Das Altpapier am 19. Januar 2021 Mumien Monstren Virusmutationen

Kann man die "virulente Neiddebatte" um "Privilegien" für Geimpfte einfach ignorieren? Und wen repräsentiert Fox News nach Trump? Ein Altpapier von Jenni Zylka.

Teasergrafik Altpapier vom 19. Januar 2021: Porträt Autorin Jenni Zylka
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Legetrick mit Virus

Früher war man schreckhafter. Darum wurde bis in die 90er Jahre hinein medial vieles thematisch vorsichtig anmoderiert und vorbereitet, durch freundliche Ansager und Ansagerinnen (die eigentlich "Programmsprecher*innen" heißen) oder Trailer wie diesen für die NDR-Horrorfilmreihe "Gruselkabinett": Eine Stimme flüstert "Mumien, Monstren, Mutationen", dazu symbolisieren aufgerissene Augen den Schrecken, die Zeichnung einer Mumie kullert aus dem Bild, eine Tür öffnet sich knatschend, und die "Mutation" steht auf der Schwelle. Das Ganze wirkte ein bisschen wie der Legetrick einer Schulklasse, die von Terry Gilliam unterrichtet wird, aber der Ton machte die Musik.

Momentan stehen "Virusmutationen" auf der Schwelle. Heute berät die Politik bei einem Bund-Länder-Treffen darüber, ob die Coronamaßnahmen verschärft werden sollen, und ob bestimmte Regeln überhaupt noch für geimpfte Menschen gelten müssen. Heiko Maas hatte das vorgeschlagen, und damit eine Debatte gefördert, die ich in den letzten Wochen seit Impfbeginn immer ein bisschen als medien-hausgemacht empfand. Denn mal abgesehen davon, dass eh alles davon abhängt, ob Geimpfte noch Überträger*innen sein können oder nicht - wurde tatsächlich so heiß darüber diskutiert, wie es die Nachrichten mit ihren leicht raunenden Ton behaupteten? Versuchte man wirklich die Begriffe "Privilegien" und "Grundrechte" gegeneinander auszuspielen? Fühlen sich wirklich alle ungerecht behandelt, wenn die Alten schon in die Kneipe dürften? Die taz prägt in einem Kommentar den Begriff der "virulenten Neiddebatte":

"Ein Argument der "Privilegien­geg­ne­r*in­nen" ist übrigens die Zweiklassengesellschaft, die durch frühere Freiheiten für Geimpfte eingeführt würde. Mit Verlaub, das ist realitätsfern und eine neue virulente Neiddebatte. Unsere Gesellschaft ist bereits eine Zweiklassengesellschaft, eine soziale, und das – zumindest aller Voraussicht nach – noch sehr lange."

Wie sinnvoll sind Neiddebatten?

Und wenn das mit der Zweiklassengesellschaft eh gefressen ist, tut ein bisschen  Neid mehr oder weniger nichts mehr zur Sache. Eine andere Conclusio aus der gleichen Grundkonstellation deduziert die Süddeutsche Zeitung hier:

"Die Forderung von Außenminister Heiko Maas (SPD), dass die Menschen, die eine Corona-Impfung erhalten haben, wieder ins Kino oder Restaurant gehen sollen, ist das Gegenteil von Solidarität. In einer Situation, in der bei Weitem noch nicht genügend Impfstoff zur Verfügung steht, um jeder Bürgerin und jedem Bürger in Deutschland eine Dosis anzubieten, würde eine solche Sonderbehandlung Neid und Konkurrenz begünstigen."

Der eine Kommentar kommt also zu dem Schluss, man müsse die garantiert entstehende Neiddebatte ignorieren, der andere befürchtet, dass man sie nicht ignorieren kann, eben weil sie garantiert entsteht. Erstaunlicherweise stimmt beides: Klar ist, dass unsere Gesellschaft sich bestimmt keine einzige gelb-grüne Neiddebatte entgehen lässt.

Am Ducktail vorbei

Und noch mehr Neid steht auf der Speisekarte: Bartträger könnten zum Beispiel neidisch auf Glattrasierte sein – wie wir wissen, sausen Aerosole frech auch an vorbildlichst im Barber-Shop gepflegten Ducktails vorbei, direkt hinter den FFP2 Schirm. Die Konsequenz, selbst wenn der Bund den Risikogruppen finanziell in Sachen Maskenanschaffung unter die Arme greift, beschreibt die taz so:

"Bartträgern wird das wenig helfen. Bei ihnen verfehlt die FFP2-Maske ihre Wirkung, denn die Luft kann beim Ein- und Ausatmen ungefiltert an den Seiten vorbeiströmen. Sollte die FFP2-Masken-Pflicht bundesweit kommen, bleibt Betroffenen beim Gang zum Supermarkt daher nur eins: Bart ab."

Au weia. Ob man dann wieder vor allem den Barber-Shops finanziell aushelfen muss? Andererseits braucht bestimmt auch das Wachsenlassen Betreuung. Und laut der ausgewiesenen Algorithmusexpertin und weisen Rechenkundlerin Cathy O’Neil, Autorin des Buches "Weapons of Mass Destruction", wird das alles eh passenderweise ab Valentinstag besser, zumindest in den USA:

"So when will there be some relief? I’m betting on Valentine’s Day."

