Das Altpapier am 23. Februar 2021 Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm

Viel wird darüber debattiert, ob es in den "Tagesthemen" nicht genug "konservative" Kommentare gebe. Aber eine valide Grundlage für diese Diskussion gibt es nicht. Außerdem: Warum es beunruhigend ist, wenn Klimajournalismus als Wahlkampfhilfe und Aktivismus dargestellt wird. Ein Altpapier von René Martens.

Teasergrafik Altpapier vom 23. Februar 2021: Porträt Autor René Martens
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Fehlwahrnehmung bei den "Tagesthemen"-Kommentaren

Das NDR-Magazin "Zapp" hat am Montag die Aufzeichnung einer bei Clubhouse geführten Diskussion unter dem Titel "Ausgewogen? Meinungsvielfalt in der ARD" online gestellt. Ein Thema war dabei die von diversen Framing-Pfiffikussen in den letzten Wochen gern ventilierte Frage, ob es in den "Tagesthemen" in der Rubrik "Meinung" zu wenige "konservative" Beiträge gebe. Helge Fuhst, Zweiter Chefredakteur von "ARD-aktuell", sagte in der Diskussion dazu:

"Wir haben ja längst konservative Kommentare, die Sache ist nur immer: Welche werden wie wahrgenommen?"

Diese Fehlwahrnehmung - meine Formulierung, nicht die Fuhsts - gebe es schon lange bei Leuten, die die "Tagesthemen" gern guckten und der Sendung seit Jahren "treu" seien.

Vermutlich rührt diese Fehlwahrnehmung daher, dass innerhalb der Peergroups jener, die sich mehr "Konservatives" wünschen, über Positionen, die von ihren abweichen, so massiv diskutiert wird, dass der Eindruck entsteht, diese anderen Positionen würden in der Sendung dominieren. Was Fuhst außerdem sagt:

"Viele Kommentare lassen sich gar nicht in konservativ oder links oder irgendwie anders einordnen - gerade, wenn’s um Außenpolitisches geht."

Für "viele andere Themen" gelte das auch, so Fuhst. Das ist ein bisschen rätselhaft. Jeder politische Kommentar lässt sich einordnen, es gibt keine unpolitischen Kommentare zu politischen Themen.

Man könne und wolle keine "Strichliste" führen, weil viele Kommentare sich "politisch nicht einteilen lassen", sagte Fuhst weiter. Wenn man sie führte, käme man meiner Einschätzung nach zu dem Ergebnis, dass die Zahl der "linken" Meinungsbeiträge recht gering ist, aber über ein derartiges Ergebnis würden Führungskräfte der ARD aus strategischen Gründen derzeit nicht reden wollen.

Eine "Strichliste" im erweiterten Sinne - also eine politisch-semantische und/oder medienwissenschaftliche Analyse der Beiträge - wäre aber überhaupt erst eine Voraussetzung dafür, um eine ernsthafte Debatte über die Spektrumsvielfalt bei den "Tagesthemen"-Kommentaren führen zu können.

Dass sie das bei "ARD aktuell" nicht können oder wollen, ist ja völlig in Ordnung, so eine Studie, die zum Beispiel sämtliche Kommentare im Zeitraum eines Jahres auswerten könnte, kann ja eigentlich nur von außen kommen. Die Otto-Brenner-Stiftungen und die Medieninstitute dieser Welt könnten da tätig werden, an den Unis wäre das Thema auch gut aufgehoben.

Ohne den Aufwand klein reden zu wollen: Wir reden hier über zirka 100 Sekunden lange Beiträge, so eine Untersuchung müsste also in absehbarer Zeit auf die Reihe zu kriegen sein. Klar ist auch, dass das Ergebnis einer solchen Analyse politisch gefärbt sein wird - weil es davon abhängt, wie die Macher etwa "links" oder "konservativ" definieren -, aber ein Anfang wäre gemacht.

Ein nicht-inhaltliches Thema sei im Zusammenhang mit der Diskussion - Offenlegung: Ich habe knapp eine Stunde gehört, etwas mehr als die Hälfte - auch noch kurz angeschnitten: Ob es nicht "problematisch" sei, "dass öffentlich-rechtliche Redaktionen auf Clubhouse gehen", fragt Stefan Fries bei Twitter.

