Das Altpapier am 28. April 2021 Förderwüste Deutschland

Der Plan des Bundeswirtschaftsministeriums zur "Förderung der digitalen Transformation des Verlagswesens" ist tot. Außerdem: die mehrjährige Zusammenarbeit des Spiegel mit einem "Nachrichtenhändler"; Markus Lanz’ "Ego-Opportunismus". Ein Altpapier von René Martens.

Teasergrafik Altpapier vom 28. April 2021: Porträt Autor René Martens
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Ein Brief an eine Schauspielerin

Dass unter den 53 Schauspieler*innen, die sich an #allesdichtmachen beteiligt haben (siehe dazu die vergangenen drei Altpapier-Kolumnen), auch solche sind, von denen man naiverweise gehofft hätte, sie seien smart genug, es nicht zu tun -  diese im weiteren Sinne persönliche Enttäuschungserfahrung dürften auch Leser*innen des Altpapiers gemacht haben. Bei der unter anderem auf Medizin- und Wissenschaftsgeschichte spezialisierten Journalistin und Autorin Mela Eckenfels ist diese Enttäuschung mit der Person Ulrike Folkerts verknüpft. Daher schreibt Eckenfels an die "sehr geehrte Frau Folkerts":

"Ich kenne Sie nicht, Frau Folkerts. Ich kenne nur das Bild, das ich von Ihnen hatte. Das war eines von Integrität und Lebensfreude. Positive Vibes, sozusagen. Alleine deswegen verstehe ich nicht, wie Sie sich in dieser Situation an einer Aktion beteiligen konnten, die nichts dafür tut, dass etwas besser wird."

Nun gehört Folkerts zwar zu jenen, die ihr Video zurückgezogen haben, aber die Frage, warum sie ihre Reichweite nicht anders genutzt hat, kann man natürlich trotzdem aufwerfen:

"Sie hätten für Impfungen werben können, oder generell: Sie hätten Ihren Blick nach außen richten können, Sie hätten verbinden können. Statt dessen haben Sie ihn – anscheinend – nach innen gerichtet, auf eine Gruppe Künstler, die sich in erster Linie selbst leid tut und die Welt und vor allem die Kontaktbeschränkungsmaßnahmen als persönliche Beleidigung begreift."

Im übrigen mäandert (im positiven Sinne) das Schreiben an die eigentlich geschätzte TV-Schauspielerin Folkerts in Richtung allgemeine Lagebeschreibung:

"Inzwischen habe ich, bedauerlicherweise, jeden Respekt vor einem großen Teil meiner Mitbürger verloren. Ich musste meinen Glauben, dass wir als gebildete, nahezu vollständig alphabetisierte Gesellschaft, die Informationen nutzen, die wir haben, um vernunftgesteuerte Entscheidungen zu treffen, revidieren (…) Auf was ich überhaupt nicht vorbereitet war, war, dass die erste konsequente Reaktion auch die einzige konsequente bleiben sollte und wir uns in eine Spirale aus Wissenschaftsleugnung, Partikularinteressen, Inkompetenz und Entscheidungsschwäche hineinmanövrieren."

Wie jene Teilnehmer*innen des "diffusen Videoprojekts", die sich darüber geärgert haben, dass sie Beifall von Leuten bekommen haben, von denen sie keinen Beifall bekommen möchten, Letzteres hätten verhindern können - unter anderem darüber schreibt Sabine Nuss für den Freitag:

"Die Grenzen der Auseinandersetzung (verlaufen) nicht zwischen jenen, die die Maßnahmen richtig finden oder nicht, sie verlaufen zwischen jenen, die sie sich von den Lebensumständen her und finanziell leisten können und jenen, die das nicht können und für die diese Maßnahmen eine vergleichsweise große Bürde sind. Eine solche Perspektive wäre für eine marktradikale und wirtschaftsliberale Partei wie die AfD nicht anschlussfähig. Den Applaus der Rechten würde man so nicht kriegen."

Da aber einer der Organisatoren von #allesdichtmachen Mitglied einer anderen marktradikalen und wirtschaftsliberalen Partei ist (siehe Altpapier von Montag), scheint mir so eine Perspektive von vornherein ausgeschlossen gewesen zu sein.

Altmaiers Rohrkrepierer

Anfang März haben wir an dieser Stelle kurz erwähnt, dass das Bundeswirtschaftsministerium die Verleger-Verbände grob darüber informiert hat, wie das mit den Anträgen für die 220 Millionen Euro vonstatten gehen soll, die das Bundeswirtschaftsministerium eigentlich "zur Förderung der digitalen Transformation des Verlagswesens" zur Verfügung stellen wollte. An diesem Dienstag hat sich das Ministerium "nach intensiver Prüfung der verfassungs-, haushalts- und beihilferechtlichen Umstände und nach sorgfältiger Abwägung aller betroffenen Interessen" (wie zum Beispiel die SZ zitiert) nun aber entschieden, das Ganze nicht weiterzuverfolgen.

