Das Altpapier am 28. November 2017 Zu Asche, zu Staub

Wenn es um Vulkane geht, speien auch Medien gerne mal ein bisschen Rauch und Lava. Es lassen sich beim besten Willen keine Good News rund um Deniz Yücel finden. Beim Thema Antisemitismus sind Journalisten ganz aufmerksam und beim Thema Öffentlich-Rechtliche sowieso. Die Macher der freien Radios ärgern sich nicht zu sehr über wenig Geld und braucht eigentlich noch jemand ne UKW-Antenne? Ein Altpapier von Nora Frerichmann.

Eine Collage, die auf der linken Seite einen Vulkan zeigt, der die Logos der Medien the Guardian, Tagesspiegel, Deutsche Welle, ORF und Frankfurter Allgeime Zeitung ausspuckt und rechts den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan, der als Zauberer verkleidet ist und ein Kaninchen aus dem Hut zieht.
Bildrechte: Collage MEDIEN360G/dpa, Panthermedia, FAZ, Guardian, ORF, DW, Tagesspiegel

Zum Einstieg kurz die Frage: Warum gehen wir Medienmenschen eigentlich so ab, wenn es um Vulkane geht? Sind es die starken Bilder, die die Berichterstattung so großmachen? Oder geht’s um die Unberechenbarkeit der Natur in einer Zeit, in der so vieles kontrolliert werden kann? Spielt vielleicht auch der Mythos Pompei eine Rolle, oder dass Medienmechanismen manchmal selbst funktionieren wie ein Vulkan (ausbrechen, noch ein bisschen Rauch spucken und dann lange keine Berichterstattung mehr)? Unpassender Weise schwirrt mir bei dem Thema die ganze Zeit die Abspannmusik von Babylon Berlin durch den Kopf. Nach 16 Folgen kann man davon schon mal einen Ohrwurm bekommen.

Bevor ich jetzt hier am frühen Morgen noch weitere Assoziationen zulasse und anfange, über die Hölle zu sinnieren: Sicherlich geht von Vulkanausbrüchen Gefahr für viele Menschen aus. Aber in unserer Medienbubble bekommt man ja regelmäßig den Eindruck, die Apokalypse stünde bevor, wenn sich irgendwo auf der Welt (vorzugsweise an einem unter deutschen Touristen beliebten Reiseziel) vulkanische Aktivität regt. Stichwort Eyjafjallajökull, Vesuv, Ätna, Merapi und eben aktuell der Mount Agung auf Bali.

Ich will Naturkatastrophen durch solche Ausbrüche nicht verharmlosen, aber Rauch und Lava kommen ja eher selten vor. Diese Panikberichterstattung löst viel unnötige Sorge aus, während andere Themen unter den Tisch fallen (wie zum Beispiel dieser Artikel bei Perspective Daily darüber, dass Bürokratie gar nicht immer doof ist). Und generell haben Vulkane ja auch positive Effekte (nährstoffreiche Böden, Erdwärme, Thermalquellen), die in den Nachrichten eher weniger vorkommen. Mehr Good News bitte, wenn der Wirbel schon so groß ist.

287, 288, 289, 290 Tage

Gute Nachrichten gab es bisher leider kaum, wenn es um Deniz Yücel geht. Nichts hat bisher geholfen: weder Hupen (wer jetzt verwirrt ist, mehr in diesem Altpapier), noch offene Briefe, Forderungen (sämtliche Journalistenvereinigungen, Botschafter, Merkel, Steinmeier, EGMR und alle anderen), Demonstrationen (Menschenrechtsorganisationen, Springer-Verlag), nicht einmal das Solidaritätsrauchen der taz. Nichts konnte bisher genug Druck aufbauen, um Yücel auch nur ansatzweise die Chance einer Freilassung aus seiner Einzelhaft in der Türkei zu geben. Seit fast 300 Tagen wird der Welt-Korrespondent nun festgehalten und wartet noch immer auf eine Anklage.

