Das Altpapier am 24. September 2021 Reden mit und über Impf-Skeptische

In der letzten TV-Debatte vor der Wahl ging es als Erstes um Idar-Oberstein – ein Thema, das in der "Bild" auffallend wenig vorkommt. Zwischentöne zur Corona-Skepsis-Debatte finden sich in der Lebensgeschichte einer Impfgegnerin. Ein Altpapier von Annika Schneider.

Teasergrafik Altpapier vom 24. September 2021: Porträt Autor Annika Schneider
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Die letzte Elefantenrunde vor der Elefantenrunde

Gestern Abend gab es noch einmal geballte Debattenkultur in den Öffentlich-Rechtlichen – die "Schlussrunde" mit allen Spitzenkandidatinnen und -kandidaten wurde in ARD und ZDF gezeigt und für Audiopuristen auch vom Deutschlandfunk (als Liveticker hier nachzulesen) übertragen, moderiert von Tina Hassel und Theo Koll. Die Sendung steht in langer Tradition: In vergangenen Jahrzehnten gab es drei Tage vor der Wahl regelmäßig eine TV-Debatte mit allen Parteien, die dank der Ausdauer der Kandidaten und einem flexibleren Sendeschema stundenlang andauern konnte.

Auch wenn die Bild die gestrige Sendung als "Ampelschlacht" bezeichnete: Der tatsächliche Einfluss des Formats ist vermutlich begrenzt, weil die meisten Briefwahlstimmen schon vergeben sind und die diversen anderen Vorwahlformate vom Triell bis zur Wahlarena reichlich Entscheidungshilfe boten – zumindest denjenigen, die ihr Kreuz von den ausgewählten Themen abhängig machen, die in allen Formaten immer wieder durchgekaut wurden. Trotzdem erreichten die Sender gestern ganz ordentliche Quoten, auch in der "jungen" Zielgruppe zwischen 14 und 49, schreibt Timo Niemeier bei DWDL.

Ein ganz neues Thema war in der "Schlussrunde" auch dabei: Die politischen Konsequenzen des Mords in Idar-Oberstein standen in der Debatte gleich an erster Stelle, und damit das hochrelevante Thema Hass im Netz – wirklich überraschend waren die Antworten oder Vorschläge allerdings nicht. Ansonsten ging es um unter anderem um Wohnungsbau, Klimaschutz und Außenpolitik.

Blickt man zwei Tage vor der Wahl noch einmal auf alle Wahlkampfformate im Fernsehen zurück, dann stachen diesmal vor allem diejenigen heraus, in denen Kinder die Fragen stellten. Katrin Hörnlein zieht dazu in der "Zeit" (€) eine eher bittere Bilanz. Beim Einsatz von Kinderreporterinnen und Reportern gehe es selten um die Kinder, schreibt sie:

"Kinder mögen ein Talent haben, geradeheraus Fragen zu stellen, aber sie interessieren sich selten für das, wofür Redaktionen sie einspannen wollen. (…) Dabei hätten Kinder eine Menge zu sagen – auf ihre Art. Statt sie als Marionetten der Erwachsenen einzusetzen, kann man sie als Vertreter der jungen Generation anhören."

Das sei nur in wenigen Formaten gelungen, etwa im KiKa. Zu einem anderen Schluss kommt Marc Tawadrous in der Print- (bzw. Epaper-)Ausgabe des Tagesspiegel (S. 6,). Er sieht die Formate mit jungen Fragenden im Wahlkampf als Beleg, dass Kinder im politischen Diskurssystem insgesamt aufgewertet worden seien – angefangen mit Greta Thunberg. Aber auch er schreibt angesichts des "Knopfs im Ohr", mit dem die Kinder im ProSieben-Interview bestückt waren:

"Der Privatsender hat den Kindern also nicht so trauen wollen, wie er nach außen vorgab."

Wie auch immer man die Kinderfragen im Wahlkampf bewertet: Ihre Stimme dürfen die Fragenden bei der Wahl ja ohnehin noch nicht abgeben, deswegen bleiben die Erwachsenen ab 18 in jedem Fall Referenzpublikum jeder Wahlkampfsendung – zumindest aus Sicht der Politikerinnen und Politiker.

