Das Altpapier am 21. September 2021 Bronze für die Öffentlich-Rechtlichen

Das Triell der Trielle ist vorbei. Gewonnen hat (wie immer in Triellen), vorerst jeder, doch ProSieben erhält bemerkenswert viel Lob. Die Mängel im "entpolitisierten" Unterhaltungs-Wahlkampf werden zunehmend kritisiert. Und die Bertelsmanns Content-Allianz setzt im beliebten Genre "True Crime" neue Standards – tief nach unten ... Ein Altpapier von Christian Bartels.

Teasergrafik Altpapier vom 21. September 2021: Porträt Autor Christian Barthels
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Das "erträglichste", "interessanteste", "beste" Triell

Die Bundestagswahl liegt immer noch vor uns, aber immerhin das Trio der Trielle hinter uns. Wer hat gewonnen?

Geht man nach den Einschaltquoten, heimsen die Öffentlich-Rechtlichen mit zusammengerechnet fast elf Millionen Zuschauern den Lorbeer ein. Wobei die beiden Privatsender-Gruppen, die ja jeweils jüngere und daher demographisch schlankere Zielgruppen ansprechen wollen, ebenfalls zufrieden sein können (Tagesspiegel mit zahlreichen Zahlen).

Geht es nach Bewertungen von Konzept und Moderation, sieht es anders aus. "Sagen wir so: Beim ersten Mal, bei RTL, waren sie besser", schrieb Klaus Raab hier nach dem zweiten Mal, dem gemeinsamen ARD/ZDF-Triell. Und nach dem dritten Triell am Sonntag auf den ProSiebenSat.1-Sendern hagelt es derart viel Lob für die Moderatorinnen Claudia von Brauchitsch und Linda Zervakis, dass diese als Gewinnerinnen gelten können.

Dass das dritte Triell "nicht das schlechteste" war, findet die taz. Dass "ausgerechnet dieses dritte Triell in den Tiefen des Privatfernsehens das erträglichste" war, notiert Holger Gertz nicht ohne allerhand Tennis-Vergleiche für die heutige SZ-Medienseite. Dass es "das interessanteste Triell war", schrieb Frank Lübberding in der faz.net-Frühkritik (und vergleicht dann in der Nachbetrachtung für die heutige FAZ-Medienseite den "politischen Fernsehschaukampf" mit dem Boxsport). 

Dietrich Leder wurde "positiv überrascht" (medienkorrespondenz.de). "Die Trielle bei RTL und ProSieben waren deutlich themenorientierter", schreibt Joachim Huber in der Tagesspiegel-Analyse (derzufolge "das Fernsehformat des Triells währenddessen und in der jeweiligen Nachbereitung die Form eines Pferderennens" annahm). Dass das dritte "das beste unter den drei Triellen" war, notierte ebd. zuvor Anna Sauerbrey (mit einem –  wow –  Lebensmittelvergleich: "wie Schwarzbrot: bodenständig, weitgehend humorlos, sehr, sehr deutsch, aber eben doch gesund und sättigend"). Und hier trägt kress.de noch mehr lobende Erwähnungen des dritten Triells zusammen.

Was der dritte Sieger aus den Triellen lernen könnte

Wie bereits gewohnt, geht es in vielen der insgesamt sehr, sehr vielen Analysen natürlich auch oder insgesamt mehr darum, wer von den politischen Kandidaten das jeweilige Triell gewonnen hat als wer von den publizistischen Akteuren. Am reinsten fernsehkritisch zeigt sich dwdl.de im "Triell-Triell: Wie schlugen sich die Fernsehsender?" und konstatiert nicht nur beim "Faktor Moderation" einen "klaren Punktsieg ... für die Privaten".

Einmal scharf kritisiert werden die Pro Sieben-Moderatorinnen auch: "Als es versprach, wirklich spannend zu werden, versagte die Moderation komplett", schreibt Anna Schneider bei welt.de vor allem deswegen, weil sie die Moderation als "reines Geschenk an Rot-Grün" empfand. Was auch kein Lob für die Öffentlich-Rechtlichen ist.

