Das Altpapier am 25. Juni 2021 Die Regenbogen-Presse

Auf den Regenbogen können sich fast alle einigen. Sogar CDU, CSU, BMW und "Bild"-Zeitung. Aber die Frage ist: Geht es hier nicht vor allem um Marketing? Und hat die ganze Debatte überhaupt irgendetwas gebracht? Ein Altpapier von Ralf Heimann.

Teasergrafik Altpapier vom 25. Juni 2021: Porträt Autor Ralf Heimann
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Wofür steht der Regenbogen?

Zum Ende der Woche stellt sich die Frage: Was ist denn nun das Ergebnis der Regenbogen-Debatte, mit der wir uns in den vergangenen Tagen im Altpapier beschäftigt haben? Hat es sich gelohnt, dass Unternehmen und Medien sich die Mühe gemacht haben, aufwändig ihr Logo einzufärben oder die deutschen Farben mit der Regenbogenflagge zusammenzumontieren? Hat der ungarischer Regierungschef eingeschüchtert vom öffentlichen Druck sein Gesetz zurückgenommen, mit dem er LGBTQ-Inhalte in seinem Land verbietet? Dazu vielleicht zuallererst ein Blick in die ernüchternde Wirklichkeit. Das Gesetz wird bleiben, das hat Viktor Orbán nun noch einmal klargestellt. Und wenn man wissen möchte, ob der Medienhype in Deutschland sich gelohnt, dann muss sich natürlich eine weitere Frage anschließen: Für wen denn eigentlich?

Für Viktor Urbán dürfte es sich gelohnt haben, wie Iris Spiegelberger heute in einem Kommentar auf der SZ-Meinungsseite erklärt. Sie schreibt:

"Konservative ungarische Medien haben die Aktion sehr wohl politisch verstanden. Von Gängelung, gar von einem neuen Kulturimperialismus der Deutschen war zu lesen. Das Problem: Ein erheblicher Teil der 9,8 Millionen Ungarn sieht das ähnlich."

Und sie schreibt:

"Auch geschichtspolitisch spielt die Regenbogen-Debatte dem Regierungschef in die Karten. 45 Jahre Kommunismus stecken den Menschen noch heute in Kopf und Knochen. Auf jede Bevormundung sind sie allergisch. Das gut gemeinte deutsche Bestreben, Flagge zu zeigen, empfinden viele Ungarn als Einmischung in nationale Angelegenheiten."

Aber wenn die Ungarn sich von dem bunten Protest schon nicht beeindrucken lassen, hat es denn wenigstens die LGBTQ-Menschen im übrigen Europa ein wenig weitergebracht? Schauen wir dazu in einen Kommentar von Detlef Esslinger, der heute ebenfalls auf der SZ-Meinungsseite steht. Er erklärt dort, dass

"am Mittwoch und Donnerstag der Bundestag Anträge von FDP und Grünen ablehnte, auch Homosexuelle Blut spenden zu lassen."

Während also der CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak die Kampagne der UEFA angesichts der Sache mit dem Stadion in einem Tweet mit Regenbogen als "unglaubwürdig" kritisierte, entschied sich seine Partei im Bundestag dafür, die Diskriminierung doch lieber beizubehalten.

Passt das zusammen? Vielleicht schon. Stefan Niggemeier erklärt im Gespräch mit Annabell Brockhues für das Deutschlandfunk-Medienmagazin "@mediasres":

"Das Problem an diesem Symbol ist, dass wirklich nicht klar ist, wofür es steht."

Diese Unschärfe bringt den Vorteil mit sich, dass man sich mithilfe des Regenbogens sehr gut positionieren kann, ohne sich tatsächlich zu positionieren. Paul Ziemiak kann nun sagen: Na ja, der Regenbogen ist ein Zeichen für Offenheit und Vielfalt. Aber das kann ja auch erst mal nur Toleranz bedeuten.  

