Das Altpapier am 15. April 2021 Unbeugsamer Doku-Streit

Die Diskussion um den Dokumentarfilm "Die Unbeugsamen" wird von der Zeit mit einem neuen Artikel in die nächste Runde geführt. Die Vorwürfe wirken in vielen Punkten uneindeutig und unausgegoren. Wäre es vernünftiger gewesen, vor der Veröffentlichung noch etwas weiter zu recherchieren? Ein Altpapier von Nora Frerichmann.

Teasergrafik Altpapier vom 15. April 2021: Porträt Autorin Nora Frerichmann
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Vergangene Woche Freitag ging es in dieser Kolumne schon mal um einen Zeit-Artikel, in dem dem Dokumentarfilm-Regisseur Marc Wiese unethische Methoden bei der Produktion des Dokumentarfilms "Die Unbeugsamen - Gefährdete Pressefreiheit auf den Philippinen" vorgeworfen wurden. Wiese ging juristisch dagegen vor. Mit einem weiteren Text dazu in der neuen Ausgabe der Zeit geht der Streit nun aber weiter.

Aber erst mal zur Einordnung: Im Film "Die Unbeugsamen" geht es um staatliche Auftragsmorde auf den Philippinen und die Arbeit der Online-Plattform The Rappler. Beleuchtet werden dabei u.a. die Angriffe, mit denen sich vor allem die Journalistin und Gründerin der Plattform, Maria Ressa, konfrontiert sieht (siehe Altpapier vom 15.6.20 und 14.8.20).

In dem erwähnten Zeit-Text kritisierte Katja Nicodemus unter anderem, ein Interview mit einem Auftragskiller sei irreführend in den Film eingebunden worden und erwecke den fälschlichen Eindruck, der Filmemacher Wiese habe das Interview selbst geführt (Wiese sagte der Zeit, es sei nicht seine Intention gewesen, das Interview als von ihm geführt auszugeben. Sein Produzent habe das von Anfang an gewusst, auch der SWR sei informiert).

Falsch geschnittenes Vice-Interview

In dem Fall spielt auch ein Interview mit Wiese bei Vice eine Rolle, das die Zeit als Hinweis heranzog, Wiese habe bei der Entstehung des Interviews mit dem Killer bewusst getäuscht. Laut Vice und laut Wiese wurde dieses Vice-Interview allerdings falsch zusammengeschnitten und so in einen falschen Kontext gebettet. Die Aussagen Wieses bei Vice beziehen sich demnach auf ein ganz anderes Interview mit einem Kommandanten in Uganda, das für den Film "Slaves" (2018) geführt wurde. Vice kommt hier überhaupt nur ins Spiel, weil eine internationale Fassung von "Die Unbeugsamen" dort gezeigt wurde und Wiese dort im Anschluss das besagte Interview zur Entstehung der Doku gab.

Komplexe Vorgeschichte und komplex geht es weiter: In einem zweiten, gestern online und heute in der Zeitung erschienenen Text geht es erneut um verschiedene Vorwürfe an Wieses Arbeitsweise – auch im Umgang mit Protagonisten und Mitarbeitern. Außerdem greift Nicodemus Wieses juristische Schritte gegen die Zeit auf und die Reaktionen auf die Zeit-Berichterstattung vergangene Woche. Dabei werden auch Altpapier-Kollege René Martens (Kolumne vom 9.4.) und FAZ-Medienmann Michael Hanfeld erwähnt.

Der Producer

Zwischen all diesen Strängen greif Nicodemus auch nochmal ihr grundsätzliches Anliegen auf und bringt einen weiteren Kritikpunkt an dem oben erwähnten Interview mit dem Auftragskiller an:

"Dem ZEIT-Text ging es um ethische Grenzen, die bei der Herstellung des Films überschritten wurden. Etwa, indem das Gespräch mit dem Killer aus dem Zusammenhang gerissen wurde. So entsteht in ‚Die Unbeugsamen‘ der falsche Eindruck, der besagte Killer habe für den Politiker Rodrigo Duterte auch dann noch Auftragsmorde begangen, als dieser schon Präsident war, also nach 2016. Weshalb ist dieser Fehler so bedeutsam? Weil damit die Gefährdung eines Protagonisten des Films einhergeht."

Dabei geht es um einen Producer, der laut Zeit auf der Insel Mindanao lebt und den Kontakt zu dem für "Die Unbeugsamen" interviewten Killer vermittelt und das Gespräch dolmetschte. Wiese, der nach eigenen Angaben (Facebook) vor der Veröffentlichung des neuen Zeit-Artikels "keinerlei Kontakt (mail oder Telefon)" mit der Redaktion und damit keine Möglichkeit zur Stellungnahme hatte, gibt die Kritik zurück an die Zeit: Er habe den Producer nicht beim Namen genannt, um ihn zu schützen, die Zeit hingegen schon.

Die ganzen Sache ähnelt mittlerweile einem Tennismatch, bei dem statt Bällen Vorwürfe von einem Spieler zum anderen sausen – nur dass es hier nicht um ein Spiel geht, sondern um Medienethik, Glaubwürdigkeit und möglicherweise zum Teil auch um Privatfehden hinter den Kulissen (siehe Altpapier 9.4. zur Rolle des Zeit-Informanten und ehemaligen Wiese-Producers Carsten Stormer).

Die Protagonisten

Nicodemus berichtet außerdem von zwei jungen Männern, die eine polizeiliche Exekution auf den Philippinen überlebten und unter Decknamen von einer Menschenrechtsorganisation versteckt werden. Sie hätten ursprünglich als Protagonisten in dem Film auftreten sollen und hätten es dann schwer gehabt, sich aus Sicherheitsgründen wieder daraus zurückzuziehen.

