Das Altpapier am 18. August 2021 Was für eine Schande

So viel Kritik an der aktuellen Bundesregierungs-Groko wie ausgerechnet jetzt zum Ende ihrer Amtszeit gab es noch nie. Die Taliban "waren beim Imageberater", worauf aber niemand hereinfallen sollte. Ziemlich zeitgleich verschärfen Springer und Bertelsmann ihre Nachrichtenfernseh-Bemühungen. Außerdem: die äußerst asymmetrische Auseinandersetzung zwischen Facebook und algorithmwatch.org. Ein Altpapier von Christian Bartels.

Teasergrafik Altpapier vom 18. August 2021: Porträt Autor Christian Barthels
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Jede Menge Groko- und sogar Merkel-Kritik

Stefan Niggemeier, der uebermedien.de-Co-Gründer, und Julian Reichelt, der Chefredaktionen-Vorsitzende von Springers Bild-Medien, engagieren sich vielfältig auf unterschiedlichen Medienkanälen und haben jeweils große Fan-Basen, doch insgesamt wenige Gemeinsamkeiten. Aber jetzt mal eine:

"Was für eine Schande diese Bundesregierung ist ...",

twitterte der eine.

"Ein historisches Debakel",

kommentierte der andere. So viel scharfe Kritik an der aktuellen Bundesregierung aus so unterschiedlichen Richtungen wie zurzeit wegen der überstürzten Flucht aus Afghanistan gab es wohl noch nie. Dabei hat die Groko in ziemlich vielen Bereichen eher schlechte Politik getrieben, außer die längste Zeit beim Managen der pausenlosen Wahl- und Beliebtheitsumfragen (zumindest, was die größere Groko-Partei betrifft). "Die ganze Verlogenheit der Bundesregierung" kommentiert netzpolitik.org über den namensgebenden Rahmen der Netz- und Digitalpolitik, auf den es sich meist konzentriert, hinaus.

Natürlich argumentieren die Kommentatoren dann unterschiedlich weiter. Während netzpolitik.org nicht zuletzt Horst Seehofer kritisiert ("der gleiche CSU-Innenminister, der keine Grundrechtsverletzung auslässt...") und hofft, dass "die Verlogenheit ... hoffentlich niemand bis zur Bundestagswahl vergessen wird", attackiert Reichelt, der politisch  ganz woanders steht, Kanzlerin Merkel. Sein Kommentar hebt auf den reichhaltig illustrierten Artikel "Und Merkel lacht im Kino" ab:

"Gut gelaunt zeigte sich die Kanzlerin am Montagabend bei der Filmpremiere des Dokufilms 'Die Unbeugsamen' im Berliner Delphi-Filmpalast, nachdem sie kurz zuvor öffentlich das Scheitern des Afghanistan-Einsatzes eingestanden hatte."

Der Film, der komplett unverschuldet in diesen Zusammenhang geraten ist, ist das neue Werk, ja, das Kinodebüt von Torsten Körner, der vom Medienjournalisten (vgl. z.B. Altpapier 2014) zum Filmemacher (Altpapier aus dem April) avanciert ist. Der Film "Die Unbeugsamen", in dem es um Frauen in der bundesdeutschen Politik geht, kann nichts dafür und ist gewiss sehenswert. Dennoch lässt sich über die Einschätzung Reichelts oder auch des Cicero diskutieren:

"Weder Helmut Schmidt noch Helmut Kohl oder Gerhard Schröder wären an einem solchen Abend ins Kino gegangen. Merkels demonstrative Gleichgültigkeit passt allerdings zur ignoranten Haltung, die in weiten Teilen der deutschen Politik und Öffentlichkeit gegenüber dem zwei Jahrzehnte währenden Militäreinsatz am Hindukusch vorherrschte."

Über die Premiere berichtete übrigens auch (ohne darauf hinzuweisen, dass das ZDF den Film koproduzierte) dassselbe "heute-journal", das zuvor das oben im ersten Link verlinkte, erschütternde Interview zu den in Afghanistan verlassenen "Ortskräften" enthielt. 

Widersprüchliches zur Lage in Afghanistan

Eine Art Scoop zur Medien-Lage in Afghanistan selbst ist Michael Hanfeld für die FAZ (Blendle) gelungen, der den Besitzer des "wichtigsten freien Medienunternehmens in Afghanistan" ans Telefon bekam. Zu dieser Moby Group gehört "der wichtigste Fernsehsender des Landes, Tolo TV", und ihr Chef gibt sich abwartend gelassen:

"'Wir senden live, wir haben unser Programm nicht geändert', sagt Saad Mohseni. Die Taliban sagten, sie seien damit einverstanden. Einer ihrer Mediensprecher habe dem Sender ein Interview gegeben – die Fragen stellte eine Reporterin. Das gab es noch nie, und so etwas hätten die Taliban früher nicht gemacht, sagt Mohseni."