Der Regenbogen eignet sich fantastisch, um sich selbst und anderen zu vergewissern, dass man auf der richtigen Seite steht, ohne dass dies irgendwelche Verbindlichkeiten nach ziehen würde. Es kostet nichts, es ist vollkommen gefahrlos (es sei denn, man möchte für die AfD in den Bunddestag), und es bringt auch sonst keine Verpflichtungen mit sich.

Wenn der Regenbogen ein Bekenntnis ist, dann könnte man es auch so interpretieren: Ich finde Schwule gar nicht so schlimm.

Und dieses Signal kann sogar die "Bild"-Zeitung riskieren, um gegenüber der eigenen Leserschaft noch einmal nachdrücklich zu betonen: Ihr seid jetzt nicht plötzlich links oder so, weil ihr einen Regenbogen gut findet.

Wie viel Marketing steckt im Regenbogen?

Stefan Niggemeier beschreibt das Gefühl im Deutschlandfunk-Gespräch als "zwiespältig". Einerseits wollten die Medien sich solidarisch erklären. Das sei erst mal gut.

"Und gleichzeitig hat man natürlich das Gefühl, ist das vielleicht zu billig, ist das zu einfach – also gerade, wenn sich da alle anschließen können, muss man ja fragen: Was steht da eigentlich wirklich dahinter, was für ein Engagement? (…) Wie viel ist davon Marketing (…)?"

Das Wort Marketing könnte man hier durch Opportunismus ersetzen. Engagement würde bedeuten, sich für eine Überzeugung einzusetzen, obwohl dieser Einsatz Nachteile mit sich bringen könnte – also im Falle von Unternehmen zum Beispiel Umsatzeinbußen. Das wäre dann der Fall, wenn Firmen sich auch dort mit der Regenbogenflagge schmücken würden, wo es unter Umständen heikel ist. Der Autohersteller BMW hat Anfang Juni zum Beginn des Pride Month sein Logo in Regenbogenfarben eingefärbt, allerdings offenbar nur in den Ländern, in denen man sich davon einen Imagevorteil verspricht, in Saudi-Arabien blieb das Logo schwarz-weiß-blau.

Und so ist es nun auch mit dem medialen Signal. Ein maximal vages Symbol zu verbreiten, das gefühlt irgendetwas Gutes bedeutet, dient am Ende weniger der Sache, für die das Symbol steht, sondern eher der Selbstvergewisserung und der Imagepolitur. Detlef Esslinger schreibt in seinem Kommentar:

"Die Lehre, die hierzulande aus Holocaust und Krieg gezogen wurde, ist: jede Chance für ein Statement zu ergreifen, dass man inzwischen definitiv auf Seiten der Guten ist. Hier geriet die Verachtung für all die Amerikaner, die Trump wählten, besonders heftig. Hier schrieben die Leute 'Je suis Charlie' auf ihre Facebook-Profile, kaum dass die Mörder in Paris abgezogen waren. Hier wurde die Lichterkette erfunden. An Eilfertigkeit macht diesem Volk keiner was vor."

Für Medien könnte sich hier auch eine Chance bieten – nämlich die, einen Schritt weiterzugehen. Sie könnten ihre Aufgabe darin sehen, auch auf die Stellen und blinden Flecke hinzuweisen, an denen Toleranz und Vielfalt noch längst nicht Teil der Realität sind. Und zwar zum Beispiel, noch einmal Stefan Niggemeier, "bei Trans-Menschen, wo es große Diskussionen gibt, wo es lange noch nicht so weit ist", wenn es um "gesellschaftliche Toleranz" geht. "Da genau hinzugucken, zu schauen, was ist eine Berichterstattung, die diesen Menschen schadet, wo die auch selber sagen: Bitte berichtet nicht in dieser Form über uns, weil uns das verletzt, also da gibt es glaub ich noch viel zu tun", sagt Niggemeier.

