Das Altpapier am 7. April 2021 Die Modernen Etablierten

... werden heftig umworben und die Kulturradio-Debatte geht weiter. Das ZDF erntet großes bis überkandideltes Lob. Die EU hat medienpolitisch tatsächlich mal etwas Sinnvolles angestellt. Und setzen die "Querdenker" neuerdings lieber auf gedruckte Medien? Ein Altpapier von Christian Bartels.

Teasergrafik Altpapier vom 7. April: Porträt Autor Christian Bartels
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

"Querdenker" und Medienfreiheit

Weiterhin ein großes Medien-Thema ist der gut dokumentierte Stuttgarter Steinwurf (Altpapier gestern). Bei Deutschlandfunks "@mediasres" bringt Baden-Württemberg-Korrespondentin Katharina Thoms den rational nicht mehr auflösbaren Widerspruch auf den Punkt, dass für die (von sich selbst) sogenannten "Querdenker" das Grundgesetz eine wichtige Rolle spielt, schließlich stand die Stuttgarter Demonstration unter dem Motto "Grundrechte sind nicht verhandelbar", in der Praxis zahlreicher Demonstrationen aber ausgerechnet die "weit vorne in der Verfassung festgeschriebene" Pressefreiheit exemplarisch missachtet wird. Zwar werde Medienfreiheit theoretisch verbal unterstützt, sagt Thoms, doch:

"Sobald man in Liveschalten etwas sagt, das den Menschen dort nicht in den Kram passt, ist man der Gegner."

Interessant verdienen auch zwei Links in der, wie bei "@mediasres" oft, mit dem Audio nur teilweise identischen Schrifttext-Fassung. Einer führt zu einem Interview bei Deutschlandfunk Kultur, in dem Katharina Nocun eine "Flucht ins Analoge" sowie ans Telefon als "neue Masche der Verschwörungstheoretiker" beschreibt. "Analog" heißt, dass statt auf digitale, sogenannte soziale Medien auf gedruckte, nämlich Flyer und Plakate gesetzt werde. "Der Grund sei ihrer Ansicht nach, dass viele digitale Plattformen dazu übergegangen seien, Inhalte mit Faktenchecks zu versehen oder diese sogar zu entfernen." Wie sinnvoll es ist, unerwünschte Diskurse grundsätzlich zu entfernen und zu vertreiben, bleibt natürlich eine andere Frage. Telefone funktionieren zwar auch im Festnetz inzwischen nach digitalem IP-Protokoll, aber noch in analoger Anmutung. Und in und um Stuttgart wurde nun das Phänomen beobachtet, dass "Unbekannte ... über ein automatisiertes System offenbar tausende Menschen im Raum Stuttgart angerufen und eine Bandansage mit einem Demonstrationsaufruf abgespielt" hätten. (Wobei das "Band-" in "Bandansage" die Analogie vermutlich übertreibt).

Außerdem ist im "@mediasres" ein (auch verschriftlichter) Audio-Kommentar aus dem ARD-Hauptstadtstudio verlinkt. Zwar fährt Alfred Schmit vor allem in den mindestens genug, wenn nicht bis weit über den Überdruss hinaus strapazierten Personalien-Fahrwassern. Doch sagt er auch:

"Angela Merkel scheint nach ihrem Fernsehauftritt bei Anne Will abgetaucht zu sein. Es war ohnehin seltsam, in einer ARD-Talkshow Gesetzgebung durch den Bund zu diskutieren. Das erweckte den Eindruck, wir würden jetzt per Talkshow regiert."

So was mitten aus der ARD hinaus, die im Corona-Jahr ja eine ziemlich perfekte Bühne für Regierungserklärungen aller Art, also nicht nur von Bundes-, sondern auch Bundesländerregierungen bietet, das ist bemerkenswert.

Geradezu überschäumendes Lob fürs ZDF

Wobei nicht verschwiegen werden soll, dass zurzeit auch Anne Will Lob aus einer nicht selbstverständlichen Ecke erhält: "Dass Talkshows an Tiefe gewonnen haben", schreibt Anne Fromm in der taz mit ausdrücklichem Bezug auf die beiden breitenwirksamsten öffentlich-rechtlichen Polit-Talkshows:

"Zudem schaffen Will und Lanz das, was wir sonst selten sehen: unsichere, zweifelnde Spit­zen­politiker:innen. Die Statements, die sie in Pressekonferenzen abgeben, sind oft geskriptet. Die Interviews in Zeitungen sind autorisiert – Raum für Unsicherheit bleibt da nicht."

