Das Altpapier am 26. Juli 2021 Dabeisein ist gar nix

Die Olympischen Spiele sind vor allem eine Medienveranstaltung, und haben als solche – trotz zeitlich umfassender Berichterstattung – noch einiges zu lernen. Ein Altpapier von Jenni Zylka.

Teasergrafik Altpapier vom 26. Juli 2021: Porträt der Autorin Jenni Zylka
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Wo ist Japan?

Jetzt laufen diese merkwürdigen Pandemie- und Politikgeprägten Spiele. Und vielleicht hat der eine oder die andere ja ebenfalls eine kleine Schwäche für Eröffnungsfeiern (selbstredend ganz ohne sie mit einem Verkehrsunfall zu vergleichen, bei dem immer alle hinschauen müssen). Diese Ideen, die aus vielen Köpfen für viel Geld umgesetzt werden, sind nämlich stets faszinierend - auf eine schaurige Art: Am Freitag fand im Geisterstadion in der Geisterstadt eine pittoresk-pompöse Veranstaltung statt, bei der man gar nicht wusste, was man sagen und wohin man gucken sollte. Bela Réthy auch nicht, der die Show für das ZDF kommentierte und dabei einige inhaltliche Fehler raushaute: Mangelnde geografische Kenntnisse in Sachen Vietnam und Japan, Fehlsichtigkeit (Jill Biden nicht gesehen!), nicht up-to-date bei einigen IOC-Mitgliedsentscheidungen. Das Redaktionsnetzwerk Deutschland hat die sauren Kommentar-Tweets aufgelistet, und setzt ans Ende etwas gemein einen, der Réthy verzichtbar nennt:

"Manche Nutzer bedauerten gar, dass Béla Réthy überhaupt am Mikrofon saß: "Schade, dass man beim 'Sportstudio' im ZDF nicht einfach die Bilder für sich sprechen lassen kann und Béla Réthy die Eröffnungsfeier von Tokio 2020 unbedingt kommentieren muss."

Wo ist das Damenklo?

Na ja, aber worüber soll man sich dann aufregen? Ach ja, über die irrwitzige Show mit den lebendigen Piktogrammen, die die interne Berichterstattung als Highlight bezeichnete, und gleich noch eine kleine, seriöse Historie des Piktogramms anschließt. Wie um alles in der Welt sollte man sonst auch die Toiletten finden?! (Hier als kleines vergnügliches Interlude eine Szene aus Cars 2, in der Lightning McQueen am World Grand Prix Autorennen in Japan – sic! – teilnimmt, seinen Kumpel Hook, der schielende Abschleppwagen, mitnimmt, und dieser dann an den japanischen Toilettentüren-Piktogrammen scheitert.) Aber weiter im Olympia-Spirit: Ein ungefähr drei Meter hoher Kabuki-Darsteller und eine wahnwitzige Jazz-Pianistin waren am Freitag noch dabei, zudem ein japanischer Comedian, der mit viel Gesichtsgymnastik einen trotteligen Cockpit-Piloten spielte, der andauernd auf die falschen Knöpfe drückt und die falschen Lichter anknipst, haha. Da wurde eindeutig ein 50er-Jahre-Clown zu viel gefrühstückt.

Doch um nicht päpstlicher zu sein als der Papst bzw. nicht IOC-artiger als Thomas Bach: Die Eröffnungsfeiern schauen ästhetisch und unterhalterisch immerhin auf eine lange Tradition an Absurditäten zurück.

Wo ist der Sportler?

Dass die Sportberichterstattung durch den Mangel an Anwesenden noch stärker als je zuvor zu einem Medienereignis wird, kommentiert der Tagesspiegel hier, und nagelt einen wichtigen Punkt fest:

"Der Event existiert nur, weil er übertragen wird. Die Austragungsstätten sind der Pandemie wegen menschenleer, das sonstige Zusammenspiel von Stadionzuschauer und Athleten im Stadion entfällt. Es sind die Bilder, die Sportler, die Kommentatoren und Reporter, die für Atmosphäre, für das Olympia-Feeling sorgen müssen."

