Das Altpapier am 31. August 2021 Wer sich nicht als Sieger geriert, verliert

Die Nachberichterstattung zum ersten Triell läuft auf Hochtouren. Schon weil sie wichtiger als das Ereignis selbst ist. Außerdem tragen ab morgen eine "Bundestagswahl-Show", ein Wahlspiel mit einem Wal und Kandichecks zur Meinungsbildung bei. Ein Altpapier von Christian Bartels.

Teasergrafik Altpapier vom 31. August 2021: Porträt Autor Christian Barthels
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Triell: Einschaltquoten-Interpretationen und Western

Die heiße Wahlkampf-Phase hat begonnen. Das zeigt schon der Umfang der Nachbetrachtungen zum ersten der drei Trielle (AP gestern). Dietrich Leder leitet seinen medienkorrespondenz.de-Artikel mit einem Schlenker zum Sergio-Leone-Western "The Good, the Bad and the Ugly" ein, weil so was wie ein Triell dort einst in Szene gesetzt wurde. Allerdings habe RTL sich gar nicht daran orientiert. Der Vergleich spiegelt jedenfalls schön, dass die inhaltlich völlig anders gelagerte Telepolis-Besprechung desselben Sujets an die spezielle Tradition altdeutscher Western-Verleihtitel anknüpft und "Drei Halleluja für die Nato und für ein Weiter so"  heißt.

Leder, der RTLs Triell "seriös und erfolgreich" nennt, geht's dann auch um die relativ härtesten vorliegenden Zahlen:

"Dass der Kanzler-Dreikampf zur ungewohnten Zeit um 20.10 Uhr begonnen hatte, deutet daraufhin, dass RTL möglichst viele Zuschauer davon abhalten wollte, den 'Tatort' einzuschalten, der fünf Minuten später im Ersten begann. Der Trick ging nicht ganz auf. Die 'Tatort'-Folge 'Wer zögert, ist tot' war mit 7,2 Mio Zuschauern (erwartbar) erfolgreicher als RTL mit dem Triell; aber der Privatsender wird mit 5,05 Mio Zuschauern für eine Informationssendung äußerst zufrieden gewesen sein, denn ..."

dass die ARD, Co-Veranstalter des zweiten Triells, den Start der "Tatort"-Herbstsaison auf den Termin des ersten legte, zielte umgekehrt vermutlich darauf, möglichst viel Publikum von dem, das sonst sonntagabends Krimi und Anne-Will-Show in einem Rutsch zu gucken pflegt, bei sich zu behalten. Was mittelgut gelang: Die ARD-Quote sei "für eine 'Tatort'-Premiere mehr am unteren Rand zu sehen als im guten Durchschnitt", meint der Tagesspiegel.

Während Berthold Kohler vorn auf der FAZ sozusagen darauf hinweist, dass der "Tatort"-Episoden-Titel – Sie erinnern sich: "Wer zögert, ist tot" – auch ein guter Triell-, also-Western-Titel wäre, sorgen noch weitere hart klingende Zahlen für Verwirrung: "11,48 Millionen verschiedene Zuschauerinnen und Zuschauer ab 3 Jahren" erreicht zu haben, reklamiert RTLs Presseabteilung.

"Ist das nicht umwerfend? Ist es nicht. Das sind Nettozahlen. Sie benennen die Menge derjenigen, die eines der RTL-Angebote im Laufe des Abends einschalten. Im Schnitt kam das Triell bei RTL und ntv zusammen auf 5,6 Millionen Zuseher, das Geplauder danach auf 4,2 Millionen. Mit Blick auf sechzehn Millionen Zuseher im Schnitt beim Duell Merkel gegen Schulz vor vier Jahren ist das bescheiden und nicht der Sensationserfolg, den der Sender mit dem Zahlengeschiebe suggeriert",

schreibt Michael Hanfeld dazu im FAZ-Feuilleton – in dem er sich zuvor darüber ärgerte, dass das "Geplauder danach" auf RTL anhand einer Forsa-Umfrage mit "2500 angeblich repräsentativ Ausgewählten" sehr kurzerhand den Triellanten Olaf Scholz zum Sieger erklärte.

