Das Altpapier am 31. März 2021 Das fehlende Grundverständnis für dokumentarische Arbeit

Ist RTL bald die Nummer eins in der Prime-Time-Berichterstattung zum Thema Klimakrise? Gibt es eine "Direct-Cinema-Polizei"? Was taugt das Dokudrama zum Wirecard-Skandal? Ein Altpapier von René Martens.

Teasergrafik Altpapier vom 31. März 2021: Porträt Autor René Martens
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RTL - ARD 1:0

Dass wir uns in dieser Kolumne an zwei Tagen hintereinander ausführlich mit RTL beschäftigen, ist eher ungewöhnlich. Der eine Anlass ist, dass der Sender "älter werden" will (Thomas Lückerath, dwdl.de) bzw. "gerade auf ältere weiße Männer setzt" (Claudia Tieschky, SZ) - was sich darauf bezieht, dass man sich gerade die Dienste bekannter öffentlich-rechtlicher Gesichter wie Jan Hofer und Hape Kerkeling gesichert hat. Christian Bartels schrieb hier gestern in diesem Zusammenhang:

"Gut möglich, dass über das alte, bei allen Rundfunkbeitrags-Debatten immer wieder frische Thema der inhaltlichen Angleichung zwischen privaten und beitragsfinanzierten öffentlich-rechtlichen Programmen künftig unter anderen Vorzeichen diskutiert werden muss."

Nun kommen aber möglicherweise noch andere Vorzeichen hinzu, weil RTL nicht nur älter werden will, sondern parallel offenbar auch jüngere Zuschauer im Visier hat, die bisher eher selten eingeschaltet haben. Dafür spricht, dass der Privatsender mit der Initiative "Klima vor acht" (Altpapier) zusammenarbeiten will, die das Ziel hatte, im Ersten Programm der ARD täglich in einem an "Wissen vor acht", "Börse vor acht" und "Wetter vor acht" angelehnten Kurzformat Klimawissen zu vermitteln.

Bei der ARD sind die „Klima vor acht“-Leute damit aber bisher „auf wenig Verständnis gestoßen“ (Übermedien neulich). Der Spiegel meldet jetzt kurz:

"(Nun) ist offenbar ein Mitbewerber der ARD aus dem Privatfernsehen in die Bresche gesprungen (…) Das neue Format solle im Umfeld der Hauptnachrichtensendung 'RTL Aktuell' zu sehen sein."

Über diese Entwicklung war man wohl auch bei "Klima vor acht" überrascht.

Dass die RTL-Kommunikationsabteilung mit der Sache bereits an die Öffentlichkeit geht, obwohl noch nicht einmal alles besiegelt ist - die Beteiligen stünden "in engem Austausch für ein regelmäßiges Format", heißt es - zeigt, wie man den Imagegewinnfaktor einschätzt.

Für die ARD zeichnet sich dagegen auf jeden Fall ein Imageschaden ab. Sie hat eine originär öffentlich-rechtliche Programmrenovierungs-Idee von außen ignoriert, sei es nun aus Behäbigkeit oder weil man Muffensausen hatte vor möglichen Reaktionen aus den Klima schädigenden Wirtschaftszweigen (Dass Letzteres im ARD-Reich nicht abwegig wäre, zeigt ein vom Volksverpetzer aufgegriffener Fall). So hat man nun RTL die Gelegenheit gegeben, ein bisschen öffentlich-rechtlicher zu werden.

Eine Täterin, die auch Opfer ist

Zur "Lovemobil"-Sache (die schon mehrfach Thema an dieser Stelle war, auch am Montag und Dienstag dieser Woche) gibt es heute eine "Zapp"-Spezialausgabe im NDR Fernsehen. Es diskutieren Susanne Binninger (AG DOK), der Dokumentarfilmer Stephan Lamby und Anja Reschke, die beim NDR jenen Programmbereich leitet, zu dem sowohl die Dokumentarfilmredaktion gehört, die "Lovemobil" betreut hat, als auch das Team von "Strg_F", das den Einsatz von Darstellern in dem Film aufgedeckt hat. Am Wochenende beim RBB-"Medienmagazin" waren ebenfalls Binninger und Lamby am Start, und insofern wirkt die heutige Besetzung etwas uninspiriert - auch wenn es nachvollziehbar ist, dass man einen bekannten Dokumentarfilmer wie Lamby ("Schäuble – Macht und Ohnmacht", "Bimbes – Die schwarzen Kassen des Helmut Kohl") dabei haben will.