Wenn man Anfang März noch über die Antragskriterien informiert, nun aber mitteilt, dass gar keine Anträge gestellt werden müssen, weil es nämlich überhaupt kein Geld geben wird, stellt sich natürlich die Frage, wann Peter Altmaiers Leute mit der "intensiven Prüfung" begonnen haben.

Der entsprechende Bundestagsbeschluss aus dem Juli war von Anfang an aus unterschiedlichen Gründen umstrittenen (Altpapier, Altpapier). Margit Stumpp, die medienpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, monierte zum Beispiel:

"Für lokale und kleine Verlage bleiben höchstens Krümel. Und nicht mal Krümel fallen für gemeinnützige Medien ab; sie bleiben gleich ganz außen vor."

Darüber, "dass die geplante Presseförderung wegen verfassungsrechtlicher Bedenken tot ist", freuen sich nun die Krautreporter, die sich "nach Beratung durch unsere Anwälte sicher (gewesen waren), dass es der im Grundgesetz garantierten Pressefreiheit widersprechen würde, einige Medien zu fördern, andere dagegen nicht".

Bei @mediasres sagt Krautreporter-Vorstand Sebastian Esser:

"Der Staat wollte die Druckverlage subventionieren und hätte damit den neuen, digitalen Medien massiv geschadet. Dagegen haben wir uns nun erfolgreich gewehrt."

Einen Überblick zu weiteren Reaktionen auf die Entscheidung des Ministeriums gibt es in dem Beitrag des Deutschlandfunk-Medienmagazins ebenfalls. Was die vier Verlegerverbände sagen, haben sie in einer gemeinsamen Presseerklärung formuliert. Sie holen nun wieder die Forderung nach einer "Zustellförderung" aus der Klamottenkiste.

Bereits im Januar 2020 schrieb Ralf Heimann hier unter Bezug auf eine Studie über staatliche Presseförderung in anderen europäischen Ländern:

"Was sich mit Blick auf die übrigen Länder (…) sagen lässt: Keines der untersuchten Länder fördert ausschließlich die Zustellung von Zeitungen. Tendenziell ist eher ein Abbau dieser Form der Förderung zu beobachten. In Dänemark wurde sie bereits abgeschaft. Die untersuchten Länder setzen auf die direkte Förderung von Medien. Und sie fördern Innovationen und die Modernisierung. In Deutschland passiert das noch nicht."

Ein Überblick darüber, was andere Länder im Bereich der Presseförderung auf die Reihe kriegen, findet sich auch beim MDR-Kollegen Steffen Grimberg.

Der Fall Diekmann

Lange nicht mehr über billiges Clickbaiting geärgert? Da liefern wir doch gleich mal einen Anlass. Die eben gerade gelesene Zwischenüberschrift könnte nämlich in diese Kategorie fallen. Denn: Im Kontext dieser Kolumne suggeriert sie, dass es in den folgenden Zeilen um den Medienberater Kai Diekmann geht. Tatsächlich geht es um den - noch - etwas weniger bekannten Medienberater Kurt Diekmann. Dieser "Nachrichtenhändler", wie ihn die SZ am Dienstag in Anspielung auf Leute aus dem Geheimdienstmilieu nannte, spielt eine Rolle im aktuellen Machtkampf zwischen DFB-Präsident Fritz Keller und einer Gruppe um dessen Vize Rainer Koch (und eine Rolle in vorangegangenen Machtkämpfen spielte Kurt Diekmann wohl auch)

Claudio Catuogno schreibt in einem Kommentar fürs SZ-Sportressort:

"Der (derzeitige) Machtkampf (…) nimmt mehr und mehr die Züge eines finsteren Schurkenstücks an (…) Am Freitag mündete er (…) in (einer) fatalen Präsidiumssitzung. Es ging mal wieder um die Schlüsselfigur der Affäre: den Kommunikationsberater Kurt Diekmann, seit Jahren ein Bekannter von Koch. Eine Berichterstattung der Bild stand kurz bevor, wonach Diekmann sich im Frühjahr 2019 gebrüstet haben soll, gemeinsam mit dem Spiegel den damaligen Präsidenten Grindel zu Fall zu bringen. Was es umso erstaunlicher macht, dass Diekmann schon kurz darauf zum DFB überlief und dort über 300 000 Euro Honorar kassierte. Wofür genau, wird gerade intern wie extern untersucht. Was Diekmann nicht davon abhielt, kürzlich eine Strafanzeige gegen Keller zu stellen, wegen angeblichen Geheimnisverrats rund um seinen mysteriösen Beratervertrag."

Wer mit der notorischen Sinistrität des DFB-Führungskräftemilieus nicht vertraut ist, dem hilft zur Einschätzung möglicherweise noch folgende Erläuterung Catuognos:

"Ein DFB-Chef muss gehen, und im Umfeld des Abgangs taucht ein Kommunikationsberater auf; bald darauf kassiert der dann ordentlich DFB-Geld - und schießt nun gegen den nächsten DFB-Präsidenten. Unter den Augen von Rainer Koch? Mit dessen Billigung? In dessen Auftrag?"

