Das Altpapier am 30. April 2021 Der Weg führt auf die Gegenfahrbahn

In der #allesdichtmachen-Debatte deutet einiges darauf hin, dass es im Wesentlichen einen Autor gab. Ein Interview mit Jan Josef Liefers offenbart, dass ein Problem fehlende Medienkompetenz sein könnte. Und Thomas Gottschalk gibt mit seiner Kritik ein Beispiel für den von ihm kritisierten Mangel. Ein Altpapier von Ralf Heimann.

Teasergrafik Altpapier vom 30. April 2021: Porträt Autor Ralf Heimann
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Von Diskursen und guten Typen

Tut mir leid, wir müssen noch einmal über die 53 Videos der Filmschaffenden sprechen, hoffentlich ein letztes Mal, aber ich will hier nichts versprechen. Nun hat sich auch noch Thomas Gottschalk eingeschaltet, am Mittwochabend in der ARD-Talksendung "maischberger". Und Gottschalk bringt ein ganz interessantes Element in die Diskusion ein, nämlich ein positives Ad-hominem-Argument. Ein negatives Ad-hominem-Argument im Falle der Videos wäre: Das #allesdichtmachen-Ensemble kann mit seinem Anliegen gar nicht richtig liegen, denn Schauspieler sind doof.

Das stimmt natürlich nicht. Es ist nur ein Beispiel, aber ich schreibe das lieber dazu, denn wir sind schließlich im Internet, und da werden Dinge ja gerne missverstanden, wie man hört. Thomas Gottschalk verteidigt "den Jan Josef", wie unter anderem epd medien dokumentiert hat, mit der hier sinngemäß wiedergegebenen Begründung: Die Aktion kann gar nicht schlecht sein, denn "der Jan Josef" ist doch ein guter Typ – und die anderen auch. Wörtlich sagt Gottschalk in der Sendung: "Das sind alles ernsthafte Menschen. Da gehört Jan Josef dazu." Und er sagt: "Dieser Mann wollte das Beste. Der wollte einen Beitrag leisten, dass die Dinge besser werden."

Er wollte das Beste. Aha. Da fällt einem natürlich sofort der Satz ein: "Der Weg zur Hölle ist gepflastert mit guten Absichten." Gottschalk selbst wollte wahrscheinlich auch das Beste, nämlich einmal ordentlich mit dem Schwamm drüber gehen und dann mit dem Edding drüberkritzeln: "Regt euch nicht auf, Kinder. Es ist doch alles nicht so wild." Das kann man natürlich auch machen. Es ist dann eben nur kein Diskurs. Aber genau diese fehlende Fähigkeit dazu beklagt Gottschalk, wenn er sagt: "Es ist in diesem Lande jede Diskursfähigkeit verloren gegangen." Das habe eine gewisse Tragik. Und da würde ich zustimmen. Zumindest im zweiten Punkt.

Um einen Diskurs zuzulassen, würde bedeuten, auch das Anliegen der Gegenseite ernst zu nehmen. Die Frage ist, ob Gottschalk das selbst macht, wenn er in der Kritik an der Aktion ein Indiz dafür erkennt, dass kein Diskurs möglich sei. Anscheinend nimmt er,  wahrscheinlich ohne es zu wollen, nicht mal Liefers so richtig für voll. Der habe sich von offensichtlich anderen Menschen etwas einreden lassen, "was nicht verständlich war", sagt Gottschalk. Das heißt im Grunde, er habe selbst nicht mehr so ganz überblickt, was er da anrichtet.

Auf der einen Seite wären laut Gottschalk die Leute, die nicht in der Lage sind, einen Diskurs zu führen. Auf der anderen Seite die, die in guter Absicht aufgrund von Unvermögen etwas Unbeabsichtigtes anrichten. Die Lösung wäre, man könnte sich nun in den Arm nehmen und sich gegenseitig versichern: Es war doch alles nicht so gemeint.

Das ist dann tatsächlich fehlende Diskursfähigkeit. Gottschalk könnte man nun zugute alten, dass er nach allem, was man so hört, ein netter Kerl ist, der im Grunde nur will, dass die Dinge besser werden.

