Das Altpapier am 14. Januar 2021 Hauptsache, es läuft Bob Ross

Die BBC bekommt einen Vorsitzenden, der mit führenden Kritikern wie dem Premierminister bestens bekannt ist – aber es ist zumindest nicht der zunächst vorgesehene Fuchsjäger, Brexiteer und Reaktionär. Dazu: Einschätzungen zum deutschen Schulfernsehen. Und schlechte Nachrichten für alle, die das Dschungelcamp nicht mögen. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Teasergrafik Altpapier vom 14. Januar 2021: Porträt Autor Klaus Raab
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Die BBC bekommt einen neuen Chairman

Die Nachricht ist eigentlich schon eine Woche alt, aber an deutschen Medien bislang etwas vorbeigegangen: Die BBC bekommt mit Richard Sharp im Februar einen neuen Vorsitzenden (was nicht zu verwechseln ist mit dem Generaldirektor). Die Nachrichtenagentur Reuters meldete die Personalie am 6. Januar auch im deutschsprachigen Dienst; die Frankfurter Rundschau greift sie nun mit einem eigenen Text auf:

"Richard Sharp erfüllt, zumindest in konservativer Hinsicht, die beiden wichtigsten Kriterien für den Job. Er ist ein äußerst vermögender Mann und kennt mit Premierminister Boris Johnson und Schatzkanzler Rishi Sunak die zwei mächtigsten Politiker im Vereinigten Königreich gut", schreibt Katrin Pribyl – und gilt damit "als Verbündeter just jener Politiker, die seit Jahren die BBC attackieren".

Was bedeutet das für die BBC? "Gemeinsam mit Tim Davie, der im vergangenen Jahr zum neuen Generaldirektor ernannt wurde, soll Multimillionär Sharp ‚beschleunigte Reformen‘ voranbringen", also "vor allem ein neues Finanzierungsmodell". Hier wäre die Frage natürlich: welches? Der Hinweis, dass Konservative "immer wieder die Möglichkeit eines Abo-Modells ins Spiel" brächten, fehlt im Text der FR auch nicht.

Andererseits: Sharp ist nicht Charles Moore. Die Schwäbische Zeitung schrieb vor wenigen Tagen: "(I)m September hatte der Premierminister für Aufruhr gesorgt, als durchsickerte, wen er als nächsten Chairman der BBC im Auge hatte", besagten Moore nämlich. Moore,

"Boris Johnsons früherer Chefredakteur beim ‚Daily Telegraph‘, ist nicht nur lautstarker Brexiteer, Anhänger der Fuchsjagd, publizistische Geißel der seiner Meinung nach viel zu fortschrittlichen anglikanischen Staatskirche, kurz: ein Reaktionär, wie er im Buche steht. Vor allem betreibt der Kolumnist des rechten Intellektuellen-Magazins ‚Spectator‘ seit Jahren eine Vendetta gegen den weltberühmten öffentlich-rechtlichen Sender. Der sei zu links, zu liberal, zu urban, zu europäisch. In seiner Empörung ging Moore einmal so weit, die Rundfunkgebühr zu verweigern und sich öffentlich mit dem deshalb erhaltenen Strafbefehl zu brüsten."

Dieser Kelch geht also an der BBC zumindest vorüber.

Über das deutsche Schulfernsehen

Die BBC hat kürzlich für die Dauer des britischen Lockdowns ein Schulfernsehprogramm aufgelegt. Das war vergangene Woche an dieser Stelle schon einmal Thema, verbunden mit der Frage, was die deutschen Öffentlich-Rechtlichen anzubieten haben. Aber seitdem ist viel passiert. Nicht nur haben Deutschlandradio, ZDF und diverse ARD-Anstalten ihr Bildungsprogramm umgestellt und um Schul-Shutdown-Formate ergänzt, wie am Montag und Dienstag hier kurz angerissen wurde. Sondern es wurde auch über das Ergebnis geschrieben. Gewürdigt wird, dass einiges an Bildungsprogramm existiert, und dass, wenn man’s findet, viel Gutes dabei ist, etwa auf dem "Planet Schule" von WDR und SWR wie "From Boston to Bermuda", das ich mir auf der Suche nach Englischangeboten angeschaut und für hilfreich befunden habe.