Vorwürfe sind ja bekanntlich die drei türkischen Zauberwörter Terrorpropaganda, Mitgliedschaft in einer Terrorvereinigung und Aufwiegelung der Bevölkerung, die Journalisten dort wie ein weißes Kaninchen verschwinden lassen können – allerdings nicht in einem schwarzen Seiden-Zylinder, sondern im Knast.

Bis heute hat der Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte der Türkei (inklusive zwei Fristverlängerungen) Zeit gegeben, sich zu dem Fall zu äußern. Yücel hatte die Beschwerde schon im April in Straßburg eingereicht, ursprünglich hätte der türkische Staat die Stellungnahme zum 24. Oktober abgeben sollen. Aber was macht schon der ein oder andere Monat mehr oder weniger Isolationshaft aus, denkt sich wohl der zuständige Staatsbeamte in Ankara.

Die Türkei kann rechtlich gesehen auch ganz auf eine Stellungnahme verzichten, was nach zweimaligem Bitten um eine Fristverlängerung allerdings ziemlich - Entschuldigung - asi wäre, wenn ich das so ausdrücken darf. Und was natürlich auch nach reiner Schikane gegen den Deutsch-Türken aussehen würde. Aber das wäre ja in dem Fall eigentlich auch nichts Neues. Der Deutschen Welle erzählt nun jedenfalls Yücels Anwalt, Veysel Ok, nochmal ein bisschen von den türkischen Methoden:

„Tatsächlich ist Deniz Yücel, soweit wir wissen, der einzige Journalist in Isolationshaft in Istanbul. Wir können daher leider sagen, dass Deniz in gewissem Maße eine Sonderbehandlung bekommt. Dass Deniz so isoliert wird, bevor er vor den Richter kommt, ist schon eine Bestrafung an sich."

Und:

„Nach dem türkischen Strafgesetz sammelt der Staatsanwalt nicht nur Beweise, die gegen den Angeklagten sprechen, sondern auch solche, die für ihn sprechen. Dafür muss er mit der Verteidigung im Kontakt sein. (…) Aber in diesem Fall haben wir seit über neun Monaten weder den Staatsanwalt gesehen, noch mit ihm gesprochen. Als wir schriftlich nach dem Grund gefragt hatten, wurde uns gesagt, man ‚spreche aus Prinzip nicht mit Anwälten'. Diese Antwort entspricht weder dem Recht auf Verteidigung noch dem Rechtsstaatprinzip."

Kommt heute keine Stellungnahme aus der Türkei, läuft der Prozess beim EGMR ohne die Verteidigung des Landes normal weiter. Kommt die Stellungnahme doch, wird sie an Yücels Anwälte weitergeleitet, die das Papier überprüfen ihre Ansichten dazu abgeben. Auch die Bundesregierung muss ihre Position darlegen. Erst dann kann der EGMR seine Entscheidung im Fall Deniz Yücel treffen.

Besonders aufmerksam

Das Thema Antisemitismus wird ja spätestens seit dem Kommunikations-Desaster um die arte-Doku „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa" (Erinnerungsstützen in Altpapier X, Y, und Z) von den Öffentlich-Rechtlichen mit eher spitzen Fingern angefasst. Alles was die Anstalten in dem Bereich machen wird außerdem von uns Medienbubble-Journalisten sehr genau beobachtet (in den vergangenen Monaten z.B. die arte-Reportage „Re: Weil du Jude bist“ oder die arte-Reportage "Gaza: Ist das ein Leben?").

Die Berichterstattung ist heute entsprechend groß, wenn es um die Meldung geht, dass ARD-Sender die Konzerte des Pink-Floyd-Mitgründers Roger Waters im kommenden Jahr, anders als bisher geplant, weder zeigen noch präsentieren werden. Dass die Meldung solche Wellen schlägt, liegt wohl an zwei Grundbedürfnissen der deutschen Öffentlichkeit: 1. Beim Thema Antisemitismus besonders aufmerksam zu sein und 2. beim Thema öffentlich-rechtliche Medien besonders aufmerksam zu sein (auch wenn es nicht um die Strukturdebatte geht).