Filterunsouveränität

Dass man Jan Josef Liefers Unrecht tut, wenn man unterstellt, er sei da einfach in irgendwas hineingeraten, zeigt ein Doppelinterview, das die Charlotte Parnack und Giovanni di Lorenzo für die Zeit (€) mit ihm und Gesundheitsminister Jens Spahn geführt haben. Liefers hat sich mit der Sache anscheinend schon gründlich beschäftigt, anfangs jedenfalls. Was mit ihm im Verlauf der Pandemie passiert ist, beschreibt er in der folgenden Passage: 

"Zu Beginn der Pandemie war ich genauso schockiert wie alle anderen und von der Richtigkeit der Maßnahmen überzeugt: Nehmt die Kinder raus aus den Schulen, macht die Geschäfte zu, das alles. Ich habe Podcasts gehört, Newsfeeds abonniert, ich habe alle möglichen Zeitungen gelesen, habe Fernsehen geschaut – ich wurde immer meschuggener. Irgendwann habe ich kaum noch geschlafen. Ich bin abends ins Bett gegangen mit diesen News und morgens damit aufgewacht. Kurz vor Weihnachten habe ich die Reißleine gezogen und alles abbestellt, einfach nichts mehr angeguckt oder gelesen. Und schon ging es mir besser. Da dachte ich: Was ist das? Wir sind mitten in einer Pandemie. Aber fast krank geworden bin ich nicht von diesem tückischen Virus – sondern vom medialen Dauerfeuer deswegen."

Das ist ganz interessant, denn in seinem Video sagt Liefers nicht (ironisch), dass Medien zu viel berichten, sondern, dass "kein unnötiger kritischer Disput uns ablenken kann von der Zustimmung zu den sinnvollen und immer angemessenen Maßnahmen unserer Regierung". Parnack und di Lorenzo fragen: "Also haben wir Sie richtig verstanden: Es geht Ihnen nicht um Kritik an einzelnen Medien, sondern um die Massivität der Berichterstattung?" Liefers bejaht: "Ja, aus allen Rohren!"

Was könnte hier also passiert sein? Hat Liefers vielleicht einfach eine Erklärung für die eigene Überforderung gefunden, die ihm das unangenehme Eingeständnis erspart, dass das Problem auch zu einem gewissen Teil in ihm selbst liegt. Wenn es stimmt, was Liefers hier im Interview sagt, ist das Problem weniger die seiner Meinung nach unkritische Haltung der Medien (woher will er das auch wissen, er hat ja seit Monaten keine Medien konsumiert), sondern seine eigene fehlende Medienkompetenz. Man kann ja dem Internet schlecht vorwerfen, dass es voll mit Informationen ist. Der Netztheoretiker Michael Seemann für den Perspektivwechsel, den das Internet möglich und nötig macht, das Wort "Filtersouveränität" gefunden. Es wäre natürlich alles einfacher, wenn weiter nur die Tageszeitung und das öffentlich-rechtliche Fernsehen zu bestimmten Zeiten gut dosierte Information zur Verfügung stellten. Dann hätte man selbst nicht so viel Ärger mit der Selektion. Stattdessen sind Nachrichten überall zu finden. Menschen können selbst filtern, aus welchen Kanälen sie sich informieren möchten, aber sie müssen es auch. Und wenn es tatsächlich so war, wie Liefers es schildert, ist er unter anderem daran gescheitert.

Was ihn aber anscheinend auch gestört hat, war die grundsätzliche Richtung dessen, was er wahrgenommen hat. Im Interview sagt Liefers:

"Das Wort 'gleichgeschaltet' würde ich nie benutzen. Ich glaube auch nicht, dass das auf irgendeinen Journalisten zutrifft. Ich glaube eher, dass es eine Art höheres Verantwortungsbewusstsein gibt: Alle wollen nur das maximal Richtige tun und das Wichtige beschreiben, und das führt am Ende zu diesem Nachrichtengewitter, das sich zeitweise in den meisten Medien so oder so ähnlich las."