Für künftige Runden gäbe es noch einige potenzielle Kandidaten. Beim Online-Film-Magazin Artechock sind seit Donnerstag bisher sechs sehr unterschiedliche, sich teilweise aufeinander beziehende Debattenbeiträge rund um "Lovemobil" und ungefähr alle damit verbundenen Grundsatzfragen erschienen. Der bisher vorletzte, am Montag veröffentlicht, ist mit mehr als 18.000 Zeichen gefühlt der zweitlängste, er stammt von dem Dokumentarfilmer Dietmar Post (Altpapier). Der bisher letzte ist der umfangreichste - ein etwas weniger als 40.000 Zeichen langes Interview mit der "Lovemobil"-Regisseurin Elke Lehrenkrauss. Geführt haben es Grit Lemke, Dokumentarfilmerin und rund ein Vierteljahrhundert Programmgestalterin beim Dokumentarfilmfestival in Leipzig, und Ludwig Spoerrer, Mitar­beiter des DOK.fests München. Es scheint mir das erste 1:1-Interview mit der Regisseurin zu sein.

Spoerrer bemerkt:

"Bedenklich ist, dass der NDR in der Reportage (von "Strg_F") mit 'Dokumentarfilm ist bei uns die Abbildung von Realität' zitiert wird. Uns ist allen klar, dass das nicht möglich ist, und spätestens seit den 1980ern kein Programmverantwortlicher eines deutschen Fernsehsenders so etwas ernsthaft behaupten sollte."

Da setzt Lemke dann noch einen drauf:

"Das ist wirklich absurd, dieses fehlende Grundverständnis dokumentarischer Arbeit. Hinzu kommt eine unfassbare Häme im Kolleg/innenkreis auch innerhalb der AG DOK, und dass eine 'Direct-Cinema-Polizei' ein Inszenierungsverbot in den Raum stellt. Dagegen wehre ich mich nicht nur als Filmemacherin, sondern auch als Kuratorin."

"Direct-Cinema-Polizei" dürfte der knackigste Neologismus sein, den die Debatte bisher hervorgebracht hat. Neben vielen anderem aufschlussreich ist Lehrenkrauss’ Sichtweise ihrer Zusammenarbeit mit dem NDR-Redakteur Timo Großpietsch:

"Wir haben uns in der gesamten Zeit nur ein Mal getroffen. Zur Mate­ri­al­sich­tung, in meiner Wohnung, (…) 2 Stunden 45 Minuten. Dann hatten wir nur kurz Zeit zu sprechen, und er musste dann auch schon wieder weiter, er stand wahn­sinnig unter Termin­druck, so mein Eindruck. Und unter so einem Zeitdruck kommt keine Atmosphäre des 'vertraulichen Gesprächs auf Augenhöhe' auf. Er meinte über die 60-jährige Protagonistin Ira: 'Schmeiß die mal raus!' Die fand er nicht gut. Das war für mich total schlimm. Man musste mich wirklich fast auf die Streckbank legen, damit ich Ira rausschmeiße."

Empfohlen sei zum Themenkomplex auch noch "Die Sache mit der Authentizität: Zur Inszenierung im Dokumentarfilm", ein Text, den Daniel Sponsel, seit 2010 Leiter des DOK.fests München, für critic.de geschrieben hat, unter anderem geht es um die am Montag hier schon angeklungene Frage der vermeintlichen "Relotius-haftigkeit" von "Lovemobil":

"Der mittlerweile mehrfach zitierte Vergleich zum Journalisten Claas Relotius (verbietet sich). Dieser hatte seine Reportagen mit einer klaren erzählerischen Zielsetzung am Reißbrett geplant und gestaltet. Elke Lehrenkrauss dagegen musste feststellen, dass nach drei Jahren Arbeit und jeder Menge intensiver Rechercheerlebnisse die tatsächlichen Situationen eben nicht mit der Kamera umsetzbar waren."

Sponsels generelles Fazit:

"Elke Lehrenkrauss ist mit ihrem Film 'Lovemobil' Täterin und Opfer eines Systems, das sie nicht erfunden hat, aber gefällig bedient, eines Systems, in dem das Mediale immer schneller, höher, weiter hinaus will und damit gut ankommt beim Publikum (und sich auch selber feiert)."

Eine Kollegin wies mich noch auf eine bemerkenswerte Zahl hin. Unter protokult.de findet man sämtliche Protokolle der Diskussionen bei der Duisburger Filmwoche seit 1978. Die Gespräche, in denen die Regisseur*innen mit dem Publikum und der Auswahlkommission dieses Dokumentarfilmfestivals debattieren, sind integraler Teil der Veranstaltung. In der Schlagwortsuche findet sich der Begriff "Inszenierung" immerhin 167 mal. Das sagt natürlich nichts darüber aus, wie oft das Wort bloß beiläufig erwähnt wurde, und erst recht nicht darüber, wie die Diskussionsteilnehmer, die den Begriff im Munde führten, ihn im jeweiligen Kontext verstanden wissen wollten. Aber die Zahl vermittelt zumindest einen ungefähren Eindruck davon, wie intensiv die Dokumentarfilm-Szene dieses Thema auch dann diskutiert, wenn keine aktuellen Skandale auf der Agenda stehen.