Von der Kooperation zurückgezogen haben sich laut Zeit Online der WDR, der RBB, der BR, der SWR und auch der NDR. Die Begründung:

„Waters hat mehrfach zum Boykott Israels aufgerufen und auf Konzerten Ballons in Schweineform aufsteigen lassen, auf denen neben anderen Symbolen wie dem Kruzifix auch der Davidstern zu sehen war. Der 74-jährige Musiker (…) gilt außerdem als Unterstützer der BDS-Bewegung (Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen). Die internationale Bewegung setzt sich für Sanktionen und einen Boykott Israels wegen der Palästinenserpolitik der israelischen Regierung ein.“

Michael Hanfeld geht für die FAZ dem Ursprung der Absagen nach: Aufmerksam wurden die ARD-Anstalten auf Rogers Aktivitäten ihm zufolge durch eine Petition der Kölnerin Malca Goldstein-Wolf auf der Plattform Change.org. Ihr Vorhaben, den WDR zu bewegen, „von der durch den Rundfunkbeitrag finanzierten Zusammenarbeit mit dem ‚Judenhasser‘ Waters abzulassen“, fand dort mehr als mehr als 1.500 Unterstützer.

„Der WDR-Intendant Buhrow schrieb ihr am vergangenen Samstag per Mail, er verstehe ihre Bedenken – die Zusammenarbeit mit Waters sei beendet. ‚Zu dieser Zusammenarbeit‘, teilte der WDR inzwischen auf Anfrage mit, hätten den Sender ‚in den vergangenen Tagen kritische Stimmen, vor allem jüdischer Mitbürger, erreicht.‘ (…) WDR-Intendant Tom Buhrow sehe ‚in der Absage ein Signal des Verstehens an die jüdischen Gemeinden‘.“

DWDL.de zitiert aus Buhrows Mail an Goldstein-Wolf:

"Ich spüre, dass nicht viele Worte und Argumente Sie überzeugen werden, sondern nur eine eindeutige Handlung“.

Die Vorwürfe gegen Waters gibt es bereits seit Jahren. Schon im Sommer 2013 hatte die Jüdische Allgemeine laut Spiegel Online zum Boykott des Musikers aufgerufen.

Neben der Dominanz der öffentlich-rechtlichen Statements kommt beim Mannheimer Morgen aber auch noch die andere Seite zu Wort. Dort gibt es ein Interview mit dem Konzertveranstalter Marek Lieberberg. Er bezeichnet das Verhalten der ARD-Sender als „absolut lächerlich“:

„Hier müssen zwei Dinge getrennt werden: persönliche Meinung und künstlerische Arbeit. Der Kanon von Roger Waters und Pink Floyd ist und bleibt genial. Auf der anderen Seite hat er eine bedenkliche private Meinung zu Israel (…). Aber ich kann und will ihm sein Recht auf Meinungsfreiheit nicht bestreiten! (…) Wenn die Öffentlich-Rechtlichen einen Beitrag leisten möchten, fände ich es beispielhaft, wenn vor allen Beiträgen über Luther oder Wagner-Aufführungen auf die teilweise blutrünstigen antisemitischen Theorien dieser Herrn hingewiesen würde. Da gäbe es wirklich Nachholbedarf. Demgegenüber ist das künstlerische Werk von Roger Waters weder antisemitisch oder anti-jüdisch.“

Der Musikmanager ist übrigens selbst ein Kind von Holocaust-Überlebenden.

Komplett ignorieren wollen die Öffis die Konzerte aber auch gar nicht, heißt es in einer Meldung von epd medien (online unter anderem bei der Jüdischen Allgemeinen). Der Fachdienst zitiert eine BR-Sprecherin: "Wir merken aber, dass nun ein klares Signal gefragt ist. Den Auftritt von Roger Waters wird Bayern2 natürlich dennoch wie geplant journalistisch und kritisch im Programm begleiten“.

