Das Altpapier am 19. August 2021 Gefährliches Halbwissen

CNN berichtet trotz großer Gefahr direkt aus Kabul, ARD und ZDF berichten dagegen aus sicherer Distanz. Sollte man das kritisieren? Außerdem: ein Rückblick auf die Mängel der "westlichen" Berichterstattung über Afghanistan in den letzten 20 Jahren. Ein Altpapier von René Martens.

Teasergrafik Altpapier vom 19. August 2021: Porträt Autor René Martens
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Germans to the front?

"Sollen deutsche Journalisten riskieren, was Clarissa Ward riskiert?" lautet aktuell eine Frage, die der Tagesspiegel in einer Überschrift aufwirft. Vor wenigen Tagen hätten nur sehr wenige Medienressortartikel-Lesende gewusst, wer Ward ist, doch derzeit gehört die Kabuler CNN-Korrespondentin zu den international bekanntesten Fernsehjournalist*innen. Der Grund: Sie berichtet weiterhin unter sehr gefährlichen Umständen aus Afghanistan. Diese am Mittwochnachmittag live gesendeten Bilder, entstanden in der unmittelbaren Nähe des Kabuler Flughafens, sind nur ein Beispiel dafür.

"Es ist ein, es ist der Unterschied zu deutschen Korrespondentinnen und Korrespondenten, die aus weiter Entfernung über die aktuelle Situation in diesem 'failed state' berichten",

schreibt Joachim Huber in besagtem Tagesspiegel-Artikel, in dem er unter aktuellen Vorzeichen eine schon öfter aufgeworfene Frage ventiliert: Reicht es aus, dass ARD und ZDF über das Geschehen in Ländern, in denen Krieg oder Bürgerkrieg bzw. kriegs- oder bürgerkriegsähnliche Verhältnisse herrschen, i.d.R. aus der sicheren Distanz berichten (so wie es in Sachen Afghanistan derzeit die MDR-Kollegin Sibylle Licht, die das ARD-Studio in Neu Delhi leitet, und der ZDF-Korrespondent Hans-Ulrich Gack tun)? Oder müssen sie sich gewissermaßen an die Front und in Gefahr begeben?

Huber kommt dabei zu salomonischen Einschätzungen:

"Es (hat) etwas Frivoles, jemanden ins Feuer zu schicken, wenn man zu Hause warm und sicher sitzt. Machen Sie mal, Frau Licht, trauen Sie sich, Herr Gack, wozu zahle ich meinen Rundfunkbeitrag! Nein, solche Aufforderungen müssen nicht sein, wenn der eigene Mut schon dann schwindet, wenn man sich einem Coronaleugner in den Weg stellen sollte."

Aber: "Wenn ARD, ZDF und auch RTL in der Etappe bleiben wollen", sollten sie "Bilder und Berichte von CNN" übernehmen: "Zeigt, was Clarissa Ward und ihr Team zeigen! Das ist schlichtweg von größerem Nachrichtenwert als eine Sibylle Licht in Neu Dehli."

Über die Rahmenbedingungen von Wards Arbeit hat Matthias Schwarzer fürs RND mit Tommy Evans gesprochen, dem Chef des Londoner Büros von CNN, in dessen Verantwortungsbereich die Berichterstattung über Europa, Asien und Afrika liegt. Evans sagt:

"Es ist unsere Pflicht als Journalisten, über diese lebenswichtige Geschichte zu berichten. Wir haben das Thema Afghanistan in der gesamten Geschichte von CNN behandelt, und es gab nie einen Zweifel, dass wir jetzt für dieses unglaublich bedeutende Kapitel nicht dort sein würden."

Und:

"Entscheidend ist, dass wir immer eine sorgfältig geplante Exitstrategie haben."

"Rassistische und orientalistische Stereotype" 

Wie jede internationale Krisensituation sorgt auch die aktuelle dafür, dass vorher nur einem kleinen Kreis bekannte Journalistinnen, Journalisten, Experteninnen und Experten eine starke Präsenz auf den Bildschirmen erlangen. Das gilt derzeit für den Soldaten Marcus Grotian vom Patenschaftsnetzwerk Afghanische Ortskräfte (siehe dazu unter anderem die "Hans Jessen Show" bei Jung & Naiv am Dienstag), es gilt für die erwähnte Clarissa Ward und auch für den österreichisch-afghanischen Journalisten Emran Feroz, der unter anderem von Armin Wolf für ZIB2 interviewt wurde und vom Video-Kanal der Stuttgarter Zeitung/Stuttgarter Nachrichten.

