Das Altpapier am 16. April 2021 Rauferei im gallischen Dorf des Medienjournalismus

Nächste Runde in der Dokumentarfilm-Debatte. Sind bislang die falschen Fragen gestellt worden? Offenbaren 200 Filmschaffende in einer Erklärung, dass sie etwas Entscheidendes nicht begriffen haben? Und geht es noch um die Glaubwürdigkeit des Regisseurs? Oder um die der Kritikerin? Ein Altpapier von Ralf Heimann.

Teasergrafik Altpapier vom 16. April: Porträt Autor Ralf Heimann
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Die Tyrannei des Intimen

In dieser Medienkolumne geht es eigentlich um sehr viele unterschiedliche Themen, die auf irgendeine Weise mit Medien zu tun haben, doch seit Ende März beschäftigen wir uns vor allem mit der Debatte, die der Spielfilm "Lovemobil" von Elke Lehrenkrauss ausgelöst hat, nämlich in chronologischer Reihenfolge hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier und hier. Für alle, die heute zum ersten Mal dabei sind: Der Film war ursprünglich als Dokumentarfilm angekündigt, aber das stimmte nicht, wie sich herausstellte. Es spielten Schauspieler mit. In der Debatte, die sich anschloss, ging es unter anderem um die Frage, was ein Dokumentarfilm darf und wo das an Grenzen stößt.Florian Keller erklärt in einem Beitrag für die Schweizer Wochenzeitung WOZ, warum das seiner Meinung nach die falschen Fragen sind. Aber was sind die richtigen?

"Die entscheidende Frage ist (…): Wieso glaubte Lehrenkrauss, ihren Film weiterhin als Dokumentarfilm ausgeben zu müssen? Wieso glaubte sie, ihre Methode verschleiern zu müssen?",

schreibt Keller. Er hätte zwei Erklärungen. Eine "lapidare produktionswirtschaftliche", sie lautet:

"Weil das Projekt nun mal als Dokumentarfilm gefördert worden war, unter anderem ausgerechnet vom NDR, der 'Lovemobil' redaktionell betreut hat. (Betreuung mangelhaft, so darf man bilanzieren.)"

Die andere Erklärung ist eine kulturelle, Keller nennt sie "die Tyrannei des Intimen, die Fetischisierung der Authentizität". Oder ganz schlicht gesagt:

"Der intime Report verkauft sich einfach besser als der distanzierte Blick."

Dem Authentischen werde dabei "gewöhnlich eine höhere Wahrhaftigkeit zugeschrieben" als jeder inszenierten Verdichtung". Dass das tatsächlich der Fall ist, stellt Keller in Frage – "als ob ein Film wie 'Lovemobil' samt seinen langwierigen Recherchen irgendwie einen geringeren Realitätswert besäße, wenn das, was er zeigt, als 'gespielt' wahrgenommen wird", schreibt er und fragt:

"Wieso sollte das den dokumentarischen Gehalt des Films schmälern? Zumal auch jeder Spielfilm gründlich recherchiert sein muss, wenn er glaubwürdig sein will."

Hier geht es nun möglicherweise gar nicht mehr um die tatsächlichen Erwartungen des Publikums, sondern um die Erwartungen an die Erwartungen der Menschen, vielleicht auch an die der Jurys. Diese Erwartungen können stimmen. Es kann aber auch sein, dass es sich um so etwas vorauseilenden Gehorsam handelt. Da ist die Vorstellung vom perfekten Dokumentarfilm. Entspricht das Werk dem nicht, schmälert das die Aussichten auf Preise, auf Publikum, es wäre ehrlich, den empfundenen Makel zuzugeben, aber es nähme dem Film – so wird es wahrgenommen – etwas von seinem  Zauber.

Ein Museum, das die echte Mona Lisa ausstellt, kann mit langen Schlangen vor der Tür rechnen. Eine nahezu identische Kopie wird deutlich weniger Menschen anziehen. Entscheidend ist nicht das, was zu sehen ist, sondern die Magie des Originals, des Echten, des Wirklichen – oder in Kellers Worten: der Fetisch.