Wer das Triell jeweils gewann (und warum)

Wer im Triell am ehesten gewann, wird weiterhin unterschiedlich gesehen. Die Faustregel "Die Parteien sehen ihre Spitzenakteure jeweils als Gewinner des Formats", formuliert der Tagesspiegel. Müssen sie ja schon, weil, wenn Parteimitglieder Parteifreunde nicht eindeutig als Gewinner sehen und öffentlich bezeichnen, das überall erst recht für Aufmerksamkeit sorgen würde. Gut dürfte die Lage das Stück treffen, das heute auf S. 2 der SZ (€) steht:

"... Sogar die Kanzlerin, die sich in den vergangenen Wochen nicht durch offensives Werben für Laschet verausgabt hat, soll in der Präsidiumssitzung den Auftritt des CDU-Chefs gelobt haben. Die Partei, so viel wird an diesem Tag schnell klar, will sich die Stimmung nicht durch eine Forsa-Umfrage vermiesen lassen, laut der Laschet bei den Zuschauern des Triells am schlechtesten angekommen ist. In der CDU-Spitze bezweifeln sie, dass die Umfrage das tatsächliche Meinungsbild wiedergibt. Außerdem kann man als Christdemokrat ja sogar aus den schlechten Forsa-Zahlen noch einen positiven Trend ablesen. Im ZDF-Politbarometer vom vergangenen Freitag hatten 49 Prozent der Befragten angegeben, dass sie am liebsten den Sozialdemokraten Olaf Scholz als Kanzler hätten, nur 17 Prozent sprachen sich für Laschet aus. In der Forsa-Umfrage nach dem Triell  ..."

stehen wiederum andere Zahlen. Die Nachberichterstattung nach dem Triell und für diese Nachberichterstattung Stoff zu liefern, ist wichtig. Darauf läuft der tagesaktuell wohl aufschlussreichste Beitrag zur Triell-Nachberichterstattung hinaus. Deutschlandfunks "@mediasres" hat den Wahlforscher Thorsten Faas (der als @wahlforschung twittert und und am Wochenende im oft hörenswerten uebermedien.de-Podcast über die pausenlos angestellten Wahlumfragen und die jeweils angewandte "politische Gewichtung"  als "Betriebsgeheimnis" gesprochen hatte) befragt. Und Waas sagte also, fasst der DLF das (unter demselben Link hörbare) Interview zusammen:

"Die Nachberichterstattung sei besonders wichtig für die Menschen, die das Duell/Triell nicht gesehen haben ... Bei denjenigen, die die Sendung selbst gesehen haben, müsse schon 'Widersprüchliches' kommen, um die eigenen Eindrücke wieder zu korrigieren. ... Änderungen in der eigenen Wahrnehmung, wer eigentlich gewonnen habe, sind dem Politikwissenschaftler zufolge vor allem bei jenen zu beobachten, 'die aus ihrem Umfeld Signale bekommen haben, die der eigenen ursprünglichen Wahrnehmung widersprechen'."

Zugespitzt: Beim Publikum bleibt hängen, wer am häufigsten als Sieger bezeichnet wird, ganz besonders beim größten Teil, der die Sendung gar nicht sah, aber der Nachberichterstattung nicht entgehen kann. Was für die Triellanten und ihre Parteien heißt: Wer sich selbst zu wenig oder zu zurückhaltend als Sieger präsentiert, verliert.

Mehr Medienstoff zur Wahl (Show, Walspiel, Kandichecks)

RTLs eigene Triell-Nachberichterstattung mit den Prominenten Frauke Ludowig, Motsi Mabuse, Günther Jauch und Micky Beisenherz zog noch mehr Aufmerksamkeit. Sie sollte kompensieren, dass das Triell davor "unterm Strich so seriös war, dass es doch arg ans öffentlich-rechtliche Fernsehen erinnerte", meint meedia.de. Und Claudius Seidl hat dazu auch etwas geschrieben, das im gedruckten FAZ-Feuilleton als Duett mit dem schon erwähnten Hanfeld-Text (der direkt darunter steht) präsentiert wird. Wobei schon das nur online verwendete Foto ("Dorothee Bär und Volker Bouffier betrachten das Triell in einem sogenannten VIP-Zelt") einen Klick lohnt.

Nun in der heißen Phase hagelt es mediale Angebote zum Wahlkampf und zur Meinungsbildung dafür, die übers Trio der Trielle weit hinausgehen. Am morgigen Mittwoch zündet Pro Sieben, das ja auch das finale Shootout-Triell veranstalten wird, die nächste Granate und sendet seine erste "Bundestagswahl-Show". Dazu hat dwdl.de den Moderator Louis Klamroth interviewt. Auch wenn irgendwie vergessen wurde, darauf hinzuweisen, dass als Show-Stargäste erst Annalena Baerbock und zwei Wochen später Olaf Scholz kommen werden, wird zumindest deutlich, dass Armin Laschet nicht kommen wollte. Zahlt die Überschrift "Vielleicht ärgert sich Armin Laschet, dass er nicht dabei war" schon wieder aufs Verlierer-Image des CDU-Kandidaten ein? Jedenfalls schürt Klamroth Spannung:

"Wenn man sich traut, ein solches Format in die Primetime zu heben, dann muss es schon showig sein, damit die Leute sich drauf einlassen."

