Das Altpapier am 26. August 2021 Identitätspolitik macht jeder

Die Gesellschaft ist gespalten? Ja, Gottseidank. Außerdem auf der Agenda: In den Debatten um "Identitätspolitik" geht es im Kern um Verteilungsfragen. Journalistinnen und Journalisten verbringen zu viel Zeit mit dem "Rauskopieren von emotionalisiertem Verkaufsinhalt" aus dem Netz. Ein Altpapier von René Martens.

Teasergrafik Altpapier vom 26. August 2021: Porträt Autor René Martens
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Slogans, bei denen es nicht um Inhalte geht

Monatszeitschriften bleiben oft unter dem Radar dieser Kolumne, und insofern ist es erfreulich, dass es sich heute anbietet, diesem Trend ein bisschen entgegenzuwirken. In der September-Ausgabe des Merkur gibt es einen Schwerpunkt zum Thema "Identitätspolitik", und online sind dazu bisher zwei unter medienkritischen Aspekten instruktive Beiträge erschienen.

Diedrich Diederichsen benennt in seinem Text zunächst einmal Besonderheiten des deutschsprachigen Debattenraums:

"Die Deutschen oder besser die Deutschsprachigen diskutieren, seit sie nicht mehr oder nur eingeschränkt vor die Tür gehen können, das, was sie Identitätspolitik nennen (…) Anders als in den meisten Kulturen der Welt sind es nicht soziale Medien, universitäre Debatten oder offen politisch geführte Auseinandersetzungen, die das Medium der Deutschsprachigen und ihrer Streits ausmachen. Es ist das, was nur noch in ihrer Kultur einen hohen Wert und gesellschaftlichen Einfluss hat, das Feuilleton. In diesem haben bestimmte Männer das Sagen, die gern im Genre des Machtworts etwas zurechtrücken. Vielleicht irre ich mich, aber ich könnte schwören, dass man Machtworttexte wie die der diversen Chefs von Welt oder FAZ weder in El Pais noch in der New York Times loswerden würde."

Im Folgenden fertigt Diederichsen dann ein paar Schlagworte und Fünf-Euro-ins-Phrasenschwein-Begriffe ab:

"Neben den Machtworten bestimmen die scheinbar rein formalen Diskursanalysen das Geschehen: Cancel Culture, Spaltung der Gesellschaft, Täter-Opfer-Umkehrung, Whataboutism, Opferkonkurrenz – lauter Slogans, die Debattenteile wegen vermeintlich formaler Merkmale diskreditieren, ohne nach dem jeweiligen Inhalt zu fragen. Ohne dieses und jenen zu canceln, kommt die Menschheit natürlich keinen Schritt weiter, aber auch jeder für sich wird von einem Autor keinen weiteren Artikel lesen, dessen letzte zehn ohne jeden Gewinn waren. Unmögliche Personen und Ideen sind von denjenigen, die ihnen als unmöglich erschienen, schon immer aussortiert worden. Eine gespaltene Gesellschaft ist einer zu 100 Prozent verblödeten ja wohl vorzuziehen."

Verschleierte Verteilungsfragen

Antonia Baum wiederum blickt in ihrem Merkur-Artikel aus gegebenem Anlass zurück auf zwei im Jahr 2020 sehr präsente "Skandale":

"Es ist ja so, dass seit einiger Zeit im Grunde ununterbrochen darüber gestritten wird, wer im Denken totalitärer ist, wer falscher liegt, wer den Schuss weniger gehört hat: all jene, die unter den Schlagwörtern 'jung', 'woke', 'Identitätspolitik', 'schreibt im Internet und ist kein alter weißer Mann' einsortiert und für verrückt erklärt werden, oder die Gegenseite, also die sogenannten alten, weißen Männer beziehungsweise deren aus den alten Zeitungshäusern heraus produzierten Meinungstexte, die sich besorgt mit dieser 'Identitätspolitik' befassen. Debatten, die unter diesem Label laufen, scheinen weniger Vorgänge zum Inhalt zu haben als die Frage, wer was wie gesagt hat, und damit bewegen sie sich auf der Ebene der Zeichen, des Symbolischen, woraus wiederum regelmäßig der Vorwurf folgt, 'Identitätspolitik' sei elitär, abgehoben etc. Und weil all das – Diskussionen über Identitätspolitik, Diskussionen darüber, wie darüber diskutiert wird – permanent auf einem sehr hohen Geht’s-eigentlich-noch-Erregungslevel diskutiert wird, erinnern sich wahrscheinlich die allerwenigsten an den Sommer vor einem Jahr, als einmal zwei Personen zum Austragungsort der Schlacht um zentrale deutsche Heiligtümer wurden."

