Das Altpapier am 10. Juni 2021 Digitale Misogynie-Minimierung

Deutschland hat ein Problem mit Frauenhass im Netz. Die schweigende Akzeptanz solcher Anfeindungen scheint aber langsam zu schwinden. Das lässt zumindest der Fall Ricarda Lang vermuten. Welche Rolle außerdem die Werbebranche bei der Hass-Tektonik im Internet spielt und was das wiederum mit Medienvielfalt zu tun hat. Ein Altpapier von Nora Frerichmann.

Teasergrafik Altpapier vom 10. Juni 2021: Porträt Autorin Nora Frerichmann
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Digitale Dimension des Frauenhasses

Das Problem ist nicht neu, springt aber aktuell am Beispiel Ricarda Lang wieder wie ein Schachtelteufel aus der Nische in die breitere Öffentlichkeit: Deutschland hat ein Problem mit Frauenhass im Netz (und nicht nur dort). Eigentlich ging es in der Talkrunde von "Hart aber Fair" u.a. um den Spritpreis, über den die Grünen-Politikerin und der CSU-Mann Markus Blume angeregt diskutierten.

Auf Social-Media-Plattformen, vor allem bei Twitter, wurde die inhaltliche Auseinandersetzung damit aber schnell überlagert – von ätzenden Kommentaren voller Spott, Hass und Herabwürdigung der jungen Politikerin, oft mit Blick auf Langs Körper. (Eine Netzreaktionen-Zusammenschreibe gibt‘s z.B. bei der FAZ und DerWesten.de.) Und die 27-Jährige steht bekanntermaßen nicht alleine vor solchen Hass- und Drohkulissen. Vielen anderen politisch und (netz-)publizistisch aktiven Frauen schwappen ebenfalls solcher Hass, solche Erniedrigungen und Drohungen entgegen: Jasmina Kuhnke, Nicole Diekmann, Renate Künast und Sophie Passmann sind nur die prominenteren Beispiele.

Neben der persönlichen Situation der Betroffenen, solchen Angriffen in ihrer geballten Masse wegzustecken, ist aber natürlich auch die einschüchternde Wirkung auf andere Frauen problematisch. Klar, auch Männer sind Hass ausgesetzt, aber bei Frauen bekommen die Anfeindungen mit Vergewaltigungsandrohungen und der gezielter Reduktion auf ihren Körper oft noch eine andere Dimension. Das hinterlässt Spuren.

Sascha Lobo greift das Thema in seiner aktuellen Spiegel-Kolumne auf. Er beobachtet auf Social-Media-Plattformen einen "Sound der Misogynie-Minimierung", eine vorsichtige, evtl. schon im Voraus für eventuelle Fehler um Entschuldigung bittende Kommunikation von Frauen, um Online-Hass möglichst zu vermeiden. Neu, oder ein reines Netzproblem ist das natürlich nicht:

"Meine Kolumnenkollegin Margarete Stokowski schrieb 2019 in einem Aufsatz zum Stand der Feminismusdebatte darüber, wie selbstverständlich und aggressiv Kommunikation als Machtinstrument benutzt wird, und zitiert wiederum Mary Beard: 'Die abendländische Kultur ist seit Jahrtausenden geübt darin, Frauen den Mund zu verbieten.' Der frauenfeindliche soziale Klimawandel ist im Kern also eine Verschiebung alter, patriarchaler Mechanismen ins Netz, allerdings verbunden mit der netztypischen Eskalation und Beschleunigung",

schreibt Lobo. Allerdings sei eine "neue digitale Dimension des Frauenhasses" entstanden, die durch die Mechanismen sozialer Medien und den Wandel der Gesellschaft befeuert wird. Einerseits kommt die Misogynie natürlich aus extremistischen Kreisen, die teilweise gezielt mit Trollen arbeiten, um Einschüchterungen zu verbreiten. Lobo sieht aber auch anderes Problem, das so banal wie gefährlich ist:

"Es ist (...) Alltagsfrauenhass, der sich tarnt mit einer Mischung aus grobem Humor, prinzipieller Abwertung und sexistischen Attacken. Der Social-Media-Klimawandel in Richtung Frauenfeindlichkeit wird nicht nur von Extremisten aktiv betrieben, sondern auch von der Passivität und der unterschwelligen Akzeptanz von Frauenhass aus der gesellschaftlichen Mitte. Wo Abwertungen achselzuckend oder schmunzelnd hingenommen werden, von Leuten, die sonst von ihrer eigenen Moral oder gar ihrem proklamierten Feminismus enorm überzeugt sind."

Am Beispiel Lang aber zeigte sich in den vergangenen Tage aber wenigstens an diesem Punkt eine erfreuliche Entwicklung: über Parteigrenzen und politische Orientierung hinweg sorgte der digitale Hass gegen die Grünen-Politikerin für Widerspruch. In Zukunft muss so was aber nicht nur bei Anfeindungen gegen prominente Frauen, sondern auch bei Hass gegen eine Erika Mustermann passieren…

Wie Werbegelder Hass befeuern – oder zumindest in Kauf nehmen

Die Hass-Tektonik im Netz ist auch abseits von Misogynie und Sexismus eine komplexe Sache. Um an dieser Stelle einen Bogen zur Medienbranche zu schlagen, schauen wir mal auf eine Sparte, die hier im Altpapier kein Dauergast ist: Denn dass auch die Werbebranche in dem Geflecht eine Rolle spielt, daran erinnert der Berater und Agenturgründer Thomas Koch in einem Artikel auf der FAZ-Medienseite (€, auch bei Blendle). Nach englischsprachigem Vorbild hatte er die Kampagne #stopfundinghate in Deutschland initiiert.