Ums Interview der Journalistin Beheshta Arghand geht es auch in der internationalen, in Afghanistan beginnenden Medienschau der SZ-Medienseite:

".... 'Ich wundere mich noch immer, dass die Menschen Angst vor den Taliban haben', sagte der Sprecher, der im Studio gebührenden Abstand zu seiner Interviewerin hielt. ToloNews schickte zudem die Journalistin Hasiba Atakpal zu Außenreportagen – vor der Kamera trug sie das Kopftuch deutlich lockerer über die Haare gelegt als eine ebenfalls aus Kabul berichtende US-Kollegin, wie ein afghanischer Journalist auf Twitter bemerkte."

"Es ist nicht zu übersehen: Die Taliban waren beim Imageberater", kommentiert Florian Harms, der t-online.de-Chefredakteur (und Islamwissenschaftler), in seinem Newsletter mit Links etwa zum erwähnten Interview. Anlass, ersten Versprechungen der Taliban zu trauen und sich hierzulande zu entspannnen, darf das natürlich nicht sein. Das zeigt  – nur ein Beispiel unter vielen – das ZDF-Interview mit der verpixelt gezeigten ehemaligen "Ortskraft" Osman, das dann auch im gestrigen "heute-journal" Marietta Slomka zu einem scharf geführten Heiko-Maas-Interview inspirierte.

Bertelsmanns Strategie und Presseverlage-Nostalgie

Die Bild-Zeitung schießt natürlich auch gegen die Öffentlich-Rechtlichen ("Bei der Berichterstattung spät dran, aber ... spotten über Kabul-Drama"). Was natürlich damit zusammenhängt, dass am kommenden Sonntag das Bild-Zeitungs-Fernsehprogramm startet. "Die Reichweite, auf die die Marke Bild crossmedial kommt, wird vom Unternehmen selbst auf mehr als 40 Millionen Menschen im Monat beziffert", bringt der Standard auf den Stand.

Und das just, wenn auch RTLs Nachrichten-Offensive mit dem "Tagesthemen"-Rivalen "RTL Direkt" anläuft. Die Tagesspiegel-Kritik war gestern hier im Korb verlinkt. Auch sonst gab es für die Startsendung mit Jan Hofer und Stargast Annalena Baerbock viel Medienaufmerksamkeit. Dabei wenig Lob:

"Wenn dem Nachrichtenmagazin die Nachrichten dazwischenkommen", lautet die treffende dwdl.de-Überschrift. Der Sendung wirkte wirklich, als wolle sie nicht bloß der Weltlage wegen vorproduzierten Einspielfilme aufschieben. "Bunter Gemischtwarenladen des Politikjournalismus", meint Madsacks RND  (das freilich selbst auch ein Anbieter von live bzw. auf Abruf streambaren Kanzlerkandidaten-Interviews ist und gestern Armin Laschet zu Gast hatte). Dass RTL sich über "über Baerbocks Cross-Promotion" freuen durfte, nämlich den von ihr (oder einer pfiffigen Grünen-Agentur) ersonnenen, an Jan Hofer gerichteten Spruch "Wenn Sie sich trauen, zu 'Let’s Dance' zu gehen, dann glaube ich auch, dass wir diesem Land zutrauen können, sich zu erneuern", meint die SZ.

Wie auch immer, auch Nachrichtenmagazine sind ja Langstrecke. "Folge 2" aus "Staffel 1" von "RTL Direkt", wie es bei tvnow.de heißt, hatte die afghanische Frauenrechtlerin Tahora Husaini zu Gast und kann durchaus den Eindruck machen, aus Fehlern gelernt zu haben. Und Bertelsmanns langfristige Strategie bleibt, vor allem, was die Eingemeindung der Pressetochter Gruner+Jahr in die Bewegtbildtochter RTL betrifft, wie erwartet (Altpapier) ein großes Thema.