Und eigene Nachberichterstattung mit einem "prominenten Panel aus Politikexpert:innen, Influencer:innen und Künstler:innen" zum Anheizen der sonstigen Nachberichterstattung hat Pro Sieben auch schon programmiert. Ein bisschen verspielt und mit einem neckischen Tiernamen kommt das "Wahlhilfe-Tool" "DeinWal" daher, das netzpolitik.org empfiehlt. Rein inhaltlich ist das Spiel gar nicht einfach, weil zu teils ziemlich speziellen Fragen keine Enthaltung möglich ist (oder hab ich's übersehen?).

"die eigenen politischen Präferenzen mit den Abstimmungen der letzten vier Jahre im Bundestag abgleichen. Eine an das Rechenmodell des Wahl-O-Mats angelehnte Auswertung zeigt am Ende den Grad der Übereinstimmung mit den jeweiligen Parteien. Entwickelt und betrieben von drei Freiwilligen, kommt das Open-Source-Tool ohne Tracking und externe Finanzierung aus. Vom Wahl-O-Mat der Bundeszentrale für politische Bildung, der am 2. September starten soll, unterscheidet es sich in einem zentralen Punkt: Ausgewertet wird das tatsächliche Abstimmungsverhalten, nicht die Versprechen der Fraktionen. Im Bundestag nicht vertretene Parteien wurden naturgemäß nicht erfasst."

Wo dagegen die zahlreichen nicht im Bundestag vertretenen Parteien zwischen, nur zum Bi Tierschutzpartei, MLPD und der Kabarett-Partei Die Partei häufig dabei sind: in den "Kandidaten-" und "Kandidat:innenchecks" bzw. einfacher: Kandichecks, die mehrere ARD-Anstalten, aber nicht alle nach dem Vorbild des für so was 2017 Grimme Online Award-prämierten WDR bieten. Die durchaus unterschiedlichen Muster der unterschiedlichen Anstalten bzw. Funkhäuser (denn hier beim MDR, in dessen Thüringer Landesfunkhaus das Altpapier erscheint, checkt nur Sachsen seine Kandis) sind jeweils "nicht der Weisheit letzter Schluss", können aber aufschlussreich sein, meine ich unter der Überschrift "Kandichecks statt 'Candy Crush'" in meiner medienkorrespondenz.de-Kolumne.

Nachrufe (Heide Keller, Wolf-Dieter Poschmann)

Zwei Menschen, die jahrzehntelang das ZDF-Programm MIT prägten, sind gestorben.

Von Heide Keller wird nun gerne der Satz "Ich wollte von Bord gehen, solange ich die Gangway noch auf Stöckelschuhen verlassen kann" zitiert. "Ein bisschen Koketterie schwingt mit in diesem Satz, ein schöner internationaler Flair", heißt es im Nachruf der SZ. Dass Keller einige Drehbücher zur Reihe "Das Traumschiff" "unter dem Namen Jac Dueppen" selber verfasste, ist eine Bonus-Information der Onlineversion. Muss erwähnt werden, dass das ZDF "Traumschiff"-Folgen wiederholt und in seiner Mediathek bereitstellt? "Reisen Sie mit zu Sehnsuchtsorten vergangener Zeiten!"

Keller wurde 81, Wolf-Dieter Poschmann 70 Jahre alt.

"Hochjubeln war seine Sache nicht. Ob Dirk Nowitzki, Shaquille O'Neal oder Mario Basler - Poschmann war ein moderater Interviewer im besseren Sinne, der seinen Gegenüber nie der Lächerlichkeit oder dem schnellen Applaus des Studiopublikums preis gab, wie es heutzutage in der aufgeregten Sportunterhaltung öfters der Fall ist",

schreibt Markus Ehrenberg im Tagesspiegel-Nachruf. Und dass im aktuellen "Aktuellen Sportstudio" mit Jochen Breyer das Corona-halber sparsam verteilte  Publikum euphorisiert sogar den doofen Eigenwerbe-Trailern, die auch im linearen ZDF-Programm nerven, regelmäßig kräftigem Applaus verehrt, könnte durchaus dabei helfen, Poschmanns einstige Leistungen einzuordnen.