Und hier könnte man sich die Frage stellen: Wäre das zum Beispiel in der "Bild"-Zeitung denkbar? Also eine Kampagne, in deren Mittelpunkt ein kontroverses Thema steht, bei dem überwiegend Gegenwind zu erwarten ist?

Wie gefährlich ist der Regenbogen?

Bildblog-Chefredakteur Moritz Tschermak sagt in einem halbstündigen Interview mit Christoph Scheffer für hr-Info etwas (ab Minute 14), das deutlich macht: Wenn, dann ist so etwas wohl unter anderem durch Fehleinschätzungen zustandegekommen, denn es betrifft direkt die wirtschaftlichen Interessen des Unternehmens, und da ist zu viel Gegenwind unter Umständen auch eine Bedrohung für die Rendite.

Julian Reichelt habe in einem Interview gesagt, so erzählt Tschermak es, dass der "Bild"-Zeitung "nachweislich" nichts so sehr geschadet habe wie die Refugees-Welcome-Kampagne, so steht es auch in dem Buch von Tschermak und Mats Schönauer, seinem Vorgänger als Bildblog-Chef, das vor einigen Wochen erschienen ist. In dem Interview (ab Minute 13) wird wie auch in dem Buch aber noch etwas anderes deutlich, und da ist die "Bild"-Zeitung (hoffentlich) ein Sonderfall: Die Funktionsweise, die Tschermak und Schönauer auch im Buch beschreiben, erinnert weniger an ein journalistisch arbeitendes Medium als an eine PR-Agentur, die das Weltbild ihres Häuptlings vermarktet.

Am Ende einer Recherche steht danach nicht die überraschende und unter Umständen widersprüchliche Wahrheit, wie man sich das im Idealfall vorstellen würde, sondern ein zurechtgestutzter und polierter Spin, der die Weltsicht von Julian Reichelt transportiert. Und wenn ein Kommentar da nicht hinein passt, dann wird er eben umgeschrieben, mitunter auch so, dass nachher etwas ganz anderes drinsteht. Das ist tatsächlich ein Beispiel aus dem Buch.

Auch im Falle der Regenbogen-Kampagne gäbe es persönliche Motive, die diese auf den ersten Blick überraschend erscheinende Aktion erklären könnten. In der "Bild"-Führungsetage gibt es, so sagt Tschermak es in dem Interview, inzwischen Menschen, die selbst schwul oder lesbisch sind und damit auch ganz offen umgehen.

Aber noch einmal zurück zu der Frage vom Anfang. Ist die Regenbogenflagge denn nun ein politisches Symbol ist? Oder einfach nur ein nettes Zeichen für harmlose Freundlichkeit? Marietta Schwarz hat darüber in dieser Woche für das Deutschlandradio Kultur mit der queeren Journalistin Manuela Kay gesprochen, die sagt, sie können die UEFA absolut verstehen, was, wie sie selbst anmerkt, möglicherweise nicht zu großer Begeisterung in der LGBTQ-Community führen wird. Aber ihre Argumentation ist nachvollziehbar. Sie sagt:

"Ich fand es richtig, von der UEFA, das zu untersagen, weil die haben gesagt, das ist ein politischer Akt, und das gehört hier nicht her. Die hätten natürlich sagen können: ‚Ja, prima, machen wir.‘ Hätte ich auch gut gefunden. Aber dass sie es als Politik eingestuft haben, das finde ich viel wichtiger, weil diese Verharmlosung von LGBT als ‚Wir wollen doch nur alle liebhaben‘ und wir sind gar nicht politisch, das finde ich viel gefährlicher."

Durch das Verbot hat die UEFA dem Symbol ein bisschen von der Vagheit genommen. Auch wenn der Verband betont hat, der Regenbogen sei kein politisches Symbol, hat er mit seiner Entscheidung dazu beigetragen, ihn als solches zu manifestieren. Und wenn man nun die Frage stellt: Was ist denn nun das Ergebnis dieser Debatte ist, muss man sagen: Das ist das Ergebnis. Falls es hier vorher Unklarheit gab, spätestens seit dieser Woche steht fest: Die Regenbogen-Flagge ist ein politisches Symbol.