Da verdient noch die in einem für das Fernseh-freundliche dwdl.de bemerkenswert scharfen Ton gehaltene Suada Thomas Lückeraths gegen die  meisten anderen Bewertungen Erwähnung. "Die Deutungshoheit des veröffentlichten Diskurses liegt in den Händen weniger Verlage", ärgert er sich unter der Überschrift "Wenn Nostalgie benebelt". Und auch wenn Lückerath selbst von kölschem Standort-Lokalpatriotismus beseelt ist ("Entstanden ist in Köln-Deutz bei der Mediengruppe seit 2019 eine Führungs-WG ... ein Open Space mit Lounge-Möbeln und großer Dachterrasse für alle"), hat er an zentralen Punkten Recht:

"Wer sich also um die Stellung des 'Stern' sorgt, kann den 'Stern' seit Jahren nicht gelesen haben. Aber wer hat das schon. Es gibt dort wenig Rettenswertes",

schreibt er. Und einen Ansatz, den  unbestreitbaren "Niedergang, der nicht erst durch den jetzigen Deal entsteht", zu stoppen, kann die Bertelsmann-Strategie ja bieten. Wozu als Nachtrag noch ein Deutschlandfunk-Interview aus der vorigen Woche mit Frank Lobigs passt. Der Dortmunder Medienökonom verfolgt die Fusion "mit einer gewissen Sympathie":

"Die Medienpolitik hierzulande würde deutsche Medienunternehmen im Wettbewerb gegen internationale Streamingplattformen zu wenig unterstützen und habe kaum Antworten auf die Herausforderungen durch Netflix oder Amazon Prime, sagte Lobigs im Dlf. 'Und im Zweifel muss ein Chef von Bertelsmann sich überlegen: Wie geht es weiter? Und diese Übernahme ist seine Antwort.'"

Der Journalisten-Reflex, bei Zusammenlegungen im Presse-Bereich wie aus der Pistole geschossen "Verlust von Vielfalt" zu beklagen, sitzt tief, ist aber nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Nicht allein im Regionalzeitungsmarkt (wie Ralf Heimann am Freitag hier erläuterte) gibt es Gründe, es anders zu sehen. Zunehmende Konzentration bei deutschen Medienunternehmen zu beklagen und zugleich achselzuckend zu registrieren, wie die Marktdominanz von Google, Facebook und Co sich permanent weiter verstärkt, entfaltet keinerlei Überzeugungskraft mehr.

Facebook stoppt Datenspenden und kassiert Wahlkampf-Einnahmen

Was da auch Aufmerksamkeit verdient: die äußerst asymmetrische Auseinandersetzung zwischen Facebook und algorithmwatch.org. Die von Lorenz Matzat und Matthias Spielkamp betriebene gemeinnützigen GmbH erforschte mit einem Datenspende-Projekt die geheimen Instagram-Algorithmen und die Frage, ob diese "bestimmte politische Meinungen gegenüber anderen bevorzugen". Das erbrachte anhand von bei rund 1.500 Freiwillige installierten Add-ons, nach eigenen Angaben:

"Belege dafür ... , dass Instagram-Nutzer:innen dazu ermutigt werden, Bilder von sich mit viel nackter Haut zu posten, und dass Politiker:innen wahrscheinlich eine größere Reichweite erlangen, wenn sie in ihren Veröffentlichungen auf Text verzichten"

Woraufhin Facebook die gGmbH "zu einem Treffen einlud" und durch eine "kaum verhohlene Drohung", zu klagen, dazu brachte, das Projekt lieber einzustellen:

"Es ist nicht das erste Mal, dass Facebook aggressiv gegen Organisationen vorgeht, die versuchen, Nutzer:innen mehr Selbstbestimmung bei der Verwendung sozialer Medien zu ermöglichen. Im August 2020 bedrohte es Friendly, eine mobile App, die Nutzer:innen das Sortieren ihres Newsfeeds selbst überlässt. Im April 2021 wurden mehrere Apps, die es Nutzer:innen ermöglichten, Facebook zu ihren Bedingungen zu nutzen, aus dem Play Store verbannt. Es gibt wahrscheinlich mehr Fälle solcher Schikanen, die bisher noch unbekannt sind. Wir hoffen, dass die Veröffentlichung unseres Falls auch andere Organisationen ermutigt, ihre Erfahrungen öffentlich zu machen."

Dass Facebook sich unter anderem auf die DSGVO der EU berief, lässt sich als weiterer Beleg dafür verbuchen, dass diese in der Praxis vor allem den nicht-europäischen Datenkraken nützt. Welchen Grad an Transparenz sie pflegen, bleibt den Kraken selber überlassen.

