr, wenn der Spuk vorüber ist, soll sie ihren Preis in die Hand gedrückt bekommen, den sie dann neben die “Goldene Kamera“, den “Deutschen Fernsehpreis“, den “Verdienstorden des Bundesrepublik Deutschland“ und mehrere andere Auszeichnungen stellen kann: Da kann man nur von ganzem Herzen gratulieren. Sie hat sämtliche Preise sowas von verdient!

+++ Der Spiegel und der Tagesspiegel kommentieren die harmonische Männerrunde der Drei von der Tankstelle, die sich um den CDU-Vorsitz bewerben, “Drei Männer und ein Tisch“ ist dabei auf jeden Fall die bessere Überschrift. (Dann bitte aber auch konsequent sein, und titeln “Noch drei Männer, noch ein Tisch“, falls es doch zu einem weiteren Stelldichein kommen sollte. Aber so viel Zeit ist ja nicht mehr.)

Die taz weist auf ein falsches Foto einer politischen Glühweinrunde (iiih, Glühwein) Söder und Konsorten ohne Maske hin, das unter anderem von einem AfD-Bundestagsabgeordneten Stephan Protschka bei Twitter geteilt wurde, um auf die Doppelzüngigkeit der Regierung aufmerksam zu machen. Der Abgeordnete musste sich für seine Fake News entschuldigen.

Das nächste Altpapier kommt am Mittwoch.

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