Das Altpapier am 2. September 2021 Hinter verschlossenen Türen

Der RBB schickt einen Dokumentarfilm "zum Überarbeiten", Piers Morgen spuckt Galle, und in Slowenien sind unabhängige Nachrichten bedroht. Ein Altpapier von Jenni Zylka.

Teasergrafik Altpapier vom 2. September 2021: Porträt der Autorin Jenni Zylka
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Ist die Katze aus dem Haus…

Es ist immer interessant, was passiert, wenn jemand unbeobachtet ist (oder sich fühlt). In Peter Hoegs "Fräulein Smillas Gespür für Schnee" taucht die Protagonistin, die lakonische, verbitterte, hochgebildete, kulturell entwurzelte pelzkamiken- und seidenanoraktragende Smilla, öfter mal extra zu früh bei jemandem auf. Nur um zu schauen, was er macht, wenn er denkt, es kriege keiner mit:

"Der Mensch hält sein Leben durch die Zeit zusammen. Ändert man sie nur ein klein wenig, passiert fast immer etwas Spannendes."

Manche Menschen versuchen dann noch schnell, an Informationen zu kommen. So wie (und das ist, mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit, vielleicht, na ja, eventuell der letzte der vielen Altpapier-Kommentare zum Triell und der damit verbundenen Nachberichterstattung, hier exemplarisch einer von Dienstag) Günther Jauch. Laut eines Berichts des Redaktionsnetzwerks Deutschland lief nämlich während der Werbepausen bei der ulkigen, senderinternen Post-Triell-Frauke Ludowig-Runde einfach der Stream weiter, so dass man die Beteiligten pur erleben konnte, ganz so, wie sie sind, wenn die Kamera (vermeintlich) aus, beziehungsweise die Katze aus dem Haus ist:

"So bekam das Online-Publikum mit, was es üblicherweise nicht mitkriegen sollte. Nicht nur, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer zu sehen bekamen, wie zwei Maskenbildnerinnen wieder Frauke Ludowigs Kostüm richteten, sie hörten auch Günther Jauch durchs Studio rufen: "Haben Sie die Zahlen, Herr Blome. Schön vorher sagen, dass wir auch was wissen", forderte der TV-Moderator in Richtung Nikolaus Blome, dem Chef des RTL-Politik-Ressorts."

Man kann ihn ja verstehen. Wer nie heimlich unterm Tisch oder auf der Toilette im Handy irgendetwas recherchierte, der werfe den ersten Stein.

Aber was wohl gerade hinter verschlossenen RBB-Türen vorgefallen ist? Mehrere Zeitungen berichten darüber, hier die Berliner:

Dass TV-Sender kurzfristig ihr Programm ändern, ist nicht ungewöhnlich. So rückte der RBB für den Mittwochabend um 22.15 Uhr die Reportage "Afghanistan, mein verwundetes Land" ins Sendeschema – doch die ursprünglich geplante Sendung hat es in sich. Denn eigentlich sollte sich hier die Dokumentation "Sondervorgang MeToo" den Vorgängen an der Stasi-Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen widmen und dabei der Frage nachgehen, ob der 2018 entlassene Direktor Hubertus Knabe, laut RBB-Annonation ein "unbequemer Mahner gegen die Verklärung der DDR-Vergangenheit", einer politischen Intrige zum Opfer gefallen sei.

Der Autor der Dokumentation, Maurice-Philipp Remy, habe, so schreibt es der Tagesspiegel, seinen Film eventuell nicht "nach den notwendig objektiv Maßstäben gefertigt".

(Ganz kurz zum Hintergrund: Der Historiker Knabe war bekanntlich "gegangen worden", das hatte eine Kontroverse ausgelöst, kann man hier ein wenig nachlesen. Neben vielen anderen Dingen habe Knabe in der Gedenkstätte angestellte Frauen nicht ausreichend vor Übergriffen seines Stellvertreters geschützt, ein Untersuchungsausschuss hatte "massives Versagen" festgestellt, auch dieses Ergebnis, wie alles andere bei dem Fall, je nach Lager umstritten.)

