Das Altpapier am 2. November 2021 Noch ein Kipppunkt

Der Facebook-Konzern heißt jetzt "Meta". Ändert das was? Im Geschäftsalltag kann Facebook seine Nutzer längst nano-individuell tracken. Ist die globale Medienlandschaft fast schon umgekippt? Gestorben ist eine der wichtigsten deutschen Journalistinnen. Ein Altpapier von Christian Bartels.

Teasergrafik Altpapier vom 2. November 2021: Porträt Autor Christian Bartels
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Schade um das schöne Wort "Meta"

Bilder und das Alphabet sind schöne oder zumindest grundsätzlich sinnvolle Dinge. Dennoch sind beide Worte längst als Markennamen großer, anfechtbarer Medienkonzerne registriert und etabliert. Sobald "Bild" in Versalien geschrieben wird, ist's eher nicht mehr schön. Und der Konzernname Alphabet dient dazu, dass die unanständig hohen Gewinne, die der Google-Konzern mit monopolartigen Infrastrukturen wie seiner Suchmaschine oder seinem Mobilfunk-Betriebssystem macht, in Wirtschaftsberichten nicht direkt unter Googles Namen verbucht werden.

Nun wird noch ein schönes Wort von einem besonders bösen Konzern missbraucht: Facebook Inc. heißt neuerdings Meta Platforms, Inc (und hat sich natürlich die Domain meta.com gesichert). Außer mit Imagepolitik hat die Namensänderung auch mit klobigen, verbrauchsstarken und Brillen-artigen Geräten, die Menschen sich vor die Augen schnallen, zu tun, informiert die taz:

"Das 'Metaverse' basiert nach der Vision des Facebook-Gründers zum einen auf der virtuellen Realität, bei der Nut­ze­r:in­nen mit Spezial-Brillen auf dem Kopf in digitale Welten eintauchen. Der Facebook-Konzern kaufte bereits 2014 die Firma Oculus, einen Pionier bei Brillen zur Darstellung virtueller Realität. Der Name Oculus auf den Brillen wird nun ausgemustert und durch Meta ersetzt. Physische Gegenstände werde man einscannen können, damit sie auch im 'Metaverse' präsent sind, sagte Zuckerberg. Im Gegenzug werde man sie als Hologramme auch in die reale Welt projizieren können.

Schade. "Meta" war, zum Beispiel auf der Metaebene (die in dieser Kolumne eine Hauptrolle spielt), ein schönes Präfix. Nun ist es negativ aufgeladen. Oder hilft der Hinweis, dass "meta-" keineswegs in allen Zusammenhängen schön ist, den die US-amerikanische Demokraten-Parlamentarierin Alexandria Ocasio-Cortez gab?

"Meta as in 'we are a cancer to democracy metastasizing into a global surveillance and propaganda machine for boosting authoritarian regimes and destroying civil society… for profit!'"

Diesen Tweet erwähnt etwa der Standard-Artikel, der weitere Kritik (aus teilweise nicht unbefangenen Mündern, klar) bündelt. Darin als Video eingebunden ist die lange "Metaverse"-Präsentation mit Mark Zuckerbergs Avatar (oder so) – via Googles, also Alphabets Youtube.

Ist die Medienlandschaft fast schon umgekippt?

"Warum wir uns ... aktuell so sehr über Facebook aufregen", wunderte sich in nur etwas anderem Zusammenhang, dem der Enthüllungen der Whistleblowerin Frances Haugen, in der Welt (€) Martin Andree. Das ist der Medienwissenschaftler, von dem neulich hier die spektakuläre FAS-Interview-Aussage "Spiegel.de wurde von den Nutzern durchschnittliche 18 Minuten, Sueddeutsche.de durchschnittlich neun Minuten gelesen – und zwar nicht am Tag, sondern im Monat" zitiert wurde. Entsprechend ist dieses Wundern keineswegs beruhigend, sondern eher schon resignativ gemeint:

"Wir haben es selbst sang- und klanglos hingenommen, dass klassische Medienunternehmen aufgrund der massiven Schieflage des Wettbewerbs in diesem aussichtslosen Konkurrenzkampf nahezu chancenlos sind. ... Wir sind an einem Tipping Point angelangt, wo es sowieso schon fraglich ist, ob es nicht schon längst zu spät ist. Das ist auch die Strategie der GAFAs: An der Oberfläche betroffen mitdiskutieren und zugleich mit voller Kraft weiterwachsen, um den Vorsprung immer uneinholbarer auszuweiten. Die Ergebnisse der GAFAs geben dieser Strategie recht, Quartal für Quartal. Weil wir es geschehen lassen. Noch haben wir eine Stimme - aber viel Zeit bleibt uns nicht mehr."