Deshalb widmet sich Baum nun den Großdebatten über Lisa Eckhart (Altpapier) und Hengameh Yaghoobifarah (Altpapier), denn dabei ging es ja vor rund einem Jahr unter anderem darum, "wie man es mit der sogenannten Identitätspolitik und der ihr regelmäßig zugeschriebenen cancel culture hält".

Baum hat dafür in "Papiermedien" erschienene Texte zu Eckhart und Yaghoobifarah durchgearbeitet - Material, das "etwa zweihundert DIN-A4-Seiten" umfasse. Das Fazit der Merkur-Autorin:

"Das Schreiben über Yaghoobifarah (und das über Eckhart) bedeutete immer auch eine politische Positionierung zu der Frage, wem in diesem Land in Zukunft was gehören sollte. Sie (und ihre Körper) waren die Austragungsorte, anhand derer darüber gestritten wurde: Yaghoobifarah stand für den Kampf um Platz in Deutschland, Eckhart für deutsche Besitzstandswahrung. Genau dieser Streit wird im Bereich des Symbolischen diskutiert (Gendern, Trennung von Werk und Autor, wie sollte gesprochen werden, wer darf was übersetzen) und deswegen als realitätsfern und elitär bezeichnet. Aber das eigentliche Thema ist ein sehr handfestes: Zugang zu Möglichkeiten. Nicht ganz zufällig verschwindet es aber regelmäßig hinter dem Buzzword 'Identitätspolitik' und seinen negativen Konnotationen (fanatisch, religiös etc.). Das ändert jedoch nichts daran, dass es im Kern um Verteilungsfragen geht. Wie man dazu steht, hängt naturgemäß maßgeblich davon ab, wie man in der Gesellschaft positioniert ist."

Mit der Identitätspolitik ist es - um einen Bezug zum Altpapier vom Mittwoch herzustellen - wie mit der Ideologie. Wer andere dafür kritisiert, dass sie "Ideologen" sind, will verschleiern, dass er selbst einer ist. Und wer gegen die "Identitätspolitik" zu Felde zieht, will auch verschleiern, ablenken. Baum schreibt:

"Eigentlich (betreibt) jeder, der seine Interessen vertritt, 'Identitätspolitik', nur mit dem Unterschied, dass bestimmte Positionen lange mit dem Privileg versehen waren, als selbstverständlich zu gelten und nicht benannt zu werden. Anders gesagt: Alle wollen irgendetwas, weil sie sind, wer sie sind, und sie sind aus ganz bestimmten Gründen, wer und wo sie sind. Dort wollen sie entweder bleiben, oder eben nicht, und damit treten sie (ihre Identitäten) in Konflikt mit anderen, die etwas anderes wollen."

Ausgehöhlter Journalismus

Um die Rahmenbedingungen der täglichen Journalismusproduktion und das Dasein als "Sklavinnen von Klicks, Zeitdruck und digitalem Optimierungswahn" geht es um einen Beitrag zur "Zukunft des Journalismus"-Reihe der Schweizer Medienwoche, den Anna Miller geschrieben hat:

"(Weil) Medienunternehmen (…) nicht mehr die Deutungshoheit über Nachrichten und Information haben, müssen sie immer stärker nach den Regeln der digitalen Aufmerksamkeitsökonomie funktionieren, um überhaupt zu überleben. Also produzieren wir Cat Content. Lassen Leserreporter Fotos von halbnackten Menschen machen, die sich auf der Strasse grad erlauben, eine Sekunde aus der Reihe zu tanzen, um daraus dann eine Geschichte zu machen, die polarisiert. Schreiben von einem Elefanten, der in China ein Stück Kuchen balanciert (…) Die Marktmechanismen, die derzeit in diesem seltsamen Zwischenraum zwischen Alt und Neu wirken, haben in den letzten Jahren das, was den Kern des Journalismus ausmacht, und uns, die ihn anständig machen wollen, ausgehöhlt. Klar, es gibt sie noch, die grossen Recherchen, die wichtigen Geschichten, die Investigativ-Stories, die dank internationaler Kooperation und Datenanalyse möglich werden (…) Doch das sind die Glanzlichter. Die paar wenigen. Wir erzählen auf Podien, an Journalistenschulen, in unseren Twitter-Feeds dann immer von den glorreichen Recherchen, von den rührenden Portraits, wir sprechen von den langen Texten und den Monaten, die es brauchte, um sie fertig zu stellen."

