Das Altpapier am 7. Januar 2021 Der Geist des Gemetzels

In einer atemlosen Nachrichtennacht überschlagen sich die Meldungen. Deutlich wird mal wieder, dass Worte nicht nur zu Taten führen, sondern sie zuweilen überflügeln. Aber hilft das Durchsenden dagegen? Ein Altpapier von Jenni Zylka.

Teasergrafik Altpapier vom 7. Januar 2021: Porträt Autorin Jenni Zylka
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Wir überrennen das Kapitol

Hat heute Nacht jemand geschlafen? Kann man sich kaum vorstellen. Allein das Konstatieren der Begrifflichkeiten für das, was da auf dem „Capitol Hill" geschah, ist das Gegenteil von Schäfchenzählen: „Carnage", Gemetzel nennt es CNN hier, es fielen die Worte „Putsch", „Terrorismus", „Anarchie", das kann man hier im Spiegel auch nochmal auf Deutsch nachlesen. Und man braucht sich als Berichterstatter*in nicht anzustrengen um das Sich-Überschlagen der Ereignisse in aller Dramatik darzustellen, man muss sie nur ungefähr in der Reihenfolge lassen, und der Spannungsbogen steht. Trump hatte am Tag seine Unterstützer*innen dazu aufgerufen, in Richtung Capitol zu marschieren, und zwar so:

"We're going to walk down to the Capitol. And we're gonna cheer on our brave senators and congressmen and women. And we're probably not going to be cheering, so much for some of them, because you'll never take back our country with weakness, you have to show strength and you have to be strong,"

Ein Mob mit Trump-Caps setzte sich in Bewegung, und überwältigte die paar Polizist*innen und Sicherheitsbeamte vor dem Gebäude, die erstaunlicherweise die Stellung halten sollten. Der Mob walzte durch das Gebäude, filmte und kämpfte und verfolgte Polizist*innen bis in die Büros. Die Kongress-Mitglieder verbarrikadierten sich zunächst und wurden dann evakuiert. Eine Frau aus den Reihen der Trump-Unterstützer*innen wurde angeschossen und starb, drei weitere Menschen im Umfeld es Kapitols starben, weil sie „an unterschiedlichen medizinischen Notfällen litten", wie die ARD berichtet. Elmar Theveßen vom ZDF, der wie viele andere Journalist*innen vor dem Mob flüchten musste, der kurz darauf Kamera-Equipment verschiedener Nachrichtenagenturen und Sender zerschlug, fand etwas später nachts im ZDF das Wort „Protestler", denn „man mag sie gar nicht Demonstranten nennen". In der BBC staunte die Moderatorin über ihre eigene Formulierung gegenüber einem Politiker, der zu Zeitpunkt des Sturms im Kongress war: „Ich kann nicht glauben, dass ich zu jemandem, der sich im Capitol befindet, sage: Sei vorsichtig, bleib sicher..." Und Ingo Zamperoni fragte die ARD-Kollegin im Washingtoner Studio nach der Sicherheit der ARD-Korrespondentin Claudia Buckenmaier, die kurz vorher eine Live-Schalte abbrechen musste, weil Demonstrierende (bzw. „Protestler") die Berichterstattung bedrohten.

Angestachelte, marodierende Meute

Der schmerzhafte „Albtraum für die amerikanische Demokratie" (ARD) passierte am Nachmittag US-Ortszeit, nach Jahren des Lügens und Verleumdens, des Ignorierens, Fake-News-Verbreitens, Sich-Anbahnens, Aufwiegelns und Öl ins Feuer-Gießens. Nicht nur der Spiegel nennt die Ursachen und Verursacher für das folgerichtige „Finale der Trump-Ära":

„Trump und seine Liebediener haben die rechte, weiße, männliche Wut, die in Amerika seit langem brodelt, angefacht, gebündelt und für ihre Zwecke instrumentalisiert. Trump liebt, wie jeder Möchtegern-Diktator, Macht und Anbetung. Die Republikaner lieben das große Geld und rechte Richter. Ihre Medien, von Fox News bis OAN, lieben Quoten. Gemeinsam stachelten sie die marodierende Meute vom Mittwoch an."

Und führt weiter aus:

„Der Aufstand vom Mittwoch ist ein Fanal der »white supremacy«, trotz demografischer Umbrüche und demokratischer Wahlerfolge wie im Südstaat Georgia. Black-Lives-Matter-Demonstranten wären nie so nahe ans Kapitol gekommen. Sie wären festgenommen, verprügelt worden."

Klappe zu, Trump nicht leise

Dann sperrte Twitter Trumps Account für 12 Stunden. Das bedeutet, dass ein Medium, ein Onlinedienst das tut, was politisch nicht geklappt hat, mit der einfachsten aller Begründungen:

"Threats of and calls to violence are against the Twitter rules”

Wenn Trump drei seiner Tweets, die nach Ansicht von Twitter und jedem denkenden Menschen auf der Welt zu Gewalt aufrufen, nicht umgehend löscht, wird der Account komplett aufgelöst. Hier ist der Wortlaut:

"Future violations of the Twitter Rules, including our Civic Integrity or Violent Threats policies, will result in permanent suspension of the @realDonaldTrump account.”

Auch Facebook blockte den Noch-Präsidenten für mindestens 24 Stunden, und die zu Google gehörende Plattform YouTube löschte ein Video von Donald Trump, in dem er den Wahlsieg Bidens ignorierte,

„because it violated policies of alleging widespread fraud changed the outcome of the 2020 U.S. Election."

YouTube wird allerdings erlauben, dass das Video gemeinsam mit Erklärungen und „suffizienten" Kommentaren verbreitet wird.