Jedenfalls: Gern hätte man die komplexe Situation in einem Dokumentarfilm aufgeschlüsselt gesehen. Dieser Film wird nun aber "überarbeitet", wie der Tagesspiegel schreibt:

"Eine Ergänzung, eine Überarbeitung wurde als notwendig erkannt. Der öffentlich-rechtliche Sender musste erkennen, dass Autor Maurice Philip Remy "vor allem vor der Auftragsvergabe aktiv bei Facebook an der Diskussion beteiligt hat, etwa indem er einen Spendenaufruf für die Gerichtskosten von Knabe geteilt hat.""

Und weiter:

"Der RBB, so belegen es Mails, ist von den Aktivitäten und Stellungnahmen Remys für Knabe überrascht worden. Dem Sender waren sie nicht bekannt, sie wurden ihm bekannt gemacht. Danach zogen die RBB-Verantwortlichen die Notbremse. Das wiederum muss überraschen, weil es Fragen nach der Auftragsvergabe im RBB-Fernsehen stellt. Es werden doch zielführende Gespräche mit dem Dokumentarfilmer geführt worden sein? Und wenn ja, dann ist die Schlagseite Remys nicht offenbar geworden? Der RBB wirkt wie ein naiver Hans-guckt-in-die-Luft."

Schwäche oder Vorsicht?

Stimmt zwar. Man kann es jedoch auch so sehen: Der RBB hat immerhin eine mögliche Fehlentscheidung, eine möglicherweise noch viel schärfer ausgefallenere Kritik prophylaktisch verhindert – vielleicht sind das immer noch Nachwirkungen der Diskussionen um Authentizität und Wahrheitsgehalt von dokumentarischen Formaten, die nicht zuletzt aufgrund des Skandals um den Film "Lovemobil" angestoßen wurden. Und die sich – wie auch in diesem Fall – zurecht mit der Nähe zwischen Protagonist:innen und Filmemacher:innen beschäftigen, und dabei immer und immer wieder die Frage nach Objektivität stellen müssen: Wie objektiv kann man sein, wenn man so nahe an sein Thema und die damit verbundenen Menschen herankommt?

(Falls jemanden eine fiktionale Bearbeitung genau dieser Thesen interessiert: Es gibt diesen großartigen, aktuellen japanischen Film namens "A balance" dazu, in dem eine Dokumentarregisseurin, die einen Film zu einem Fall von tödlichem Mobbing in der Schule realisiert, von persönlichen Ereignissen in genau diesem Themenfeld eingeholt wird – was ihre Intention, einen objektiven Film zu macht, stark beeinflusst. Leider weiß ich auch nicht, wo man den gerade schauen kann – aber manchmal passieren ja auch fernsehprogrammkuratorisch plötzlich Zeichen und Wunder.)

Ich werde die Knabe-Geschichte, wenn sie dann "überarbeitet" ausgestrahlt wird, jedenfalls neugierig verfolgen, und freue mich schon auf die Disclaimer.

Häme statt Charme

Und noch etwas Spannendes, das hier: Im Zwist zwischen der angenehm unroyal streitlustigen Meghan Markle und dem bekanntlich noch viel streitlustigeren britischen Journalisten und Hobbyprovokateur Piers Morgan hat die britische Medienaufsichtsbehörde Ofcom (in etwa die deutschen Landesmedienanstalten) eine Beschwerde von Markle gegen Morgan abgewiesen. Sie hatte seinen kritischen bis ätzenden (man kann auch sagen: beleidigenden) Kommentar zu ihren Ausführungen bezüglich ihrer Behandlung bei der royalen Schwiegerfamilie nicht auf sich sitzen lassen, er war bei einem Kollegengespräch darüber wütend aus der Live-Morgensendung bei ITV gestürmt und hatte seinen Job verloren.