Altmodisch und vereinfacht gesprochen, handelte es sich bei "Ausgewogen? Meinungsvielfalt in der ARD" um eine Podiumsdiskussion mit Call-in-Elementen, und so etwas in der Art müsste der Senderverbund doch auch ohne Clubhouse auf die Beine stellen können.

Da wir gerade grundsätzlich über die "Meinung" in den "Tagesthemen" reden: Wie war denn der Kommentar am Montagabend so?

"Heute durften viele hunderttausend Grundschüler zurück in die Schule. Ich freue mich für sie (…)",

sagte die Kommentatorin Jeanne Rubner da unter anderem.

Vielleicht muss man an dieser Stelle kurz die Information einstreuen, dass Rubner vom Bayerischen Rundfunk kommt, und dass aus der zweitgrößten Stadt des Sendegebiets des Bayerischen Rundfunks, nämlich Nürnberg, am Montagnachmittag die dpa-Nachricht kam:

"Nach nur einem Tag müssen in Nürnberg die meisten Schülerinnen und Schüler wieder von zu Hause aus lernen. Wegen der hohen Zahl an Corona-Neuinfektionen werde es ab Dienstag wieder weitgehend Distanzunterricht geben, sagt Oberbürgermeister Marcus König (CSU)."

"Schule ohne große Ansteckungsgefahr" könne "funktionieren", vertellt uns Rubner auch noch. Worauf sich mit Frida Thurm (Zeit Online) entgegen ließe, dass es "grundfalsch und unverantwortlich" sei, "in dem Moment, in dem klar ist, dass die Zahlen nicht mehr sinken", die Pro-Öffnungs-Entscheidung nicht zu revidieren.

Verantwortlich dagegen handelten vor den Entscheidungsträgern in Nürnberg schon jene in der Stadt Bad Ems und im Landkreis Germersheim, wo bereits am Wochenende die Entscheidung fiel, nicht zu öffnen. Meldungen wie die aus Nürnberg werden sich in den nächsten Tagen häufen. Jenseits von Nürnberg, Bad Ems und Germersheim - und auch in manchen Redaktionen - singen sie aber derzeit offenbar noch gern einen Refrain eines Klassikers der deutschen New-Wave-Band Palais Schaumburg: "Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm."

Der gestrige "Tagesthemen"-Kommentar hat mich also mal wieder fassungslos zurück gelassen, das war in der vergangenen Woche auch zweimal so. Ich lege gern offen, dass ich 2021 (anders als in den Jahren zuvor) insgesamt noch nicht allzu viele "Tagesthemen"-Kommentare gesehen habe. Aber: Mindestens so wichtig wie eine Debatte um Vielfalt in diesem Bereich - die natürlich auch von Belang ist, weil es auch darum geht, dass mehr jüngere ARD-Redakteure zu Wort kommen - wäre mal eine Debatte um journalistische Mindestanforderungen.

Was Liberale und Rechtsextreme eint

Die Diskussion um Äußerungen des FDP-Politikers Alexander Lambsdorff, der einen neuen Instagram-Account des WDR zum Thema Klima als "Wahlkampfhilfe" für die Grünen einstufte (Altpapier), geht weiter. Samira El Ouassil schreibt bei Übermedien:

"Wir haben im Diskurs ein großes Problem, wenn im Jahr 2021 das Informieren über die Klimaerwärmung noch als Wahlkampfhilfe für die Grünen wahrgenommen wird. Ich bin ehrlich überrascht und milde amüsiert, dass noch versucht wird, so etwas Selbstverständliches wie die Abbildung des Klimawandels zu ideologisieren. Den Bericht schon als Aktivismus und unangebrachte Parteilichkeit auszulegen, kommt einer Leugnung der Krise sehr nahe."