Der Alltag vieler Journalisten ist an diesen (Veröffentlichungs-)Orten allerdings selten ein Thema, und auch im Medienjournalismus geht es ja kaum einmal darum (und daher in einer Metamedienjournalismuskolumne wie dieser eher auch nicht). Miller dazu:

"Doch wir mögen es nicht so gerne, darüber zu sprechen, wie der Alltag der Allermeisten von uns mittlerweile aussieht. Oder bald aussehen wird. Dass wir ein paar wenige Stunden, wenn überhaupt, Zeit haben für einen Text. Dass wir E-Mail-Anfragen verschicken müssen mit einer Deadline, die keine Auskunftsperson einhalten kann. Dass wir von Kolleginnen und Kollegen abschreiben, ganze Passagen paraphrasieren, weil die Zeit schlicht nicht reicht, um sich selbst Gedanken zu machen. Wir reden nicht gern darüber, dass (…) wir einen beträchtlichen Teil der wenigen zur Verfügung stehenden Arbeitszeit damit verbringen, ein Bild zu suchen, den Titel so anzupassen, dass er sexy ist, ein bisschen gelogen, ein bisschen überspitzt, aber grad noch so durchgeht, Hauptsache, wir sind schneller, krasser."

Ein anderes Beispiel dafür, inwiefern "der Kern" dessen, "was Journalismus ausmacht, und uns, die ihn anständig machen wollen, aushöhlt:

"Wir verbringen (…) endlose Stunden in fragmentierten Räumen, schauen uns an, was andere denken, fühlen, tun oder eben nicht tun, und sind sehr beschäftigt damit, es ihnen gleich zu tun. Am Ende ist dann sehr vieles von dem, was wir sehen, aufschreiben und zur Debatte stellen, eine endlose Wiederholung von schon Bestehendem, auf die immer gleiche Art und Weise, das Rauskopieren von emotionalisiertem Verkaufsinhalt, aber solange die Leute drüber reden, ist auch das eine Meldung wert."

"Corona hat die Zeitung besser gemacht"

Über positive Entwicklungen im Journalismus kann man heute aber auch reden. Im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie davon zu sprechen, dass sie etwas Positives bewirkt hat, ist eigentlich maximal problematisch. Was den Lokaljournalismus angeht, kommt man darum aber nicht herum. Marc Rath, der Chefredakteur Landeszeitung für die Lüneburger Heide, schrieb dazu in der Mai-Ausgabe des Lokaljournalismus-Fachblatts Drehscheibe:

"Der Terminkalender plötzlich leer. Die wöchentliche Presserunde beim Bürgermeister – abgesagt. Ausschuss- und Ratssitzungen fanden virtuell oft gar nicht statt. Die täglichen Routinen gab es nicht mehr. Stattdessen stellten sich viele neue Fragen. Manche waren lebensnotwendig, sogar überlebensnotwendig. Viele Kolleginnen und Kollegen entdeckten ihn wieder – den Lokaljournalismus: die eigene Neugier, die Frage nach dem, was die Menschen gerade wirklich bewegt, und nach neuen Informationen, die helfen einzuordnen und die Krise zu bewältigen."

Die selbst für Regionalmedien tätige freie Journalistin Laura Steinke hat dieses Thema nun für Übermedien (€) aufgegriffen und dafür mit drei Chefredakteuren gesprochen:

"Bei den Oberpfalz-Medien machte Corona auf einmal den Weg frei für neue Ansätze. Chefredakteur Kai Gohlke (…) erzählt, man habe schon vorher überlegt, wie es gelingen könnte, (…) weg zu kommen von der Standardberichterstattung. Corona gab die Antwort: Als Pressetermine und Veranstaltungen wegbrachen, mussten die Freien eigene Geschichten anbieten. Gohlke sagt: 'Auf einmal hatten wir interessante Themen in der Zeitung.'"