Besteht Grund für Optimismus, dass die Menschheit oder zumindest Mehrheiten in wichtigen Nationalstaaten, die womöglich als Vorbild taugen, solche Tipping Points/Kipppunkte rechtzeitig erkennen?

"'Geheim' waren viele der Missstände bei Facebook ja vor allem insofern, als sich die Öffentlichkeit kaum für sie interessierte", meinte im selben Zusammenhang mit Recht auch Harald Staun, der in der FAS die "Veröffentlichungspolitik" Haugens bzw. der sie betreuenden Agentur Bryson Gillette (die "in bester Facebook-Manier Anfragen unbeantwortet lässt") kritisierte und so auch eine "grundlegende Problematik digitaler Medien, gegen die auch keine Enthüllung hilft", herausarbeitete:

"Auch die Versuche, die Meinungsäußerungen in eine positive Richtung zu lenken, erfordern eine Programmierung, welche im Zweifelsfall beängstigend präzise funktioniert. Die Idee, ein soziales Netzwerk könne neutral sein, ist dabei die größte Illusion von allen. Gewissermaßen ist Facebook zur Manipulation verdammt."

Während die Haugen-Veröffentlichungen weitergehen und am Ruf des sog. sozialen Netzwerks Facebooks und seines umbenannten Konzerns hoffentlich kratzen, wachsen dessen Geschäfte natürlich weiter. Auf ein öffentlich noch wenig bekanntes neues Geschäftsmodell Facebooks machte ein spanisch-österreichisches Forscherteam aufmerksam. Es konnte

"nachweisen, dass bereits der Parameter 'Interessen' genügt, um eine Person auf Facebook eindeutig zu identifizieren. Im ersten Teil ihrer Studie gelang es ihnen, die Identitäten von 2.390 Facebook-Nutzer:innen ausschließlich mithilfe ihrer Interessenparameter zu bestimmen. Bereits vier der seltensten oder 22 willkürliche Interessen eines Nutzers beziehungsweise einer Nutzerin reichen, um sie auf Facebook ausfindig zu machen."

"Nanotargeting" nennen die Forscher und netzpolitik.org, das darüber berichtet, diese "extrem individualisierte Werbetechnik". Ein konkretes Beispiel schildert, wie auf solche Weise dem britischen Labour-Vorsitzenden Jeremy Corbyn eine andere Realität als dem Rest der britischen Linken vorgespiegelt wurde.

Was geht in der Digitalpolitik?

Könnte gute Medien- oder Digitalpolitik gegen so etwas helfen? Scherzfrage zwischendurch. Immerhin zitiert ebenfalls netzpolitik.org die Hackerin Lilith Wittmann, sie sei "vor Lachen fast vom Stuhl gefallen". Da geht es um die letzte digitalpolitische Aktivität der inzwischen nurmehr geschäftsführenden Groko-Bundesregierung: die kurz vor der Wahl vom Bundesminister für Digitale Infrastruktur, Andreas Scheuer, sowie Staatsministerin Doro Baer freigeschaltete "ID Wallet"-App für Führerscheine und so was

Neu ist, dass die Bundesregierung außer Warnungen externer Experten auch die des bundeseigenen Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik ignorierte. Inzwischen wurde, immerhin, diese Bundesregierungs-App aus Sicherheitsgründen wieder depubliziert. Unter der hübschen Überschrift "Kopfsprung mit Anlauf ins leere Becken" liest sich das wie die (hoffentlich!) Schlusspointe der gestern hier bereits empfohlenen, unbedingt lesenswerten "netzpolitischen Bilanz der Ära Merkel".