Das ND wiederum hat einen Vorabdruck aus Feroz’ in der kommenden Woche erscheinendem Buch "Der längste Krieg. 20 Jahre War on Terror" veröffentlicht. Der Text rechnet mit Teilen der deutschen Afghanistan-Berichterstattung in den 2000er Jahren ab:

"Am 7. Oktober 2001 begann der längste Krieg der amerikanischen Geschichte. Zum damaligen Zeitpunkt wusste das natürlich noch niemand. Bomben und erstmals auch bewaffnete Drohnen kamen im gesamten Land zum Einsatz. Am Boden verbündeten sich US-Spezialeinheiten mit verschiedenen afghanischen Warlords, Drogenbaronen und allerlei anderen fragwürdigen Akteuren, deren Biografien bereits auf den ersten Blick deutlich machten, dass es Washington und seinen Verbündeten weder um Menschenrechte noch um Demokratie ging. Innerhalb kürzester Zeit wurde das Taliban-Regime zu Fall gebracht. Selbst noch Jahre später behauptete ZDF-Frontmann Claus Kleber, dass ‚die Afghanen‘ sich über die amerikanische Intervention gefreut hätten. Kleber meinte, derartige Reaktionen in Kabul erlebt zu haben, und wollte damit gleichzeitig jene in die Schranken weisen, die den Nato-Einsatz kritisierten."

Und der heute schon erwähnte ZDF-Kollege Hans-Ulrich Gack kommt in einem ähnlichen Zusammenhang vor:

"Im Dezember 2009, zwei Monate, nachdem auf Befehl des Bundeswehrobersts Georg Klein über 150 Zivilisten durch einen Luftangriff in der nördlichen Kunduz-Provinz getötet wurden, behauptete ZDF-Korrespondent Hans-Ulrich Gack, dass die Bundeswehr 'zu sanft' vorgehen würde und 'viele Afghanen' ein härteres Vorgehen begrüßen würden. Damit schloss sich Gack dem politischen Neusprech Washingtons und anderer Kriegsparteien an. Anstatt dieses als Journalist zu hinterfragen, verbreitete er es mit Eifer, etwa indem er den korrupten Polizeichef der Provinz, der von der Nato installiert wurde, zitierte und meinte, man müsse die Afghanen 'auf die Linie der Bundeswehr und der Bundesregierung' bringen. Journalisten wie Kleber oder Gack, die von Afghanistan praktisch nichts wussten und doch stets mit ihrem Halbwissen prahlten, waren letztendlich wohl auch einer der Gründe, warum ich irgendwann selbst (…) Kriegsreporter geworden bin."

Grundsätzlich sei "die westliche Kriegsberichterstattung" von "rassistischen und orientalistischen Stereotypen" geprägt gewesen:

"Allein schon von 'den Afghanen' zu sprechen, offenbart große Ignoranz, denn die verschiedenen Gruppen, die im Gebiet des heutigen Afghanistan leben, sind überaus heterogen. Dennoch glauben viele westliche Journalisten, aus ihren Beobachtungen in den urbanen Ballungszentren wie Kabul allgemeingültige Rückschlüsse ziehen zu können."

An den letzten Satz ließe sich mit einer Äußerung von Feroz in dem Interview mit Armin Wolf anknüpfen. Es geht dabei um die aktuelle "PR-Offensive" der Taliban, die der eine oder andere Journalist für bare Münze zu nehmen scheint. Feroz weist in dem Kontext darauf hin, dass in den Regionen, die schon länger (wieder) unter der Kontrolle der Taliban seien, teilweise jene "puritanischen Zustände" herrschten, die wir "aus den 90er Jahren" kennen.

Champions League statt "Auslandsjournal"

Die Bedeutung von Auslandsberichterstattung sollte in diesen Tagen eigentlich allen klar geworden sein. Trotzdem will das ZDF in den kommenden Monaten mehrmals das "Auslandsjournal", also das Mainzer Pendant zum "Weltspiegel" der ARD, ausfallen lassen. Der Grund: Zusammenfassungen der Spiele der Champions League. Das schreibt der Tagesspiegel, der einen Artikel von dwdl.de  recht werkgetreu remixt hat.