Die "Bild" und die Tat in Idar-Oberstein

Die Gewalttat in Idar-Oberstein war nicht nur in der "Schlussrunde" Thema, sondern ist auch weiterhin in der öffentlichen Debatte präsent. Dabei lässt sich gut nachvollziehen, was Journalismus und Twitter voneinander unterscheidet. Der undifferenzierte Hashtag #QuerdenkenToetet hielt sich erstaunlich lange in den Twitter-Trends, von Tausenden mit ihren Posts nach oben geschrieben. Inzwischen gibt es immer mehr Hinweise, dass der mutmaßliche Täter tatsächlich Verbindungen zu zweifelhaften Gruppierungen aus dem Corona-skeptischen, möglicherweise auch rechtsextremen Milieu hatte. Davon ausgehen kann seriöse Berichterstattung aber keineswegs, solange keine belastbaren Belege vorliegen – und so sind viele Journalistinnen und Journalisten in ihrer Wortwahl zunehmend vorsichtiger geworden. Die FAZ nutzt heute auf ihrer Titelseite die indirekte Rede im Konjunktiv:

"Ermittler gehen davon aus, dass ein Motiv für die Tat der Protest gegen Corona-Auflagen gewesen sein könnte."

Gegenüber der dpa betonte schon am Dienstag "der anerkannte Kriminalpsychologe Rudolf Egg" (nachzulesen unter anderem im Spiegel):

"Man muss bei einer Tat immer unterscheiden zwischen dem unmittelbaren Anlass und dem eigentlichen Grund. (…) Niemand, der auch nur halbwegs vernünftigen Verstandes ist, wird einen ihm völlig unbekannten jungen Mann einfach deshalb erschießen, weil er sagt: Du musst jetzt eine Maske aufsetzen!", sagte der frühere Direktor der Kriminologischen Zentralstelle des Bundes und der Länder. "Das ist kriminalpsychologischer Nonsens."

Gleichzeitig haben inzwischen viele Politikerinnen und Politiker einen thematischen Bezug der Tat zur Radikalisierung von "Querdenken" und ähnlichen Gruppierungen hergestellt. Die Debatte über die davon ausgehenden Gefahren und mögliche Gegenmaßnahmen wird also richtigerweise ebenfalls geführt, weit über die "Schlussrunde" hinaus.

Ein großes Blatt ist dabei auffallend zurückhaltend, hat Stefan Niggemeier bei Übermedien beobachtet. Die "Bild" interessiert sich nicht nur ausgesprochen wenig für die Gewalttat in Idar-Oberstein, sondern geht in ihrer Berichterstattung auch geflissentlich darüber hinweg, dass der mutmaßliche Täter einer Reihe von Accounts aus dem Umfeld von Axel Springer folgte. Was das (nicht) bedeutet, ordnet Niggemeier sorgfältig ein und kommt zu dem Schluss:

"Zur Diskussion der Frage, welches Umfeld, welche Quellen zu einer solchen Radikalisierung beigetragen haben könnten, gehört dann eben nicht nur das Wirken der AfD, sondern auch das der 'Bild'-Zeitung. Nicht so sehr, weil der Täter ihrem Chefredakteur als einem von ganz wenigen Accounts folgte, sondern wegen ihrer Berichterstattung."

Und, um noch einmal zu Twitter zurückzukommen: Dort findet sich zu dem Fall noch ein anderer Hashtag, nämlich #RIPAlex – so ist inzwischen auch der Name des Getöteten in der Öffentlichkeit angekommen. Die vielen Retweets folgen der seit einigen Jahren verfochtenen Idee, dass das Opfer Öffentlichkeit verdient hat, der Täter jedoch nicht. Um zwei Beispiele zu nennen: Den Attentäter von Utoya kennen die Allermeisten mit vollem Namen, den Terroristen von Christchurch hingegen nicht. Letzteres war ausdrücklicher Wunsch der neuseeländischen Premierministerin, aber auch eine bewusste Entscheidung der dortigen Medien (dazu habe ich letztes Jahr im Deutschlandfunk dieses Interview geführt). Der Name des mutmaßlichen Täters von Idar-Oberstein ist zwar mit abgekürztem Nachnamen hin und wieder zu lesen, hat es meiner Wahrnehmung nach aber noch nicht in die breite Öffentlichkeit geschafft.