Ein höheres Verantwortungsbewusstsein. Alle wollen nur das maximal Richtige tun. Nach Gottschalks Beschreibung wäre das ungefähr das, was Liefers möchte. Nur es hat leider nicht geklappt. Es gibt also gewisse Parallelen zwischen seiner eigenen Wahrnehmung der Medienberichterstattung und ihm selbst.

An irgendeinem Punkt scheint Liefers das Problem jedenfalls umgedeutet zu haben. Und er mag noch so ein netter Typ sein, die Schlüsse, die er daraus gezogen hat, sind trotzdem zweifelhaft. Das empfundene ungute Gefühl mitten im "Nachrichtengewitter" kann einerseits Überforderung sein, aber wenn man möchte, kann man auch eine andere Erklärung finden: die eigene Überlegenheit. Ganz zu Beginn des Gesprächs sagt Liefers:

"Meine Beobachtung ist, dass sich in diesem Pandemiejahr drei Gruppen von Menschen gebildet haben: Da sind die, die alles bedingungslos unterstützen, was die Regierung macht. Dann gibt es jene, die alles ablehnen. Und dann gibt es viele, wie mich, die zwischen diesen polarisierten Gruppen stehen und weder der einen noch der anderen Seite zugehören wollen, aber natürlich schon zweifeln und ihre Fragen haben. Das ist mein Punkt: Da gibt es ein Vakuum."

Der kritische Geist, der sich nicht an der Nase herumführen lässt, sondern sich selbst eine Meinung macht. Das geht in Richtung der Art und Weise, in der auch die Kritiker von Corona-Maßnahmen sich sehen. Das ist ihre selbstverliebte Erklärung für das diffuse Unwohlsein, das sie empfinden. Diese Menschen sehen sich selbst auch nicht auf der Seite derer, die "alles ablehnen". Wäre das anders, würden sie sich wahrscheinlich nicht Querdenker nennen, sondern Gegendenker.

Das soll nicht heißen, dass man Liefers dieser Gruppe zuordnen muss. Aber feststellen kann man: Es gibt durchaus ähnliche Denkmuster.

Im Falle der öffentlichen Figur Liefers geht das alles nach meinem Eindruck schon ein bisschen in die Richtung der Figur, die er am Sonntagabend um 20.15 Uhr wieder darstellen wird, die des Rechtsmediziners Karl Friedrich Boerne im Münster-Tatort. Stichwort Selbstüberschätzung.

Im Interview nennt Liefers die Video-Kampagne den "Urknall", als hätte es vorher niemanden gegeben, der eine Kritik äußert, die in diese Richtung geht. Als hätte es vorher keine Debatte gegeben. Gegenvorschlag wäre, stattdessen vom einem "Auffahrunfall" zu sprechen. Dabei knallt es auch ordentlich, aber in der Regel lässt sich der Verursacher ausfindig machen. Wie in diesem Fall.

Die Parallele zum Münster-Tatort wird auch anderer Stelle sehr schön deutlich. Liefers zieht wieder den DDR-Vergleich, den er neulich schon im WDR-Interview aus der Tasche geholt hat. "In der DDR wäre ich für so ein Video wahrscheinlich in den Knast gekommen. Aber auch das, was wir hier erleben, ist nicht schön", sagt er. Man kann das so lesen wie: Ich befinde mich hier im Widerstand gegen ein totalitäres Unrechtsregime, nur eben gegen kein ganz so schlimmes und kein staatliches. Dass dieser Vergleich nicht nur hinkt, sondern dass ihm ein ganzes Bein fehlt, kann Liefers offenbar nicht erkennen. Die Ursache für die unangenehmen Folgen in der DDR waren, dass es dort keine Meinungsfreiheit gab. Die Ursache für die als unangenehm empfunden Folgen im gegenwärtigen Deutschland sind, dass Meinungsfreiheit vorhanden ist. Im einen Fall setzt der Staat seine Meinung mit Gewalt durch. Im anderen Fall garantiert der Staat, dass Menschen ihre Meinung nicht mit Gewalt durchsetzen. Anders gesagt: Zahnschmerzen sind auch nicht schön, deswegen haben sie trotzdem nicht zwingend etwas mit Erich Mielke zu tun.