Allerdings, so die Kritik, dominiere – bei vielen Ausnahmen – eine gewisse Betulichkeit, die an Unterricht vor 30 Jahren erinnere. Ein zweiter Kritikpunkt betrifft die fehlende Übersichtlichkeit. Ein dritter ist, dass die Inhalte zu den freilich vielen verschiedenen Lehrplänen nur bedingt passen würden.

"Die ARD bietet nun zwar viele einzelne Bildungsinhalte, zum Teil auch mit hohem Anspruch. Die Frage ist aber, ob nicht deutlich mehr hätte herauskommen können, hätten alle neun Landesrundfunkanstalten ihre Kräfte gebündelt und eine gemeinsame Lernplattform auf die Beine gestellt, die diesen Namen auch verdient",

fand etwa Zeit Online dieser Tage und machte grob eine Zweiteilung aus:

"Auch weil moderner, interaktiver Unterricht mit Gruppenarbeiten und selbstständigem Lernen kaum im TV oder im Stream darzustellen ist, zerfällt das Corona-Schulfernsehen in zwei Gruppen von Inhalten: diejenigen, die Schule so vorspielen, wie sie bestenfalls vor 30 Jahren noch war. Und diejenigen, die am Ende doch eher informatives Unterhaltungsfernsehen sind."

Für die heute erscheinende Ausgabe der Wochenzeitung Der Freitag hätte der Makrosoziologie-Professor Steffen Mau von der Berliner Humboldt-Universität lieber eine flächendeckende Offensive gesehen (noch nicht online):

"Warum nicht alle dritten Programme (es sind insgesamt neun) und dazu KiKA, Phoenix usw. täglich mehrere Stunden in vollwertige Schulkanäle verwandeln? Jeder Sender könnte eine Klassenstufe übernehmen und ein Unterrichtsprogramm für alle Fächer anbieten, gestaltet von Lehrerinnen und Lehrern, nicht von den üblichen Moderationsteams. Pädagogische Kompetenz mit jahrelanger Klassenraumerfahrung vor der Kamera. Tests und Übungen für daheim könnte man gleich mit anbieten. Gern kann es sich um ein improvisiertes Format dicht am Schulalltag handeln: ein Klassenzimmer, ein Lehrer/eine Lehrerin, ein Whiteboard, eine Kamera. Mit dem kreativsten und unterhaltsamsten Lehrpersonal, den pädagogischen Supertalenten, einem festen Tagesablauf, Stundenplan und Pausenzeiten. Und gern die Fächer immer wieder mit denselben Lehrern, da Kinder affektive Bindungen entwickeln und sich an Lehrerpersönlichkeiten gewöhnen. Erfolgsmesser wäre, möglichst viele Kinder zum täglichen Publikum zu machen."

Tja, wäre das was? Es wäre tatsächlich ein Unterrichtsersatz. Meines Erachtens verkennt Steffen Mau aber, dass die konstruktive Nutzung mit Lehrerinnen und Lehrern, die ihren Beruf gelernt haben und nicht zwangsläufig auf den Fernsehunterricht anderer setzen wollen, nur weil er verfügbar ist, eingeübt werden müsste. Die unterschiedlichen Lehrpläne der Länder müssten auch noch synchronisiert werden.Für die nächste Pandemie oder die übernächsten Schulschließungen wäre das also womöglich ein guter Plan. Aber – offene Frage – für die laufende?

Die FAZ derweil verpackt Schulfernsehbeobachtungen in Geburtstagsglückwünsche an "Die Sendung mit der Maus". Die stehen zwar eigentlich erst im März an, aber jetzt passen sie natürlich wegen der Bildungsprogrammdiskussion gut in die Zeit. Oliver Jungen schreibt:

"(D)as Aushängeschild (…) sind nach wie vor die ‚Sachgeschichten‘. Man sehe sich bloß einmal an, wie grandios hier etwa die Herstellung und Funktionsweise von Batterien erklärt wurde: Da hält kaum ein Physikunterricht mit. Die beliebten Fabrikbesuche, Biodiversität, Geldkreislauf, Atomkraft, Müllverwertung: Das Weltwissen, das sich mit dieser Sendung seit einem halben Jahrhundert erwerben lässt, ist enorm."