Er schreibt:

"Die knapp 200 deutschen Filmschaffenden, die jetzt in einer Erklärung auf die 'Glaubwürdigkeit des dokumentarischen Genres' pochen, weil sie darin ein 'zentrales Qualitäts- und Unterscheidungsmerkmal‘ sehen, scheinen da etwas Entscheidendes nicht begriffen zu haben. Denn wenn 'Lovemobil' etwas gezeigt hat, dann dies: Gerade Glaubwürdigkeit kann auch spielend hergestellt werden."

Im Groben sagt Keller also: Wir haben gesehen, dass der Unterschied zwischen einer echten und einer falschen Mona Lisa niemandem auffällt. Und wenn es darum geht, den Inhalt des Bildes möglichst gut zu vermitteln (im Falle des Films wäre dies der Inhalt der Recherche), dann sollte das doch wohl nicht das Problem sein. Es ist natürlich notwendig, transparent zu machen, um was es sich handelt. Inhaltlich kann der Film dann eine ähnliche Qualität haben. Er verliert jedoch an Sensationswert, jedenfalls nach dem gängigen Verständnis. Als Beispiel dafür, dass es möglich ist, Kompromisse zu finden, nennt Keller den Film "Nomadland", in dem eine Schauspielerin in "reale soziale Milieus eingebettet ist". Sie "interagiert (…) mit Menschen, die als sie selbst auftreten". Dadurch passiert Folgendes: "Die Figur, die sie spielt, wird dadurch beglaubigt und authentifiziert."

Keller sieht darin neue Möglichkeiten, aber er schreibt auch: "alles eine Frage von Transparenz und Redlichkeit". Und im aktuellen Rahmen ist diese Redlichkeit unter Umständen eben auch schmerzhaft, denn sie bedeutet, einzugestehen: "Hier mussten wir uns mit einer Notlösung behelfen. Hier ist der Film nicht ganz so gut, wie er vielleicht sein könnte." Und hier sind Branchen, in denen es eher um eigene Ansprüche und Anerkennung als um Geld geht, sicher besonders anfällig.

Sind Faktenchecks eine Lösung?

Um diesen Punkt geht es auch in einem Interview, das Annika Schneider für das Deutschlandfunk-Medienmagazin @mediasres mit dem Dokumentarfilmer Jan Tenhaven geführt hat, der an einer Stellungnahme der deutschen Akademie für Fernsehen mitgearbeitet hat, die in dieser Woche erschienen ist (Altpapier). Er sagt, es sei relativ klar: "(…) der Film ist an seinem eigenen Anspruch gescheitert."

Dieser Anspruch hängt natürlich auch eng mit Erwartungen zusammen. Tenhaven betont die veränderten Sehgewohnheiten durch Portale wie Netflix. Es brauche eine Dramaturgie, im besten Fall einen Höhepunkt, aber den könne ja nicht einfach wie beim Spielfilm reinschreiben. Das führe natürlich dazu, dass man versuche, an diesen Rädchen zu drehen. Da gehe es allerdings eher um die Gefahr, dass Dinge zurechtgebogen werden, nicht so um die, dass gefälscht werde. "Das ist Weglassen, das ist Zuspitzen, das ist Dramatisieren, und das muss man glaub ich immer im Einzelfall sehen, wie weit man da gehen darf", sagt Tenhaven. Und hier sieht er schon einen Unterschied zum Journalismus, der seiner Erklärung nach in dem künstlerischen Anspruch besteht, der aber eben auch dazu führen kann, dass die Inszenierung sich etwas weiter von den Fakten löst, als sie das sollte.

Davon, dass Redaktionen vorher Faktenchecks machen, hält er nicht viel. Das "wäre schlimm, das wäre so eine buchhalterische Mentalität, die glaub ich keiner in der Branche will", sagt er.

Ein Skandal, der keiner ist

Ob die zulässige Grenze überschritten worden ist, ist im Falle des Dokumentarfilms "Die Unbeugsanem", weiter strittig – jedenfalls ergibt sich der Eindruck, wenn man die aktuelle Ausgabe der Zeit (Altpapier gestern) neben die Medienseite der SZ vom Freitag legt. Für den Schriftsteller und Drehbuchautor Thomas Brussig ist die Sache schon klar. Er sieht zunächst keinen Zusammenhang zwischen der Debatte um den Film "Lovemobil" und der Doku "Die Unbeugsamen". Brussig schreibt:

"Bei Lovemobil drehte sich der Skandal um einen Dokumentarfilm, der keiner ist. Bei den Unbeugsamen dreht sich die Debatte um einen Skandal, der keiner ist."