Geht doch: Reden mit einer Impfskeptikerin

Um noch einmal auf die Menschen zurückzukommen, die sich der erfolgreichen Pandemie-Bekämpfung verweigern: Impfskeptische Menschen spielen seit geraumer Zeit eine Hauptrolle in Berichten über den Impffortschritt – mal mehr, mal weniger differenziert. Es ist menschlich verständlich, dass die ausbaufähige Impfquote Wut und Verzweiflung auslöst bei allen, die in der Pandemie weiterhin um ihre Gesundheit, ihre Jobs und ihr Wohlergehen fürchten. Aber wer alle freiwillig Ungeimpften pauschal zu "Querdenkern" erklärt, verhärtet eher die Fronten und tut der Sache keinen Gefallen.

Natürlich ist es nicht Aufgabe von Journalistinnen und Journalisten, die Impfung anzupreisen, sondern alle wissenschaftlichen Belege nachvollziehbar darzustellen (was sich letztendlich dann doch wie eine Impfempfehlung liest). Ein wichtiger Rechercheauftrag besteht aber auch darin, herauszufinden, warum die Kampagnen und Aktionen einen Teil der Bevölkerung bislang nicht erreicht haben – und das heißt auch, nicht über Impfskeptische zu reden, sondern mit ihnen. (Dass man dabei keineswegs mit allen und jedem in Gespräch kommen sollte, vor allem nicht in kurzen Wahlkampfvideoausschnitten, zeigt das im Altpapier schon analysierte Beispiel Laschet.)

Das Risiko bei solchen Recherchen liegt auf der Hand: Es ist davon auszugehen, dass die Gruppe der Ungeimpften sich zu Teilen aus schlecht Informierten oder gar Verschwörungsideologen rekrutiert. Wer denen ein Mikro hinhält, läuft Gefahr, Falschinformationen zu verbreiten, die beim Publikum hängen bleiben – da nützt auch ein anschließender Faktencheck wenig. Außerdem kann eine schnelle Straßenumfrage wohl auch keine tieferliegenden Gründe zutage fördern, schon gar nicht bei Menschen, die seriösen Medien inzwischen grundsätzlich mit Misstrauen begegnen.

Einen etwas anderen Versuch hat die "Zeit" in der ersten Folge ihres neuen Podcasts "Warum denken Sie das?" gestartet: Eine Impfgegnerin und eine Ärztin, beide Mütter, diskutieren über die Impfung. Das wäre ein gewagtes Format (Stichwort False Balance), wenn die beiden 90 Minuten lang mehr oder weniger stichhaltige Argumente austauschen würden.

Konzept des Podcasts ist es allerdings, sich den Protagonistinnen über ihre Lebensgeschichten zu nähern. Das ist gewöhnungsbedürftig, weil die beiden Podcast-Hosts Philip Faigle und Jana Simon erst einmal in langen Passagen miteinander über die vorgestellten Frauen sprechen und dabei immer wieder knapp an Küchenpsychologie vorbeischrammen ("Sie hatte immer das Gefühl, dass Türen eher zugehen, und die andere hatte das Gefühl, die Türen gehen eher auf."). Anzunehmen ist auch, dass die Berliner Akademikerin, die die Impfung befürwortet, den meisten "Zeit"-Leserinnen biographisch näher ist als die gebürtige Ostdeutsche, die das Impfen ablehnt und finanziell kaum über die Runden kommt.

Schwach ist das Format auch dann, wenn die Ärztin im Gespräch zur Quasi-Moderatorin wird, die ihre Mitdiskutantin verständnisvoll ausfragt, sie aber eigentlich überzeugen will und dabei den größten Redeanteil einheimst. Ganz kommt man an die Impfgegnerin letztendlich nicht heran, weil sie an einigen Stellen Antworten verweigert – da scheint sie sich bewusst zu sein, dass einige Äußerungen in "so genannten Mainstream-Medien" (ihre Wortwahl) nicht gut gelitten sind ("Dann kommen wir in einen Bereich, wo mir die meisten Menschen nicht folgen werden.").