Zwar verfolgt Fromms Text vor allem ein weiteres Ziel – durch Provokatiönchen ("Warum die ARD manchmal dümmer ist als RTL") die ARD doch noch zu überzeugen, sich in der "Klima vor 8"-Frage (Altpapier) nicht ausgerechnet vom aufdrehenden Bertelsmann-Sender abhängen zu lassen. Wie angemessen es ist, Will und Lanz in einer Reihe zu nennen, lässt sich dennoch bezweifeln. Markus Lanz, was immer man sonst von ihm hält, vibriert in jeder seiner zahlreichen Sendungen sichtlich vor dem Wunsch, einen Gesprächspartner in die Bredouille zu bringen, und nimmt die Gefahr, stattdessen selber darin zu landen, in Kauf. Hat Will im laufenden Jahrzehnt schon mal jemanden, der oder die Regierungsverantwortung trägt, in eine Bredouille gebracht?

Lanz dagegen bringt sogar dem Krimi-Sender an sich geradezu überschäumendes Lob ein. Bei dwdl.de schildert Alexander Krei das ZDF als "Zentrum des Fortschritts" und steigt auf dessen Strategie der Hardcore-Personalisierung voll ein. Immerhin lobt er außer Lanz' Show ("wichtigster Talk im deutschen Fernsehen") und dem notorischen Böhmermann auch die neu angeheuerten Moderatorinnen:

"Die Idee, Sabine Heinrich in der Primetime-Unterhaltung und Mai Thi Nguyen-Kim in der Wissenschaft einzusetzen, hätte auch dem WDR kommen können",

der sie bislang ja beschäftigte. Instruktiv ist Kreis Blick darauf, wie das ZDF sein Vollprogramm mitten im weiterlaufenden Wettbewerb um lineare Einschaltquoten zugleich in attraktive Bausteine für nonlineare Angebote zerlegt. Etwas überkandidelt wirkt das Lob dennoch. Schon weil die wichtigste Säule des ZDF ja die Krimiflut bleibt, die die Mainzer im beinharten Wettbewerb mit so mächtigen Rivalen wie ... na ja, der aus demselben Rundfunkbeitrag finanzierten ARD, vorantreiben. Bertelsmann/RTL dürfte zu klug sein, in den irren öffentlich-rechtlichen deutschen Fernsehkrimi-Wettbewerb wieder einzusteigen (zumal ja die Ufa-Firmen durch allerhand Auftragsproduktionen davon profitieren).

Wie auch immer: Wenn zwischen den großen linearen Fernsehsendern, die sich inzwischen allesamt im Übergang zu außerdem nonlinearen Plattform-Anbietern befinden, wieder publizistischer Wettbewerb entsteht, ist das gut.

Noch grundsätzlichere Öffentlich-Rechtlichen-Debatten

Die grundsätzlichere Öffentlich-Rechtlichen-Debatte geht ebenfalls weiter. Nachdem die FAZ zu Kulturhöhen-Fragen neulich tatsächlich doch einen Aprilscherz im Feuilleton versteckt hatte, greift heute dort Jürgen Kesting in die Diskussion um die laufende Ummodelung der Kulturradios (vgl. etwa dieses Altpapier) ein.

Sein Artikel "Die Angst des Radios vor dem Generationenabriss" (Blendle) steigt mit etwas ein, das im Feuilleton immer geht: mit dem "Emotional Branding Monitor" entsprungenen Mediennutzer-Typen (MNT) wie den "Modernen Etablierten". Bei dem, was die Monitor-Entwickler "neurowissenschaftliche Erkenntnisse" nennen, handelt es sich nach Kestings Einschätzung allerdings um "Behaviorismus der zynischen Art".

Dann wird es auch sehr konkret. Vor seinem On-air-Abschied, bei dem sich Michael Stegemann als "Eisbär auf einer schwankenden, dahinschmelzenden Eisscholle" beschrieb (via Medienkorrespondenz im Altpapier), habe der nun ehemalige Moderator des WDR3-"Klassik Forum"

"von Wibke Gerking, der Teamleiterin Musik bei WDR 3, zu hören bekommen, er würde bezahlt, um Anweisungen zu erfüllen; wenn er das nicht wolle, müsse der Sender Konsequenzen ziehen. Das 'Klassik Forum' ist eine Sendung mit dreihunderttausend Hörern (nicht Einschaltern), die tatsächlich über Musik etwas erfahren oder lernen wollen. Von denen ist in der MNT-Analyse nicht die Rede."