"Fatal" war die im SZ-Kommentar beschriebene Präsidiumssitzung übrigens vor allem deshalb, weil Keller seinen Widersacher, den Juristen Koch, als "Freisler" bezeichnete, ihn also die Nähe des nationalsozialistischen Richters Roland Freisler rückte - weshalb Keller eigentlich zurücktreten müsste, was er, so Catuogno, auch tun sollte, aber nicht sofort, weil der DFB dann von "noch Falscheren gesteuert" werden würde, also von Koch und seiner Gang.

Dass der Laden des "anderen" Diekmann, also Kai Diekmann, Anfang 2018 kurz beratend tätig war für den später von Kurt Diekmann und dem Spiegel zu Fall gebrachten Reinhard Grindel, sei aber auch noch vermerkt - aber nur um zu veranschaulichen, dass es im DFB-Milieu grundsätzlich recht viele beratungsbedürftige Menschen zu geben scheint.

Spiegel-Chefredakteure besiegen Spiegel-Chefredakteurin

Der Spiegel macht aktuell aber nicht nur aufgrund einer Zusammenarbeit mit einem undurchsichtigen Medienberater von sich reden (die laut Auskunft des Verlags gegenüber der Bild-Zeitung von 2016 bis 2019 andauerte). Er liefert auch klassisch-spiegelige Kleinkriegs-News in eigener Sache: Es geht um Barbara Hans, die in diesen Tagen als Chefredakteurin beim Spiegel ausscheidet.

Laura Hertreiter blickt für die SZ zurück:

"Bereits Anfang des Jahres war von Streit bei Deutschlands führendem Nachrichtenmagazin die Rede. Man muss dazu wissen, dass Barbara Hans sich die Chefredaktion mit Clemens Höges und Steffen Klusmann als Vorsitzendem teilt, seit das Medienhaus das Team des gedruckten Hefts mit dem Team der Online-Mannschaft zusammengelegt hat. In dem Trio soll es Differenzen aus mehreren Gründen gegeben haben."

Ich hatte seinerzeit für die taz darüber geschrieben, unter anderem über die branchenöffentliche Loswerde-Strategie, die die Anti-Hans-Fraktion performt hatte (und die auf Protest bei einem großen Teil der Spiegel-Belegschaft gestoßen war). Hertreiters aktueller Text - und auch der in einem anderen Kontext heute schon erwähnte Steffen Grimberg für die taz - enden mit einem Zitat aus einem in der Januar-Ausgabe des Medienmagazins journalist erschienenen Hans-Artikel, das sich für die Autorin in eigener Sache als prophetisch erwiesen hat:

"Das Personalroulette vieler Verlage ist Ausdruck dieser teils erratischen Suche nach Lösungen, die Personen zu Problemen erklärt und in der Folge auf der Stelle tritt. Die Akteure variieren, die strukturellen Probleme aber bleiben."


Altpapierkorb (Tagesspiegel besiegt Jens Spahn, Markus Lanz huldigt Markus Lanz, Querdenker stören Welt-Schalte)

+++ Der Tagesspiegel hat gegen Jens Spahn und seinen Ehemann Daniel Funke einen Erfolg vor dem Oberlandesgericht Hamburg errungen. Es geht um die Berichterstattung über einen Villenkauf der Eheleute. Auch Michael Hanfeld berichtet in der FAZ. Ein Aspekt der Auseinandersetzung war bereits Thema in diesem Altpapier.

+++ Inwiefern Markus Lanz’ journalistische Leistungen der jüngeren Vergangenheit ambivalent sind, dröselt Torsten Körner für den Tagesspiegel (25 Cent bei Blendle) auf: "Die Frage ist, wie lange sich Lanz’ Gäste damit zufrieden geben, dass ihr Gastgeber selbst das größte Schauspiel ist. Im Talk vom 15. April kippten seine Tugenden ins Abgründige, ins Selbstzerstörerische. Wie er die Politiker Katja Leikert und Peter Ramsauer mit Fragen bestürmte, hatte nicht nur etwas Unbarmherziges, es offenbarte auch die wechselseitige Brutalisierung von Medien und Politik (…) Sein Machtbewusstsein ist grundsätzlich zu begrüßen, denn er ist einer der wenigen Stirnbieter im politischen Talk. Aber dieser Mut ist auch immer wieder getrübt durch den Ego-Opportunismus, Markus huldigt Markus (…) Man wünscht ihm etwas mehr Günter-Gaus’sche Gelassenheit (und) Selbstunsichtbarkeit."

+++ Und dass Springers Nachrichtensender Welt zwei recht bekannte Querdenker anzeigen will, weil die eine Live-Schalte gestört haben, berichtet dwdl.de.

Neues Altpapier gibt es wieder am Donnerstag.

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