Kommen wir noch einmal zu den Schlafschafen und der Selbstüberschätzung. Liefers sagt:

"Heute erklärt nicht mehr der gute alte Klassenkampf die Welt – sondern heute gibt es einen Bubble-Kampf, zwischen Angehörigen verschiedener Meinungsblasen. Und das Verrückte ist, dass Leute, die tief in solchen Bubbles sitzen, gar keinen Schimmer mehr von der Welt ihrer Nachbarbubble haben."

Zum Glück gibt es Boerne, den kritischen Geist, der in dieser unangenehmen Situation den Durchblick behält. Oder Moment, war es Liefers? So gut lässt sich das gar nicht mehr auseinanderhalten. In der Münster-Tatort-Kritik auf der SZ-Medienseite schreibt Claudia Fromme heute zum Ende:

"Zeit für Boerne, über den Dunning-Kruger-Effekt zu referieren, der ungefähr das besagt: Wer doof ist, ist zu doof zu merken, dass er doof ist, und hält sich darum für besonders schlau. Kommt ja vor."

Das hätte sich auch ganz wunderbar noch hinter das Zitat in der Zeit mit dem Bubble-Kampf gepasst. Aber vorerst bleiben beide Rollen noch separiert. Die FAZ schreibt sehr schön in der Unterzeile zu ihrer Kritik (€): "Im Tatort: 'Rhythm and Love' sehen wir Jan Josef Liefers in der satirischen Rolle, die wirklich zu ihm passt."

Angriff auf die gesellschaftliche Kommunikation

Eine weitere Parallele der Aktion zum ARD-Krimi ist offenbar: Die Aktion war "ähnlich akribisch geplant wie eine Tatort-Produktion". So steht es über einer gemeinsamen Recherche von Andreas Busche, Hannes Soltau, Julius Geiler und Ex-Altpapier-Kollege Matthias Dell für den Tagesspiegel, für die sie sich auf Spurensuche begeben und mit der Frage beschäftigt haben, wer hinter der ganzen Aktion steckt. Dabei kommt das Autorenteam zu einem eindeutigen Ergebnis: "Auch wenn es anfangs wie eine dezentrale Bewegung aussah: #allesdichtmachen hatte einen Kopf." Um es vorwegzunehmen, Sie hatten es eh schon geahnt: Es ist Dietrich Brüggemann. Wobei man festhalten muss: Zu den Initiatoren zählte wohl auch Liefers. Und Person, die laut der Recherche ebenfalls eine Rolle spielte, ist ein anderer Tatort-Regisseur: "Thomas Bohn, der in seinem Portfolio 20 Episoden vorzuweisen hat, davon neun mit Ulrike Folkerts." Bohn hat den Tagesspiegelbeitrag bei Twitter retweetet, allerdings mit dem Kommentar:

"Wie gut, dass ich den mehrfachen, netten Versuchen des @Tagesspiegel gestern und vorgestern widerstanden habe, und den Kollegen dort kein Inteview gegeben habe."

"Die grosse Panik von @tagesspiegel und @DIEZEIT ist, dass Menschen die Aktion #allesdichtmachen durchgezogen haben könnten, die KEINE #Querdenker oder Nazis sind. Sondern eher links ausgerichtete Künstler."

Mit dieser Frage beschäftigt sich auch der Tagesspiegel-Beitrag, denn zuvor hatte Dietrich Brüggemann darauf hingewiesen, dass auch linke Gruppen seine Position verträten. Versehen hat er das mit einem Link auf die Homepage der sogenannten "Freien Linken", über die der Tagespiegel schreibt:

"Die Gruppierung ist unmittelbar mit den Corona-Protesten verbunden, aber alles andere als links. Regelmäßig nimmt ein kleiner Block an 'Querdenken'-Demonstrationen teil. Im Telegram-Kanal äußern sich Mitglieder teilweise antisemitisch, gleichzeitig werden Beiträge gepostet, die aus dem Umfeld des Hallenser Neonazis Sven Liebich stammen."

