Das Altpapier am 20. August 2021 Die große Taliban-Show

Medienberichte sind immer Inszenierungen. Aber im Fall von Afghanistan wissen nicht mal die Journalisten, ob ihr Material authentisch ist. Die Gefahr ist, dass sie falsche Narrative verbreiten. Zum Beispiel das von den gemäßigten Taliban. Wie können Medien so arbeiten? Ein Altpapier von Ralf Heimann

Teasergrafik Altpapier vom 20. August 2021: Porträt Autor Ralf Heimann
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Zweifelhafte Narrative

Einige der Bilder, die in den vergangenen Tagen aus Afghanistan herumgingen, haben mittlerweile fast alle im Kopf, die auf irgendeine Weise mit der Berichterstattung in Berührung kamen. Der überfüllte Innenraum der amerikanischen Transportmaschine. Der Taliban-Sprecher im Fernsehinterview mit einer Frau. Es sind Szenen, die Botschaften transportieren. Die Amerikaner holen die Menschen schnell und unbürokratisch da raus. Die neuen Taliban sich vielleicht doch gar nicht mehr so schlimm. Aber hinter all diese Szenen muss man mindestens ein Fragezeichen setzen, denn zu sehen ist immer nur ein Ausschnitt, vielleicht der Ausschnitt, der gesehen werden soll, möglicherweise sogar der Ausschnitt, der speziell zu diesem Zweck inszeniert worden ist.

Das Narrativ von den Taliban, die sich in den vergangenen 20 Jahren verändert haben, mittlerweile Pressekonferenzen geben, verhandeln und vielleicht ja doch gar nicht mehr so schrecklich sind, existiert in unterschiedlichen Variationen. Die Taliban haben in Erklärungen versichert, keine Rache nehmen zu wollen. Die britische Boulevard-Zeitung Daily Mail zeigt sie als Modeikonen. In einem Beitrag des NDR-Medienmagazins "Zapp" berichtet Shafic Gawhari, der Chef der afghanischen Mediengruppe Moby, zu der auch der Fernsehsender Tolo News gehört, die Taliban seien vorbeigekommen, hätten nach Waffen gefragt, man habe auch eingeräumt, welche zu besitzen, aber die seien in Privateigentum. Dann folgt noch der Hinweis: "Und unsere Kollegen haben mir mitgeteilt, dass sie sehr respektvoll und sehr höflich waren." Der Satz hat möglicherweise den Zweck, das eigene Personal zu schützen, Gawhari selbst hält sich zurzeit dem Bericht nach in Deutschland auf.

In dem NDR-Beitrag geht es aber eben auch um den Tod des Übersetzers Amdadullah Hamdard vor knapp drei Wochen, der mit Zeit-Reporter Wolfgang Bauer zusammengearbeitet hatte. Daraus ergibt sich ein anderes Bild der Taliban, für das es abseits der Inszenierungen ebenfalls viele Beleg gibt. Anfang Juli ermordeten die Taliban den bekannten Comedian Kasha Zwan, hier nachzuhören im Kultur-Podcast von BR24. Am Donnerstag schrieb der Reporter Hasnain Kazim bei Twitter:

"Meine Quellen bestätigen mehrere öffentliche Hinrichtungen in Afghanistan, vor allem in Kandahar. Wer glaubt, diese Typen hätten sich verändert, es gebe auch 'gemäßigte Taliban' und man müsse 'ihnen eine Chance geben' und 'einen Versuch wagen' – vergesst es!"

Was alles nicht im Bild ist

Über den Schein, die Wirkmacht von Bildern und die Beschränkungen der journalistischen Arbeit hat Stefan Fries in einem 9.11 Minuten langen Beitrag (Zufall oder Chiffre?) mit der ARD-Korrespondentin Sybille Licht gesprochen, um die es gestern im Altpapier bereits ging.

Und um eine Frage gleich vorab zu klären: Es scheinen nicht Sicherheitsbedenken zu sein, die verhindern, dass Sibylle Licht aus Kabul berichtet. Auf die Frage, warum sie nicht vor Ort sei, sagt sie, sie habe versucht, ins Land zu kommen, aber es sie im Moment einfach nicht möglich.