Wie Wiese in konkreten Fällen mit Mitarbeiter:innen und Stringern vor Ort umgegangen ist, lässt sich an dieser Stelle nicht abschließend bewerten. Dafür liegen mir selbst zu wenig Informationen vor.

Zu den Vorwürfen, der Filmemacher und die Produktionsfirma hätten sich geweigert, einzelne Protagonisten zu ihrer Sicherheit unkenntlich zu machen bzw. ganz  aus dem Film zu nehmen, schreibt Wiese nun bei Facebook:

"Weiterhin haben wir und der SWR sehr wohl die beiden Protagonisten aus dem Film genommen, wir mussten nur vorher sicher gehen, dass es der Wunsch der Protagonisten war (und nicht anderer Menschen), denn wir hatten ja auch eine schriftliche Einverständniserklärung der beiden Protagonisten. Als das gegenteilige Schriftstück vorlag, haben wir sie herausgenommen."

Fehlende Informationen

Die Zeit habe vor der Veröffentlichung des zweiten Artikels "keinerlei Kontakt (mail oder Telefon)" aufgenommen und ihm keine Möglichkeit zur Stellungnahme gegeben, schreibt Wiese dort. Offenbar wurde auch zu beteiligten Akteuren wie Vice oder beim Grimme-Preis und Medienhäusern, an die der ehemalige Wiese-Mitarbeiter Carsten Stormer sich laut Zeit mit seinen Vorwürfen gegen Wiese zuvor gewandt hatte, kein Kontakt aufgenommen, um zu klären, ob und welche Zweifel es an Stormers Darstellung geben könnte und in wie weit andere den Hinweisen selbst bereits nachgegangen sind. Zumindest wird das nicht im aktuellen Artikel erwähnt. Nicodemus deutet dort nur an:

"Im März dieses Jahres schrieb er [Stormer, Anm. Altpapier] an Lucia Eskes, die Leiterin des Grimme-Preises, für den der Film nominiert ist. Er wandte sich an verschiedene Medien. Nichts passierte. Glaubte ihm niemand, dass es im Film eines mit renommierten Preisen ausgezeichneten Regisseurs Ungereimtheiten gegeben habe? Man muss Carsten Stormer auch nicht unbedingt glauben. Aber man muss den Hinweisen nachgehen und sie überprüfen."

Wo liegt der Mehrwert?

Die Sache ist also reichlich verzweigt und wirkt in vielen Punkten so uneindeutig und unausgegoren, dass man sich fragen kann, welchen Mehrwert das alles aktuell für Leser:innen außerhalb der Hardcore-Medienbubble hat.

Klar, die übergeordnete Frage nach der Einhaltung ethischer Grundsätze im Dokumentarfilm ist wichtig und hat in der Diskussion um die Inszenierungen in der NDR-Doku "Lovemobil" (Link zum Altpapier-Archiv) noch an breitem öffentlichem Interesse gewonnen. Aber wäre es nicht andersherum medienethisch gesehen verantwortlicher gewesen, mit einer weiteren Berichterstattung dieses Ausmaßes zu warten, bis mehr Stimmen dazu gehört wurden und es mehr gesicherte Erkenntnisse gibt?

Um die Klärung der vielen Details werden sich wohl weiterhin Jurist:innen kümmern.

Transparenzhinweis: Verschiedene Autor:innen dieser Kolumne arbeiten mit dem Grimme-Preis zusammen, der zumindest am Rande involviert ist, weil "Die Unbeugsamen" 2021 in der Kategorie Information & Kultur nominiert ist. Einige von uns schreiben auch für die Zeit. Ich selbst habe bisher aber weder mit Grimme, noch mit der Zeit oder Wiese zusammengearbeitet.

Altpapierkorb (Pläne für RTL News, "Promis unter Palmen", "Lovemobil", Innovationen)

+++ Auf der FAZ-Medienseite (hier online, €) gibt es heute ein großes Interview von Michael Hanfeld mit den Chefs vom recht jungen RTL News, Martin Gradl und Stephan Schmitter. Dort erklären sie einige der anstehenden Änderungen und was genau sie mit Jan Hofer vorhaben.

+++ Nach den schwulenfeindlichen Äußerungen von Marcus Prinz von Anhalt (Altpapier gestern) bei "Promis unter Palmen"nimmt Sat.1 nun die entsprechende Folge der Reality-Show aus der Mediathek und kündigt an, den Mann nicht mehr ins Programm zu lassen. Bei der Süddeutschen gibt‘s dazu mehr Details (via dpa).

+++ Ein Interview mit der Filmemacherin Elke Lehrenkrauss und ihrer ehemaligen Professorin Sabine Rollberg zur Diskussion um den zu großen Teilen ungekennzeichnet inszenierten Dokumentarfilm "Lovemobil" ist bei der Zeit online. Darin bittet die Filmemacherin erneut um Entschuldigung und darum, den Dokumentarfilm nicht unter "Generalverdacht" zu stellen.

+++ Bei medium.com gibt‘s ein interessantes Interview zur Trendforschung und Innovationsentwicklung beim WDR. Katharina Kulzer von BR Next spricht dort mit ihren WDR-Kolleg:innen Lisa Zauner und Alexander Nieschwietz.

+++ Und bei netzpolitik.org berichtet Josefine Kulbatzki mit Bezug zum Guardian über eine ehemalige Facebook-Mitarbeiterin und Whistleblowerin. Sie spricht über Facebooks Umgang mit demokratiefeindliche Regierungen, die mithilfe des Netzwerks versuchten, ihre Macht zu sichern und ihre Bevölkerung zu manipulieren.

Neues Altpapier gibt‘s am Freitag.

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