Dieses Ideechen des ZDF passt ja durchaus ins öffentlich-rechtliche Bild, zumindest, wenn die von Dietrich Leder in der Medienkorrespondenz ausgeführte These stimmen sollte, dass der "Weltspiegel" bald vor allem deshalb einen schlechteren Sendeplatz bekommt, weil die Deutsche Fußball-Liga das gern so hätte (siehe Altpapier von Montag)

Mehr Göttliches wagen?

Leders besagter MK-Text über die geplanten Änderungen bei der ARD steht mittlerweile auch online, und es geht darin noch um viele weitere Aspekte rund um die  "Programm- und Flottenstrategie", wie die Beschlussvorlage, auf die Leder sich unter anderem bezieht, ja allen Ernstes überschrieben ist. Ein Titel, der "eher an die Badewannenspiele alternder Seebären denken lässt, die Seeschlachten mit Spielzeugschiffchen schlagen, als an gegenwärtige Gedanken zu einem nicht unrelevanten bundesweiten Fernsehprogramm".

Leders Text zu den geplanten Reformen - dessen Fazit lautet: "Es sieht es so aus, dass sich hier der öffentlich-rechtliche Rundfunk durch merkantiles Denken und durch eine Fixierung auf Einschalt- und Klickzahlen auf gefährliche Weise von seiner Legitimation entfernen wird" - ist mit fünf Seiten relativ lang und somit äußerst ausführlich, andererseits nicht lang genug, um auf alle derzeit unter den Spitzen der ARD kursierenden Überlegungen einzugehen.

So heißt es in dem Papier "Programm- und Flottenstrategie: Ergebnisse der ARD- Sitzungen am 22./23.06.21 und weiteres Vorgehen - Beschlussvorlage für die Videoprogrammkonferenz am 13./14.07.21 beim NDR in Hamburg (Direktorensitzung)" zu den verschiedenen "Handlungsfeldern", die zu bilden seien, unter "Handlungsfeld 6: Religion":

"Das Handlungsfeld soll erarbeiten, wie es zu regelmäßigen Gottesdienstübertragungen kommen kann. Außerdem soll ‚Echtes Leben’ weiterentwickelt werden (…)."

Und in "Beschreibung eines Mindestmengengerüsts" heißt es bezogen auf den Sonntag:

"Mit den Kirchen soll über regelmäßige Gottesdienstübertragungen am Vormittag sowie einer neuen Machart/Platzierung von "Echtes Leben" am Montagabend gesprochen werden."

Ich habe zu diesen zwei Passagen zwei Fragen an die ARD-Programmdirektion gerichtet, die ein Sprecher folgendermaßen beantwortete:

"Ihre Fragen basieren offenkundig auf alten, internen Papieren, die in dieser Form nicht beschlossen worden sind. Wir können deshalb leider keine Stellung dazu beziehen."

In welcher anderen "Form" die Papiere beschlossen wurden, sagt er nicht.

Zunächst kurz zu "Echtes Leben": Das ist eine wöchentliche Gesellschaftsreportagereihe, die von den Religionsredaktionen der ARD-Anstalten bestückt wird. Derzeitiger Sendeplatz: sonntags, 17.30 Uhr. Künftiger Sendeplatz: in der Nacht von Montag auf Dienstag um 0.15 Uhr oder dienstags um 23.50 Uhr. Auch wenn die Qualität der Filme stark schwankt: Eine Verlegung ins Nachtprogramm bedeutet de facto weniger Aufmerksamkeit für gesellschaftspolitische Themen im linearen Bereich.

Und ob es sich nun um "alte" Papiere handelt oder nicht: Wenn die Intendant*innen "regelmäßige" Gottesdienstübertragungen abgesegnet haben, ist das ja schon mal eine Hausnummer. Was "regelmäßig" bedeutet, ist Interpretationssache. In diesem Jahr gab es im Ersten Programm bereits zehn Gottesdienstübertragungen.

In den Staatsverträgen heißt es dazu, etwa bei dem des NDR, den Kirchen seien "auf Wunsch angemessene Sendezeiten für die Übertragung gottesdienstlicher Handlungen (…) zu gewähren" (hier geht es zum Staatsvertrag des MDR). Daraus müssen die Sender aber sicher nicht den Schluss ziehen, dass sie auf die Kirchen zugehen und fragen, ob sie nicht noch bisschen mehr wünschen.

