Das Altpapier am 26. März 2021 Freispruch Holzklasse

Julian Reichelt ist zurück in der "Bild"-Redaktion, allerdings unter Aufsicht. Eine neue Studie befasst sich mit Politik-PR in Tageszeitungen. Und ein fast resignierter Ökonom macht einen Reformvorschlag für ARD und ZDF. Ein Altpapier von Ralf Heimann.

Teasergrafik Altpapier vom 26. März 2021: Porträt Autor Ralf Heimann
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Reichelts Rückkehr: Betreutes Führen

Als Tanit Koch vor drei Jahren die "Bild"-Zeitung verließ, weil es mit ihr und Julian Reichelt nicht ging, teilte Springer-Chef Mathias Döpfner via Presseerklärung mit, die Konstellation sei zwar "gut gemeint" gewesen, habe aber nicht funktioniert, weil diese Aufstellung nicht zur "Bild" passe. "BILD braucht ganz klare Verhältnisse", schrieb Döpfner. An diese Passage erinnerten sich am Donnerstag mehrere Medienjournalistinnen oder Medienjournalisten, denn die Compliance-Untersuchung gegen Julian Reichelt ist abgeschlossen. Ergebnis: Klare Verhältnisse sind anscheinend auch nichts für die "Bild". Man könnte nun auf die Idee kommen, dass es vielleicht gar nicht so sehr an der zahlenmäßigen Konstellation an der Spitze liegt, sondern vielleicht auch ein kleines bisschen an Julian Reichelt. Aber bis sie bei Springer dann möglicherweise irgendwann auf den Trichter kommen werden, probieren sie es jetzt erst mal wieder mit unklaren Verhältnissen.

Der Verlag stellt Reichelt die "alte Print-Sau" Alexandra Würzbach zur Seite, die sich laut Springer-Mitteilung um "das übergreifende Personal- und Redaktionsmanagement" kümmern soll. Und was auch immer das genau bedeutet, es sieht danach aus, als hätten sie im Haus das ungute Gefühl: Man kann Reichelt mit der Redaktion nicht mehr alleine lassen.

Falls das so sein sollte, liegt das wahrscheinlich daran, dass Reichelt Fehler gemacht hat. So steht es jedenfalls in der Pressemitteilung des Verlags, sogar drei Mal, wie Stefan Niggemeier aufgefallen ist. "Fehler in der Amts- und Personalführung – die nicht strafrechtlicher Natur sind", das ist die erste Stelle. An einer weiteren sagt Mathias Döpfner den Satz: "Er hat Fehler gemacht." Und schließlich sagt Reichelt auch noch selbst: "(…) ich habe im Umgang mit Kolleginnen und Kollegen Fehler gemacht." Nur worin die Fehler bestanden, das stehe nicht in der "Kapitulationserklärung", so Niggemeier.

Eine interessante Frage ist, ob das Ziel der Untersuchung der vergangenen Wochen tatsächlich Aufklärung war. Dagegen spricht, dass die mit Springer eng verbundene Kanzlei Freshfields mit der Sache betraut war. Sie erweckte auch in der Vergangenheit schon mehrfach den Eindruck, dass ihr Anliegen eher Schadensbegrenzung im Sinne des Auftraggebers sei – und nicht so sehr die Absicht, die Fakten ans Licht zu bringen, wie René Martens Anfang März im Altpapier erklärte.

Hannah Knuth und Holger Stark nähren mit ihrem Beitrag für Zeit Online den Verdacht, dass die Kanzlei bei ihren Untersuchungen eher halbherzig vorging. Neben der Compliance-Abteilung hätten auch drei Anwälte von Freshfields die Vorwürfe überprüft. Sie hätten zwar "die Aussagen mehrerer betroffener Frauen und weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Bild kontaktiert". Doch: "Andere Betroffene wurden bis heute nicht von Freshfields befragt."

Und: Dass ein Vertrauter von Reichelt eine der Frauen, um die es ging, "subtil unter Druck gesetzt" haben soll, "keine Vorwürfe gegen Reichelt zu erheben, sei im Verlag seit einer Woche bekannt. "Bislang arbeitet der Redakteur weiterhin im Haus", schreiben Knuth und Stark. Der Spiegel berichtet allerdings, "der Vorgang" könne laut Springer noch personelle Konsequenzen haben.