Allerlei Radio

Das Radio ist eben, obwohl sein Tod ja schon diverse Male prophezeit und befürchtet wurde (kleine Auwahl: Deutschlandradio, Radioszenewelt.de), noch immer ein Politikum.

Dabei geht’s nicht immer nur darum, was gehört werden kann, sondern auch darum, wie dieser Inhalt über den Äther bei den Hörern ankommt, bzw. durch wen. Seit gestern versteigert die Freenet-Tochter Media Broadcast nämlich 700 UKW-Antennen bei einer offenen Online-Auktion, berichtet Gregory Lipinski bei Meedia.de.

Falls unter den Altpapier-Lesern einige was-mit-Medien-Studenten sind: Nein, die Antennen eignen sich nicht als Zimmerdeko, wie etwa geklaute Warnbaken oder Warnlichter von der Baustelle nebenan (zu meinen Abi- und Studienzeiten war das jedenfalls vor allem unter männlichen WG-Mitgliedern sehr beliebt). Die Auktion ist leider nur für Unternehmen, die die Senderstandorte übernehmen wollen und nicht für Inneneinrichtungszwecke gedacht.

Erklärbär Deutschlandfunk macht den Hintergrund auch für alle verständlich, die sich bisher nicht großartig dafür interessiert haben, über welchen Weg ihr Radio-Programm bei ihnen im Ohr ankommt:

„Die UKW-Antennen kommen aus dem früheren Bestand der Deutschen Telekom, wurden im Rahmen einer Privatisierung an eine Deutsche Funkturm GmbH verkauft und werden derzeit vor allem vom Sendenetzbetreiber Media Broadcast betrieben. Die Verkaufsaktion des Übertragungsdienstleisters besiegelt zwar das Ende seines Monopols im UKW-Markt - könnte ihm allerdings einen millionenschweren Erlös einbringen.“

Obwohl DAB+ wohl auf kurze oder lange Sicht unausweichlich der neue Übertragungsstandard sein wird, gibt es laut Meedia verschiedene Interessenten:

„Die Rede ist von weiteren Radiostationen, Finanzinvestoren, aber auch neu aufkeimenden Dienstleistern wie Uplink Network. Denn das Düsseldorfer Unternehmen wächst kräftig und verfügt inzwischen über rund 500 UKW-Antennen in Deutschland.“

Denn vor allem die Privatradios wollen ja noch länger an dem analogen UKW-Standard festhalten, als die Öffentlich-Rechtlichen. Bei digitalfernsehen.de gibt es weiteren Hintergrund:

„Dass sich Media Broadcast von den UKW-Antennen trennt, liegt an den Umwälzungen im Markt. Jahrelang agierte die Gesellschaft hier als Quasi-Monopolist. Bis 2012. Dann ändert sich das Telekommunikationsgesetz. Die Folge: der Markt wird liberalisiert und öffnet sich Wettbewerbern. Damit gerät aber Media Broadcast unter Druck. Die Freenet-Tochter entschließt sich, strategisch neu auszurichten. Sie zieht sich deshalb aus dem UKW-Geschäft zurück.“

Herzliche Glückwunsch, wenn Sie noch da sind, haben Sie abseitige Thema Radioübertragungsstandard überstanden. Deshalb gibt’s jetzt zum Schluss doch noch was zum Inhalt des Hörfunks und zu welchen, die laut SZ (Medienseite oder 79 Cent bei Blendle) in der deutschen Mediendemokratie anders sein wollen als der Mainstream: den Machern kleiner freier Radios.