Worum es seiner Meinung nach wirklich geht, schreibt er auch:

"Der Skandal hier ist die Skandalisierung, denn losgetreten wurde alles durch eine Zeitung, die einen Ruf zu verlieren hat, nämlich durch die Zeit und deren Filmkritikerin Katja Nicodemus."

Brussig erwähnt, dass er mit dem Produzenten Oliver Stoltz befreundet ist, doch das sei nicht der Grund dafür, dass er schreibe. Dass ihn der Fall sehr aufwühlt, hat aber offenkundig auch damit zu tun, dass ihm selbst schon vorgeworfen wurde, unsauber gearbeitet, also plagiiert zu haben, wie Brussig im Text selbst ausführt.

Die Vorwürfe von Katja Nicodemus gegen den Film hält er für "läppisch" und "haltlos". Es sei "fies", beide Filme in einen Zusammenhang zu stellen. Man habe dem Regisseur Marc Wiese nicht die Möglichkeit gegeben, Stellung zu nehmen. Brussig schreibt: 

"Vermutlich wird nahezu jeden, der den Film nach den Vorwürfen der Zeit sieht, die Abgehobenheit befremden, mit der die Kritikerin an den Qualitäten des Films so eklatant vorbeizuschauen vermochte."

Kampf um die Glaubwürdigkeit

Claudia Tieschky befasst sich im selben Ressort ebenfalls mit der Debatte. Dort dröselt sie all das, was hier in den vergangenen Tagen schon besprochen wurde, noch einmal auf. Aber sie beschäftigt sich auch mit den neuesten Entwicklungen nach dem zweiten Schuss von Katja Nicodemus auf den Film.

Wiese versucht das alles zurzeit gerichtlich klären zu lassen. Er ist zudem der Auffassung, die Zeit habe ihm vor beiden Beiträgen nicht ausreichend die Möglichkeit zur Stellungnahme geben. Bei der Zeit sieht man das anders. Wiese habe seine Sichtweise über seinen Anwalt mitgeteilt.

Und jetzt müssen wir uns für einen kurzen Moment noch mal in den Details verlieren. Die Zeit behauptet laute Tieschky, "es um ethische Grenzen, die bei der Herstellung des Films überschritten wurden". Sie selbst kann das nicht erkennen. Sie schreibt:

"Dabei wirkt es genau andersherum: Die Vorwürfe in der Zeit sind vielfältig und kleinteilig. Wo genau die Grenzüberschreitung, das Skandalöse am Film sein soll, ist unklar."

Laut Claudia Tieschky "erstaunlich" ist ebenfalls, dass Katja Nicodemus in ihrem zweiten Text aus dieser Woche davon ausgehe, dass eine Frage, die die Zeit gerichtlich klären lassen möchte, bereits geklärt sei. Es geht um die Frage, ob eine Aussage durch einen Schnittfehler verfälscht worden sei.

Die Zeit wirft übrigens auch der FAZ vor, "die Stellungnahme unserer Anwälte nicht vollständig berücksichtigt" zu haben. Dort, also bei Michael Hanfeld, dem Autor des Beitrags, hat wiederum die SZ nachgefragt. Hanfeld weist das zurück. Er sagt, er habe die entscheidende Stelle des Schreibens zitiert.

Für Marc Wiese gehe es um "die Existenz als Filmemacher, dessen Währung Glaubwürdigkeit ist", erklärt Claudia Tieschky. Thomas Brussig schreibt, wie erinnern uns, inzwischen gehe um den Ruf der Zeit und den der Filmkritikerin Katja Nicodemus. Es ist ein Kampf um Glaubwürdigkeit, in dem niemand einen Fehler oder eine Fehleinschätzung einräumen mag, und in dem sich daher die paradoxe Situation ergibt, dass genau das am Ende Glaubwürdigkeit kosten wird.

Claudia Tieschky schreibt:

"Das klingt inzwischen, bildlich gesprochen, ein wenig nach Rauferei im gallischen Dorf des Medienjournalismus."