Immerhin kann man nun im anlaufenden Bundestagswahlkampf "(ein bisschen) heraus[finden], wem welche Werbung angezeigt wird", würde spiegel.de sagen. Das Bisschen verdankt sich "Transparenzportalen" Facebooks und Googles, denen Marcel Pauly und Max Hoppenstedt nun Zahlen entnahmen wie:

"In der ersten Augusthälfte schalteten die im Bundestag vertretenen Parteien Anzeigen im Wert von insgesamt mehr als 160.000 Euro auf Facebook und Instagram, die FDP buchte Anzeigen für mehr als 86.000 Euro. Zum Vergleich: Die CDU kam auf mehr als 33.000 Euro, die AfD auf mehr als 22.000 Euro und die Grünen auf mehr als 13.000 Euro. ..."

Fürs organische Wachstum bei den Datenkraken ist also gesorgt. Fürs sozusagen exponentielle auch (... gleich im Altpapierkorb).

Altpapierkorb (CSAM & Kritik an Apple, am SWR wegen Flut-Berichterstattung, Phoenix goes Insta, "Absenkungspfad", Stoff für Andy-Scheuer-Witze)

+++ "Die Folge wird sein, dass Smartphones und danach alle anderen 'intelligenten' Geräte eingebaute Überwachungsfunktionen haben, die sich gegen dessen Eigentümer richten, dessen Verhalten überwachen und Missbrauch automatisch melden. Und jetzt schaue man sich mal um, wie viele solcher "Geräte" uns umgeben: Computer, Autos, Audio-Video-Receiver, Staubsauger-Roboter, digitale Assistenten und Smarthome-Steuerungen mit Spracherkennung – das nimmt kein Ende", kommentiert Jürgen Schmidt bei heise.de zum schwierigen Thema, das er "CSAM-Scanning" nennt. CSAM? Steht für "Child Sexual Abuse Material", also ums Aufspüren kinderpornografischer Fotos geht es. Zu diesem auf die ersten Blicke sinnvoll anmutenden Ansatz formiert sich inzwischen Kritik, die etwa "befürchtet, dass in einem weiteren Schritt 'zum Beispiel die ungarische Orban-Regierung auf diese Weise Bilder der LGBT-Gemeinschaft kontrollieren lassen könnte'" (DJV/netzpolitik.org).

+++ In der westdeutschen Flutkatastrophe hat der WDR wie gewohnt kein gutes Bild abgegeben und daraufhin sogar Selbstkritik verklausuliert (Altpapier). Lief es beim SWR, dessen Sendegebiet genauso betroffen war, besser? Nicht so, meint dwdl.de. "Aus Ihrer Sicht waren wir vielleicht spät dran, aus unserer Sicht, mit den verspäteten Informationen, waren wir sogar sehr früh dran", entgegnet die rheinland-pfälzische Landessendedirektorin Simone Schelberg.

+++ Wer jetzt auch Facebooks Insta füttert, also sein Publikum animiert, bei Instagram Mitglied zu werden, um Rundfunkbeitrags-finanzierte Inhalte ansehen zu können: "Phoenix, der Politiksender von ARD und ZDF" (Tagesspiegel).

+++ "Weil sich die ARD gerne selbst ein Bein stellt und auf die 'Klima vor acht'-Initiative in überheblich sturer Art und Weise reagierte, sieht RTL nun beinahe wie ein Umweltheld aus - allerdings nur, wenn man die überaus bescheidenen 'Klima Update'-Ausgaben nicht gesehen hat", meint Thomas Gehringer bei epd medien, nachdem er sie sich ansah.

+++ Für die FAZ-Medienseite hat sich Helmut Hartung mit dem auf Medien spezialisierten Verfassungsrechtler Bernd Holznagel unterhalten und ist auf den unverbrauchten Fachbegriff "Absenkungspfad" ("Denkbar sei, dass die KEF Absenkungspfade für bestimmte Kosten bestimme") gestoßen.

+++ Und wer Stoff für Andy-Scheuer-Witze braucht (die man freilich unbedingt ohne Afghanistan-Verantwortungs-Zusammenhang reißen sollte!), muss auf die/das in der öffentlichen Wahrnehmung kaum bekannte, aber gut honorierte Mobilfunkinfrastrukturgesellschaft/ "Funklochamt" schauen. "Allein die Personalkosten für die Doppelspitze sind auf gut das Dreifache der ursprünglich geplanten Summe gestiegen" (Tagesspiegel).

Neues Altpapier gibt's wieder am Donnerstag.

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