Zusammengefasst: Bei den Triellen 2021 schaffte es der Platzhirsch mit den Startvorteilen des sicher fließenden Rundfunkbeitrags und der jahrzehntelangen Polit-Berichterstattungs-Erfahrung (oder ist die dann doch eher Ballast?) gerade noch zur Bronze-Medaille – nicht unbedingt aus eigener Kraft, sondern weil Anbieter weiterer Fernsehprogramm-artiger Dienste wie Netflix, DAZN und Disney+ (prädestiniert, weil das "Micky-Maus"-Heft aus dem Jahre 1993 in beinahe jeder ProSieben-Triell-Besprechung als Höhepunkt erwähnt wird!) dieses Mal noch kein eigenes Triell veranstalteten. Dabei wären die willigen Kandidaten, wie man sie kennen lernen konnte, sicher noch zu ein paar weiteren Gigs bereit gewesen.

Vielleicht können ARD und ZDF am Donnerstag, wenn in der "Schlussrunde" ("'Die Schlussrunde' ist eine echte 'Elefantenrunde' ...") die Triell-Haudegen nochmals gemeinsam auf weitere Herausforderer treffen, das Ruder ein wenig rumreißen. Doch ARD und ZDF sind die Verlierer im Trielle-Triell. Falls es bei den Öffentlich-Rechtlichen anstaltenübergreifende Strategiekommissionen gibt, dürfte eine Lehre darin bestehen, die gemeinsame inhaltliche Abstimmung auf allen Ebenen zu erhöhen. Schon weil die Selbstwahrnehmung, dass es sich bei den vielfältigen ARD-Angeboten und den zahlreichen ZDF-Sendern um Wettbewerber handelt, die außer um das identische Krimi- und Quizshow-Publikum zu konkurrieren, manchmal auch unterschiedliche Perspektiven anbieten, durch die Struktur der Sendergruppen-Trielle bei weiten Teilen des Publikums auch noch deutlich weiter unter die Räder gekommen sein dürfte.

Was im Medien-Wahlkampf nicht vorkommt

Gut sozusagen für die Öffentlich-Rechtlichen, dass Medienpolitik zu den nicht wenigen Themen gehörte, um die es in den Triellen nicht im geringsten ging. In der Hinsicht mehrt sich Kritik. "Außenpolitik ... gibt’s im deutschen TV-Wahlkampf nämlich nicht", schreibt Gertz in der SZ mit Recht. Am grundsätzlichsten verurteilt, natürlich parteiisch, Peter Unfried in der taz die "Entpolitisierung durch Politikunterhaltungsformate" in diesem Wahlkampf  auch und gerade durch die Medien ("Alle schielen wir auf unsere Zielgruppe, der wir das geben, von dem wir denken wollen, dass sie das konsumieren will: die richtigen Emotionen. Und das kann es einfach nicht sein").

Vom "Wahlkampf der vertanen" bzw. "vergebenen Chancen" spricht Dokumentarfilmer Stephan Lamby (dessen ARD-Doku "Wege zur Macht" auch noch mal, aber nicht live Laschet, Baerbock und Scholz zeigt), in zwei Porträts über ihn. Und was für eine geringe Rolle Digital- bzw. Netzpolitik, bei der es sich ja auch um Medienpolitik handelt, in diesem ebenso umfänglichen wie unterkomplexen Medien-Wahlkampf spielt, ist ebenfalls bedenklich. "Begreifen die Parteien überhaupt den gesellschaftlichen Wandel, den das Internet bringt?", fragte dazu Andrian Kreye in einem lesenswerten SZ-Leitartikel:

"Von den Parteien mit Aussicht auf mehr als fünf Prozent Stimmanteil haben nur die Grünen die Digitalisierung auf ihren Wahlplakaten thematisiert. Lustigerweise auf einem Plakat, das der Zielgruppe 60 plus guten Handyempfang verspricht. Und auf einem des Schattenkandidaten Robert Habeck, der mit dem Spruch 'Züge, Schulen, Internet - ein Land, das einfach funktioniert' die Digitalisierung ebenfalls auf ein Infrastrukturproblem reduziert."