So muss sie sich Bilder und Material zusammensuchen. Zum einen über die Nachrichtenagenturen, auch über die afghanischen, wie sie sagt, zum anderen aber auch über soziale Netzwerke. Und das ist gleich aus mehreren Gründen problematisch. Einerseits, weil das Material selbst anfällig für Manipulationen ist. Wenn die Berichterstattenden Bilder zeigen möchten, müssen sie auf Material zugreifen, über dessen Herkunft sie im Zweifel gar nichts wissen.

Auffangen lässt sich das durch Kommentierungen, wie zum Beispiel hier in einem Tweet von Natali Amiri zu sehen. Sie zeigt Bildmaterial vom Flughafen in Kabul und schreibt:

"Bilder vom North Gate, die mir gerade zugeschickt wurden. Kann nur verifizieren, dass Ort stimmt. Die Lage scheint eskaliert zu sein. Den zu evakuierenden Personen wird dringend davon abgeraten im Moment zum Flughafen zu kommen."

Das ist ein warnender Beipackzettel, doch die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass manipuliertes Material sich kommentarlos in sozialen Netzwerken – und damit die Geschichten, die es erzählen soll.

Andererseits besteht aber sogar dann die Gefahr einer verzerrten Darstellung, wenn das Material authentisch ist, denn die in den sozialen Netzwerken verfügbaren Fotos und Videoschnipsel zeigen immer wieder dieselben Orte. Und sie zeigen den gegenwärtigen Moment, nicht aber die Vorgeschichte, wie Stefan Fries ebenfalls bemerkt. Wenn nun 640 Menschen im Laderaum eines Transportfliegers zu sehen sind, sieht das nach einer großen und menschlichen Rettungsaktion aus. Nicht im Bild zu sehen ist: Hätten die Amerikaner sich nicht vorher für den Abzug entschieden, wäre das alles so nicht passiert.

Auf die Frage von Stefan Fries, wovon es denn keine Bilder gebe, sagt Sibylle Licht im Deutschlandfunk-Beitrag:

"Im Moment ist es schwer, aus dem Land Bilder zu bekommen. Also wir sind im Moment eigentlich fast ausschließlich auf Kabul konzentriert."

Das Problem, das sich daraus ergibt, formuliert Fries in einer sich anschließenden Frage. Sie lautet: "Besteht die Gefahr, dass man sich auf die Schauplätze fokussiert, von denen es Bilder gibt, während das Entscheidende vielleicht eher im Verborgenen geschieht, also ohne Bilder?"

Diese Gefahr sieht Sibylle durchaus. Aus diesem Grund baue man zurzeit ein Netzwerk aus jungen Studierenden auf, die aus Afghanistan kommen, dort gut vernetzt sind, sich aber zurzeit nicht mehr dort befinden. Diese Studierenden recherchieren laut Licht aus Neu-Delhi und versuchen sich von dort auch ein Bild davon zu machen, wie es auf dem Land aussieht.

Sibylle Licht sagt zudem, sie habe bereits vor ein bis anderthalb Jahren Kontakt zu den Taliban aufgenommen. Auch hier geht es um die Inszenierung in den sozialen Netzwerken – speziell um den Aspekt, dass die Taliban mithilfe des veröffentlichen Materials selbst bestimmen, in welcher Weise über sie berichtet wird. Und hier wird auch klar, warum die Taliban ein Interesse daran haben könnten, ein etwas milderes Bild von sich selbst zu zeichnen. Sibylle Licht:

"Die Taliban haben eine ganz klare Agenda. Sie möchten eine internationale Anerkennung, nachdem die Regierung installiert worden ist."