Der Mann, der bei der AfD Hinrich Lührssen war

2019 habe ich mich für das Jahrbuch Fernsehen damit befasst, "wie Fernsehjournalisten im AfD‑Milieu landeten". Zu den Personen, die in dem von der Medienkorrespondenz republizierten Beitrag vorkamen, gehörte der vorher unter anderem frei für Radio Bremen tätige Journalist Hinrich Lührssen. Er wollte 2019 als Spitzenkandidat der Bremer AfD in die Bürgerschaft einziehen, aber als es dann nichts wurde mit dieser Spitzenkandidatur, wechselte er zu einer Konkurrenzgruppierung namens Bürger in Wut. Letzteres war auch Thema im Altpapier.

Nun widmet sich Sebastian Heidelberger bei Übermedien Lührssens Versuch, seine eigene Geschichte neu zu schreiben. Lührssen hat ein Buch mit dem Titel "Undercover in der AfD" verfasst. Seine Version lautet also: Ich habe bloß gewallrafft. Heidelberger schreibt:

"In seinem Buch positioniert er sich nun gegen die rechtsradikale Partei und gibt unter anderem auf 18 Seiten Tipps, was gegen die AfD zu tun wäre."

Was Heidelberger darüber hinaus anmerkt:

"Auf (Lührssens) Facebookseite finden sich bis heute Postings aus seiner Zeit als Politiker: Werbung für die AfD. In seiner Freundesliste stehen auch weiterhin AfD-Politiker. Nachfragen dazu beantwortet Lührssen nicht."

Nicht zuletzt fragt Heidelberger, wie Lührssens Erzählung sich damit vereinbaren ließ, dass dieser zwischenzeitlich sogar im Vorstand der Bremer AfD saß:

"Angenommen, es wäre so gewesen, wie Lührssen sagt: Dass er 'undercover' recherchieren wollte – ginge das so überhaupt, mit Parteiämtern? Der freie Journalist Silvio Duwe schleuste sich in eine rechtsextreme Gruppe ein und berichtete darüber für das ARD-Magazin 'Kontraste'. Er sagt, er habe bei seinen Recherchen bewusst keine Leitungsaufgaben übernommen. 'Ich war immer klar in der Rolle des Passiven dabei.' Seiner Rolle als Journalist würde es widersprechen, 'wenn ich mein Rechercheobjekt manipuliere, indem ich Entscheidungen fälle'. Als Beobachter Einfluss zu nehmen, wäre 'unsauber'."

Die Gruppe, in der der erwähnte Duwe undercover recherchierte, war übrigens die Siedler-Bewegung Anastasia.

Altpapierkorb (der mutmaßliche Kulturwandel bei Springer, das Dokudrama zum Wirecard-Skandal)

+++ Ergänzende Lektüre zum Fall Julian Reichelt gewünscht? Stefan Niggemeier geht für Übermedien auf eine Videokonferenz ein, bei der "Mitglieder des Axel-Springer-Vorstands und der 'Bild'-Chefredaktion die Belegschaft über den Ausgang des Compliance-Verfahrens gegen Reichelt informierten". Ein Mitarbeiter stellte dort anonym folgende Frage: "Was den Kulturwandel angeht, den wir brauchen, reden wir an vielen Stellen von 180-Grad-Wendungen, und was den teilweise menschenverachtenden Umgang miteinander angeht, wie kann dieser ohne personellen Neuanfang gelingen?"

+++ Die Süddeutsche lobt das von Hannah Ley und ihrem Mann Raymond geschriebene bzw. in Szene gesetzte und ab heute auf der RTL-Plattform TV Now zu sehende Dokudrama "Der große Fake – Die Wirecard-Story" als "geschmeidig inszeniert", konstatiert aber auch: "Wahrscheinlich filmt es sich (…) leichter, wenn die juristische Aufarbeitung abgeschlossen ist." Die FAZ (€) sieht "in diesem Film, der vorgibt, ein gut choreographierter und stringent erzählter Wirtschaftskrimi zu sein", dagegen viele "Schwächen". Was den Frankfurter Allgemeinen Kosmos angeht, fällt ein schludriger Umgang mit der Transparenz auf. In dem zitierten FAZ-Medienseitentext heißt es, die Leys seien "von Wirtschaftsjournalisten verschiedener Medien beraten worden, darunter zwei Kollegen der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Tatsächlich ist bei "Der große Fake" aber in den eingeblendeten Credits vermerkt, dass der Film "nach einer Idee" jener beiden "Kollegen" (Georg Meck und Bettina Weiguny heißen sie) entstanden ist. Der Anteil des Duos ist also wesentlich höher als es der Begriff "beraten" umfasst. Meck und Weiguny wiederum haben für ihre FAS (€) anlässlich des Filmstarts einen Text geschrieben, an dessen Rand vermerkt ist, dass sie die Autoren "des Buchs zum Film" sind. Ein Hinweis darauf, dass sie am Film mitgearbeitet haben, findet sich aber nicht. Das ist ja nun nicht die feine englische Art.

Neues Altpapier gibt es am Gründonnerstag.

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