Das Altpapier am 1. April 2021 Stern TV now

Gruner+Jahr-Chefin Julia Jäkel verlässt das Haus. Ist das der Vorbote einer bevorstehenden Verzahnung mit RTL? Und: Im NDR wurde über den NDR-Dokumentarfilm "Lovemobil" diskutiert. Die Rolle des NDR wurde nicht übertrieben hell ausgeleuchtet. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Teasergrafik Altpapier vom 1. April: Porträt Autor Klaus Raab
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Stephan Schäfer beerbt Julia Jäkel bei Gruner+Jahr

Das Gute am Internet ist, dass die Aprilscherze in den Zeitungen noch leichter identifizierbar sind. Man muss die Zeitung nur am Vorabend online lesen, und bitte sehr: Alles, was da schon veröffentlicht ist, kann kein Witz sein. Aus welchem Grund würde denn jemand vorzeitig Aprilscherze veröffentlichen? (Wie? Ja gut, okay.)

Es ist also auch kein Aprilscherz, dass Stephan Schäfer der neue CEO von Gruner+Jahr wird. Die Meldung ist nämlich vom 31. März. Es wäre auch ein wenig origineller Scherz, nachdem in den vergangenen Jahren im Grunde jede Pressemitteilung des Verlags seinen Namen enthielt. Chefredakteur hier, Chefredakteur da, gerne auch zusätzlich, Verlagsgeschäftsführer, Produkt-Vorstand, Geschäftsführer Inhalte & Marken der Mediengruppe RTL Deutschland, Chief Product Officer, Mitglied des Boards der Bertelsmann Content Alliance usw. usf. Und nebenbei oder vor allem war es, wie Der Spiegel weiß, Schäfer, der Dieter Bohlen kürzlich "in den Räumlichkeiten des Hamburger Verlags mitteilte", dass man künftig bei RTL auf ihn verzichten wolle. Wer Bohlen bei RTL rauswerfen kann, wird dann eben auch Chef.

Die Personalie passt vor allem wohl auch in die Bertelsmann-Strategie, die in den vergangenen Monaten diskutiert wurde. Der Spiegel:

"Schäfer, so viel ist klar, wird in Zukunft noch einige entscheidende Weichen bei Bertelsmann stellen. Schon seit Längerem ist der G+J-Vorstand auch für die Inhalte von RTL Deutschland verantwortlich. Er sitzt zudem im 'Content Alliance Board' von Bertelsmann, das dafür sorgen soll, dass die Konzerntöchter inhaltlich zusammenrücken, vom 'Stern' über n-tv bis zum Buchverlag Random House. Nun löst Schäfer Julia Jäkel an der Spitze von G+J ab. Wenig verwunderlich, dass viele Kenner des Hauses darin ein Vorzeichen für eine mögliche Fusion der beiden Häuser sehen" (siehe dazu auch dieses Altpapier).

Klingt nach großem Plan. Wobei: Caspar Busse und Claudia Tieschky schreiben in der Süddeutschen Zeitung, Bertelsmann sei selbst "kalt überrascht worden" von den Vorgängen, die angestoßen worden seien durch den freiwilligen Abgang der bisherigen G+J-Chefin Julia Jäkel: "Bei Bertelsmann ist es üblich, Verträge 'von Gütersloh aus' nicht zu verlängern oder eben Führungskräfte gegen großzügige Abfindungen zu feuern. Das war diesmal offenbar anders. Julia Jäkel selbst spricht von einer 'ganz persönlichen Lebensentscheidung', und sie tut dies glaubhaft."

Auch das – der freiwillige Abgang – ist kein Aprilscherz, wie Michael Hanfeld in der FAZ versichert, der die Sache ganz ähnlich deutet wie die SZ.

Die Frage ist nun, was Schäfers Aufstieg für die Fusion von RTL und Gruner+Jahr bedeutet. Offiziell nichts, schreibt der Spiegel. Es habe sich aber abgezeichnet, "dass Schäfer der starke Mann darin werden würde". Meedia deutet den Wechsel als Zeichen, dass "Gruner+Jahr als eigenständiges Zeitschriftenhaus bei Bertelsmann keine Chance mehr" habe. Jäkel geht also, bevor "knackige Positionskämpfe" (FAZ) mit RTL Chef Bernd Reichart beginnen. Ob sie geht, weil sie keinen Bock auf sowas hat, oder weil sie vor allem wirklich Lust auf ein anderes Leben hat? Sie wäre, falls es so kommt, jedenfalls gegangen, bevor Gruner+Jahr mit RTL zusammengeschraubt wird.

