Das Altpapier am 6. September 2021 Kräht der Hahn auf dem Mist

Übertreiben die Berichte über den Zusammenhang von Wetterextremen mit dem Klimawandel die Bedrohung? Rezo sieht das definetly nicht so. Und die BamS bleibt leer. Ein Altpapier von Jenni Zylka.

Teasergrafik Altpapier vom 6. September 2021: Porträt der Autorin Jenni Zylka
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Was heißt hier "glimpflich"?

Es ist ja nicht so, dass das Über’s Wetter-Reden prinzipiell mehr Spaß macht, seit es dabei um den Klimawandel geht. Aber es ist nicht mehr obsolet. Und oberflächlich schon gar nicht. Die Welt (€) zitierte am Sonntag unter dem Titel "Wahrheiten über das gefährliche Wetter" gleich eine ganze Palette von Studien, um zu beschreiben, dass die Wetter-Extreme zwar zunähmen, aber dass die Ereignisse selber "glimpflicher als früher" verliefen. Um jedoch dennoch den dringenden Handlungsbedarf zu unterstreichen, würde man zuweilen etwas zu sehr auf den (brennenden) Busch klopfen, zum Beispiel bei der Auswertung des letzten, extrem gruseligen Reports des UN-Klimarates IPCC:

"Der UN-Klimareport offenbarte aber auch, dass sich bislang nur eine Minderheit von Wetterextremen mit dem Klimawandel in Verbindung bringen lässt – was die UN in ein Kommunikationsdilemma bringt: Die schlimmen Folgen der globalen Erwärmung verorten Wissenschaftler in der Zukunft. Um den Ernst deutlich zu machen, müssten in Sachen Klimawandel "Wege gefunden werden, die Bedrohung zu übertreiben", empfahl vor zwölf Jahren der Wirtschaftsnobelpreisträger Thomas Schilling."

Und das täten also jetzt einige Vorsichtige. Belegt wird die angebliche Übertreibung im Artikel mit den Aussagen eines Mannes namens Roger Pielke jr.:

"Diese Woche legte die Wetterbehörde der Vereinten Nationen nach, die WMO. "Die Anzahl von Wetterkatastrophen hat sich verfünffacht in den vergangenen 50 Jahren, angetrieben vom Klimawandel", schreibt die UN-Behörde – das Medienecho diese Woche war groß. Doch auch dieser Report stehe im Widerspruch zur Wissenschaft, kommentiert der Umweltforscher Roger Pielke Junior von der University of Colorado, der den Zusammenhang von Wetterkatastrophen und Klimawandel seit 25 Jahren untersucht. "Es ist traurig zu sehen, dass die WMO einen derartig armseligen Bericht veröffentlicht", sagt Pielke. Der WMO-Bericht genüge keinen wissenschaftlichen Ansprüchen."

Was ist ein RCP?

Hier der WMO-Bericht zum Nachprüfen für Experten und Expertinnen, auf mich wirkt er ebenfalls ziemlich überzeugend... aber was weiß ich denn schon. Pielke ist, wenn man der Homepage seiner Universität und Wikipedia Glauben schenken darf, allerdings auch kein Umweltforscher, sondern hat Mathematik und Politikwissenschaften studiert, seine Forschungsschwerpunkte liegen auf den Zusammenhängen zwischen Politik und Wissenschaft, auf den ökonomischen Folgen von Katastrophen, und darauf, welche Bedeutung Wissenschaft für politische Entscheidungen hat. Auf Twitter kritisiert er zum Beispiel jüngst die Berichterstattung der US-Medien zum eingangs erwähnten IPCC-Report (hier kann man sich, wenn man denn möchte, durch den sehr komplexen und detaillierten Thread lesen, in dem es zudem stark um angeblich falsche Beschreibungen von "RCPs" geht – das sind vom Weltklimarat so benannte "Szenarien für den Verlauf der absoluten Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre", leider läuft einem das deutsche Wort für RCP auch nicht besser rein: "Repräsentativer Konzentrationspfad".)

Die Studien, mit denen Pielke im Welt-Artikel in Zusammenhang gebracht wird, sollen beweisen, dass

"…Katastrophenschäden im Verhältnis zum steigenden Wohlstand sogar rückläufig sind seit Anfang der 1990er-Jahre. Werden Inflation und wachsende Werte berücksichtigt, verursacht Extremwetter mittlerweile weniger Schaden als früher – ein Effekt des Klimawandels auf die Summe der Schäden ist mithin nicht erkennbar."

Wie aktuell müssen Studien sein?