Blumenstrauß ohne Virus

Das ist vielleicht ein bisschen über den Daumen gepeilt, aber immerhin über den Daumen einer Mathematikerin. Und sie relativiert ja hier bei Bloomberg auch ganz schön:

"Now for the good news. People are getting vaccinated, and pretty soon their numbers will be significant enough to have a positive effect on the big picture. (...) Although it’s hard to know exactly how vaccination will proceed, it’s reasonable to guess that the number of inoculated people will increase more or less steadily until it reaches about two thirds of the population. (...) Given these trends, the numbers should start going down by mid-February — first cases, then hospitalizations, then deaths."

Hoffentlich sind wenigstens die Blumenläden dann wieder geöffnet.

Lieblingskanal der Extremist*innen

Aber um in den USA zu bleiben: Die New York Times berichtet einmal mehr über die Verbundenheit von Fox News mit Pro-Trump-Extremismus.

"And the network’s role in fueling pro-Trump extremism is nothing new: Fox has long been the favorite channel of pro-Trump militants. The man who mailed pipe bombs to CNN in 2018 watched Fox News "religiously,” according to his lawyers’ sentencing memorandum"

schreibt der NYTimes-Medienjournalist Ben Smith in einem langen Kommentar zu der Rolle von Murdochs Mediensender in einem Fall von Falsch-Anklagen gegen ein junges Mitglied der Demokratischen Partei, das im Dezember 2016 ermordet wurde (wer den ganzen Fall lesen möchte: hier). Das Beispiel ist nur eines von vielen, das unterstreicht, wie Smith weiter schreibt,

"...how deeply entwined Fox has become in the Trump camp’s disinformation efforts and the dangerous paranoia they set off, culminating in the fatal attack on the Capitol 11 days ago. The network parroted lies from Trump and his more sinister allies for years, ultimately amplifying the president’s enormous deceptions about the election’s outcome, further radicalizing many of Mr. Trump’s supporters."

Der Tagesspiegel hat sich hier ebenfalls dem Sujet Fox News gewidmet, und untersucht, ob und wie die rechtsgerichteten Medien (wie die New York Post oder eben Fox) sich im Zuge der Abwahl verändern, und wie das mit dem beliebten Thema Trump-Twitter-Aus zusammenhängt:

"Auf der einen Seite wissen alle rechtsgerichteten Medien, dass der Twitter-Bann Trumps für sie eine Chance sein könnte – weil er ein anderes Sprachrohr braucht, wenn er nicht über die Kanäle des Weißen Hauses nach außen dringen kann. Auf der anderen Seite verlässt Trump zwar das Weiße Haus, doch seine Wähler haben noch großen Einfluss auf die Einschaltquoten und Klickzahlen. Deshalb ist zu beobachten, dass rechtsgerichtete Medien einen Wechsel vollziehen – von Trump-Unterstützern zu Unterstützern von Trump-Wählern. Sie biedern sich ihnen geradezu an."

Auch der rechteste Daumen findet eben mal eine Taste.


Altpapierkorb (... mit Petra Gersters Altpapierkörbin, Phil Spector und Ich bin ein Star aber Ich will nicht ins Clubhouse)

+++ Nochmal kurz zu den eigenwilligen sozialen Medien: Der Tod des Wall of Sound-Produzenten und verurteilten Mörders Phil Spector wurde recht wenig kommentiert, wie u.a. der Spiegel konstatiert:

"Auf Twitter und anderen sozialen Medien blieb es am Sonntag, als Spectors Tod bekannt wurde, ungewöhnlich ruhig, ruhiger als sonst, wenn eine bedeutende Persönlichkeit der Pop-Historie verstirbt. Kaum ein »Rest in Peace«, keine Prominenten, die traurig kondolieren oder Erinnerungen aus ihrer gemeinsamen Geschichte mit dem Toten teilen. Dafür fast nur Häme, Bitternis und Sarkasmus."

Sein Name, wenn auch seltener seine Musik, ist anscheinend untrennbar mit seinen Taten verbunden.

+++ Petra Gerster vom ZDF erzählt in einem schönen taz-Interview von der "Papierkörbin" und anderen Reaktionen auf das öffentlich-rechtliche Gendern (hier und hier zwei von vielen, vielen Altpapieren zu einem Thema, das uns schon lange begleitet. Aber: Wir lassen uns das Gendern nicht verbie-heten! Das Gendern nicht und auch die Fröhlichkeit).

+++ Und es gibt noch mehr Hoffnung: Kaum einer schaut mehr "Ich bin ein Star". Sonderbehandlungen für Stars (oder Geimpfte, siehe oben) sind anachronistisch. Es holt einen eben doch keiner raus.

+++ Wieso allerdings alle ins Clubhouse wollen, so heißt eine neue Kommunikations-App, die einen nur auf Einladung und mit IPhone und unter freigiebiger Angabe sämtlicher persönlichen Daten reinlässt, (hier die Zeit darüber) verstehe ich nicht: "I'd never join a club that would allow a person like me to become a member." (Woody Allen)

Neues Altpapier gibt es wieder morgen.

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