Einen Grund, Julian Reichelt im Fahrstuhl nach unten fahren zu lassen, sieht Mathias Döpfner allerdings nicht. Wörtlich sagt er laut dem Statement: "Nach allem, was im Zuge der Untersuchungen zum heutigen Tage bekannt geworden ist, halten wir eine Trennung aber für unangemessen." Ein anderes Ergebnis hätte ihn selbst durchaus in Schwierigkeiten bringen können. Dann hätte sich vor allem eine Frage gestellt: Wie lange wusste Döpfner von alledem, ohne selbst etwas unternommen zu haben?

Beendet sein dürfte die ganze Sache dennoch nicht, zum einen nicht für Reichelt, möglicherweise auch nicht für jene, die Vorwürfe geben Reichelt erhoben haben, die sich nun nicht belegen lassen. Ulrike Simon sieht in Reichelts Statement an die Belegschaft kurz vor seiner Freistellung einen Hinweis darauf, dass der Fall noch weitere Anwälte beschäftigen könnte.

"Wer haltlose Behauptungen über jemanden aufstellt, die den Ruf oder gar die berufliche Existenz des Beschuldigten gefährden, braucht womöglich einen guten Anwalt. Das Stichwort lautet: Rufmord",

schreibt sie. Wer damit gemeint sein könnte, steht ganz am Anfang. Der Text beginnt so:

"Was haben der Comedian Jan Böhmermann, der das Ganze publik machte, der Autor Benjamin von Stuckrad-Barre, der in der Sache keine geringe Rolle übernahm, und der ehemalige Bild-Unterhaltungschef Martin Heidemanns mit seinen, die Abberufung von Chefredakteur Julian Reichelt geradezu herbeisehnenden SMS-Nachrichten gemeinsam? Seltsame Allianzen offenbarten sich in den vergangenen Wochen."

"Kollegin @UlrikeSimon ist nun komplett im Team #Reichelt und lässt es am Ende Ihres @Horizont-Artikels mächtig raunen."

Michael Hanfeld beschäftigt sich auf der FAZ-Medienseite mit der Frage, wie es denn jetzt weitergeht. Er schreibt:

"Ein Freispruch erster Klasse ist das indes nicht. Man hat dem 'Bild'-Chef die Instrumente gezeigt. Man könnte ihn auch so schassen, ohne strafrechtlich Relevantes. An seinem Versprechen wird Reichelt gemessen, eine weitere Chance kriegt er nicht. Vielleicht verbessert sich das toxisch-männliche Arbeitsklima, werden Frauen nicht schlechter behandelt und geht der Chef künftig nicht mit miesem Verhalten voran. Ob sich Reichelt ändert? Er hat nun am eigenen Leib erfahren, wie es ist, wenn man mit Persönlichem in den Schlagzeilen verhackstückt wird."

Hannah Knuth und Holger Stark haben so ihre Zweifel, ob Julian Reichelt wirklich der Richtige ist, um die Trümmer zusammenzulesen und etwas Neues aufzubauen, um hier mal wieder etwas Nachkriegsrhetorik einfließen zu lassen. Sie schreiben:

"Offen ist, wie Julian Reichelt die Zeitung in Zukunft effektiv führen will: Die Redaktion gilt als zerrissen, das Klima als vergiftet. Springer hat bereits angekündigt, eine tiefgreifende Reform in der Redaktion angehen zu wollen."

Immer Ärger mit dem Gastbeitrag

Im Januar schrieb René Martens im Altpapier den Satz: "Der Gastbeitrag ist ein ambivalentes Genre." Und mit diesem Zitat leitet die Otto-Brenner-Stiftung nun ihr 40-seitiges Arbeitspapier "Wenn Politik Presse macht" ein, das Marvin Oppong für die Stiftung verfasst hat. Das Papier beschäftigt sich mit Gastbeiträgen von Politikern in deutschen Zeitungen, konkret: der SZ, der FAZ und dem Tagesspiegel.