Wie viel Drama steckt im Doku-Drama?

Schalten wir noch nicht weg von RTL: Es gibt weitere Rezensionen (nach gestern) des für TVnow bzw. RTL produzierten Doku-Dramas "Der große Fake – die Wirecard-Story". Die taz rezensiert den Film nach SZ und FAZ (mittlerweile frei lesbar) nun ebenfalls. Wirtschaftsredakteurin Anja Krüger beklagt zwar, "dass der Doku-Thriller die vielen politischen Verwicklungen nur andeutet", findet ihn im Großen und Ganzen aber gut:

"Die schier unglaubliche, aber wahre Geschichte wird hier auch für Leute gut nachvollziehbar, denen sie bislang einfach zu kompliziert schien – packend erzählt, informativ und trotz erläuternder Grafiken ohne Schulfernsehanmutung."

Was aber würden Medienredakteurinnen oder -redakteure sagen, die eher den Blick auf die Umsetzung und die Gemachtheit des Films als auf den Inhalt des Buchs werfen würden? Nun, sie würden unter anderem auf den Inszenierungsgrad abheben und auf die Entwicklung des Doku-Dramas vom dokumentarischen zum häufig überproportional fiktionalen Format. Raymond Ley, der den Film zusammen mit Hannah Ley gemacht hat, ist ein sehr produktiver Doku-Drama-Autor. Für einen Kundus-Film hat er einen Grimme-Preis in der Kategorie Fiktion bekommen; zuletzt hatte er etwa ein in der ARD gezeigtes Walter-Lübcke-Dokudrama gemacht, das als dokumentarisch auslegbar ist, aber erhebliche Fiktionsanteile enthält.

Bei der "Wirecard-Story" scheint das Dramaturgische bisweilen das Dokumentarische zu überlagern. In der FAZ etwa heißt es: "Im Film spricht der fiktive Marsalek direkt in die Kamera mit dem Zuschauer. 'Wir sind die Größten', stellt er sich in der Eingangsszene vor." Da hat womöglich jemand zu viel "House of Cards" gesehen – ein Gedanke, den auch René Martens in seiner Zeit-Online-Besprechung hat. Ergibt die hybride Form aber wirklich Sinn, wenn sie nicht vorrangig auf Geschichtsverständnis zielt, sondern auf Thrillerelemente setzt?

"Für sich genommen haben die fiktiven wie die dokumentarischen Teile ihre Qualitäten. Allein, sie wollen sich nicht recht zu einem homogenen Ganzen zusammenfügen lassen", kritisiert der Online-Spiegel. Gut, dass Alexander Krei von DWDL im Interview mit Produzent Marc Lepetit und Hauptdarsteller Christoph Maria Herbst nachfragt, was bei der Umsetzung eigentlich für dieses Genre des Dokudrama gesprochen habe. Lepetit antwortet:

"Es werden und wurden viele Dokumentation zum Thema Wirecard gemacht, gleichzeitig ist es aber deutlich zu früh, eine rein fiktionale Geschichte zu machen, weil es noch ungehörte Stimmen gibt und auch noch kein Urteil gesprochen wurde. Daher war relativ schnell klar, auf eine Mischform zu setzen und so besondere Momente sichtbar zu machen."

Interessante Aussage: Es war zu früh für Fiktion und nicht früh genug für eine Dokumentation. Das eigentlich Notnagelhafte des Dokudramas lässt sich da heraushören. Eine gar nicht so verkehrt wirkende Alternative hätte es zumindest theoretisch aber ja durchaus gegeben: abwarten.

Die Diskussion über "Lovemobil" im NDR

Zur Diskussion, die gerade über den im NDR ausgestrahlten Dokumentarfilm "Lovemobil" und über das dokumentarische Fernsehen geführt wird. (Das Altpapier von gestern enthielt dazu zahlreiche Lektürehinweise.) Im NDR wurde nun am gestrigen Mittwochabend im Rahmen einer mit Spannung erwarteten "Zapp"-Spezialausgabe über "Lovemobil" diskutiert. Zu Gast waren die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG Dok), Susanne Binninger, der Autor und Produzent Stephan Lamby von ECO Media und Anja Reschke, die beim NDR den Programmbereich leitet, zu dem sowohl die Dokumentarfilmredaktion gehört, die den Film betreut hat, als auch das Team von Strg_F, das den Einsatz von Schauspielerinnen in dem Film aufgedeckt hat. Sie diskutierten mit Annette Leiterer von "Zapp" über, wie es hieß, "Grenzen des Genres Dokumentarfilm und die laufende Aufklärungsarbeit".