Jene Studien stammen allerdings von 2018, eine andere dort genannte Studie ist aus dem Jahr 2019. Die Welt zitiert außerdem zwei Klimaforscher, die 2018 schrieben,

"dass die Zahl der Toten durch Sturmfluten seit den 1960er-Jahren zurückgegangen ist."

Müsste man jedoch, weil sich momentan schließlich sehr viel ändert, nicht unbedingt mit in Betracht nehmen, wie sich die Häufigkeit von Hochwasserereignissen wie Sturmfluten nach 2018 entwickelt hat? Die Welt schließt mit diesem Absatz, der die Erkenntnisse der internationalen Forschung (unter anderem durch die Wissenschaftler:innen des Klimarats) wieder bestätigt:

"Dass Wetterextreme weniger gefährlich sind als früher, bedeutet indes nicht, dass der Klimawandel keinen gefährlichen Einfluss hätte: Die globale Erwärmung hat das Wetter nachweislich geändert, und manche Arten von Extremwetter häufen sich, auch wenn sich das noch nicht auswirkt in der allgemeinen Schadensbilanz."

Und auch der "Umweltforscher", schreibt die Welt, schlage demzufolge Alarm:

"Doch die positive Bilanz in Sachen Wetterschäden böte der Menschheit eine wichtige Lehre, meint Umweltforscher Pielke: Sie unterstreiche, dass der Kampf gegen den Klimawandel an mehreren Fronten geführt werden müsse: Die Lektion der vergangenen Jahrzehnte laute, dass Siedlungen ihre Infrastruktur besser auf Wetterrisiken einstellen müssten. Schutzmaßnahmen könnten sicherstellen, dass Kinder keine Albträume mehr haben müssten wegen des Klimawandels."

Vielleicht möchte der Artikel also nur bei den Themen Wetterextremen, Klimawandel, Anstieg der Häufigkeit und sinkende Schadensbilanz genau differenzieren. Dennoch klingt es ein bisschen so, als könne die Kritik an dem Report seine Dringlichkeit zumindest relativieren.

CDU, wieso bist du so sus?

Rezo hat den IPCC-Report ebenfalls gelesen, und nimmt ihn extrem ernst. Denn der Blogger und Parteienkritiker veröffentlichte wie angekündigt am Samstag den zweiten Teil seiner prä-Wahl-"Zerstörungsreihe", selbstredend inklusive Quellenangaben und Anglizismen satt, bis Montag früh wurde das 32minütige Video bereits 1,9 Millionen Mal angeklickt. Es geht darin also um Klimapolitik, und der Spiegel schreibt:

"Und es stimmt natürlich wieder vieles, was Rezo im neuen Video zusammenträgt: Zunächst bringt er die Zuschauenden noch mal auf Stand, was es mit der Klimakrise auf sich hat. Rezo führt an, dass die Erderhitzung keine ferne Zukunftsmusik mehr ist, sondern real und längst lebensbedrohlich. Waldbrände haben in Australien eine Fläche vernichtet, die der Hälfte Deutschlands entspricht, 500 Millionen Tiere seien an den Folgen der Feuersbrünste gestorben. Dass der Mensch dafür verantwortlich zeichnet, daran lässt Rezo keinen Zweifel – und beruft sich auf seriöse Quellen des Weltklimarates IPCC."

Fast durchweg kritisiert der Blogger dabei das Verhalten der CDU, er erklärt den Zusammenhang zwischen möglichen Schmiergeldzahlungen von Energiekonzernen an Landräte der Partei und die Behinderung des Ausbaus von Windenergie in NRW unter Armin Laschet. Wieder Spiegel:

"Dem Versprechen, sich »alle« Parteien anzuschauen, wird Rezo damit nicht ganz gerecht. Denn natürlich stehen auf der Nebeneinkünfte-Liste aus Rheinland-Pfalz auch Abgeordnete von SPD und Freien Wählern. Auch erwähnt Rezo nur in einem Nebensatz, dass das vom Bundesverfassungsgericht als in Teilen verfassungswidrig gebrandmarkte Klimaschutzgesetz auch aus SPD-Feder stammt."

Was nicht ganz stimmt: Rezo wiederholt mehrfach sehr deutlich, dass die CDU das Gesetz gemeinsam mit der SPD erlassen hat, und erwähnt auch zu anderen Vorwürfen immer wieder die Zusammenarbeit der Koalition. Interessant ist, dass Rezo sich am Ende seines Clips ganz dezidiert an Menschen über 50 wendet, die statistisch die Mehrheit der Wähler- und Wählerinnenstimmen stellen, um sie dazu aufzufordern, sich um die Zukunft ihrer Kinder und Enkel zu kümmern. Der Spiegel spekuliert darüber, wie effektiv das ist:

"Bleibt nur die Frage, wer von ihnen Rezo abonniert hat – oder ihn versteht, wenn er oder sie das Video von Enkeln weitergeleitet bekommt. Weiß Oma, was es bedeutet, wenn der Blogger Laschet unterstellt, »sus« zu sein?"

