Das Altpapier am 30. Juli 2021 Die unsichtbare Schnur

Armin Laschet sagt ProSieben ab. Aber warum? Konstruiert die Monitor-Redaktion eine Lüge, die Armin Laschet gar nicht verbreitet hat? Und was ist das überhaupt für eine Technik, mit der sie da arbeiten? Ein Altpapier von Ralf Heimann.

Teasergrafik Altpapier vom 30. Juli 2021: Porträt Autor Ralf Heimann
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Laschets sagt ab

Armin Laschet hat dem Sender ProSieben einen Korb für eine "Bundestags-Wahlshow" gegeben, bei der Louis Klamroth und Menschen, die nichts mit Medien am Hut haben, Laschet befragt hätten. Wäre man Sportreporter läge jetzt die Frage an den Sender nahe: Woran hat’s gelegen?

Das scheint jedoch nicht so ganz klar zu sein. Entweder gibt es in dieser Frage Missverständnisse, oder man möchte so ganz offen nicht sein. "Inhaltliche Gründe" ist die Antwort des Senders auf die Frage von Manuel Weis, warum Laschet nicht kommen mag. Weis untersucht den Fall für DWDL.

Inhaltliche Gründe. Das ist eine naheliegende Vermutung, denn für Laschet wäre der Auftritt ein wenig wie Elfmeterschießen vor der gegnerischen Tribüne. Das ProSieben-Publikum ist jung, und bei jungen Leuten ist die CDU ja nicht so wahnsinnig beliebt.

Allein das hat aber vermutlich nicht zu der Absage geführt. Zum einen dementiert die CDU das mit den inhaltlichen Gründen. Zum anderen war Laschet auch schon mal bei ProSieben zu Gast, im Mai, in einer Sendung, in der Klamroth zusammen mit Linda Zervakis die Fragen gestallt hat, wie Manuel Weis nachhält.

Für ein Format mit allen drei Kandidaten, ein sogenanntes Triell, habe Laschet schon zugesagt gehabt, das bestätigen CDU und Sender übereinstimmend. Daraus sei aber nichts geworden, weil man keinen Termin gefunden habe, an dem Baerbock, Scholz und Laschet Zeit gehabt hätten. Das neue Format wäre für Laschet etwas riskanter. Den Grund dafür verrät zum einen das vom Sender so genannte Motto der Show: "Unkonventionell. Direkt. Spontan."

Joachim Huber schreibt für den Tagesspiegel: "Da ist schnelles Ausrutschen möglich mit unvorsichtigen Aussagen und Behauptungen."

Hinzu kommt: Jede Berührung auch mit den kleinsten Fettnäpfchen wird sich hinterher im Netz wahrscheinlich hervorragend verbreiten. Aber wenn man die Frage stellt, wie viele Menschen über den Sender denn überhaupt zu erreichen wären, könnte man auch zu dem Schluss kommen: Das lohnt sich nicht.

Denn "die bisherigen Quoten (zeigen), dass Politik bei ProSieben keine besondere Attraktivität verströmt, da kann Laschet sich Absenz leisten, wo bei ARD, ZDF und RTL für ihn Präsenzpflicht herrscht."

Lügt Laschet?

Die Absenz bei ProSieben kann Laschet sich leisten. Aber kann er sich auch Lügen leisten? Oder lügt er überhaupt? In einem speziellen Fall ist Jörg Phil Friedrich diesem Vorwurf für die Welt nachgegangen. Die Zeitung nennt es "Ein Lehrstück über Desinformation – und ihre fatalen Folgen". Der Vorwurf richtet sich gegen das WDR-Magazin "Monitor". Aber was ist überhaupt passiert?

Laschet hatte im ZDF-Sommerinterview gesagt, die Kohlekommission habe als Datum für den Kohleausstieg das Jahr 2038 vorgeschlagen. Dabei ist allerdings nicht ganz klar, ob er gesagt hatte, die Kohlekommission habe das behauptet oder einzelne Gruppen oder Menschen aus dieser Kommission, denn das macht in diesem Fall einen Unterschied. Umweltverbände wie der BUND oder Greenpeace sind in der Kommission vertreten, aber sie hatten eine separate Erklärung abgegeben, ein sogenanntes Sondervotum.

Laschets Aussage in dem Interview war (Zitat aus dem Welt-Beitrag):

"Aber wir haben eine Kohlekommission gehabt mit Wissenschaftlern, mit Greenpeace, mit dem BUND, mit Professor Schellnhuber – einer der renommiertesten Klimaforscher –, und die haben das Datum 2038 vorgeschlagen, weil sie die ökologischen, aber auch die sozialen Fragen insbesondere in der Lausitz, im Osten Deutschlands im Blick haben."

Der BUND-Vorsitzende Olaf Bandt reagierte darauf mit der Aussage, wenn Laschet behaupte, Greenpeace und der BUND hätten dieses Datum vorgeschlagen, dann lüge er entweder – oder er sei falsch informiert. Bandt verwies auf das Sondervotum.