Für die Zeit sieht es dabei momentan nicht ganz so gut aus. Das wäre ein Zwischenergebnis. Aber warten wir erst einmal ab. Die Auseinandersetzung ist ja noch lange nicht vorbei.


Altpapierkorb (Katapult, Journalismus als öffentliches Gut, WDR 3, Bamf-Skandälchen, Angriffe auf Journalisten, Weltpressefoto, Preisträger)

+++ Der Katapult-Verlag kündigt nach dem kritischen Text von Übermedien über Katpult-Gründer Benjamin Fredrich und dessen Roman "Redaktion" (Altpapier) eine Stellungnahme an und stellt bei Twitter drei Überschriften zur Auswahl. "Katapult-Gründer bittet um Verzeihung", "Katapult-Gründer ist ein undankbares Arschloch", "Ehemaliger Springer-Mitarbeiter belügt Katapult, um Skandal-Story zu retten". Alle drei Überschriften seien richtig. Noch ist aber nichts erschienen.

+++ Die Friedrich-Ebert-Stiftung hat ein Papier veröffentlicht, das sich mit der gesellschaftlichen und politischen Bedeutung von Journalismus beschäftigt – und mit der wirtschaftlichen Dimension. Titel: "Journalismus als öffentliches Gut: Meinungsbildung im digitalen Kapitalismus." Autor ist der Wikimedia-Finanzchef Christian Humborg. Dazu ein Hinweis: Humborg diskutiert am Dienstag um 17 Uhr mit Krautreporter-Chefredakteurin Theresa Bäuerlein, dem SPD-Politiker Martin Rabanus und dem Tagesspiegel-Geschäftsführerin Ulrike Teschke über "Wege aus der Journalismuskrise". Die Diskussion wird in einem Livestream übertragen. Transparenzhinweis: Christian Humborg und ich sind am lokalen Medienprojekt RUMS Münster beteiligt.

+++ Brigitte Baetz befasst sich für das Deuschlandfunk-Medienmagazin @mediasres mit dem hier schon einige Male behandelten Versuch (zuletzt hier) des Radiosenders WDR3, sein Kulturprogramm auch für Menschen zuöffnen, die sich mit Kultur nicht so gut auskennen. Die Änderung besteht nach dem Verständnis von Michael Stegemann, einem der beiden Moderatoren, die inzwischen gekündigt haben, darin, "dass alles, was als Sachinformation gilt, quasi mit einem mehr oder weniger strikten Tabu belegt ist". Der Spiegel-Kulturredakteur Andreas Borcholte sieht gerade in der Nische, in dem spezialisierten Programm die große Chance. Er sagt: "Und das Radio, gerade der öffentlich-rechtliche Hörfunk, hat das ja quasi erfunden. Und das jetzt also zurückzuschrauben und so zu sagen: Okay, nee, dann kapitulieren wir da und machen vielleicht lieber ne etwas wohlfühligere weichgespültere massenkomplatiblere Programmierung, finde ich grotesk."

+++ Ralf Wiegend beschäftigt sich für die SZ mit der Frage, was sogenannten "Bamf-Skandal" um das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge übriggeblieben ist. Konkrekt: "So bleibt noch der Vorwurf von Vorteilsannahme- und -gewährung – weil sich Ulrike B. zwei Hotelübernachtungen zu je 65 Euro von Rechtsanwalt Irfan C. habe bezahlen lassen. Und sechs Fälle, die im Kontext zum Asylrecht stehen."

+++ Im Jahr 2020 gab es in Deutschland 69 Angriffe auf Journalistinnen und Journalisten, viele davon auf Querdenker-Demos. Nils Altland hat für das NDR-Medienmagazin "Zapp" so eine Demo besucht und einen elfminütigen Beitrag darüber gedreht.

+++ Der dänische Fotograf Mads Nissen hat das Weltpressefoto des Jahres geschossen, wie unter anderem der Tagesspiegel berichtet. Es zeigt die 85-jährige Brasilianerin Rosa Luzia Lunardi (85), die im August 2020 nach fünf Monaten zum ersten Mal wieder in den Arm genommen wird, von einer Pflegerin in dem Heim, in dem sie lebt.

+++ Die für den Theodor-Wolff-Preis nominierten Beiträge stehen fest. Hier die Übersicht.

Neues Altpapier gibt es am Montag.

0 Kommentare