Sus bedeutet "suspicious", ist doch clear wie Kloßbrühe. Und selbst wenn "Oma" das nicht weiß – den Rest versteht sie bestimmt, abgesehen davon, dass es nur konsequent von Rezo ist, in seinem Duktus zu bleiben: Es wäre nicht überzeugender, wenn ein älteres Publikum anders von ihm angesprochen würde. Schließlich klingt jugendliche Sprache bei "Oma" eventuell auch nicht authentisch.

Bei der Frage, wie man mit schockierenden wissenschaftlichen Berichten umgehen soll, fällt mir aus unerfindlichen Gründen immer die Kurzgeschichte "Wie man sich’s abgewöhnt" von Ephraim Kishon ein, in der der Satiriker ein Gespräch zwischen einem Raucher und einem Ex-Raucher beschreibt:

"Ich rauche nicht mehr. Seit ich diese alarmierenden Berichte in der Zeitung gelesen habe…" – "Auch ich habe sie gelesen. Aber ich hab’s überwunden."- "Wie ist Ihnen das geglückt?" - "Willenskraft, nichts weiter. (…) An dem Tag, an dem in der Jerusalem Post das Gutachten des amerikanischen Gesundheitsamtes über die schädlichen Auswirkungen des Rauchens erschien, verfiel ich in Panik. An diesem Tag stand mein Entschluss fest: Ich hörte auf, Zeitungen zu lesen."

Aber kein Alkohol ist eben auch keine Lösung.

Wieso steht hier nichts?

Kurz noch zu einem zweiten Thema: Die BamS hat eine fast unbedruckte Seite veröffentlicht, auf der nach Eigenangabe eigentlich ein Interview mit Annalena Baerbock hätte erscheinen sollen.

Die grüne Kanzlerkandidatin hat aber anscheinend bei ihrer Gesprächszusage lange gezögert, und dann wegen Terminproblemen abgesagt. Auf Seite 8 der Sonntagszeitung prangt nun in großen Lettern die Überschrift "Das ist Ihre Seite, Frau Baerbock!", darunter: "Die Kanzlerkandidatin der Grünen hätte hier erklären können, wie sie nach der Bundestagswahl regieren will, wie sie tickt, welche Werte sie prägen."

Mal abgesehen davon, wie lustig (und günstig) es wird, wenn auch andere Medien dazu übergehen, abgesagte Interviews mit minutenlanger Stille (im Radio) oder Testbild (im Fernsehen) zu dokumentieren, und abgesehen davon, dass Baerbock ja eh mit den Konsequenzen leben muss (Laschet und Scholz werden der Bams noch Interviews geben, hat die Zeitung angekündigt), könnte man die eingeschnappte Konnotation mit der Leere als deutlichen Hinweis auf das Baerbock als "unbeschriebenes Blatt", als tabula rasa im Sinne von "keine Erfahrung haben" deuten. Aber zu große Subtilität kann man der Bams ja eh selten vorwerfen.


Altpapierkorb (... mit Julia Pace und Fake News)

+++ Die SZ portraitiert die neue Spitze der Nachrichtenagentur AP Julia Pace. Bereits zum dritten Mal steht der Agentur eine Frau vor, was den Trend bei weiblichen Top-Positionen im Medienbereich fortsetze, schreibt die Zeitung.

+++ Der Tagesspiegel berichtet über zwei Bremer Wissenschaftler:innen, die in einer Studie bewiesen, dass durch Fake News politische Lager zementiert werden. Diese Studie sei allerdings auf AfD-Facebook-Accounts beschränkt, kritisiert das Blatt. Die Ergebnisse sind nicht überraschend – wir Ausgewählte schlau, ihr alle doof. Auszug:

""Alternative Fakten" werden ins Spiel gebracht, um sich in der Fundamentalopposition zur Mehrheitsmeinung der Gesellschaft zu bestärken. Sie dienen als Instrumente, um sich gegen Sachkritik zu wappnen – Motto: "denen nicht auf den Leim gehen" – und sich selbst als "Durchblicker" zu inszenieren und zu profilieren."

Neues Altpapier gibt es wieder am Dienstag.

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