Hier ist, was der Spiegel zu der Sache und zur Begründung von Ofcom schreibt:

"Die Äußerungen des Moderators seien »potenziell schädlich und beleidigend« gewesen, entschied die Behörde Ofcom am Mittwoch. Sie betonte allerdings: »Aber wir haben auch die Meinungsfreiheit in vollem Umfang berücksichtigt. Nach unseren Regeln können Sender kontroverse Meinungen als Teil einer legitimen Debatte im öffentlichen Interesse einbringen.« Dass andere Mitwirkende der Sendung Morgans Aussagen kritisiert hatten, habe zudem bei den Zuschauern den nötigen Kontext hergestellt, so Ofcom weiter.

Morgan lacht sich jetzt eins ins Fäustchen, und ärgert weiter: "Do I get my job back?" twittert er hier hämisch, und fordert seine Follower etwas später hier auf, ihn zum "Moderator des Jahres" zu wählen, weil das "Prinzessin Pinocchio" noch mehr wurmen würde:

"I imagine the only thing that could irritate Princess Pinocchio more than me winning my @ofcom case against her would be me winning Presenter of the Year at this year’s National TV Awards…. So vote away!”

Und schon wieder ist man bei der leidigen Debatte um Meinungsfreiheit versus Menschenwürde bzw. Schutz vor Beleidigungen. Ich versteh’s aber auch nicht. Kann man das mit dem Beleidigen nicht einfach mal als Stilmittel weglassen!? Kann man nicht wieder mit Schirm, Charme und Melone überzeugen? Gerade die Briten haben das doch eigentlich drauf.

STA in Not

Noch ein allerletztes Thema, ganz kurz: Ganz andere, nicht weniger grundlegende Probleme hat nämlich die Slowenische Nachrichtenagentur STA. Sie wird seit 244 Tagen nicht mehr staatlich unterstützt. Der Standard schreibt:

"Die Regierung des rechtskonservativen Ministerpräsidenten Janez Jansa, der die Berichterstattung der STA immer wieder kritisiert, hatte mit Jahresanfang die gesetzlich vorgeschriebene Finanzierung eingestellt. Die Nachrichtenagentur liegt mit Jansa im Clinch, weil sie sich nicht zum Regierungssprachrohr machen lassen will."

Die Europäische Allianz der Nachrichtenagenturen hat die slowenische Regierung jetzt aufgefordert, die STA weiter zu unterstützen, hier ist der Hilferuf, den die STA an die Europäische Kommission abgesetzt hatte:

"It is with sadness that the shrinking staff at the STA - a tenth of the staff have left since the start of the funding problems - can now report that nothing has happened. The Government continues to engage in actions that are intentionally pushing us into a dead-end, a point at which we must give up either our independence or our jobs.”

Und weiter:

"We ask you to support our renewed appeal to the Government to immediately and unconditionally provide funding for the STA. We have arrived at a point where a key public media outlet is at the cusp of collapse because of the refusal by the Government to provide financing, a refusal that constitutes a violation of Slovenian law.”

Da kommen einem die Kabbeleien zwischen einem eitlen britischen Pressefatzke und einer Prinzessin auf der Erbse gleich ganz anders vor.

Altpapierkorb (...mit Ed Asner und den neuen RTL Deutschland-Chefs)

+++ Nicht unterschlagen möchte ich diesen Welt-Nachruf auf Ed Asner, der das Bild des Zeitungsmannes mit seinem Charakter "Lou Grant" stark prägte. (Irgendwie scheint das fast der einzige Nachruf zu sein, weil die Kulturmenschen des Landes, ich eingeschlossen, die ganzen letzten Tage mit eiligen traurigen Nachrufen auf Lee Sratch Perry, Charlie Watts oder Heide Keller – was für eine Mischung, diese drei Namen! – beschäftigt waren.)

+++ Und die Süddeutsche portraitiert hier das neue Führungsduo bei RTL Deutschland, Gruner+Jahr-Chef Stephan Schäfer und Matthias Dang, der vorher Chef des Werbevermarkters Ad Alliance war. Die Zeitung sieht folgende Gefahr: "Wenn Inhalte immer stärker danach ausgerichtet werden, ob sie gut vermarktbar sind oder nicht, verlieren sie an Profil."

Neues Altpapier gibt es wieder am Freitag.

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