Unter dem Titel „Die andere Stimme“ wirft Thomas Hahn heute einen Blick auf diese Sender. Ihre Nachdenklichkeit könne „für den gedudelgewohnten Normal-Radiohörer“ manchmal anstrengend klingen: „Zwölftonmusik-Magazine oder Sendereihen zur Oktoberrevolution sind auch nicht jedermanns Geschmack. Aber sie erweitern die Vielfalt des Rundfunks und verleihen ihm eine Geltung als wahres Bürgermedium.“

31 solcher Anbieter und Initiativen sind im Bundesverband Freier Radios (BFR) organisiert. Diese nichtkommerziellen Radiosender bezeichnet Hahn als „so etwas wie die dritte Säule des Dualen Systems im deutschen Rundfunk“, die „mit den gängigen Mechanismen der Medienwirtschaft nichts zu tun haben wollen, die sich meist aus einer linken Tradition heraus als politisch-kulturelle Foren verstehen und auch jenen Strömungen der Gesellschaft eine Stimme geben, denen sonst niemand zuhört.“

Grade deshalb bekämen die freien Radios in politisch bewegten Zeiten viel Zuspruch:

„Den Erfolg der Rechten sehen sie als Herausforderung für ihre Zivilcourage. ‚Die Leute sind entschlossener‘, findet Werner Pomrehn, einem ehrenamtlichen Redakteur des FSK. Sein Sender hat gerade dieses Jahr erlebt, dass offenbar Bedarf besteht an staatskritischer Berichterstattung; nach dem G-20-Gipfel in Hamburg, bei dem vor allem linke Kreise die Taktik der Polizei kritisierten, erreichten den FSK viele anonyme Spenden.“

Geld gibt’s für die kleinen Sender mit ihren „Radio-Freigeistern“ allerdings trotzdem so gut wie keins. Engagement und Idealismus dafür umso mehr.

„Die Radio-Aktivistinnen und -Aktivisten tragen es mit Fassung: Überfluss passt ohnehin nicht zu ihrer politischen Überzeugung.“

Ich mach jetzt hier mal einen auf Gelassenheits-Guru würde sagen, mit diesem Wort zum Dienstag endet das Altpapier hier. Haben Sie einen produktiven Tag und ärgern nicht über den so oder so meist zu niedrig ausfallenden Geldeingang am Monatsende…

Altpapierkorb (Burda muss blechen, der Spiegel und die Wahrheit, Fernsehen mit zu wenig Licht…)

+++ Burda muss blechen, und zwar knapp 50.000 Euro wegen Persönlichkeitsrechtsverletzung an Helene Fischer. Die ständigen Spekulationen des Qualitätsmediums „Neue Woche“ über mögliche Schwangerschaften wollte die Sängerin nicht hinnehmen und schickte ihren Anwalt zum Landgericht Hamburg. „Die ausgeurteilte Geldentschädigung übertrifft sogar noch die von Fischers Anwälten Schertz Bergmann geforderten 30.000 Euro“, heißt es bei Meedia.de.

+++ In Ver.dis Menschen Machen Medien kritisiert Oliver Neß eine unwahre Berichterstattung beim Spiegel. „Kürzlich suggerierte ein (…) zehnköpfiges Team des Spiegels, beim Hamburg-Besuch der ehemaligen italienischen Senatorin Haidi Giuliani zum G20 ganz dicht dran gewesen zu sein. (…) ‘Sie sah den Rauch, den Tumult, die Einsatzwagen aus sicherer Entfernung von ihrem Hotelzimmer am Hamburger Hauptbahnhof aus‘, schreibt der Spiegel.“ Eigentlich sei Giuliani zur Zeit der Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei aber gar nicht mehr in Hamburg gewesen, sondern in Genua. Der langjährigen Deutschlandfunk-Chefredakteur, Rainer Burchardt hat dazu eine klare Meinung: Die Darstellungen des Spiegels zu Giuliani bezeichnete er als Fake News. „Diese systematischen Erfindungen des Spiegel sind handwerklich desaströs. Und sie sind auch heikel, weil solche Inszenierung von Journalismus das Vertrauen in die Medien untergräbt.“

+++ „Ist das radikal oder bloß normales deutsches Fernsehen mit zu wenig Licht?“, fragt sich Claudia Tieschky in einer Kritik zum ZDF-Film „Brandnächte“ (gestern Abend 20.15) bei der Süddeutschen. Ästhetik und Machart des Films erinnerten stark an Serien: „In jeder Einstellung von Brandnächte sieht man die dunkle Macht, dieses typisch suggestiven Erzählens, das ja immer eine Erwartung wecken muss, die den Zuschauer über viele Folgen bei der Handlung hält.“ Auch die FAZ hat eine Meinung zu dem Fernsehfilm: „Die Furcht, (…) das breite Publikum zu verprellen, setzt sich immer wieder durch. ‚Brandnächte‘ ist kein schlechter Film. Doch seine Nachdenklichkeit täuscht er nur vor.“