Der Text enthält allerhand nicht grundlosen Furor ("Die Sender produzieren zunehmend mit Blick auf die sozialen Medien, und ein kleiner Führungszirkel reguliert die politisch opportunen Sprechformen und Denkweisen"), aber auch sachliche Analyse:

"Als die Bundesregierung das Beethoven-Jubiläum zur 'Nationalen Aufgabe' erklärte, setzte sie ein Ziel: 'einen neuen Blick auf Werk und Wirkung anzuregen, Gewohntes zu hinterfragen und Unbekanntes zu entdecken'. Heute sorgt ein 'Geschmacksranking' in einer 'Hörerstudie' dafür, das für 'hochwertigste' Programme der Reflex des Wiedererkennens wichtiger ist als die Suche nach dem Unbekannten."

Schon mit der am Schluss noch schnell gestellten Frage, ob nicht ohnehin mittelfristig geplant ist, "nur einen bundesweiten Klassiksender" weiterzuführen, was auf die Fusion vieler Klassik/Kultur-Redaktionen hinausliefe, sorgt Kesting dafür, dass die Diskussion weitergehen dürfte. Eher Zeitungs-Zufall dürfte sein, dass vier Seiten später, auf der FAZ-Medienseite, der aktuelle ARD-Vorsitzende Tom Buhrow eine weitere Antwort auf seinen Aufsatz "Wo die ARD im Jahr 2030 steht" (Altpapier) erhält. Oliver Schenk, der sächsische Staatsminister für Medien und damit führender CDU-Medienpolitiker, stimmt Buhrows Ausführungen recht weitgehend zu (Blendle). In seiner freundlichen Rede, die sich auch gut als Grußwort für einen Medienkongress geeignet hätte, wenn es so was noch gäbe, ist für jede und jeden im Publikum etwas dabei, darunter ein Ausblick in "hoffentlich bald beginnenden Post-Corona-Zeit". Außerdem spricht Schenk:

"Ins Rennen um die Oscars geht Netflix mit insgesamt 35 Nominierungen – mehr als je ein Filmproduzent zuvor in der langen Geschichte dieser Auszeichnung."

Und ein Blick auf Netflix lohnt tatsächlich noch.

Wo die EU mal sinnvoll gewirkt hat

Zu den zahlreichen in sich komplexen Regierungs-Ebenen, die derzeit den Eindruck von noch komplexerem Kompetenzenwirrwarr und unnützem Föderalismus mit erzeugen, gehört die EU unbedingt dazu. Große Einigkeit herrscht, nicht zuletzt der aktuellen deutschen Bundesregierung wegen, seit Jahren nicht mehr. Dass sie in der Corona-Pandemie sinnvoll agiert, würde niemand behaupten. Und wäre dies eine politische Kolumne, müsste es darum gehen, wie die in sich wenig funktionale EU außereuropäische Autokraten hofiert. Kann diese Staatenunion dennoch etwas Sinnvolles anstellen?

Ja!, sagt zumindest ein Standard-Bericht, der u.a. auf der österreichischen Agentur APA basiert und vor allem Netflix gilt. Nach dessen Angaben

"befinden sich in der EU derzeit rund hundert Filme und Serien in verschiedenen Produktionsstadien. Eigenständige Produktionsteams sind in Frankreich, Spanien, Deutschland und Italien angesiedelt. Allerdings hat das Unternehmen genau wie seine Konkurrenten Disney+ und Amazon Prime eigentlich keine Wahl: Seit 2018 schreibt eine EU-Richtlinie vor, dass die Plattformen ihren Abonnenten mindestens 30 Prozent europäische Inhalte anbieten und in lokale Produktionen investieren müssen. Entstanden ist so ein Modell, das sich radikal vom alten Hollywood unterscheidet, dessen Produktionsfirmen ihre US-Blockbuster und -Serien ohne Interesse an lokalen Produktionen auf den Markt brachten."