Das auch darin erwähnte, schon anno 2018 gegebene Bundesregierungs-"Versprechen ..., Deutschland flächendeckend mit Hochgeschwindigkeitsinternetanschlüssen zu versorgen", gilt übrigens weiterhin – also als Versprechen. Bloß wurde es von 2025 auf 2030 verschoben, könnte also schon zu Beginn von Bundeskanzler Scholz' dritter Amtszeit (sofern es dazu kommt, natürlich nur) erfüllt sein. Ein kleiner Schritt voran zum gewaltigen Ziel scheint bevorzu stehen, melden manager magazin und Handelsblatt: Die Deutsche Telekom hat einen Finanzierungspartner gefunden, könne so "über vier Milliarden Euro, die sie sich sonst am Kapitalmarkt hätte besorgen müssen", sparen und dennoch vier Millionen weitere Haushalte an schnelle Glasfasernetze anschließen.

Kehrseite dieser Medaille: Der neue Partner, eine von 23 Pensionsfonds besessene australische Investmentgesellschaft, kalkuliere eine stabile "mittlere jährliche Rendite in Höhe von acht Prozent" ein, für die die neuen Nutznießer schnellen Internets dann in der Mitte des Jahrhunderts werden zahlen müssen.

Bettina Gaus ist gestorben

"Eine der großen deutschen Politikjournalistinnen", eine der wichtigsten, ist gestorben, kurz bevor sie 65 geworden wäre. Bettina Gaus gelten heute viele große Nachrufe. Vielleicht am lesenswertesten sind die beiden längsten.

Ein Dreier-Team der taz, bei der Gaus' Laufbahn begann, schildert diese von ihrem Anfang an: wie Gaus "fünfeinhalb Jahre lang als taz-Afrika-Korrespondentin journalistische Maßstäbe" setzte. Das war in den 1990ern, der "Zeit ohne Mobiltelefon und ohne Internet. Arbeitsmittel waren Aufnahmegerät, Schreibmaschine, Fax – oder auch das Satellitentelefon der UN, um für 20 US-Dollar pro Minute Texte durchzutelefonieren, wie an jenem Tag im Dezember 1992 ...". Dass Gaus aus Überzeugung nicht alle technischen Entwicklungen mitmachte, schreiben Jan Feddersen, Lukas Wallraff und Dominic Johnson dann auch ("Die Erfindung des Smartphones ignorierte Bettina konsequent. Wozu ständige Erreichbarkeit? Sie lieferte doch auch so stets pünktlich und traf meist den Punkt.").

Eher vom zu frühen Ende ihrer Medienkarriere her, schildert bei zeit.de Georg Löwisch, der ja mal taz-Chefredakteur war, Gaus' Lebenswerk. Dazu gehört sozusagen auch der "Gaus-Ruck", der in der öffentlich-rechtlichen Talkshow-Flut öfters zu sehen war:

"die wortlose Rhetorik. Wenn bei 'Maischberger', 'hart aber fair' oder im 'Presseclub' ein anderer an der Reihe war, hob die Journalistin skeptisch die Augenbrauen oder nickte mit einem bestätigenden Lächeln. Oder sie legte ruckartig den Kopf schief."

Nils Minkmar leitet seinen Süddeutsche-Nachruf mit einer Rückmeldung Gaus' an ihn auf eine Talkshowbesprechung ein. Wenn die taz als "so etwas wie die Journalistenschule der Nation" gilt, habe sie das vor allem Gaus verdanken (also Bettina, nicht ihrem Vater Günter), schreibt der Ex-tazler Ralph Bollmann in der FAZ. "Die große Gaus war so frei, das zu denken und zu schreiben, was sie wollte", dichtet Stephan-Andreas Casdorff im Tagesspiegel und verlinkt dazu auch auf Gaus' allerletzte Kolumne, die Georg Löwisch (dessen Nachruf ohnehin allerhand externe Links enthält) ebenfalls zitiert:

"Erst neulich griff sie in ihrer Spiegel-Kolumne den Fall des Machtmissbrauchs beim Springer-Verlag auf. Und bemerkte kritisch, es entstehe der Eindruck, Frauen seien stets und grundsätzlich Opfer in Beziehungen mit männlichen Vorgesetzten – auch dann, wenn sie selbst solche Beziehungen wünschten. Bettina Gaus machte auf Widersprüche aufmerksam und sie bekam starken Widerspruch."