Und Dennis Rink, stellvertretender Chefredakteur der Allgemeinen Zeitung aus Mainz und der Wormser Zeitung, wird folgendermaßen zitiert:

"'Es braucht einen gewissen Mut', um Inhalte so radikal zu verändern (…) Gerade im Lokalen, wo das Publikum an Ritualen hänge. Corona habe den Veränderungsprozess, den sie in der Redaktion schon angeschoben hatten,
'massiv beschleunigt', so seine Bilanz. 'Das hat uns auf ein Niveau gehoben, auf dem wir vorher noch nicht waren.' Für ihn steht fest: '
Corona hat die Zeitung besser gemacht.'"

Für MEDIEN360G, die Dachredaktion des Altpapiers, hatte ich mich im April 2020 damit befasst, welche Folgen Corona für die Arbeit der Regionalsport-Redaktionen hat, und ein Kollege, Thomas Sprafke, der in der Gemeinschaftsredaktion des Freien Worts, der Südthüringer Zeitung und der Meininger Zeitung das Sportressort leitet, sagte dort etwas Ähnliches wie jetzt Rink bei Übermedien: "Jeder, mit dem ich rede, sagt, dass die Zeitung jetzt eigentlich besser ist."

Kein Wunder, dass Übermedien-Autorin Steinke schreibt, "die größte Herausforderung der drei Chefredakteure ab jetzt" laute: "Bloß nicht zurück in den Termintrott!"


Altpapierkorb (Attacken auf Journalisten in Großbritannien, fragwürdiges Framing in der SZ, Frisurkritik im Tagesspiegel)

+++ Über Attacken von Coronaleugnern und Impfgegnen auf britische Journalisten berichtet Alexander Mühlauer in der SZ (Blendle-Link). Er betont aber auch: "Es wäre (…) ein Leichtes, die Wut auf 'die Medien' nur als Spinnerei von ein paar Verschwörungsideologen abzutun. So gibt es etwa in Johnsons Konservativer Partei einige Mitglieder, die einen regelrechten Feldzug gegen die BBC begonnen haben." Zu diesen Feldzüglern gehört allerdings auch der Ex-Journalist Johnson höchstpersönlich. Da wir heute bereits mit einer Monatszeitschrift in die Kolumne eingestiegen sind: In der Juli-Ausgabe der Blätter für deutsche und internationale Politik findet sich ein hervorragender Artikel der ARD-Korrespondentin Annette Dittert über die Angriffe von Johnson und Konsorten auf die BBC bzw. das gesamte demokratische System in Großbritannien.

+++ "Es zeichnen sich zwei Lager ab: die Parteien, die einen starken öffentlich-rechtlichen Rundfunk fordern, und diejenigen, die ihn entschlacken wollen" - so fasst die SZ in einem weiteren Text auf ihrer heutigen Medienseite die Lektüre der rundfunkpolitischen Passagen in den Bundestagswahlprogrammen der derzeit im Parlament vertretenen Parteien zusammen. Der Begriff "entschlacken" ist unter mehreren Framing-Aspekten problematisch: Wer seinen Körper "entschlackt", beabsichtigt, ihm Gutes zu tun, ihn zu stärken. Die Parteien, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk laut SZ "entschlacken wollen", wollen diesen hingegen schwächen bzw. de facto abschaffen. Wenn man dann noch berücksichtigt, dass "Entschlacken" oft als Synonym für "Entgiften" verwendet wird, wird das Ganze noch heikler.

+++ "Annalena Baerbock hat sich nicht nur dezent gekleidet, die Frisur sieht aus, als ob sie selbst gerade von einer langen Schicht käme", lautet eine Formulierung aus einer Tagesspiegel-Besprechung des am Dienstag gestarteten RTL-Formats "Am Tisch mit …", bei dem sechs "‚ganz normale‘ Zuschauer" die Bundestags-Spitzenkandidatin der Grünen befragten. Ich vermute mal, dass man so einen Satz in einem Text über eine Sendung, in der ein männlicher Spitzenpolitiker im Mittelpunkt steht, eher nicht lesen wird. Bei "Am Tisch mit …" handelt es sich gewissermaßen um eine stark reduzierte Variante eines seit Jahren bekannten Formats. "Ein Townhall-Meeting wie bei den Bundestagswahlen zuvor kann es in Corona-Zeiten nicht geben", schreibt der Tagesspiegel dazu. Wobei es in der ARD nach derzeitigem Stand solche Sendungen geben soll: Am 6., 7. und 15. September laufen drei Ausgaben der "ARD-Wahlarena".

Neues Altpapier gibt es wieder am Freitag.

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