Wolfgang Blau, einst Chefredakteur bei Zeit Online und jetzt fürs Reuters Institute for the Study of Journalism tätig, spricht angesichts Lambsdorffs Wortmeldung von einem "beunruhigenden Phänomen für Klimajournalisten". Und Ulrich Schulte kommentiert für die taz:

"Lambsdorff unterstellt JournalistInnen, die er vermutlich nie getroffen hat, und einem Format, das gerade erst startet, Parteilichkeit und Aktivismus. So wiederholt er das bei Rechtsextremen beliebte Narrativ, der öffentlich-rechtliche Rundfunk sei eine linksgrün unterwanderte Propagandamaschine. Lambsdorff platziert diesen unreflektierten Quatsch mitten in der bürgerlichen Mitte."

Nun ist Lambsdorff ja nicht der erste, der "diesen unreflektierten Quatsch" dort platziert, dieses Mantra wurde in der vermeintlichen Mitte schon so oft gesungen, dass ja längst sogar einige Hierarchen der Öffentlich-Rechtlichen zum Ausdruck bringen, da sei etwas dran. Ob die Hierarchen das wirklich glauben, oder ob solche Äußerungen eher auf strategische Hilflosigkeit schließen lassen - das wiederum ist schwer einzuschätzen.


Altpapierkorb (RBB-Staatsvertragsentwurf, lange SR-Intendantenwahl, "Glyphosat-Urteil" pro MDR, "Tribes of Europa")

+++ Mit den im Altpapier von Montag vergangener Woche erwähnten RBB-Staatsvertrags-Entwurf, der die Einstellung der analogen Verbreitung einzelner Hörfunkwellen vorsieht - "ein drastischer Schritt, den in der Konsequenz bislang keine andere ARD-Anstalt plant" (Steffen Grimberg) - beschäftigt sich nun auch die Berliner Zeitung.

+++ Die Intendantenwahl beim Saarländischen Rundfunk (Altpapier gestern) ist noch nicht vorbei - weil "in den ersten drei Wahlgängen (…) weder für die Kandidatin noch für die beiden Kandidaten eine notwendige Zwei-Drittel-Mehrheit zustande gekommen", geht es heute um 16 Uhr weiter, teilt der SR selbst mit.

+++ Die FAZ geht auf ein Urteil des Oberlandesgerichts Köln ein, das für den MDR erfreulich ist. Die Richter hätten entschieden, "wozu das Urheberrecht nicht taugt: kritische Berichterstattung zu unterbinden" - und im Detail festgestellt, "dass das MDR-Magazin 'Fakt' im Jahr 2015 über ein Glyphosat-Gutachten des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) berichten und dabei auch ein englischsprachiges Addendum des Gutachtens online veröffentlichen durfte." Der MDR hat sich in dieser eigener Sache schon vor einigen Tagen geäußert.

+++ Das dominante Thema auf der heutigen SZ-Medienseite: die bei Netflix zu sehende deutsche Science-Fiction-Serie "Tribes of Europa". Im Interview sagt Serienerfinder Philip Koch: "Vor sechs Wochen waren noch wild Maskierte im Kapitol in Washington, die hätten wir, so wie sie waren, in 'Tribes of Europa' auftreten lassen können. Wenn sich jemand fragt, warum zum Beispiel die Crows bei uns in der Serie geschminkt sind, dann sage ich: Schaut mal, 2021, US-Kapitol, da sind Honks, die malen sich bescheuert an, tragen depperte Felle und Hörner und machen Krawall. So unglaublich weit weg von der Welt von 'Tribes' ist das nicht!" In einer Rezension der Serie schreibt Nicolas Freund (der auch das Interview geführt hat): "Das größte Verdienst dieses ambitionierten Projekts ist der Weckruf für die deutsche Filmbranche, (…) nicht alles auf den kleinsten gemeinsamen Nenner des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu bringen, sondern etwas zu wagen. 'Tribes of Europa' macht nicht alles richtig, aber die Serie wagt etwas, das dem deutschen Film oft fehlt: groß denken." Was Daniel Gerhardt bei Zeit Online vor einigen Tagen über "Tribes of Europa" schrieb, klingt dagegen deutlich anders. Die Serie wirke "konfus" und finde keinen "eigenen Stil".

Neues Altpapier gibt es wieder am Mittwoch.

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