Altpapierkorb (Afghanische Medienschaffende, Sri Lanka, Mateschitz' "Pragmaticus", "Hear My Voice!", "Micky Maus" & der Erikativ)

+++ "Afghanistan wird zum weißen Fleck" hieß es am Freitag hier. Und tatsächlich, der Offene Brief von rund 150 afghanischen Medienschaffenden, die um Hilfe bitten, der in einigen Agenturmeldungen Thema ist (etwa im Neuen Deutschland), ist online kaum zu finden. "Die prominente Tolo-Moderatorin Beheshta Arghand, die mit einem Interview mit einem Taliban-Führer kurz nach der Machtübernahme der Radikalislamisten Geschichte schrieb, verließ unterdessen Medienberichten zufolge das Land", meldet epd mit Bezug auf CNN. "I left the country because, like millions of people, I fear the Taliban" und "Almost all our well known reporters and journalists have left", wird sie dort zitiert.

+++ "Erst vor sechs Monaten war der sri-lankische Reporter und Verteidigungsexperte Keerthi Ratnayake in sein Heimatland zurückgekehrt, ehe er festgenommen wurde. Nun wurde seine Haftanordnung unter dem Antiterrorgesetz PTA (Prevention of Terrorism Act) ohne Prozess auf 90 Tage verlängert", berichtet Natalie Mayroth in der taz aus einem anderen asiatischen Staat.

+++ RTL-, also Bertelsmann-Personalien vermeldete um eine Minute nach Mitternacht dwdl.de: "Gerade in Köln-Deutz", am RTL-Hauptsitz, "dürfte so mancher auch noch zu knabbern haben an dem Umstand, dass 'der Bernd'", der bisherige RTL-Geschäftsführungs-Vorsitzende Bernd Reichart, "von Bord geht", prophezeit Thomas Lückerath.

+++ Es "mehren sich die Hinweise auf den bevorstehenden Start" eines neuen Dietrich-Mateschitz-, also Red-Bull-Journalisten-Dings. "Pragmaticus" heißt es, wurde von Prinz Michael von und zu Liechtenstein mit entwickelt und soll "online und in Magazinform Erkenntnisse der Wissenschaft für die Allgemeinheit übersetzen und sich dabei den großen geopolitischen und wissenschaftlichen Fragen der Zeit widmen", berichtet der Standard.

+++ Ein Podcast "ganz so wie man das früher als Feature, Porträt oder Beitrag mit Einspielungen im Radio hören konnte" sei die SWR2-Produktion "Hear My Voice! Musikerinnen weltweit", lobt epd medien.

+++ Den Fotografen Engelbert Reineke, der im November 1966 "das letzte offizielle Bild" Konrad Adenauers machte und von da bis ins Jahr 2000 fürs Bundespresseamt fotografierte, stellte die taz vor.

+++ Und ein Jubiläum, das beinahe unterging: das 70-jährige von "Micky Maus, das bunte Monatsheft". "Eine beispiellose Erfolgsgeschichte mit mehr als 1,3 Milliarden verkauften Heften in 70 Jahren war die Folge. Bis heute erschienen rund 3300 Ausgaben des Magazins", betrachtete es der Standard von 1951 her. "Die Auflage des Micky Maus-Magazins ist wie bei fast allen Printprodukten rückläufig, aber immerhin seit drei Jahren stabil. Die durchschnittliche verkaufte Auflage des zweiwöchig erscheinenden Titels liegt laut IVW bei 72.000. Das ist weit entfernt von den Auflagen der 1990er-Jahre, als zum Teil eine Million Exemplare pro Ausgabe gedruckt wurden ...", sah es die SZ von heute. Die Welt würdigte dazu natürlich die Übersetzerin und Sprechblasendichterin Erika Fuchs ("Ihre lautmalerischen Ausrufe wie 'Ächz', 'Seufz', 'Quietsch', 'Freu' und 'Uff' sind tief in den deutschen Wortschatz eingegangen. Linguisten nennen so etwas einen Inflektiv, Verehrer von Erika Fuchs sprechen als Hommage lieber von einem Erikativ ..."). Wobei die US-amerikanischen Zeichnungen natürlich mit zum Charme beitrugen: "Mit den Jahren übernahmen europäische Zeichner den Job der Amerikaner, die Geschichten wurden flach. Aus der einst anarchistischen Mickey Mouse von Steamboat Willie wurde 'Herr Maus' in weißem Hemd und käsigen Detektivgeschichten. Ein Sieg der Fadesse ...", so wiederum der Standard.

Neues Altpapier gibt's wieder am Mittwoch.

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