Genau das tun sie, schreibt das Blatt, und zwar wie wild:

"Der Olympic Broadcasting Service produziert 9000 Sendestunden. Das Publikum dafür sitzt vor dem Fernseher. Olympia ist eine Leistungsschau der menschengemachten Television. Deswegen braucht es gar nicht die absurd teure Konzentration auf einen Austragungsort. Die Spiele könnten, dezentral organisiert, deutlich kostengünstiger veranstaltet werden – Logik und Logistik des Fernsehens werden immer ein einzigartiges Event daraus machen."

Ob das sich zu Herzen genommen wird, in einer Zeit, in der endlich einmal unter Klimaschutzaspekten über überflüssiges Reisen diskutiert werden könnte? Mit der Erfahrung der EM im Hintergrund? Auch der Spiegel attestiert den Spielen hier jedenfalls in einem etwas traurigen Text die überdimensionale Fernsehpräsenz:

"So werden diese Spiele endgültig zu einem TV-Event, und die Eröffnungsfeier hat den Anfang gemacht."

Und wie geht es weiter? Der Spiegel kommt zu einem desillusionierenden Schluss:

"»Ein Licht am Ende des Tunnels« werden die Japan-Spiele, hat IOC-Präsident Bach vor einiger Zeit angekündigt, und spielte damit auf die Coronapandemie an. Diesmal nannte er die Spiele einen »Moment der Hoffnung«. Es war eine Rede voller blumiger Formulierungen und Übertreibungen. Olympia mag groß sein, und bei der Eröffnungsfeier leuchteten viele Lichter. Aber so groß, dass Olympia eine Pandemie beenden kann, ist diese Sportveranstaltung nicht."

Was trägt die Beachvolleyballerin?

Aber da war ja noch etwas: Der Sport! Der sich keinesfalls mit Medaillenspiegelauflisten aufhalten sollte, wie der Beachvolleyballer Julius Brink am Sonntag bei Jessy Wellmer in der ARD anmerkte, und recht hat er.

Noch ein letztes zum latent schweißtreibenden Thema: Freitag wurde im Altpapier bereits aus einem Deutschlandfunk-Interview mit Alina Schwermer über Frauen in der Sportberichterstattung zitiert. Die Kollegin hat ihre Erkenntnisse hier in der taz zusammengefasst und über den besonderen Olympia-Fall hinaus ausgeweitet, und schreibt unter anderem:

"Ganze 10 Prozent der sportmedialen Aufmerksamkeit, so der DOSB, gehen außerhalb von Großereignissen wie Olympia an sporttreibende Frauen. Nur 4 Prozent der Mädchen zwischen 6 und 13 Jahren hätten ein Vorbild im Sport, im Gegensatz zu 42 Prozent der Jungs im selben Alter. Für die Sportlerinnen seien mit der medialen Unsichtbarkeit deutlich geringere Einnahmen verbunden."

Und sie zieht den Vergleich zwischen der Berichterstattung und den sportlichen Institutionen:

"Der DOSB ist tendenziell bemühter als andere; er hat etwa ein paritätisch besetztes Präsidium und seit 2014 eine 30-Prozent-Quote für seine Gremien. In seinen Mitgliedsorganisationen sieht das jedoch ganz anders aus. Und in der SWR-Umfrage berichteten 77 Prozent der Spitzensportlerinnen, sie würden überwiegend von Männern trainiert. Sportverbände und Sportmedien funktionieren ähnlicher, als es beide gerne hätten."

Da ist also, wie überall anders auf der Welt, noch soviel zu tun. Aber wir nehmen’s sportlich.


Altpapierkorb (... mit Böhmermann in der Küche und keinen Rundfunkbeiträgen für Flutopfer)

+++ Sowohl die Süddeutsche als auch die taz stellen fest, dass Jan Böhmermanns neue Kochshow "Böhmi brutzelt" nicht unbedingt, nun ja, das Gelbe vom Ei ist, man möge das stieselige Bild verzeihen. Es fehlt, nun ja, noch so ein stieseliger Vergleich, an Würze… (Trügt die Erinnerung ein wenig, oder hatte Blix Bargeld damals bei Bio nicht mal ein tolles Soufflee aus Koks und Tintenfischtinte gemacht? Ach ja…)

+++ Die FAZ berichtet, dass den Flutopfern, deren Häuser weggeschwemmt wurden, der Rundfunkbeitrag erlassen wird. Allerdings muss man sich schon darum kümmern, anrufen oder schreiben, Betreff: Haus ist weg.

Neues Altpapier kommt am Dienstag.

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