Friedrich schreibt, die Naturschutzverbände unterstellten Laschet,

"er habe behauptet, BUND und Greenpeace hätten 2038 vorgeschlagen, um ihn sodann der Lüge zu bezichtigen. Richtig ist aber, dass Vertreter dieser Organisationen an dem Bericht mitgewirkt haben, neben anderen, und dass diese Mitglieder zusammen den Kompromissvorschlag 2038 gemacht haben – genau das, was Laschet sagt".

Monitor-Redaktionsleiter Georg Restle griff die Sache bei Twitter auf und verbreitete eine Kachel, auf der seine Redaktion Laschets Aussage dem Zitat aus dem Sondervotum gegenüberstellt. Die Kachel verkürzt den Zusammenhang, und dadurch fällt unter den Tisch, dass Laschet einerseits etwas Richtiges gesagt, andererseits aber etwas Wichtiges unterschlagen hat. Die Kachel macht also im Grunde das Gleiche wie Laschet.

Zudem hängt alles an einem Wort, an dem Wörtchen "haben". Wenn Laschet tatsächlich gemeint hat "haben entschieden", dann hat er das Datum falsch den Umweltverbänden zugeordnet. Wenn Laschet eigentlich "hat" meinte, seine Aussage sich also auf die Kohlekommission beziehen sollte, dann wäre sie richtig.

Friedrich schreibt:

"So konstruiert 'Monitor' also den Vorwurf der Lüge gegen Laschet – und bedient die bei Twitter beliebte Kampagne #Laschetlügt".

Aber das ist auch wieder nicht vollkommen richtig, denn auch hier lässt eine Unschärfe mindestens zwei Schlüsse zu. Über der Kachel steht: "Gelogen oder schlecht informiert?"

Eine Lüge setzt voraus, zu wissen, dass man die Unwahrheit sagt. Es kann aber hier durchaus sein, dass Laschet mit den Fakten gebrieft worden war, die seine Argumentation stützen, oder dass er sich vor allem diese gemerkt hatte – dass ihm also der Unterschied im Moment des Interviews nicht bewusst war. Dann wäre er schlecht informiert gewesen.

Und hier ist es nun wie im Musical Anatevka, wo an einer Stelle der Buchverkäufer Awram fragt: "Er hat recht. Und er hat recht. Aber wie können sie alle beide recht haben?" Und der Milchmann Tewje antwortet: "Weißt du was, und du hast auch recht."

Es hängt dann nämlich doch nicht nur an einem Wort. Wenn man auf die gesamte Aussage schaut, kann man sagen: Laschet hat eine wichtige Information unterschlagen, nämlich die, dass die Kommission sich keineswegs einig ist.

Anderseits hat Friedrich mit seiner Kritik recht, denn die Kachel unterschlägt ebenfalls den Teil der Information, der hier nicht zur Aussage passt.

Es sieht also danach aus, als wenn beide Seiten genau mit dem Teil der zur Verfügung stehenden Informationen argumentieren, die zu den eigenen Vorannahmen passen. Das nennt man Confirmation Bias.

Und da hat Friedrich völlig recht, wenn er schreibt:

"Solche Behauptungen, und vor allem ihre Verbreitung als Selbstverständlichkeit, schaden gar nicht so sehr Laschet oder der CDU. Sie schaden dem demokratischen System insgesamt – und nützen denen, die die Demokratie und ihre Institutionen destabilisieren wollen."

Das gilt allerdings auch für Laschet selbst. Sich ein Bild aus unvollständige Informationen zurechtzuzimmern, wird politische Gegner nicht überzeugen. Aber wenn es auffliegt, nützt es denen, die sagen: Politikern kann man eh nichts glauben.

Die unsichtbare Schnur

Falsche Informationen, die bewusst verbreitet werden, müssen nicht zwingend Fake News sein. Es kann sich zum Beispiel um Satire handeln (Altpapier), aber auch das kann natürlich schiefgehen, wenn der Kontext nicht verstanden oder bewusst verschleiert wird.

Satire könne "bewusst oder unbewusst – falsch verstanden werden und Basis für Falschmeldungen werden", schreibt Patrick Gensing für den ARD-Faktenfinder. Als Beispiel nennt er eine Satire-Meldung, in der stand, die Grünen-Politikerin Claudia Roth habe ein Alkohol-Verbot während des Ramadan gefordert. Den satirischen Hintergrund braucht es dazu natürlich nicht zwingend, wie ein aktuelles Beispiel aus dem Wahlkampf zeigt. Und dabei ganz interessant ist die Technik.

Sie kommt zum Beispiel in einem Posting zur Aktion Lichtblicke zum Einsatz, die Geld für Flutopfer sammelt.

Gensing:

"In zahlreichen Beiträgen auf Telegram und Facebook heißt es, bislang sei kein Cent der 6,6 Millionen Euro bei den Flutopfern angekommen. Und: 'Habt Ihr Euch mal gefragt, woher das Geld für den Wahlkampf von Armin Laschet kommt?' Und weiter: Die Schirmherrin der Aktion sei 'zufällig' die Frau von Armin Laschet. 'Noch Fragen?'"