Das ist eine Schnittstelle zur Querdenker-Bewegung, eine von mehreren. Ein Eindruck, der sich immer weiter verfestigt, ist: Hier hat einer seinen guten Namen missbraucht, um andere gute Namen zu instrumentalisieren, nämlich die der vielen bekannten Schauspieler, die natürlich eine Verantwortung für das tragen, was in ihrem Namen veröffentlicht wird, die hier aber möglicherweise mit Absicht im Unklaren gelassen wurden. Das Autorenteam schreibt:

"Eine eigene Themensetzung, so der Schauspieler, sei dabei offensichtlich aber nicht erwünscht gewesen, die Stoßrichtung war vorgegeben: die Lockdown-Maßnahmen der Regierung, das 'Narrativ' von Politik und Wissenschaft mit einer alternativen Erzählung 'umzustoßen', wie es Brüggemann im 'Welt'-Interview ausdrückt. Hinter #allesdichtmachen steckt somit eine klare politische Agenda; die vielen Stimmen gehen vermutlich auf einen einzigen Autor zurück."

Und weiter:

"Viele der Beteiligten hätten das Ausmaß der Aktion nicht realisiert, erzählt der Schauspieler. Er habe Brüggemann immer als 'aufrechten Linken' wahrgenommen, der sich aber in den vergangenen Monaten der Pandemie 'in dieses Thema absolut reingesteigert' habe."

Es ist also nicht unwahrscheinlich, dass sie einfach im Gottschalk’schen Sinne gedacht haben: Der Brüggemann ist ein guter Typ, der kann mit seinem Anliegen gar nicht falsch liegen.

Dass es hier im Kern gar nicht um eine demokratische Bewegung geht, in der sich viele Meinungen zu einer zusammenfügen, sondern um ein manipulatives Gesamtkunstwerk, dessen Mechanik der Tagesspiegel so beschreibt:

"Das Destruktive daran ist, dass Brüggemann die spezifischen Dynamiken von digitaler Kommunikation auf Twitter, Facebook oder Instagram in seinem Film auf den 'analogen' Austausch überträgt. Brüggemann verfilmt Facebook-Threads nicht, um vorzuführen, wie gefährlich diese Art von Sprechen ist, sondern um damit auch die Grenze zwischen 'Wahr und Falsch' zu verwischen."

Darin sieht das Autorenteam einen "Angriff auf die gesellschaftliche Kommunikation". Darauf, dass die Initiatoren von dem ganzen demokratischen Klimbim gar nicht so viel halten, deuten auch andere Dinge hin. Der Tagesspiegel wollte auch mit Brüggemann sprechen. Doch der reagierte gar nicht auf Nachfragen. Der Tagesspiegel schreibt: "So viel zur Meinungsfreiheit."

Altpapierkorb (WDR-Gesetz, Verdachtsberichterstattung, Dokuberichterstattung, Mediennutzung, Presseförderung)

+++ Der WDR-Rundfunkrat fällt in Zukunft etwas kleiner aus. Das hat aber nichts mit damit zu tun, dass WDR-Rundfunkräte nach Meinungsäußerungen schon mal die Beschäftigungsverbote von Schauspielern fordern und dann selbst in Bedrängnis garrelten, äh, geraten. Der Grund ist einfach: Der NRW-Landtag hat beschlossen, dass das WDR-Gesetz geändert wird, wie unter anderem die Westdeutsche Zeitung berichtet. Das bedeutet auch, der Medienstaatsvertrag ändert sich an einigen Stellen.

+++ Der ehemalige Fußball-Nationalspieler Christoph Metzelder hat am Donnerstag in dem Prozess gegen ihn ein Teilgeständnis abgelegt. Es ging – das hat sich wahrscheinlich herumgesprochen – um den Vorwurf, er haben Material besessen, das den sexuellen Missbrauch von Kindern zeigt. Sebastian Wellendorf hat für das Deutschlandfunk-Medienmagazin "@mediasres" mit Andrea Titz, der Vorsitzenden des bayerischen Richtervereins, über die Berichterstattung gesprochen und über die Frage: Was darf die Öffentlichkeit erfahren? Darin geht es auch um die Pressearbeit von Anwälten, die dazu führt, dass vor Prozessen oft im Sinne von Angeklagten berichtet wird. Und das bekämen auch die Richter mit, sagt Titz. "Was wir uns als Richterinnen und Richter wünschen würden, wäre, dass diese Art von Pressearbeit öfter kritisch hinterfragt wird", sagt sie.