Das muss man also bei allen Interviews und Videos, die nun um die Welt gehen, im Hinterkopf behalten. Die Menschlichkeits-Offensive der Taliban muss nichts mit ihren tatsächlichen Absichten zu tun haben. Möglicherweise warten sie erst einmal ab, bis sich der Lichtkegel auf das nächste Ereignis bewegt. Theoretisch ist es zwar möglich, dass sie tatsächlich die Absicht haben, gewisse Kompromisse zu machen, um international einen Fuß in die Tür zu bekommen, die marodierenden Kämpfer das aber anders sehen oder es noch gar nicht wissen. Sibylle Licht:

"(…) sie behaupten ja, dass sie sich verändert haben, dass sie eine andere Agenda fahren, aber das wird sozusagen noch zu sehen sein",

Vieles deutet im Moment eher darauf hin, dass hier auch sehr viel mit Nebelkerzen hantiert wird. Das Interview mit dem Sprecher führte zwar eine Frau, das hätte ein Zeichen sein können. Andererseits berichtet der Deutschlandfunk, dass die Taliban mit Shabnam Khan Dawran eine prominente Moderatorin des Staatsfernsehens abgesetzt haben – entgegen ihrer Bekundungen, Frauen könnten auch weiterhin in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen tätig sein.

Aufruf ohne ARD und ZDF

Und damit noch einmal kurz zurück zu dem oben schon erwähnten "Zapp"-Beitrag, in dem es um die Menschen geht, die den ausländischen Medien in den vergangenen Jahren bei der Berichterstattung geholfen haben. Die Bedeutung dieser Menschen bringt Zeit-Reporter in diesem Beitrag auf den Punkt. Er sagt:

"Wir hätten 20 Jahre aus diesem Land nicht berichten können ohne diese Leute. 20 Jahre lang wäre unsere Gesellschaft nicht informiert gewesen über die Rahmenbedingungen dieses Bundeswehreinsatzes. Und all das war nur möglich aufgrund des Mutes und des Engagements eben dieser Mitarbeiter, die jetzt um ihr Leben fürchten."

Und warum die Diskussion über diese Menschen erst so spät beginnt, erklärt der ehemalige Bundeswehr-Offizier und Neues-Deutschland-Redakteur Daniel Lücking in einem SWR-Interview:

"Der politische Wille, die Menschen frühzeitig zu evakuieren, mit Charterflügen zu evakuieren, der scheint nicht da gewesen zu sein, denn sonst hätten wir sie jetzt hier schon vor Ort und würde jetzt nicht diskutieren, wer überhaupt anspruchsberechtigt ist, und wer nicht."

Um die gemeinsame Initiative deutscher Medien ging es bereits gestern im Altpapier. Eine Frage dazu bleibt dann aber am Ende doch. In dem "Zapp"-Beitrag heißt es:

"ARD und ZDF beteiligen sich nicht am Aufruf. Sie wollen sich unabhängig von dieser Initiative um ihre Mitarbeiter kümmern."

Die Frage ist: Warum schließt das eine das andere aus? Wäre es nicht möglich gewesen, sich sowohl an dem Aufruf zu beteiligen und sich trotzdem unabhängig davon um das eigene Personal vor Ort zu kümmern? Wäre das nicht ein Zeichen gewesen, das den Druck verstärkt und damit der Sache gedient hätte? So bleibt der Eindruck zurück, dass die Öffentlich-Rechtlichen sich selbst kümmern, weil sie es können. Gegenseitige Unterstützung gibt es nicht, nicht mal in Form einer Unterschrift. Aber vielleicht ist dieser Eindruck ja auch nur ein verzerrender Ausschnitt der Wirklichkeit.


Altpapierkorb (Belarus, Lokaljournalismus, Neuer NDR-Podcast, Hohenzollern, "Bild"-Faktencheck, Peter R. de Vries)

+++ In Belarus endet für das nächste Medium die Zeit der journalistischen Unabhängigkeit. Die Polizei hat unter anderem Irina Lewschina, die Chefredakteurin der privaten Agentur BelaPAN, festgenommen, berichtet Barbara Oertel für die taz. Die Agentur existiert seit 30 Jahren und war eines der letzten unabhängigen Medien im Land.

