Das Altpapier am 24. August 2021 Die publizistische Lücke

Bilds Fernsehsender "hetzt" im wahrsten Wortsinn, ist aber auch ganz anders als die gedruckte Bild-Zeitung – was die Länge betrifft. Datenschutz ist kein Orchideenthema, zeigt das Beispiel Afghanistan. Und die Taliban wissen, wie Faktenchecks funktionieren ... Ein Altpapier von Christian Bartels.

Teasergrafik Altpapier vom 24. August 2021: Porträt Autor Christian Barthels
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Das neue Bild-Fernsehen (freut zumindest die Fernsehkritik)

Seit es das gibt, bestand das deutsche Privatfernsehen vor allem aus zwei Sendergruppen: den erst Leo Kirch zuzuordnenden, dann weiterhin in Unterföhring sitzenden ProSiebenSat.1-Sendern und den nordrhein-westfalischen, aus Köln sendenden und von Bertelsmann gesteuerten. Jetzt gibt es, obwohl sich durch Internet und Streaming jede Menge verändert hat, eine dritte Sendergruppe. Springers neues "Bild"-Fernsehen ist gestartet. Und hat die relativ anerkannteste Relevanzschwelle, repräsentativ hochgerechnete Einschaltquoten, mit seinem linearen Programm bereits früh überschritten:

"Als sich der CDU-Kanzlerkandidat den vermeintlich 'richtigen Fragen' von Paul Ronzheimer stellte, waren um 20:15 Uhr sogar genau 1,0 Prozent in der Zielgruppe drin. Insgesamt verzeichnete die Talkshow im Schnitt 110.000 Zuschauerinnen und Zuschauer, die 0,4 Prozent entsprachen. Als Olaf Scholz ab 21:45 Uhr an der Reihe war, ging das Interesse etwas zurück, doch mit 90.000 Zuschauenden sowie 0,8 Prozent Marktanteil kann man bei Bild durchaus zufrieden sein",

errechnete die "Zahlenzentrale" von dwdl.de. "Die Zielgruppe" ist, trotz aller Alterung, noch immer die der 24- bis 49-Jährigen. Vor allem war der Bild ein Fest für Haudegen der Fernsehkritik.

Sie konnten vom "schrapnellfesten Kriegsreporter Paul Ronzheimer" (Arno Frank bei spiegel.de) schreiben, oder sogar: "Die größte Begeisterung zeigten sie für sich selbst, es hätte nicht viel gefehlt, und sie hätten mit sich körpereigenen Säften eingerieben" (Joachim Huber im Tagesspiegel über Ronzheimer und seinen Sidekick), sowie vom "minutenlangen Fragenhagel". Krei/ Lückerath zwischenbilanzieren bei dwdl.de dann (und meinen die enthaltenen Doppeldeutigkeiten vermutlich jeweils ernst):

"Bild hetzt - und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Der neue Sender wirkt wie eine mit Speed gefüllte Wundertüte, die fast ausschließlich im Schlagzeilen-Denken verhaftet ist, damit aber die Marke gut ins Fernsehen transportiert."

Wo dann David Hugendick bei zeit.de ansetzt, also bei zwei stark strapazierten Kernbegriffen des neuen Bild-Fernsehens. Der eine lautet "live":

"Das ist das heilige Wort dieses Unmittelbarkeitskults, und der Fernsehkanal der Bild-Zeitung, der seit vergangenem Sonntag auf Sendung ist, hat es offenbar zum Hauptwesenszug erhoben. So heißt es: 'Wir sind häufiger live als die anderen'".

Der andere Kernbegriff lautet:

"'Klartext', das ist auch sehr wichtig, es ist eine andere Zauberformel, die Bild seit Jahren verbreitet, vermutlich, um die Alarmstimmung des Publikums aufrechtzuerhalten, überall sonst belogen zu werden, und als sei ein länger artikulierter Gedanke bereits Betrug am Volk."