René Martens hat hier gestern ein Fragezeichen hinter die Originalität der Besetzung gesetzt, denn sie war zu zwei Dritteln deckungsgleich mit jener einer Diskussion, die kürzlich schon im Hörfunk lief. (Der beteiligte Medienjournalist Daniel Bouhs hat die Aussagen auf seinen Seiten transkribiert.) Am Mittwochabend im Fernsehen ging die Diskussion dann auch nur teilweise über das dort Gesagte hinaus.

Interessant war vor allem, wie der NDR, der den Film begleitet, abgenommen und später als teilfiktionale Mischform enthüllt hat, im Rahmen des eigenen Medienmagazins seine Rolle im konkreten Fall aufarbeitet. Diese Aufarbeitung kam aber kurz.

Susanne Binninger verwies zunächst darauf, dass durchinszenierte Filme nicht ungewöhnlich seien, einer sei im Rennen um den Oscar. Die Frage sei, ob die Mittel transparent gemacht würden. Sie sprach über verschiedene Zugänge des Dokumentarfilms, von Direct Cinema bis zu künstlerischen Formen (die Stephan Lamby später tautologisch nannte: Dokumentarfilm sei eine Kunstform, deswegen habe er seine Probleme mit der Kategorie des künstlerischen Dokumentarfilms). Wesentlich sei, so Binninger, dass es eine "Referenz auf eine vorfilmische Realität" gebe. "Das beinhaltet auch eine Verabredung mit einer Redaktion", sagte sie. Die es im Fall von "Lovemobil" wohl nicht gegeben hat.

Anja Reschke sagte, sie gehe davon aus, dass man "schon eine Lösung gefunden" hätte, hätte die Filmemacherin der Redaktion mitgeteilt, dass sie Schauspielerinnen eingesetzt habe. "Man hätte sogar den Film so senden können", etwa mit dem Nachsatz "nachgestellt nach Recherchen der Autorin". Sie wies damit die Kritik zurück, der Film wäre dann aus dem Programm genommen worden – mit auch wirtschaftlichen Folgen für die Autorin des Films.

Doku als Überbegriff, so Lamby, sei Gütesiegel und Unterscheidungsmerkmal. "Es muss überprüfbar sein", sagte er, und wenn es nicht überprüfbar sei, müsse der Zuschauer die Möglichkeit haben, den Unterschied zu erkennen. In diesem Rahmen sei allerhand möglich und legitim. Man solle "nicht aus dieser Sendung gehen und sagen: Das darf man nicht", sagte er. Es gehe beim Filmemachen darum, eine Sprache zu finden, die dann auch das Publikum als die Sprache eines Films verstehe. Bei "Lovemobil" sei zwar "die Inszenierung vielleicht offensichtlich" gewesen, "aber nicht die Täuschung". Der darin erweckte Eindruck sei falsch.

"Man kann alles machen, man muss es nur klar machen", stimmte Anja Reschke zu. Sie – die Vertreterin des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in der Diskussion – sagte, sie habe den Film über Prostitution im Fernsehen gesehen und sei "beeindruckt" gewesen. Sie habe sich auch gar nicht so sehr darüber gewundert, dass unverpixelte Freier im Film zu sehen seien; Ähnliches habe sie auch in einem anderen Film schon gesehen. "Ich bin nullkommanull auf die Idee gekommen, dass das falsch ist, oder dass das inszeniert ist", sagte sie. Damit bezog sie sich vor allem darauf, dass die Protagonistinnen Schauspielerinnen seien.

Der Betrug liege für sie darin, dass zwei Frauen gezeigt würden, die nicht Prostituierte sind. Sie lenkte die Diskussion weg von der Frage, welche Mittel im Dokumentarfilm erlaubt seien. Wesentlich für sie sei, dass Glaubwürdigkeit beschädigt worden sei. "Lovemobil" führe dazu, dass das Publikum misstrauisch sein könnte.