Eine Aussage fehlt, sie entsteht im Kopf. Auch diese Postings arbeiten mit den Vorannahmen. Sie stellen ein Setting her. Wer Armin Laschet krumme Geschichten unterstellt, kann hier nur zu einem Schluss kommen. In der Psychologie gibt es ein bekanntes Beispiel für den sogenannten Priming-Effekt, bei dem bestimmte Informationen das Hirn wie an einer unsichtbaren Schnur zu bestimmten Schlüssen führen.

Stellt man hintereinander Fragen wie: Welche Farben haben Wolken? Welche Farbe hat ein Arztkittel? Welche Farbe hat Schnee? Und fragt man dann: Was trinkt die Kuh?, denken viele Menschen an Milch, obwohl sie es besser wüssten.

Ungefähr so funktionieren solche Postings. Sie bauen Brücken aus Informationen. Dabei machen sie sich zunutze, dass die Wahrnehmung Informationslücken selbst schließt, dabei versucht, Muster zu berücksichtigen und dabei eben auch Vorannahmen berücksichtigt. Dadurch, dass am Ende keine Aussage steht, sondern eine Frage, wird hier der Eindruck vermittelt, auf die Lösung wäre man selbst gekommen. Das kann eine Form von Manipulation sein. Sie funktioniert nur dann, wenn die Informationen, die der Aussage widersprechen, nicht erwähnt werden.

Würde im Posting ebenfalls stehen, dass die Frauen aller NRW-Ministerpräsidentinnen oder Ministerpräsidenten die Schirmherrschaft für die Aktion übernommen haben, ganz unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit, ergäbe sich womöglich eine andere Assoziation.

Diese Technik der Informationsvermittlung ist wie für Twitter gemacht. Sie ist so entworfen, dass Botschaften in einer bestimmten Kombination Schlüsse verursachen, die emotionale Reaktionen bewirken, mit deren Hilfe sich das Ergebnis besser einprägt. Oft lassen sie diese Reaktionen mit dem Satz zusammenfassen: Das darf doch wohl nicht wahr sein.

Und zum Abschluss wende ich diese Technik jetzt auch auch einmal an, wenn auch hier ganz ohne Kachel:

Sollten seriöse journalistische Medien mit dieser Technik arbeiten?


Altpapierkorb (Medienpolitik, Facebook, Audiodeskription, Gawker, Whistleblower, Studie zu Medienjournalismus)

+++ Sophie Conrad hat für den Medieninsider zusammengetragen (€), welche medienpolitischen Positionen die Parteien vertreten.

+++ Facebook darf weiterhin Inhalte löschen und Nutzer sperren, aber nicht mehr so wie bisher. Das hat der Bundesgerichtshof am Donnerstag entschieden, wie unter anderem Christian Rath für die taz berichtet. Facebook braucht damit neue Nutzungsbedingungen. Wenn das Netzwerk in Zukunft Beiträge löscht, muss es nachträglich darüber informieren und die Gelegenheit zu Stellungnahme geben. Will Facebook ein Konto sperren, muss es vorher die Möglichkeit geben, sich dazu zu äußern. Gigi Deppe, Leiterin der ARD-Rechtsredaktion, erklärt das alles ganz detailliert im Interview mit dem Deutschlandfunk-Medienmagazin @mediasres.

+++ Der Deutschlandfunk-Autor Kevin Barth befasst sich in einem @mediasres-Beitrag mit der Audiodeskription bei Olympia-Übertragungen. Für ihn selbst sind die Audio-Beschreibungen sehr wichtig, der er ist, so steht es im Beitrag, fast blind.

+++ Das Online-Magazin Gawker ist wieder da, berichtet die New York Times. Vor fünf Jahren hatte der Investor Peter Thiel es in die Knie gezwungen, indem er einen Prozess des Wrestlers Hulk Hogan gegen das Magazin mitfinanzierte. Gawker hatte ein Sexvideo veröffentlicht, auf dem Hogan zu sehen war. Thiel wiederum mag das Magazin nicht so sehr, um hier mal etwas zu untertreiben, weil es ihn geoutet hatte.

+++ Wenn Whistleblower in Deutschland auf einen Missstand aufmerksam machen, kann es immer noch sein, dass sie deswegen ihren Job verlieren. "Diese deutsche Rechtslage ist erbärmlich, schädlich nicht nur für die Geltung von Recht und Gesetz hinter Firmentoren, sondern auch in eklatantem Widerspruch zu den Werten, die eine Gesellschaft hochhalten sollte", schreibt Ronen Steinke auf der SZ-Meinungsseite. Dabei forderte die EU längst andere Gesetze. Deutschland aber setze sie nicht um.

+++ Die Autoren Studie "Medienjournalismus in Deutschland – Seine Leistungen und blinden Flecken", die kritisiert worden war, weil ihr eigener blinder Fleck der digitale Medienjournalismus ist (Altpapier), haben nun zu der Kritik Stellung genommen.

Haben Sie ein schönes Wochenende.

Neues Altpapier gibt es am Montag.

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