Um diesen Themenblock abzuschließen: Die Maus, der bessere Physikunterricht, läuft derzeit täglich.

Übermedien hat Geburtstag

Vor wenigen Wochen ist das Altpapier 20 Jahre alt geworden, und Boris Rosenkranz von Übermedien hat uns hier auf unseren Seiten mit einer lustigen Betrachtung der Betonwand beglückwünscht, die Sie hier hinter diesem Text sehen.

Nun wird Übermedien (mit neuer Optik) fünf, und das trifft mich dummerweise unvorbereitet. Der schönste Glückwunsch unter einigen kommt von der taz, die Übermedien eine alternative Titelseite spendiert hat. Wir gratulieren den fleißigen Lieschen zumindest mit einer Zahl: 467. So viele Treffer spuckt das Onlinearchiv unserer MDR-Redaktion für den Suchbegriff "übermedien" aus (Anm.d.Red.: Mit der Veröffentlichung dieser Kolumne wohlmöglich einen Suchtreffer mehr.). Das ist doch eine ziemliche Menge, und wer mag, kann sich selbst ausrechnen, dass wir das Onlinemagazin wohl für sehr relevant halten. Bitte immer so weitermachen!

Dschungelcamp, nur ohne Dschungel

Es brechen nun schwere Zeiten an für alle, die behaupten, sich nicht fürs Dschungelcamp zu interessieren. Es findet zwar nicht statt, geht aber als Alternativshow trotzdem los und wird wohl als ein Jahrgang in die Fernsehannalen eingehen, der (jenseits des konkurrenzlosen Bild-Kosmos) einen der dümmeren Aufmerksamkeitsmotoren der Dschungelcamp-Berichterstattung hervorgebracht hat: den Begriff "Hitler-Transe". (Zu dessen Nutzungsgeschichte als provokante Selbstbeschreibung wusste u.a. DWDL dieser Tage mehr.) Nun wird das Wort, gerne im SEO-relevanten Überschriften- und Dachzeilen-Bereich, kalkuliert rauf- und runterzitiert – bei der Berliner Zeitung sogar quasi affirmativ, weil ohne Anführungszeichen (Hitler-Transe: RTL schmeißt Dschungel-Kandidatin Nina Queer raus).

Betrachten kann man das Ganze als weiteres Lehrstück für die Wirkungsweise eingeübter medialer Mechanismen. Zuspitzung, Übertreibung und Provokation werden von Redaktionen oder, wie hier, zur Selbstpromotion von Interviewten eingesetzt, als wären es harte Recherchen:Hat man keinen Skandal zur Hand, stusst man einen herbei. Was deshalb funktioniert, weil manche Reflexe planbar sind. Schade nur, dass hinterher häufig niemand verantwortlich für was-auch-immer gewesen sein will. In diesem Fall auch nicht die interviewte Protagonistin, die ihre provokante Selbstmarkierung nun offensichtlich einem Interviewer unterschieben will.

Ganz anderes Klima, und so schließt sich nun der Kreis nach Großbritannien und zum Schulfernsehen auf erstaunlich elegante Art: bei Bob Ross, dessen Reihe "The Joy of Painting" in der x-ten Wiederholung bei ARD Alpha läuft. "Er bietet das Gegenbild zum Trump-Syndrom", macht Hanno Rauterberg in der neuen Ausgabe der Zeit (€) ein etwas größeres Fass auf. Staffel für Staffel, Staffelei für Staffelei: Landschaften, spektakelfrei und etwas langweilig. Aber im Vergleich mit dem drängelnden, Ellbogen ausfahrenden Aufregungsfernsehen halt auch beruhigend. Titel des Artikels: "Die schönste Einschlafhilfe". Was braucht man mehr?