"True Crime", Mörder-Interviews und "Ausgewogenheit"

Alle schauen nach Berlin und gucken, wie Armin Laschet jetzt wieder in die Kamera guckt? Ich vollzog neulich in Gütersloh den Stadtrundgang "Auf den Spuren Reinhard Mohns ..." (PDF) nach, zugleich auf den Spuren des im August erschienenen Thomas-Schuler-Artikels "Bertelsmann klittert schon wieder ..." (uebermedien.de). Spoiler zu meiner Medienkolumne dazu: Gütersloh ist mindestens so interessant wie die meisten anderen deutschen Städte, und sich mit Bertelsmann zu beschäftigen, lohnt. Bloß den Selbstdarstellungen des Konzerns sollte man nicht ausschließlich folgen.

Auch an diesem Dienstag setzt Bertelsmann die meistverbreitete Medien-Nachricht jenseits des Wahlkampfs. Seit gestern ist auf tvnow.de, also der Streaming-Plattform, die demnächst in RTL+ umbenannt werden soll, "Der Todespfleger - Die Morde des Niels Högel" zu sehen. Und RTL wirbt für diese "Doku-Reihe" über die "die größte deutsche Mordserie seit Ende des 2. Weltkriegs" u.a. mit einem "packenden Telefoninterview aus der JVA Oldenburg" – also mit dem dort einsitzenden verurteilten Mörder. Das zog außer Aufmerksamkeit auch Kritik nach sich. "Damit zu werben, dass man einen vielfachen Patientenmörder interviewt habe, überschreite alle ethischen Grenzen", sagte etwa Eugen Brysch von der Deutschen Stiftung Patientenschutz der KNA (Tagesspiegel). Am schärfsten kritisierte Annette Ramelsberger in der Samstags-SZ (€) den Film:

"Die Polizei Oldenburg immerhin hatte es offensichtlich befürchtet und sich vertraglich abgesichert. 'Wir wurden angefragt, ob wir bei der Dokumentation über die Krankenhausmorde mitmachen. Wir haben zugesagt', sagt der Polizeipräsident von Oldenburg, Johann Kühme, im Gespräch mit der SZ. 'Wir haben vereinbart: Wenn Herr Högel in der Dokumentation in irgendeiner Form in Erscheinung tritt, in Wort oder Bild, dann machen wir nicht mit. Die Polizei will Herrn Högel nicht in seiner Geltungssucht unterstützen.' Die Polizei hatte als Gesprächspartner den Leiter der Sonderkommission Kardio aufgeboten, den besten Kenner der Mordserie. Entweder der Leiter der Sonderkommission oder Niels Högel – das war die Wahl. TV Now hat sich für das Interview mit dem Mörder entschieden. Die Sequenzen mit dem Soko-Chef, über Stunden aufgenommen, durften in dem Film nicht verwendet werden."

Andere Interviewpartner der RTL-Produktion, etwa der Journalist Karsten Krogmann, der inzwischen für den Weißen Ring arbeitet, hätten sich nur mündlich zusichern lassen, dass Högel nicht befragt wird, und "fühlen sich" nun "von RTL hintergangen", berichtet die FAZ. Die aktuelle RTL-Aussage dazu enthält den Satz "Dass Niels Högel sich auch in unserer Sendung zu seinen Taten äußert, halten wir aus Gründen der journalistischen Ausgewogenheit für geboten" und wir am ausführlichsten bei dwdl.de zitiert.

Müsste wahre Ausgewogenheit nicht bedeuten, dass sich außer verurteilten Mördern dann auch ihre Opfer äußern können müssten? Tatsächlich zählt laut SZ auch "ein Rettungssanitäter, ein ehemaliger Freund Högels", der einen Giftanschlag dann nur knapp überlebte, zu denen, die sich nun getäuscht fühlen. Für das boomende Genre True Crime scheinen RTL und die "Bertelsmann Content Alliance" (die zum selben Topthema auch noch einen "von den wahren Ereignissen rund um Niels Högel inspirierten" Fernseh-Spielfilm sowie ein Buch im Goldmann-Verlag plant) neue Standards zu setzen – ganz tief nach unten. Wäre schon interessant, was der jetzt in Gütersloh so abgefeierte Reinhardt Mohn dazu sagen würde ...