Welche Lehren aus "Lovemobil" gezogen werden könnten? Dieser Diskussionsstrang ging fast unter: Nicht einmal drei Minuten lang ging es am Ende darum. Reschke stellte hier eigentlich keine Idee vor, die ihren Namen verdient. "Ich möchte überhaupt kein Kontrollsystem einführen." Sie wolle nicht ihren Filmemacherinnen und -machern hinterher recherchieren, sagte sie.

Etwas kontrovers wurde es, als es um ökonomische Fragen ging. Stephan Lamby freute sich über einen Einspielfilm, in dem eine Studie der AG Dok zitiert wurde. Darin geht es um die Frage, ob Dokumentarfilmer prekäre Jobs hätten. "Ich freue mich darüber, dass diese Erkenntnis im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ankommt", sagte er. Anja Reschke widersprach hier. Dokumentarfilmerinnen und -filmer stünden unter Erwartungsdruck und wirtschaftlichem Druck, sagte Stephan Lamby aber. Dieser Druck sei ungleich verteilt zwischen Sendern und Machern. Es helfe, wenn Redakteurinnen und Redakteure selbst Filme machen würden. Insofern sei es "bizarr", dass in der "Lovemobil"-Diskussion ausgerechnet ein Redakteur am Pranger stehe, der selbst Filme mache.

Die Diskussion ist nach dieser Sendung nicht beendet, und das ist auch gar nicht schlecht.

Altpapierkorb (Arte lobt ProSieben, Markus Lanz, Mai Thi Nguyen-Kim, ARD und ZDF bei YouTube)

+++ Arte lobt das Programm von ProSieben. Und RTL auch. Denn Joko und Klaas haben Platz für Pflegekräfte gemacht und ihre üblichen 15 Minuten in Absprache mit ihrem Sender weit überzogen. Eine Zusammenfassung hat rnd.de.

+++ Markus Lanz’ Gespräch mit CDU-Chef Armin Laschet vom Dienstagabend schlägt ein paar Wellen. Lanz’ Talkqualitäten wurden schon hier und da gewürdigt (Altpapier). Arno Frank schöpft in seiner Spiegel-Nachkritik nun den Begriff "Lanzismus" – "'So, jetzt einmal politisch, Herr Laschet. Wo haben Sie am Sonntagabend gesessen, als die entscheidenden Sätze fielen?' Ein typischer Lanzismus. Die Ankündigung, jetzt werde es politisch, knüpft er an die denkbar unpolitische Frage, wo zum Teufel Laschet gesessen hat, als ihn die Kanzlerin maßregelte." – Und er attestiert Lanz große Form.

+++ Auch im Tagesspiegel wird Lanz gelobt: "Hört er Versatzstücke, bemerkt er Ausweichmanöver, übt sich der Gast in Ablenktechniken, ist Markus Lanz auf dem Sprung. Er interveniert, er geht dazwischen, er bremst und treibt zugleich, das alles unter großer Spannung, mit großer Verve, mit Gespür für den Höhepunkt und im Verlass auf eine professionelle Redaktion, die mitdenkt und quasi mitfragt."

+++ "Wissenschaft – wissenschaftliche Erkenntnisse, auch so etwas wie Impfstoffsicherheit – eignet sich nicht zum Live-Tickern", sagte die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim dieser Tage in einem Gespräch mit "Breitband" vom Deutschlandfunk Kultur. In der Sendung ging es etwa um die Frage, inwieweit die Berichterstattung "als Werkzeug eingesetzt werden" sollte, "um Covid-19-Infektionen einzudämmen und so Menschenleben zu retten". Nguyen-Kim antwortete: Es sei nicht Aufgabe der Medien, die Impfbereitschaft der Bevölkerung zu steigern. Allerdings führe gute Berichterstattung dazu: "Wenn man ordentlich und korrekt, transparent und differenziert aufklärt, ist eine erhöhte Impfbereitschaft die rationale Folge." Das war übrigens vor den jüngsten Astra-Zeneca-Nachrichten. Der Zeitpunkt ändert aber prinzipiell wohl nicht viel an dem, was die Journalistin meint.

+++ "Im Allgemeinen herrscht noch viel Trial & Error, vor allem bei der ARD", analysiert Timo Niemeier bei DWDL die YouTube-Strategie der Öffentlich-Rechtlichen.

Das nächste Altpapier erscheint am Dienstag nach den Feiertagen.

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