Man versucht also, durch das Unterbrechen der Kommunikation eine Bewegung zu stoppen, die, wie alle Bewegungen, auf Kommunikation basiert – vielleicht ist das die einzige Möglichkeit. Angesichts dieser Maßnahme kann man sich nur an den schweren Kopf fassen – wenn es so einfach ist, die Regeln der Mitmenschlichkeit auf die Aussage eines Menschen anzuwenden, wieso ist es dann so schwer, sie auf sein Handeln anzuwenden? Oder anders, pragmatischer gesagt: Was der „Gospel of Trump" anrichtet, und dass aus Worten Taten werden, konnte man vier Jahre lang beobachten – an einem solchen Tag und in einer solchen Stimmung nicht die Bewachung vor dem Kapitol aufzustocken, die Nationalgarde dazuzurufen, wie man es sonst aus dem Ärmel schüttelt, wenn Schwarze oder Frauen friedlich demonstrieren, wird nicht dazu beitragen, dass die von Trump und seinen Anhänger*innen angerichteten Schäden, Traumata und Spaltungen schnell zu überwinden.

Und Trumps Gospel, sein Wort ist über fremde Accounts weiter zu vernehmen: Ein Tweet, in dem er ankündigt, die Amtsübergabe zu unterstützen, obwohl er „mit dem Ergebnis der Wahl nicht übereinstimme" und „die Fakten ihn unterstützen", endet mit den Worten „Make  America Great Again!". Abgesetzt wird er über den Account von Stabschef Dan Scavino. Aaargh.

Der zusätzliche Artikel

Währenddessen weinen gestern Nacht einige der sichtbar fassungslosen Kongressmitglieder bei ihren Reden, die sie, nach der Evakuierung zurück im Kapitol, bei der Bestätigung Joe Bidens im Amt des Präsidenten halten, einige fordern die anderen zum Beten auf. Mal sehen, was besser hilft.

Das „25th amendment", der 25. Zusatzartikel zur US-amerikanischen Verfassung, der fest legt, wer auf den Präsidenten folgt, wenn dieser nicht mehr „regierungsfähig ist", könnte Trumps Zeit beenden. Das fordern einige Politiker und Geschäftsleute, wie die USA Today und CNBC berichten:

„Former Defense Secretary William Cohen told CNBC on Wednesday that President Donald Trump’s Cabinet should invoke the 25th Amendment to remove him from office after pro-Trump rioters stormed the U.S. Capitol."

Vize Mike Pence würde dann eines der peinlichsten US-Kapitel zuende regieren.

News-Allnighter?

Am CET-Morgen schließlich konstatiert der Tagesspiegel zusammen mit „vielen Zuschauern", dass ARD und ZDF die Nacht hätte durchsenden sollen – hätten sie wirklich? Bereits in den verlängerten und aufgestockten Nachrichtenmagazinen drohten die Ereignisse in Wiederholungsschleifen und –schalten zu fallen. Und wie die BBC die Reden der Kongressmitglieder zu übertragen, wäre vor allem an der Simultanübersetzung und dem Problem gescheitert, bei jedem und jeder zunächst viel erklären zu müssen. Wieder stellt sich die Frage, wie viele Informationen zu welchen Zeiten nötig sind: Ist die Welt so globalisiert und Deutschland so abonniert auf ARD und ZDF als Nachrichtenprovider, dass in einer solchen Nacht niemand schläft und jede*r erwartet, dass das auch im deutschen Fernsehen so ist? Oder darf man, wie Claus Kleber im ZDF, ruhig auch auf die Berichterstattung von CNN hinweisen?

Interessant wird jetzt auch, wie man den Mob zur Verantwortung zieht – die Gesichter hat man ja, die „Protestler" haben sich selbst gefilmt und ihre triumphierenden Gesichter auch vor jede andere Kamera gehalten – sie halten sich für unantastbar. Von wem sie das nur haben. Wie viele es waren, darüber wird in den US Medien erstaunlich wenig spekuliert, die Spiegel schätzt , dass sich 10 000-20 000 Menschen am Nachmittag Ortszeit davor aufhielten, im ZDF wird von  „Hunderten", die aktiv stürmten, berichtet. Laut taz wurden jedenfalls bislang 52 Menschen festgenommen. Fast die Hälfte der US-Amerikaner*innen stehen (oder standen) zumindest politisch hinter Trump.

Den Wunsch nach Beruhigung der Lage sieht man schließlich, am Morgen, an den medialen Titellagen. Der Tagesspiegel titelt morgens: „Trump gibt auf – Weißes Haus sichert „geordnete" Machtübergabe zu". Wenn man in der Nacht geschlafen, und morgens als erstes die Schlagzeile gelesen hätte – man wäre wohl in einer ganz anderen Stimmung. Worte sind, das zeigt sich auch hier, zuweilen noch stärker als Taten.


Altpapierkorb (... mit Michael Wendler und versteckter rechter Propaganda in Gera)

+++ RTL hat angekündigt, den DSDS-Juror und Schlagersänger Michael Wendler aufgrund eines KZ-Vergleichs Deutschlands, der ein Kommentar auf die neuen Corona-Maßnahmen sein sollte, aus den noch auszustrahlenden DSDS-Sendungen herauszuschneiden. Bravo. Dabei könnte man ja auch noch gleich drüber nachdenken, wieso man bis 2020 an Xavier Naidoo festgehalten hat.

+++ In Gera landet ein rechtes Anzeigenblatt jede Woche in den Briefkästen der Bürger*innen, wie die taz berichtet. Neben viel Werbung wird darin Corona verharmlost, vor Impfungen gewarnt und die AfD gelobt

Neues Altpapier gibt es am Freitag.

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