Bevor Sie nun aber denken, Bertelsmann würde im zweifellos schwierigen Wettbewerb mit globalen Digital-Plattformen ausschließlich auf finster-grenzwertige Inhalte und Instinkte setzen: Nein, rührend harmlose Zeichentrickhelden-Hündchen, denen niemand böse sein kann, zu "feiern", ist sich die "Content Alliance" auch nicht zu doof.


Altpapierkorb (Afghanistan, Nemi El-Hassan, Whatsapp-Metadaten, "Herz & Viren", Ministeriums-Pressesprecher)

+++ "Wir sind afghanische Journalistinnen und Journalisten verschiedener politischer Überzeugungen und Ethnien. Einige von uns sind noch arbeitsfähig. Andere verstecken sich in Kabul oder anderswo in Afghanistan. Andere sind bereits ins Ausland geflohen oder stehen kurz vor der Ausreise. Wir alle sind gezwungen, bei diesem Aufruf anonym zu bleiben ...": Diesen Auf- oder eher Hilferuf von 103 afghanischen Journalistinnen und Journalisten dokumentieren die Reporter ohne Grenzen.

+++ Von einem offenen Brief, in dem sich "hunderte Unterzeichner", dazu "gehören zum Beispiel die Bestsellerautorinnen Eva Menasse und Deborah Feldman", mit Nemi El-Hassan solidarisieren und den WDR auffordern, "die Zusammenarbeit mit der Moderatorin wieder aufzunehmen", berichtet die Welt.

+++ Bei 17 deutschen Polizeibehörden hat netzpolitik.org angefragt, wie oft diese bei Facebooks Whatsapp und weiteren Messengerdiensten nach Nutzerdaten, Metadaten und weiteren Informationen anfragen. Und aus Sachsen die Auskunft erhalten: "Derartige Messenger-Dienste zeichnen sich in der Regel dadurch aus, dass diese relevante Daten nicht in Deutschland speichern, sondern in der Regel in den USA. Da dieser Weg sehr ressourcenintensiv und zeitaufwändig ist, bieten zahlreiche Anbieter eine freiwillige Zusammenarbeit mit den Polizeibehörden an".

+++ Die in deutschen Medien eher nur am Rande erwähnten Vorwürfe des Wall Street Journals, dass Facebook die verheerende Wirkung seiner Angebote auf weite Teile der Gesellschaft gründlich erforscht, ohne daraus entheerende Konsequenzen zu ziehen, fasst "@mediasres" zusammen.

+++ Der RBB will der vielfältigen Kritik daran, dass er seinen ursprünglich auf klassische Musik konzentierten Radiosender RBB Kultur durch stark steigende Anteile von Dudelpop verwässert, nun durch einen "Hörer:innen-Dialog" begegnen (Tagesspiegel).

+++ Lob für die ZDF-Reihe "Herz & Viren" ("deshalb so stark, weil sie es schafft, die Unmittelbarkeit herzustellen, die sich Filmschaffende und Publikum oft gleichermaßen für dieses Genre wünschen") verbindet Peer Schader bei dwdl.de mit Kritik an "den falschen Doku-Prioritäten des ZDF", das in seinem linearen Hauptprogrammen lieber sog. Royals und IKEA-Märkte dokumentiert.

+++ "In Mainz lässt sich gerade besonders gut beobachten, wie sich das Verhältnis zwischen Journalismus und Öffentlichkeitsarbeit zuungunsten der Medien verschiebt. Die Pressestellen der Ministerien werden personell weiter aufgestockt, und die Regierung verstärkt insbesondere ihre Social-Media-Aktivitäten, während die Zeitungshäuser überall sparen müssen", schreibt Karsten Packeiser in epd medien nun nicht zum ZDF, sondern zum neulich in der SZ beschriebenen Phänomen, dass in Rheinland-Pfalz gleich drei Landeskorrespondenten auf einmal auf Ministeriums-Pressesprecher-Posten wechselten.

Neues Altpapier gibt's wieder am Mittwoch.

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