Trotzdem ist das Format hörenswert: Zwei kluge Frauen diskutieren engagiert, selbstreflektiert und respektvoll miteinander, während sich die Hosts zurückhalten. Ab Minute 56 geht es übrigens auch um den Medienkonsum und das Medienvertrauen der beiden Protagonistinnen. Die Impfskeptikerin berichtet unter anderem von ihrer Entfremdung von der "Zeit", in der sie sich irgendwann nicht mehr wiederfand, weil sie den Eindruck hatte, "dass diese Medien, auch die 'Zeit' eher eine bestimmte Schicht bedient und nicht mehr alle mitnimmt." Somit bietet sich neben allen demokratietheoretischen Erwägungen für Medien also auch ein ökonomisches Argument, sich zu fragen, wie man solche Leserinnen und Leser wieder erreichen kann. Und damit meine ich nicht den vermeintlich einfachsten Weg, Schwurblern und Verschwörungsideologinnen Platz zu bieten oder sich an demokratiefeindliche Gruppen anzubiedern.

Altpapierkorb (Mehr Kritik an "Todespfleger"-Doku, Fernseh-Furore in den Niederlanden, ein fast vergessenes Beiratspapier, Nachfolge von Claus Kleber)

+++ Das "packende Telefoninterview" mit einem verurteilten Mörder in der JVA Oldenburg, mit dem RTL seine Doku-Serie "Der Todespfleger" bewirbt, ist wohl ohne Genehmigung der Gefängnisleitung geführt worden. Wie es dazu kommen konnte, ist beim Tagesspiegel (bwz. S. 23, ) zu lesen. Der Vorwurf setzt RTL weiter unter Druck, nachdem das Format diese Woche medienethisch schon in der Kritik stand (siehe Altpapier). Die Serie ist beim Streamingdienst TV NOW aber weiterhin verfügbar – und hat durch die zwar kritische, aber umfangreiche Berichterstattung sicher noch ein paar Extraklicks bekommen.+++

+++ In der SZ schreibt Thomas Kirchner über "eine der deprimierendsten Stunden Fernsehen der vergangenen Jahre", womit er einen niederländischen Fernsehkritiker zitiert. Es geht um eine 55-minütige Doku, die in den Niederlanden für Furore sorgt und stellvertretend für viele andere Betroffene fünf Frauen vorstellt, die vom Staat in den Ruin getrieben wurden – bei der so genannten "Kinderzuschlagaffäre".+++

+++ Netzpolitik-Redakteur Markus Reuter hat sich vom Bundeswirtschaftsministerium Unterlagen im Wert von 220 Euro schicken lassen. Sie belegen, wie das geschasste Positionspapier des Beirats Junge Digitale Wirtschaft auf der Homepage der Behörde landen konnte – obwohl darin Vorschläge zu grundgesetzwidrigen Eingriffen in die Pressefreiheit gemacht wurden. Die Recherche zeigt vor allem, wie wenig relevant das Beiratspapier für das Ministerium war. Angesichts dieses Fazits stellt sich dann doch die Frage, ob all die Sendeminuten und Online-Zeilen, die große Medien dem Thema gewidmet haben, gerechtfertigt waren – schließlich war das Dokument auch ziemlich schnell wieder offline und der zuständige Beiratsvorsitzende zurückgetreten.+++

+++ Zum Schluss noch eine Personalie: Das ZDF hat gestern bekannt gegeben, dass der 51-jährige Christian Sievers ab Januar 2022 Claus Kleber im "heute journal" ablöst. Darüber berichten FAZ, Tagesspiegel und Spiegel. Etwas ergiebiger ist das Sievers-Porträt von Claudia Tieschky in der SZ, die ihn so zitiert: "Claus Kleber kann man nicht klonen, aber man kann sehr viel von ihm lernen."+++

Neues Altpapier gibt es wieder am Montag.

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