(Transparenzhinweis: Ich schreibe für den Freitag, auch in der hier erwähnten aktuellen Ausgabe, und für Zeit Online. Für Übermedien habe ich in den vergangenen Jahren mehrmals geschrieben.)


Altpapierkorb (MDR-Staatsvertrag, News-Specials, "Years and Years", Zebra-Plattform, Frankfurter Allgemeine Samstagszeitung?, US-Medien nach der Ära Trump)

+++ Neues vom MDR, unter dessen Dach dieses Blog erscheint. Er bekomme einen neuen Staatsvertrag, schreibt (nach der gestrigen Nachricht, die u.a. bei den Dresdner Neuesten Nachrichten lief) heute auf der FAZ-Medienseite (Abo) Helmut Hartung: "Auf intensives Betreiben der Landesregierung von Thüringen, die zurzeit die Rechtsaufsicht über den Sender innehat, haben sich die Ministerpräsidenten der drei MDR-Staatsvertragsländer Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen nun darauf geeinigt, den Vertrag nach knapp dreißig Jahren unveränderten Bestehens zu reformieren. Als erster der drei Regierungschefs hatte Bodo Ramelow am 22. Dezember des vergangenen Jahres die Neufassung des MDR-Staatsvertrags unterzeichnet. Am Dienstag haben es ihm die Ministerpräsidenten Reiner Haseloff und Michael Kretschmer gleichgetan. Nun geht der Vertrag zur Bestätigung an die Landtage."

+++ "Was bringen die News-Specials?", fragt DWDL und meint die Sendersondersendungen zur jeweiligen Coronalage. DWDL betrachtet das Thema vor allem quantitativ, schließt aber: "In jedem Fall sind die nachrichtlichen Sondersendungen gut fürs Image der Sender und dienen der Stärkung der Informationskompetenz."

+++ Wer sich mit Großbritannien beschäftigen will, der sei auf die BBC-Serie "Years and Years" verwiesen, die am Donnerstagabend bei ZDFneo läuft. Die FAZ (Abo) hat sie gestern empfohlen, mit Einschränkungen: "Wer irgendwie kann, der tut sich das nicht an, sondern schaut das Original mit Untertiteln, es verdirbt einem sonst alles." Der Tagesspiegel empfiehlt sie ebenfalls: "Es ist selten genug, dass sich fiktionales Fernsehen der Zukunft annimmt, einen großen Schritt auf der Zeitachse nach vorne wagt. 'Years and Years' riskiert das, offeriert Optionen für Spekulationen, Sensationen und sophistische Spielereien. Über manches darf der Kopf geschüttelt werden – aber bitte erst, nachdem darüber nachgedacht worden ist."

+++ Für die Medienkompetenzfortbildung und zur Klärung von "Fragen im Umgang mit digitalen Medien" gibt es nun die Plattform Zebra von der Landesanstalt für Medien NRW. Die Rheinische Post erklärt, was es damit auf sich hat.

+++ Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung testet den Samstagsverkauf. Horizont (plus) hat sich angeschaut, was dahintersteckt: "Tatsächlich. Obwohl erst Samstag, liegt die FAS bereits im Regal des Mannheimer Bahnhofskiosks. Seit August geht das schon so. Mannheim ist nur eines von mehreren Testgebieten."

+++ Und wie weiter nach der Ära Donald Trump? Sie geht weiter, prognostiziert Jürgen Schmieder in der Süddeutschen Zeitung (Abo). Es gibt schließlich nicht nur Fox-News, die sich etwas von Trump wegentwickelt haben: "Es wird immer wieder spekuliert, ob Trump im kommenden Jahr bei OANN oder Newsmax als Investor einsteigen wird – doch: Warum sollte er? Die sind doch längst auf seiner Seite. Wahrscheinlicher dürfte sein, dass Trump als Gast auftreten und weiter versuchen wird, Fox News und andere in seine Richtung zu bekommen."

Neues Altpapier erscheint morgen.

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