Wobei andererseits paradoxerweise die Kürze, die Großbuchstaben-Schlagzeilen notwendig auszeichnet, dem linearen Bild-Fernsehen fehlt, wie ebenfalls mehrere Kritiker konstatierten. "Ungewöhnlich, dass im TV-Format mit Längen operiert wird, die der Boulevard mit seinem Kürzel-Journalismus gar nicht kennt", findet Huber. Frank Lübberding errechnet in seiner (auch nicht kurzen) faz.net-Besprechung:

"Im Mittelpunkt standen zwei Interviews von jeweils neunzig Minuten mit Armin Laschet und Olaf Scholz. Schon diese Länge ist außergewöhnlich, wenn man das mit den sonstigen Formaten im deutschen Fernsehen vergleicht. In denen von ARD und ZDF sind solche Interviews mit Spitzenpolitikern selten länger als zwanzig Minuten, wenn nicht gerade Anne Will eine Sendung mit der Bundeskanzlerin macht. ... Zum Abschluss gab es noch eine Journalistenrunde, aus unerfindlichen Gründen gleich mit drei Mitarbeitern der Bild-Zeitung. Wahrscheinlich sollte mit der Moderatorin Nina Schink eine Frau dabei sein, während sich gleichzeitig der Chefredakteur Julian Reichelt und Claus Strunz als Chef von Bild live für unabkömmlich hielten. So kamen wir Zuschauer auf 270 Minuten Sendezeit, was selbst für professionelle Fernsehkritiker eine Herausforderung ist."

Dass beide Kanzlerkandidaten für solche Sendungen bereitstanden, sagt natürlich auch etwas aus über die fortbestehende Bedeutung der Bild-Medien. Und dass die Kanzlerkandidatin nicht dabei war? Als ich dieses Altpapier gestern abend vorbereitete, lief eine boulevardeske, aber (schon wegen der betagten Gäste) keineswegs krawallige Talkshow, in der außer Thommy Gottschalk und Patricia Riekel auch Jürgen Trittin gastierte – einer der Grünen, die nicht mit fliegenden Fahnen eine Jamaika- oder schwarz-Grüne Koalition aufmachen würde...

"Wer die Leute 'da draußen' erreichen will, muss ihnen tatsächlich etwas bieten, was es noch nicht gibt. Muss mehr hinterfragen, andere Menschen zu Wort kommen lassen und die Perspektiven wechseln",

schreibt Christian Meier in Springers Welt – nicht übers neue Fernsehprogramm aus dem eigenen Haus, sondern in einem putzigen Offenen Brief an den ARD-Veteranen Jan Hofer, der ja just anfing, beim alten Privatsender RTL eine neue "heute-journal"-/"Tagesthemen"-Konkurrenzsendung aufzubauen (und dazu wiederum bei dwdl.de sowohl im eigenen Haus als auch bei den öffentlich-rechtlichen Ex-Kollegen allerhand "hinter vorgehaltener Hand" geäußerte Häme nachlesen kann).

Lineares Fernsehen ist Langstrecke, nachrichtlich erst recht, und nachdem ARD und ZDF in den vergangenen Jahren bis Jahrzehnten ohne große publizistische Privatsender-Konkurrenz senden konnten, hegen jetzt auf einmal gleich drei privatwirtschaftliche Sender größere Ambitionen. Raum neben den Öffentlich-Rechtlichen gibt es natürlich und muss es geben  – schon deshalb, weil Boulevard streng genommen nicht zum Kernauftrag der ÖR gehört, und auch deshalb, weil ARD und ZDF publizistisch ziemlich verwechselbar sind (und die ARD sich eher noch enger an den relativen Erfolgsrezepten des ZDF zu orientieren plant). Es geht um, wie Spiegels Arno Frank schrieb, um "die publizistische Lücke zwischen den Kreidefressern der Privaten und den Ausgewogenheitsspezialisten der Öffentlich-Rechtlichen".

Da hat der lineare Fernseh-Start der Bild-Zeitung, scheinen sich die Kritiker einig, weder schlimme Befürchtungen bestätigt noch große Hoffnungen geweckt. Ob es einem oder mehreren ARD/ZDF-Rivalen gelingt, solche Räume auf Dauer zu besetzen und ob Konkurrenz das Geschäft (außer im Wettbewerb der Privaten um die Werbebudgets von Lidl und Co) auch inhaltlich belebt, wird, unabhängig von persönlichen Vorlieben, spannend.

Hintertür? Notausgang? Datenschutz im Licht Afghanistans

Datenschutz ist ein Orchideen-Thema, das immer passt, wenn nichts Brisanteres los ist. Am Ende werden ja auch die allermeisten Artikel dazu auf sog. Smartphones mit Googles Betriebssystem Android gelesen, auf Apple-Geräten oder stationären Computern mit dem Betriebssystem des eher noch unsympathischeren Datenkraken Microsoft. Und in den Consentkästchen lange nach Möglichkeiten, das Tracking abzumildern, hat auch kaum jemand gesucht.