+++ Steffen Grimberg schreibt in seiner taz-Kolumne über den Wechsel von Linda Zervakis zu ProSieben und generelle Entwicklung bei dem privaten Sender. Grimberg: "Nicht das ZDF wird privatisiert. Nein, ProSieben wird öffentlich-rechtlich."

+++ Im Streit um seinen Film "Die Unbeugsamen" hatte der Regisseur Marc Wiese vor Gericht Erfolg. Das Landgericht Berlin hat eine einstweilige Verfügung erlassen, meldet unter anderem Claudia Tieschky für die SZ. Zeit und Zeit Online dürfen einige Passagen aus ihren Texten nicht mehr weiterverbreiten. Worum es genau geht, hatte René Martens vor Kurzem im Altpapier sehr ausführlich erklärt. Das Landgericht attestierte nun der Zeit, ein "Falschzitat" übernommen zu haben. Der falsche Kontext der Passage rufer zwingend dem Leser "die Schlussfolgerung auf, der Antragsteller müsse gelogen haben", schreibt Tieschky. Die Zeit hatte sich am Donnerstagnachmittag noch nicht dazu geäußert.

+++ Die Filmemacherin Nina Gladitz veröffentlichte im vergangenen Jahr ein Buch über Leni Riefenstahl, in dem sie herausarbeitete, dass die Medienrezeption Riefenstahls in den vergangenen Jahrzehnten ein Missverständnis war (Altpapier). Jetzt ist sie gestorben. Willi Winkler schreibt in der SZ einen Nachruf

+++ Wie hat sich die Mediennutzung in der Krise verändert? Die Medienanstalten haben sich in ihrer Mediengewichtungsstudie mit der Frage beschäftigt. Herausgekommen ist: "Im Corona-Jahr 2020 stieg das Informationsbedürfnis der Deutschen auf Rekordniveau. Neun von zehn Personen ab 14 Jahre haben sich täglich in TV und Radio, Online oder in Printmedien über das aktuelle Zeitgeschehen informiert. Dies ist der höchste Wert seit Beginn der Veröffentlichung der Mediengewichtungsstudie durch die Medienanstalten im Jahr 2015."

+++ Michael Hanfeld kommentiert auf der FAZ-Medienseite (€) das Scheitern der Digitalförderung für Verlage. Er schreibt: "Die "Krautreporter", die noch im November des vergangenen Jahres um Hilfe gerufen und neue, zahlende Unterstützer gesucht haben, worüber die Presse freundlich berichtete, jubeln jetzt. Dies sei ein 'guter Tag für die Pressefreiheit', schreiben die 'Krautreporter'-Vorstände Leon Fryszer und Sebastian Esser. Da müssen wir ihnen widersprechen: Ein guter Tag für die Pressefreiheit wäre es, hätte sich die Bundesregierung eine faire Presseförderung einfallen lassen, die niemanden benachteiligt." Die Krautreporter nennt Hanfeld witzigerweise "Crowdfunding-Portal", was Stefan Niggemeier passenderweise veralbert.

+++ Krautreporter-Gründer Sebastian Esser erklärt hier in einem Beitrag bei Linkedin, warum das Gesetz gescheitert ist.

+++ In der dpa-Studie "#UseTheNews" geht es darum, wie junge Menschen sich informieren. Das Ergebnis fällt nicht ganz so gut aus, um nicht zu sagen: katastrophal. Kurze Zusammenfassung: Die Untersuchung "offenbart eine tiefe Informationskluft in der nachwachsenden Generation: Die Hälfte der Jugendlichen hält es nicht für wichtig, sich über Neuigkeiten und aktuelle Ereignisse zu informieren." Eine etwas längere Zusammenfassung hat dpa hier veröffentlicht, die Studie selbst ist hier zu finden.

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.

Neues Altpapier gibt es am Montag.

0 Kommentare