Die ARD scheint also nicht nur jünger und digitaler werden zu wollen, sondern auch noch göttlicher. Irony off: Die Überlegungen in Sachen Gottesdiensten passen auf den ersten Blick überhaupt nicht zu all den anderen Vorschlägen: Live-Übertragungen sind teuer und kein gutes Material für die Mediatheken, die doch sonst gestärkt werden sollen, und an eine jüngere Zielgruppe richten sich Gottesdienst-Übertragungen ja nun auch nicht wirklich.


Warum also das Ganze? Offenbar wollen Christine Strobl und Co. die Kirchen, diese trotz all der Austritte immer noch wichtigen gesellschaftlichen und nicht zuletzt in den Rundfunkräten einflussreichen Player, für die laufenden und künftigen Großdebatten über den ÖRR auf ihre Seite ziehen.

Altpapierkorb (Bertelsmann-Geschichte wird erneut umgeschrieben, langjähriger SWR-Justiziar siegt gegen früheren SWR-Moderator und SWR-Rundfunkratsmitglied, Studie der Otto-Brenner-Stiftung sieht Mängel bei deutschen Info-Podcasts)

+++ Thomas Schuler, einer der Eltern des Altpapiers, kritisiert für Übermedien (€) das in Bertelsmann Buchverlag Penguin Random House erschienene Werk "Reinhard Mohn. Ein Jahrhundertunternehmer", das die Rolle Bertelsmanns in der NS-Zeit und den späteren Umgang damit verklärt. In diesem "PR-Buch zum 100. Geburtstag" werde "eine alte Lüge neu lackiert". Schuler kritisiert auch, wie kritiklos die Medien das Buch rezipieren: "Im Beitrag der dpa über die Neuerscheinung taucht das Wort 'Nazizeit' nicht einmal auf."

+++ Der langjährige SWR-Justiziar Hermann Eicher hat beim Landgericht Hamburg einen Erfolg gegen die Wochenzeitung Kontext errungen. Die dortige Pressekammer hat dem früheren SWR-Radiomoderator Peter Siller und dem SWR-Rundfunkrat Karl "Charly" Geibel insgesamt sieben Eicher betreffende Behauptungen untersagt, die diese in einem Kontext-Podcast aufgestellt hatten (siehe dazu ein Altpapier von Ende Juli). In der betreffenden Folge geht es um einen Fall, über den etwa der Spiegel (€) unter der Überschrift "So geht der SWR mit #MeToo-Vorwürfen um" berichtet hatte. Es ist eine Geschichte, die noch komplexer zu sein scheint als andere über "MeToo-Vorwürfe" und deren Umgang damit. In diesem Fall spielt auch noch ein schillernder Regisseur eine filmreife Nebenrolle. Eicher sagt, dass die gesamte Berichterstattung von Kontext "unter Verletzung elementarer journalistischer Grundsätze erfolgt" sei. Bis heute habe man ihm "keine Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben". Der Podcast stehe "aus rechtlichen Gründen derzeit nicht online", heißt es bei Kontext unter einem Teaser für den Talk.

+++ Um beim Thema Podcast zu bleiben: Die Otto-Brenner-Stiftung hat die Studie "Den richtigen Ton treffen: Der Podcast-Boom in Deutschland" veröffentlicht. Teil davon ist eine unter dem Titel "Politik für junge User*" stehende  "qualitative Inhaltsanalyse von zehn populären Info-Formaten". Darin heißt es: "Problematisch ist (…), dass ausnahmslos alle analysierten Formate in nicht unerheblichem Maße unbelegte Informationen enthalten. Ausgerechnet die News-Podcasts ‚Was jetzt?‘ von Zeit Online und 'Auf den Punkt’ der Süddeutschen Zeitung weisen in der Kategorie Transparenz mit die geringsten Werte auf. Dies mag zumindest teilweise auf die Formate zurückzuführen sein, bei denen Gespräche mit Redakteuren* und Korrespondenten* aus dem eigenen Hause im Mittelpunkt stehen und dabei oft auch Einschätzungen gefragt sind. Allerdings sollten es versierte Journalisten* noch besser verstehen als zum Beispiel interviewte Experten*, ihre Aussagen mit Quellen zu untermauern."

Neues Altpapier gibt es wieder am Freitag.

1 Kommentar

Frank von Broeckel vor 8 Wochen

Ist das Ganze nun Satire, oder kann das weg!

Selten solch einen groben Unfug gelesen!