Heißt: EU-Vorgaben, die seinerzeit wenig beachtet oder als Eingriff in den freien Markt kritisiert wurden, sorgen inzwischen tatsächlich für einen zumindest nicht ganz kurzfristigen Boom der Serien- und Filmproduktion in ganz Europa und sogar für ein Ende des "'Minderwertigkeitskomplexes' von Sendungen, die nicht auf Englisch produziert wurden", wie ein Vertreter des Verbandes für europäische Filmschaffende zitiert wird. Zwar gebe es Grund für Kritik an Netflix' Politik, sich für sein Geld sämtliche attraktiv erscheinenden Rechte zu sichern. Doch gerade das scheint wiederum die alte öffentlich-rechtliche Europäische Rundfunkunion, die jahrzehntelang als Produzent kaum eine Rolle spielte, wieder zu beleben.

Zur Netflix-Politik gibt es einen frischen Beitrag der Bundesregierung, also unserer Kultur- und Medienstaatsministerin, die auf einigen Baustellen im großen Kultur- und manchmal auch Medien-Bereich ja ... nun, nicht gerade Fußspuren, aber doch Fingerabdrücke hinterlässt: höhere Subventionen. "Nach einer neu gefassten Richtlinie kann mit bis zu zehn Millionen Euro künftig ein Viertel der in Deutschland entstehenden Kosten durch Bundesmittel abgedeckt werden." (dpa/ wuv.de)

Altpapierkorb (Gendern, Moscheepedia, Amazons "Pseudominimalentschuldigung", Journalisten-Abhören, "Charité"-Dokuserie)

+++ "Der oft vorgebrachte Einwand, dieses Gendern würde die Sprache 'verhunzen', vermag aber nicht zu überzeugen. Ästhetische Bedenken bleiben subjektiv und führen nicht zu einer sachlichen Diskussion. Die Schwierigkeit, das Gendern nicht polemisch zu kritisieren, besteht darin, deutlich zu machen, warum Sprache kein 'Werkzeug' ist, bei dem aufgrund des generischen Maskulinums etwas eingerastet ist, das man, wie eine quietschende Tür mit etwas Öl, durch Doppelnennung der Geschlechter wieder gangbar machen würde": Unter der Überschrift "Der Sprachteufel" befasst sich Manfred Riepe in der Medienkorrespondenz, nicht gendernd, aber äußerst sachlich und akribisch, mit dem "hitzig diskutierten Politikum".

+++ Der ARD-Journalist Constantin Schreiber, inzwischen oft als "Tagesschau"-Sprecher zu sehen, hat mit moscheepedia.org ein "Transparenz-Projekt" bzw. "Onlineprojekt zur Sichtbarkeit muslimischer Gebetshäuser in Deutschland" gestartet, berichtet die Welt ausführlich.

+++ Amazon ist böse, zeigt unter größerem Druck aber gelegentlich Willen zur Besserung, wie nun bei der "In-die-Flasche-pinkeln-Sache". Die "Pseudominimalentschuldigung" überzeugt Michael Hanfeld (FAZ) nicht.

+++ Außerdem berichtet in der FAZ Matthias Rüb aus Rom vom Journalisten-Abhören der sizilianischen Staatsanwaltschaft bei Ermittlungen gegen private Seenotretter.

+++ Die Bilder, deren Fehlen in der Corona-Berichterstattung häufig kritisiert wird, nämlich von schwer erkrankten Menschen, zeigt die RBB-"Dokuserie" "Charité intensiv: Station 43", die in der Mediathek bereits zu sehen ist und kommende Woche im RBB-Fernsehen laufen wird (uebermedien.de).

+++ Claudius Seidl hat auch einen Nachruf auf den gestern hier erwähnten Filmkritiker Hans Schifferle geschrieben.

+++ Unter rund einer halben Milliarde Daten im jüngsten Facebook-Datenleck fand sich auch eine Nummer Mark Zuckerbergs bei Signal, also einem der nicht von Datenkraken besessenen Messenger (Standard). +++ "Die 18 Publisher, die für diesen Durchgang ausgewählt wurden, repräsentieren eine großartige Bandbreite an Nachrichtenorganisationen, die einen bedeutenden Beitrag für den Lokaljournalismus in der gesamten Region leisten", hudelt Facebook zum Start einer neunmonatigen Initiative für deutschsprachige Lokalverlage (meedia.de).

0 Kommentare