+++ In der oben schon erwähnten aktuellen Ausgabe des NDR-Medienmagazins "Zapp" geht es in zwei Beiträgen um Lokaljournalismus in Deutschland. Zum einen um den Dokumentarfilm "Die letzten Reporter", den Barbara Block vorstellt, und der – man ahnt es schon – die Arbeit im Lokalen dokumentiert. Ein zweiter Beitrag von Konstanze Nastarowitz beschäftigt sich mit innovativen Lokaljournalismusprojekten, unter anderem mit dem Innovationslabor Tactile News, das Ideen entwickelt, die es Redaktionen ermöglichen, mit ihrem Publikum ins Gespräch zu kommen. Radio Potsdam hat eine sogenannte Hörerredaktion entwickelt, etwa hundert Menschen, die im Radio regelmäßig zu Wort kommen. Das dritte Projekt, um das es geht, ist RUMS Münster ein Newsletter mit ausufernd langen lokalen Beiträgen. Offenlegung: Ich habe RUMS mitgegründet und bin dort Redaktionsleiter.

+++ Bastian Berbner und John Goetz erzählen in der zwölfteiligen NDR-Podcast-Doku "Slahi" die Geschichte von Mohamedou Slahi, der 14 Jahre lang in Guantanmo gefangen war, auch gefoltert wurde und nun seine Folterer trifft. Im September wird es dazu eine TV-Doku geben. Die ersten beiden Folgen sind seit gestern online. Den Trailer kann man sich hier anhören.

+++ Am Donnerstag fanden am Berliner Kammergericht vier Berufsverfahren gegen Journalisten und Historiker statt. Geklagt hatte der Prinz von Preußen. Die Richterin habe von fünf weiteren Anhängen Verfahren gesprochen, schreibt Jörg Häntzschel in einem von drei Texten die darüber in der Süddeutsche Zeitung erschienen sind (der zweite ist ein Kommentar, der dritte ein Beitrag über eine Buchvorstellung des Prinzen am Abend zuvor). Der Prinz wehrte sich unter anderem gegen die Behauptung, er sei klagefreudig, was bemerkenswert ist, weil laut der Richterin fünf weitere Prozesse noch folgen werden. Vor allem aber geht es dem Eindruck nach in den Prozessen darum, deutlich zu machen, dass jede kritische Bemerkung am Ende teuer werden kann – und damit darum, eine öffentliche Debatte zu unterbinden. Das Verdi-Magazin "M Menschen Machen Medien" berichtet über einen der Prozesse, nämlich den gegen Lars Hansen, der für das Magazin am 10. Juli über sogenannte Slapps berichtet hatte, "Strategic Lawsuits Against Public Participation" oder einfach Einschüchterungsklagen. Um diesen Text ging es vor Gericht. Über die kuriose Buchvorstellung schreibt auch Andreas Kilb für die FAZ.

+++ Kurios erscheint es auch, wenn über einen "Bild"-Artikel das Wort "Faktencheck" steht, und das ist es in diesem Fall auch, wie das Bildblog in einem Thread erklärt. Friedrich Merz hatte via Twitter falsche Behauptungen verbreitet, die "Bild"-Medien versuchen die Aussagen zu belegen, indem sie nur die Ausschnitte zeigen, die sie stützen.

+++ Im Fall des ermordeten niederländischen Kriminalreporters Peter R. de Vries hat die Polizei anscheinend einen wichtigen Hinweis übersehen, berichten Roman Lehberger und Jürgen Dahlkamp für den Spiegel. Und ein unglücklicher Umstand machte es dem Mörder offenbar recht leicht: "Am Ende wurde de Vries aber auch ein Blechschaden zum Verhängnis. Früher fuhr er direkt zum Studio und gab den Schlüssel beim Sicherheitsdienst ab. Der brachte das Auto in die Garage und später wieder zurück zum Sender. Dann aber setzte ein RTL-Fahrer den Wagen an einen Poller. Der Journalist war über die Beule so sauer, dass er danach selbst wieder einparkte. Das wusste auch sein Mörder."

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.

Neues Altpapier gibt es am Montag.

0 Kommentare