Offenlegung: Ich habe in der Vergangenheit einige Male fürs Bildblog und für Stefan Niggemeiers Magazin Übermedien gearbeitet.


Altpapierkorb (Pride, Apple Daily, Kinder im Reality-TV, Steve Blame)

+++ Wo wir die ganze Zeit über Aufklärung und Gleichberechtigung reden: Beim Streamingdienst Disney+ ist ab heute die Dokuserie "Pride" zu sehen. Oliver Jungen schreibt auf der FAZ-Medienseite (75 Cent bei Blendle): "Bislang ist Disney+ in Ungarn noch nicht verfügbar, aber die Ausweitung des Service nach Osteuropa ist geplant. Ungarns Ministerpräsident und der Oberhirte aus Rom könnten von ihr lernen, dass diese bunte Bewegung, die so viele Rückschläge überwunden hat, niemals aufgeben wird."

+++ Die pro-demokratische Hongkonger Zeitung Apple Daily muss aufgeben. Das haben die Behörden erzwungen, mit der vorgeschobenen Begründung, die Zeitung habe "geheime Absprachen" mit anderen Ländern getroffen und dadurch die nationale Sicherheit gefährdet. Tausend Beschäftigte, 700 davon Journalistinnen und Journalisten, verlieren damit ihre Jobs, wie unter anderem die FAZ berichtet. Die Redaktion sieht sich danach als ein "Opfer von Tyrannei". Der Name der Zeitung soll zurückegehen auf den Satz "An apple a day keeps the doctor away", erzählt Steffen Wurzel in einem Beitrag für das Deutschlandfunk-Medienmagazin "@mediasres".

+++ Das NDR-Medienmagazin "Zapp" berichtet in einem 15-minütigen Beitrag über die Rolle von Kindern im Reality-TV. Der Schlagersänger Matthias Distel, der Ende Mai (Altpapier) öffentlichkeitswirksam aus einer Produktion ausgestiegen war, bei der Kinder mit schweren psychischen Problemen mitspielten, möchte nun vor der Kamera nicht mehr mit dem Magazin sprechen. Andrea Schönhuber, der Chefin der Produktionsfirma Imago TV, hatte ihn vorher zu Hause besucht, wie man in dem Beitrag erfährt. Eine Einigung ist also offenbar gelungen. Ende Mai hatte Matthias Distel seinen Schritt an die Öffentlichkeit noch damit begründet, dass er bei seinen Recherche auf einen ähnlichen Fall vor zehn Jahren gestoßen sei und davon ausgehen müsse, dass daraus keine Lehren gezogen worden seien. Ein neueres auch im Beitrag zitieres Statement von Distel klingt so: "Grundsätzlich ist Imago ‘ne Firma mit Herz. Es ist auch klar, dass Frau Schönhuber nicht alles weiß, was ihre 80 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen machen. Frau Schönhuber wird da jetzt ein ganz deutliches Zeichen setzen und Vorreiterin sein in vielleicht vielen Dingen, die den Schutz unserer Kinder, das Kindeswohl einfach dann auch zu tausend Prozent verteidigen."

+++ Es gab Zeiten, in denen so gut wie jeder Mensch im Alter von 15 bis 35 Jahren in Europa Steve Blame kannte. Damals war er Moderator beim Musiksender MTV (den damals mindestens ebenso viele Menschen kannten). Doch diese Zeiten sind vorbei, und das hat Blame zum Thema eines neuen Podcasts gemacht. Darin spricht er mit Menschen, die mal berühmt waren, es aber nicht mehr sind. Joachim Hentschel hat mit ihm via Zoom gesprochen und für die SZ-Medienseite drüber geschrieben. Sehr empfehlenswert. 

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.

Neues Altpapier gibt es am Montag.

0 Kommentare