+++ Deutschlandfunks Medienmagazin @medaisres bringt einen Nachklapp zur (gestern hier im Altpapier) thematisierten Ankündigung der FAZ, ein digitales Juristen-Produkt rauszubringen: „Wenn man ein allgemein juristisches interessiertes Publikum, ohne juristisches Studium im Hintergrund, interessieren wolle, müsse man das Angebot allerdings auch etwas ‚locker-flockiger‘ gestalten. Insbesondere für die 'F.A.Z. sei das ' eine große Herausforderung, sagte der Jurist und Blogger Udo Vetter in der Sendung. Ob sich die FAZ wirklich zu sowas Niederem herablässt, bleibt abzuwarten.

+++ n-tv wird 25 und keinen scheint’s zu jucken. Nur der Tagespiegel erinnert sich an das „Nachrichtenfieber“ der 90er.

+++ Marco Stahlhut analysiert heute in der FAZ (Medienseite oder für 45 Cent bei Blendle) das Verhältnis zwischen Islam und Medien am Beispiel von Indonesien. Bebildert ist der Text, der durchaus verschiedene positive und negative Aspekte thematisiert, leider mit einem vermummten, extremistischen Demonstranten, was direkt negative Assoziationen auslöst, bevor der Text gelesen wird. 

+++ Für „House of Cards“-Junkies: Zum 8. Dezember soll’s eine Entscheidung über die Zukunft der Serie geben. Nach den Vorwürfen gegen Hauptdarsteller wegen sexueller Belästigung Kevin Spacey wurde die Produktion erstmal eingestellt. Jetzt soll es laut dpa-Meldung bei der Berliner Morgenpost eventuell doch ohne Spacey als Trump, äääh, Underwood weitergehen.

+++ Für den Bildblog hat sich Moritz Tschermak mal angesehen, was Bild-Chef Julian Reichelt so einfordert und was „er und seine Kollegen Tag für Tag, Woche für Woche produzieren“. Grade beim Thema Gehalt gibt es da (Überraschung) einen Widerspruch: „Kaum eine Woche, in der Bild, Bild am Sonntag und Bild.de nicht über das hohe Einkommen und das immense Vermögen einzelner Personen berichten. Geht es allerdings um seine eigenes Gehalt, findet Julian Reichelt dieses Verhalten hochgradig gefährdend.“

+++ Italien will ein Gesetz gegen Fake News nach Vorbild des deutschen NetzDG. Details dazu hat der Standard.

+++ Bei Zeit Online schreibt die Politikwissenschaftlerin, Journalistin und Publizistin Antje Schrupp über (feministische) Hater im Netz: „Als die Soziologin Barbara Kuchler kürzlich auf Zeit Online einen Text veröffentlichte, in dem sie die Ansicht vertrat, dass Frauen, die sich schminken, High Heels tragen oder sich anderweitig aufbrezeln, an der sexistischen Geschlechterordnung mitwirken, die dann zuweilen auch zu sexualisierter Gewalt führt, erntete sie heftige Kritik aus der feministischen Community“. Kritik an sich ist ja legitim, aber die Autorin deshalb persönlich anzugreifen, das ist in den sozialen Medien leider mittlerweile Alltag – nicht nur bei feministischen Themen. Schrupp findet: „Sicherlich kann man gegen Kuchlers Text vieles einwenden, vor allem gegen die problematische Verknüpfung ihrer Schminke-Kritik mit der #MeToo-Debatte. Aber muss man ihr, der promovierten Soziologin, jegliche Kompetenz absprechen, sich zu dem Thema zu äußern?“

Neues Altpapier gibt’s wieder am Mittwoch.