Ambivalent sind diese Beiträge, weil hier ein Zielkonflikt vorliegt. "Politiker*innen verfolgen in erster Linie Machtinteressen, Journalismus dagegen hat objektive Information zum Ziel", schreibt Oppong. Allerdings gibt es für Medien dennoch einige Gründe, Politikerinnen und Politikern die Möglichkeit einzuräumen, ihre Meinung ungefiltert im sicherlich vertrauensfördernden Umfeld ansonsten journalistischer Beiträge zu publizieren. Medien begründen das üblicherweise mit der Möglichkeit, auf diese Weise Debatten anstoßen zu können und "ein journalistisches Produkt um verschiedene Sichtweisen zu bereichern".

Ein nicht so überraschendes, aber dennoch interessantes Ergebnis dabei ist: Es deutet vieles darauf hin, dass dies nicht das Hauptmotiv der Medien ist. Oppong stellt zum Beispiel fest:

"Es kommt so gut wie nie vor, dass eine Gegenposition, etwa in Form eines Gegen-Gastbeitrags oder eines beigestellten redaktionellen Sachstücks dargestellt wird."

Ein weiterer Punkt ist: Die Gruppe der Gastautorinnen und Gastautoren, der für das Papier ausgewerteten Beiträge, war recht homogen, in mehrfacher Hinsicht:

"Die Autorenschaft ist dabei nicht pluralistisch, sowohl was die verschiedenen Parteien betrifft als auch hinsichtlich anderer Faktoren wie dem Geschlecht."

Dazu fanden sich häufiger Regierungspositionen als die der Opposition. Dass hier politische Positionen ungefiltert verbreitet würden, sei

"umso problematischer, wenn etwa im Fall der FAZ – Politiker*innen, deren Parteizugehörigkeit sich mit der des Blattes deckt, gehäuft zu Wort kommen (…)"

Die besten Chancen hatten Oppongs Eindruck nach der "Logik des Boulevards" folgende Themen, die besonders "spektakulär oder brisant" sind. Und die besten Chancen hatten Menschen mit einem bekannten Namen.

Oppong schlussfolgert:

"Es entsteht der Eindruck, dass nicht entscheidend, was gesagt wird, sondern nur wer es sagt."

Und das legt einen weiteren Eindruck nahe, nämlich den, dass Gastbeiträge vor allem ein Marketing-Instrument sind, dessen Einsatz zu einer Win-Win-Situation führt, unglücklicherweise in einer Situation, an der drei Parteien beteiligt sind. Politikerinnen und Politiker beschert ein Gastbeitrag in einem renommierten Medium Aufmerksamkeit. Auf gleiche Weise profitiert auch das Medium selbst, wenn Agenturen Aussagen aus Gastbeiträgen weiterverbreiten. Gleichzeitig sind Gastbeiträge Inhalte, deren Produktion nicht viel kostet. Das Publikum dagegen bekommt für sein Geld oder seine Werbeaufmerksamkeit Inhalte, die es so auch auf der Website des Politikers oder der Politikerin finden würde, nur dort wahrscheinlich kostenlos.

ARD/ZDF-Reformvorschlag, Folge 437

Der Wettbewerbsökonom und frühere Chef der Monopolkommission Justus Haucap hat zusammen mit CDU-Politikern und Fachleuten einen Vorschlag zur Reform von ARD und ZDF erarbeitet, der beide Sender auf ihre Kernaufgaben reduzieren soll, um ihren enormen Geldverbrauch zu senken. In der Konsequenz würde das bedeuten, dass eines von beiden Hauptprogrammen verschwinden muss. Das entspricht den Vorstellungen der Mittelstands-Union, mit denen wir uns im Altpapier Ende Januar beschäftigt haben. Peter Steinkirchner hat für die Wirtschaftswoche (€) mit ihm darüber gesprochen. Und ein bisschen hat man das Gefühl, dass Haucap selbst gar nicht so richtig daran glaubt, dass eine Reform überhaupt jemals zustande kommen wird. Zum einen sagt er:

"Wahrscheinlich ist der Reformwille sogar in der katholischen Kirche größer als beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk."  