Dabei wurden deutsche Unternehmen mit ihrem Werbeverhalten konfrontiert, bei dem sie in Kauf nahmen, Werbung durch Programmatic Advertising auf Webseiten aus dem rechten Spektrum zu platzieren (z.B. Breitbart, Epoch Times, Bearing Arms, Wayne Dupree) und so Rassismus und Hass verbreitenden Plattformen mitzufinanzieren. Durch die u.a. von Google automatisiert ausgespielte Werbung warfen Unternehmen wie Adidas, De‘Longhi oder Opel ihre Moneten also digitalen Treibern und Profiteuren menschenverachtender Inhalte in den Schlund. Schönes Detail: unter diesen Werbetreibenden waren laut Koch auch politische Institutionen wie das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, das NRW-Ministerium für Schule und Bildung und  die Bundesregierung mit ihrer Oster-Impfkampagne.

"Die Unternehmen und Ministerien wussten nicht, dass ihre Kampagnen von den beauftragten Agenturen auf diese Websites ausgeliefert worden waren. Dazu kommt es, wenn man Blacklists nicht pflegt, die zuvor ausgewählte Websites von der automatisierten (‚programmatischen‘) Auslieferung ausschließt. (…) Es geschieht aber auch, wenn man sein Werbegeld dem Google Display Network blind anvertraut, wie bei einem Großteil der angezeigten Fälle festgestellt wurde",

schreibt Koch. Das ist nicht nur unethisch, weil es dazu beiträgt den gesellschaftlichen Diskurs zu vergiften, sondern auch mit Blick auf Medienvielfalt problematisch: Denn wenn Google und Facebook ihre Anteile am Werbegeschäft noch weiter ausbauen, werden deutschen Medienhäusern damit noch mehr Werbeeinnahmen wegbrechen, die sie auch zur Finanzierung ihrer journalistischen Inhalte benötigen, prognostiziert Koch. Und das sei weder im Sinne der Gesellschaft noch der Werbetreibenden selbst:

"Ein spezielles Interesse am Erhalt dieser Medienvielfalt sollten die Marketingverantwortlichen in den Unternehmen selbst besitzen, die sich seit Kurzem für Sinnhaftigkeit, Nachhaltigkeit und Haltung starkmachen. Denn es geht um den Erhalt der Medien, die sie für die Ansprache ihrer Zielgruppen dringender als jene Onlineplattformen benötigen, deren Werbewirkung ohnehin immer häufiger in Zweifel gezogen wird."

Ganz umgehen können werden wir diese Entwicklung ohnehin nicht, denke ich. Gut, dass deshalb mittlerweile verschiedene Wege wie unterschiedliche Bezahlmodelle, gemeinnützige und leserfinanzierte Angebote etc. ausgetestet werden. Vieles davon steht allerdings eher auf wackeligen Beinen. Umso bitterer, dass der Versuch einer Presseförderung hier in Deutschland so eingeschränkt und damit letztendlich auch ergebnislos geblieben ist.


Altpapierkorb (Tanit Koch im Team Laschet, Auftrag der Öffis, Theodor-Wolff-Preis, dpa kooperiert mit Spotify)

+++ Tanit Koch, die ehemalige Chefredakteurin der Bild und der RTL-Zentralredaktion, ist ins Lager Laschet gewechselt, berichten u.a. Spiegel und Rheinische Post. Bei Twitter wird gefeixt über die verschiedenen anderen Fälle, in denen zuvor bereits Bild-Journalist:innen die Seiten wechselten und zu Beratern der Union wurden, zum Beispiel hier. Und beim Tagesspiegel erinnert Joachim Huber daran, dass das auch bei der SPD schon passiert ist.

+++ Neue Entwicklungen zur Diskussion um den Auftrag der Öffentlich-Rechtlichen twittert der Medienjournalist Daniel Bouhs nach der gestrigen Sitzung der Rundfunkkommission der Länder. Für "Zapp" (NDR) hat er außerdem einen Film zum Thema gemacht und darin verschiedenen Politiker:innen einen Rotstift angeboten, um die Struktur der Öffis zusammenzukürzen. Bei der "Tagesschau" und auf der "Zapp"-Seite sind einige der Ergebnisse schriftlich zusammengefasst.

+++ Welche Kollginnen und Kollegen gestern Abend den Theodor-Wolff-Preis des BDZV bekommen haben und was der Bundespräsident zur Verleihung gesagt hat, steht hier.

+++ Auch die dpa ist dabei, beim großem Ausbau der hauseigenen Podcastlandschaft von Spotify und produziert ab heute das kurze, tägliche "EM-Update". Das passt wie Arsch auf Eimer in die Strategie des Streaminganbieters, stärker auf tagesaktuelle Inhalte (Dailies) zu setzen.

+++ Für die taz hat sich Simon Sales Prado das MDR-Reportageformat "Exactly" angeschaut und denkt darüber nach, inwiefern eine deutlichere Betonung der ostdeutschen Perspektive von Redaktion und Protagonist:innen sinnvoll sein könnte. 

Neues Altpapier gibt‘s wieder am Freitag.

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