"Die Entmündigung der Frau" heißt diese spiegel.de-Kolumne, erschienen wenige Tage vor ihrem Tod. Sie stellt zu den besonders von der New York Times betriebenen Springer/Reichelt-Enthüllungen am Ende die Frage "Wäre es wünschenswert, wenn sich Moralvorstellungen wie in den USA auch in Deutschland durchsetzten?" und verdient jetzt noch einmal gelesen zu werden. So etwas macht große Journalistinnen (und Journalisten) aus: bei Themen, zu denen sich ungefähr alle äußern, oft wortreich, etwas zu schreiben (oder sagen), was niemand sonst so äußert.


Altpapierkorb (Bild-Chefredateurinnen, "Nachrichten-Ramsch", China bei ZDFinfo, "das Phänomen 'Bob Woodward", Obdachlosenzeitungs-Kritik, Tribunal zu Morden an Journalisten)

+++ Die Chefredaktion der Bild-Zeitung besteht künftig aus drei Frauen und zwei Männern, lautet eine Entscheidung des neuen Chefredakteurs Johannes Boie (Süddeutsche).

+++ "Die Spaltung des Journalismus in die Versorgung der Armen mit Nachrichten-Ramsch und die Bedienung der Reichen mit verwertbarem Insiderwissen", sei nicht grundsätzlich neu, werde inzwischen aber "durch Technik zum unvermeidlichen Sachzwang": Das interpretiert Wolfgang Michal im Freitag aus Springers Strategie und dazu gehörigen Kooperationen mit Facebook heraus.

+++ Das SZ-Feuilleton würdigt heute die mit der alten Bundesregierung demnächst aus dem Amt scheidende Kultur-Staatsministerin Monika Grütters: "Unter Grütters schwamm die Kulturbranche im Geld. Nun dürften magerere Zeiten anbrechen. Wenn dafür inhaltlich mehr passiert, muss das keine schlechte Nachricht sein", schreibt Jörg Häntzschel. Medienpolitisch aufschlussreich: Obwohl Grütters' offizieller Titel ja "Staatsministerin für Kultur und Medien" lautet, ist von Medien im ganzen Artikel mit keinem Wort die Rede.

+++ Die chinesische "KP versucht der Welt ihre Sicht aufzudrücken. In den öffentlich finanzierten Rundfunkanstalten hat sie damit schockierend großen Erfolg", schreibt die Süddeutsche. Und schreibt damit aktuelle uebermedien.de-Kritik an der aus Singapur für den Nebensender ZDFinfo eingekauften, zunächst als Höhepunkt angepriesenen, dann aber vorzeitig aus der Mediathek entfernten Reihe "China vs. USA – Clash der Supermächte" fort. (Wobei uebermedien.de-Autor Hinnerk Feldwisch-Drentrup sich übrigens auf den "teleschau"-Mediendienst bezieht ...)

+++ Selbst auffällig unentschieden kommentiert Micha Hanfeld in der FAZ das Intendanten-Wahl-Unentschieden (AP gestern) beim Hessischen Rundfunk.

+++ "Das Phänomen 'Bob Woodward' hat wieder zugeschlagen", und USA-Korrespondent Konrad Ege ist in epd medien vom neuen Buch "Peril", in dem der 78-jährige Watergate-Enthüller und Co-Autor Robert Costa über "Trumps letzte Monate und den demokratischen Nachfolger Joe Biden" schreiben, nicht komplett begeistert.

+++ Auf einen aufschlussreichen Radio Bremen/"butenundbinnen"-Bericht zu "schweren Vorwürfen bei Bremer Obdachlosenzeitung", nämlich gegen einige von deren Verkäufern, machte Heiko Hilkers Newsletter aufmerksam.

+++ Und das neue, u.a. von den Reportern ohne Grenzen mitgegründete "Ständige Völkertribunal zu Morden an Journalisten" nimmt am heutigen Dienstag in Den Haag seine Arbeit auf.

Neues Altpapier gibt's wieder am Mittwoch.

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