Später formuliert er das noch mal in etwas anderen Worten:

"Die Reform von ARD und ZDF ist und bleibt ein sehr dickes Brett, und wenn ich darauf wetten sollte, dann kommt die Legalisierung von Cannabis sicher schneller zustande."

Falls die Sätze einfach dazu dienen sollten, von den Mediendiensten berücksichtigt zu werden, hat das jedenfalls geklappt – und ehrlicherweise hier ja auch.

Inhaltlich stellt Haupcap einige Ideen vor, die man so oder so ähnlich auch anderswo schon mal gehört hat (teure Shows wie die Helene-Fischer-Show könnten so auch bei Privatsendern laufen). Dem Argument, dass hohe Einschaltquoten den öffentlich-rechtlichen Sendern auch als Legitimation dienen, entgegnet er:

"(…) ja, und das ist falsch. Denn es ist nicht die Kernaufgabe von ARD und ZDF, möglichst hohe Einschaltquoten zu generieren, egal mit welchen Inhalten. Unsere Auffassung ist, dass sie Programme gestalten und anbieten sollten, die sonst in der Fernsehlandschaft fehlen würden."

Um es abzukürzen, das Argument lautet: Wenn die Sender weniger kosten, steigt auch die Akzeptanz.

Haucap spricht auch den Osten an (mangelt nicht an Interesse für Politik und Kultur, die Leute fühlen sich nicht repräsentiert), und er nimmt Stellung zu dem Vorwurf, sein Vorschlag spiele der AfD in die Hände, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk am liebsten ja gleich abschaffen würde.

Haucap:

"Wir können doch nicht, nur weil das Thema heikel ist, alles laufen lassen und riskieren, dass eine notwendige Reform aus falschen Gründen nicht zustande kommt. Viele Bürger sind nicht zufrieden mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, aber deshalb sind sie ja nicht automatisch rechtsradikal."

To be continued…

Altpapierkorb (MDR-Staatsvertrag, Uta Ranke-Heinemann, Fußballer-Interviews, Katapult-Lokalredaktion)

+++ Sachsen hat als erstes der drei beteiligten Bundesländer dem neuen MDR-Staatsvertrag zugestimmt, meldet unter anderem die FAZ auf ihrer Medienseite. Der Vertrag regelt unter anderem, wie das Geld verteilt wird. Und darüber hatte es Streit gegeben. Damit der neue Vertrag in Kraft treten kann, müssen jetzt noch die Parlamente in Erfurt und Magdeburg ihr Okay geben.

+++ Uta Ranke-Heinemann ist gestorben. "Mehrere Jahrzehnte lang waren deutsche Fernseh-Talkshows nicht komplett, wenn sie nicht in ihrem grünen Lederkostüm dabei war und sehr vergnügt sehr anstrengend war", schreibt Stefan Niggemeier bei Twitter. Er erinnert dort auch an ein Porträt von Annika Joeres, das 2006 in der taz erschienen ist. Raoul Löbbert hat für Zeit Online (€) einen Nachruf geschrieben.

+++ Imre Grimm hat eine Satire zu TV-Interviews von Fußballern geschrieben. Die Essenz: "Haltet euch an Lukas Podolskis Erfolgsrezept: 'Ich denke nicht vor dem Tor. Das mache ich nie.' Sonst kommt ihr nämlich, wie Richard Golz einst auf die Frage nach den Besonderheiten des vermeintlichen 'Studentenclubs' SC Freiburg sagte, unter Umständen 'vor lauter Philosophieren über Schopenhauer gar nicht mehr zum Trainieren'."

+++ Das Katapult-Magazin gründet eine eigene Lokalredaktion, schreibt Magazin-Gründer Benjamin Fredrich. Der Beitrag endet so: "Ich weiß, der Lokaljournalismus ist am Ende. Ich weiß, wir haben keine Chance, aber das hatten wir mit KATAPULT auch nie. Also los. Mir ist alles egal! Lasst uns endlich scheitern!" Nach Scheitern sieht’s im Moment aber nicht aus. Das Magazin hat vor dem Start schon die Zusage für über tausend Abos zusammen.

Haben Sie ein schönes Wochenende. Neues Altpapier gibt es am Montag.

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