Vor solchem Hintergrund spielt seit Wochen die Debatte um den Plan Apples, ebenfalls eines Datenkraken, direkt auf seinen Geräten nach CSAM/ Child Sexual Abuse Material zu suchen (zuletzt Altpapier gestern). Heute greift die FAZ im Wirtschaftsressort (Blendle) ein: Nun müsse der Apple-Konzern sich "die gleichen Fragen stellen lassen, die er im damaligen Streit selbst aufgeworfen hat", als nämlich sein Chef Tim Cook vor fünf Jahren "in einem leidenschaftlich formulierten Brief" PR-wirksam warnte, schreibt Roland Lindner:

"Hier werde von Apple verlangt, eine 'Hintertür' für seine Geräte zu entwickeln und damit seine eigenen Kunden zu hacken. Existierte eine solche Technologie aber einmal, könnte sie in die falschen Hände geraten und für andere Zwecke missbraucht werden."

Bekanntlich warnen aktuell Journalistengewerkschaften, dass "zum Beispiel die ungarische Orban-Regierung auf diese Weise Bilder der LGBT-Gemeinschaft kontrollieren lassen könnte". Inzwischen gibt es ein noch krasseres Beispiel, in dem die Metapher von der "Hintertür" als "Notausgang" wiederkehrt: Unter der Überschrift "Der digitale Notausgang fehlt" schrieb Patrick Beuth kürzlich bei spiegel.de über die Lage in Afghanistan und zitierte sowie verlinkte die BBC-Journalistin Sana Safi:

"The boys/ men – worried sick! Frantically going through phones to delete messages they have sent, music they’ve listened to & pictures they’ve taken ..."

Da geht es also darum, unter neuen Machtverhältnissen belastende Datenspuren loszuwerden. Wobei die andere Seite, vermutlich gleichzeitig, bloß aus entgegengesetzten Motiven, dieselben Spuren sucht und finden könnte:

"Tatsächlich braucht es nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, welche Spuren die Taliban nachverfolgen könnten, wenn sie wollten. Kontrollieren sie die Behörden, haben sie Zugriff auf Datenbanken ... Kontrollieren sie Provider im Land, haben sie – abhängig von deren bisherigen Speicherstandards – Zugriff auf Verbindungs- und möglicherweise Standortdaten."

Insofern ist Datenschutz eben kein Orchideenthema, so Beuth:

"Vielleicht braucht es so ein drastisches Beispiel wie Afghanistan, damit westliche Politiker besser verstehen, warum Digitalexpertinnen und -experten seit vielen Jahren vehement gegen die Datensammelwut der großen Konzerne oder eine staatlich verordnete Vorratsdatenspeicherung protestieren ... Es geht ihnen nicht unbedingt um die Behörden und Regierungen von heute. Sondern um die, die niemand kommen sieht."

Für so ein Nicht- und trotz keineswegs geringer Medienberichterstattung von-fast-Niemand-Kommen-Sehen ist Afghanistan, leider, ein neues Top-Beispiel. Insofern hier noch eines von täglich zahlreichen Beispielen für unter ferner liefen laufende Datenschutz-Themen: "Das Handy in der Hosentasche hinterlässt oft eine reiche Datenspur, darunter auch seinen Standort", schreibt netzpolitik.org zur Meldung, dass Google in den USA jedes Jahr mehr Polizei- und Geheimdienst-Anfragen dazu, "wer sich zu einer bestimmten Uhrzeit in einem bestimmten Gebiet befunden hat und etwa ein Android-Handy besitzt, eine Suchanfrage gestellt oder den Kartendienst benutzt hat", beantworten.

Wie die Taliban sog. soz. Medien benutzen

Jetzt noch darauf einzugehen, dass auch auf Basis ähnlicher Daten – die für US-amerikanische Stellen ja international verfügbar sind – zumindest zu Präsident Obamas Zeiten in ungefähr demselben Krieg, den nun sein Nachnachfolger Biden auf auch beschämende Weise beendete, Drohnenangriffe geführt wurden, würde sicher viel zu weit führen. Es gibt ja zahlreiche weitere aktuelle Artikel, die sich mit dem epochalen Zusammenbruch in Afghanistan befassen. Hörens- oder lesenswert ist etwa noch ein tagesaktuelles Interview von Deutschlandfunks "@mediasres", in dem der Pulitzer-Preis-prämierte Fotojournalist Massoud Hossaini weitere Hinweise gibt, die Heutigkeit der Taliban nicht ihres Weltbilds wegen zu unterschätzen. Zum Beispiel wissen sie offenkundig gut, dass in westlichen Nachrichtenmedien Faktenchecks (falls sie überhaupt andere als die sowieso Überzeugten überzeugen) spät einsetzen:

"Als ich in den vergangenen Monaten über den Eroberungsfeldzug der Taliban berichtet habe, gab es auf Social Media jedes Mal Berichte darüber, dass eine Stadt bereits gefallen ist, noch bevor das tatsächlich der Fall war. Das habe ich in Herat erlebt und auch in Kabul. In Herat gab es drei Nächte in Folge solche Meldungen, obwohl die Taliban dort noch gar nicht die Macht übernommen hatten. Das waren Gerüchte, über die die Menschen gesprochen haben. Dasselbe dann in Kabul – aber alles nur Propaganda! Das bedeutet, den Taliban ist es bereits zu diesem Zeitpunkt gelungen, auch die westlichen Medien zu erreichen – und sie zu täuschen. Sie haben Social Media genutzt, um Städte zu erobern und den Krieg zu gewinnen."

Und dass die Taliban die Pressekonferenz, auf der sie Zugeständnisse an die Pressefreiheit verkündet hatten, in dem Regierungs-Pressezentrum in Kabul abhielten, dessen Leiter sie wenige Tage zuvor ermordet hatten, ist vielleicht inzwischen etwas bekannter, soll aber auch nochmal erwähnt werden.


Altpapierkorb (Klimakrise, Medienwächter mit neuem "Tool", Tiktok mit mehr Staatseinfluss, TV Doschd, 90 Jahre Fernsehgeräte)

+++ "Die Klimakrise ist nicht ein weiteres Problem auf der Bühne. Es bedroht die ganze Bühne", lautet die kongenial verdichtete Überschrift bei uebermedien.de. Und "Solange Konkurrenzmedien die Dringlichkeit der Klimakrise nicht prominent und klar auf die Titelseiten heben, tun es andere Medien auch nicht", heißt es im vielleicht prägnantesten Satz aus dem eher langen als dichten "Vorabdruck" aus dem Buch "Climate Action – Psychologie der Klimakrise" darunter.

+++ Ein Landesmedienanstalten-Mitarbeiter, der darum "bittet ..., dass sein Name im Text verändert wird"? Den gibt's heute auf der SZ-Medienseite (€). Da berichtet Claudia Tieschky, wie die Düsseldorfer Landesanstalt für Medien NRW inzwischen "Webseiten, auf denen mutmaßlich Verstöße gegen die Menschenwürde und Gewaltdarstellungen stattfinden, Extremismus und Kennzeichen verfassungsfeindlicher Organisationen, Pornografie, Jugendgefährdung wie gesundheitsgefährdende Sexualpraktiken, Selbstgefährdung auf Ritzseiten", durchsucht. Außer einem ominösen "Tool", das auch KI/ Künstliche Intelligenz einsetze, tun das "Programmbeobachter" wie Peter Bernd, der in Wirklichkeit anders heißt.

+++ "Ende April stieg die chinesische Regierung mit einer einprozentigen Unternehmensbeteiligung in eine Tochterfirma von ByteDance ein", "ist dem chinesischen Firmenregister Tianyancha zu entnehmen", hat netzpolitik.org den Reuters-Agenturmeldungen entnommen. Das Ganze ging zunächst geheim vor sich, führte aber dazu, dass nun ein Regierungsbeamter einen nur vier Sitzen im ByteDance-Aufsichtsrat besetzt. Interessant ist das, weil ByteDance der Tiktok-Eigentümer ist.

+++ "Wieder muss sich eine Einrichtung in Russland das Etikett 'Ausländischer Agent' umhängen. Dieses Mal trifft es den liberalen TV-Sender Doschd", meldet tagesschau.de. Im März charakterisierte die taz den Sender als "letzten Kremlkritiker".

+++ "Als Jürgen Engert 'Kontraste' moderierte, hatten die politischen Magazine noch Gewicht", ruft Michael Hanfeld dem mit 85 verstorbenen Ex-Chefredakteur des SFB nach. (FAZ).

+++ Und gerade 90 Jahre alt wurde "der moderne Fernseher", der "auf der Berliner Funkausstellung" 1931 das Licht der Welt erblickte und – wie es Fernseher seither immer tun – mit seiner neuen "Bildqualität alles in den Schatten stellte, was bis dahin bekannt war". Also aus damaliger Sicht. Seinen technischen Durchbruch erlebte das Gerät erst ein paar Jahre später im damaligen Nazideutschland, fasst Madsacks RND zusammen ...

Neues Altpapier gibt's wieder am Mittwoch.

1 Kommentar

Frank von Broeckel vor 4 Wochen

Ist das nun Satire oder kann das weg?

Selten solch einen groben Unfug gelesen!