Das Altpapier am 16. November 2021 Das Degeto-Problem

Große Interviews kreisen um eher selten besprochene Themen: "Doppelstrukturen" in der ARD, die "manchmal auch von den Guten" bedrohte Meinungsfreiheit und Unterschiede zwischen den Leitmedien und enthusiastischem Lokaljournalismus. Ein Altpapier von Christian Bartels.

Teasergrafik Altpapier vom 16. November 2021: Porträt Autor Christian Bartels
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Drehbuchautorin-Interview u.a. über die Degeto

Überraschung mitten im linearen ZDF gestern Abend: Auf einem der wichtigsten Krimi-Sendeplätze des im harten öffentlich-rechtlichen Wettbewerb erfolgreichsten Krimisenders lief gar kein Montagskrimi. Die viel beschäftigte Ermittlerin-Darstellerin Natalia Wörner spielte vielmehr eine Intensivmedizinerin. "Die Welt steht still" ist, wenn nicht der erste, dann einer der ersten fiktionalen Fernseh-Spielfilme zum Thema Corona.

Rundum begeistert war die meist Fernsehfilm-freundliche Fernsehkritik nicht (dass das Drehbuch "seine Botschaften und Bilder manchmal überdeutlich formuliert", meinte etwa der Tagesspiegel, dass "die Dramaturgie ... den Titel des Films etwas zu wörtlich genommen zu haben" scheine, die Neue Zürcher). Unabhängig davon verdient die thematische Aktualität Aufmerksamkeit. Drehbuchautorin Dorothee Schön bekam sie sogar in Form eines sage und schreibe siebeneinhalb DIN-A-4-Seiten umfassenden Interviews in der aktuellen epd medien-Ausgabe, das bereits online steht. Ein paar Seiten lang geht es um die Pandemie und den konkreten Film. Über das Manifest "Kontrakt 18" (Altpapier) verlagert sich das Gespräch dann zu den Produktionsbedingungen der Drehbuchautoren. Schön zieht eine ernüchterte Bilanz der Entwicklungen seit 2018:

"Bei den Gesprächen sitzt immer viel gute Absicht am Tisch, da heißt es immer, wir lieben unsere Kreativen, wir finden die irre wichtig. Aber ändern tut sich nichts. Ich glaube, die Missstände, die wir erleben, haben etwas mit Senderstrukturen zu tun, die aus dem Ruder gelaufen sind ..."

Was an den Strukturen denn so problematisch ist, fragt Interviewerin Diemut Roether. Schön antwortet mit diesem Beispiel:

"Es gibt die Degeto als Tochterunternehmen der ARD. Diese Firma beauftragt andere Firmen, Programm zu machen, sie steht zwischen diesen Firmen und den öffentlich-rechtlichen Sendern. Ich frage mich, wozu brauchen wir diese Firma? Die Landesrundfunkanstalten haben Fernsehspielredaktionen, die kaum Etats für Produktionen haben. Die Degeto hat 400 Millionen im Jahr. Die Redakteure müssen immer öfter bei der Degeto anklopfen, um ihr Programm machen zu können. Bisher konnte mir noch niemand erklären, wozu man diese Doppelstruktur braucht."

Womit sie ein gut gewähltes Reizwort so platziert, dass es sitzt. "Doppelstrukturen abbauen" gehört ja zu den Kern-Textbausteinen in so gut wie jedem Öffentliche-Rechtliche-Zukunfts-Interview sämtlicher Medienpolitiker (z.B. kommt "Doppelstrukturen" in diesem Interview mit der wohl wichtigsten Medienpolitikerin Heike Raab gleich dreimal vor). Und dass sie in der komplex strukturierten Anstalten-Landschaft bereits viele abbaubare Doppelstrukturen entdeckt hätte, würde die Medienpolitik kaum behaupten. Da böte die Degeto, die inzwischen übrigens auf degeto.de für sich wirbt ("In 2020 lieferte die ARD Degeto an die Programme 723.459 Sendeminuten für 10.260 Sendetermine") gewiss Spielraum – auch wenn weitere Schön-Aussagen  ("Sie finden, dass sie extrem erfolgreich sind, weil sie mit so wenig Leuten so viel Programm stemmen, aber das geht natürlich nur, wenn man extrem formatiert") bei den Entscheidungsbefugten in den falschen Hals geraten und dazu führen könnten, dass eher die anderen Strukturen auf den Prüfstand gestellt werden.

Jedenfalls gerät Dorothee Schön gegen Ende des keineswegs kurzen Interviews ganz schön in Rage, außer über die Degeto auch über das Fernsehen an sich:

"Es ist alles so glattgeschliffen und vorhersehbar. Das Fernsehen hat mit der Wirklichkeit herzlich wenig zu tun."

Deniz-Yücel-Interview zu Meinungs- und Autorenfreiheit

Also zwischendurch mal kurz in die echte Wirklichkeit jenseits der starren Formen des linearen öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Ein bisschen versteckt tief im Feuilleton der Süddeutschen (€) steht ein Journalisten-Interview, in dem jede Antwort lesenswert ist – weil Deniz Yücel immer noch der alte ist, der in jedem Halbsatz wichtige Aussagen und Widerhaken in alle Richtungen versteckt. Auch wenn er von der taz zu Springer ging, ein Jahr in der Türkei eingekerkert war und ganz neuerdings deutscher PEN-Präsident ist.

Es beginnt mit einem freundlichen Scherz ("Beim PEN hatte ich nichts vor, außer für eine gute und ehrenvolle Sache, mit der man sich auch schmückt, meinen Mitgliedsbeitrag zu zahlen und das von der Steuer abzusetzen"), geht mit wortspielerischer Redundanz über eine Rolle, die Yücel nicht allzu lange ausfüllen wollte ("Aufgrund von Umständen, die ich mir nicht aussuchen konnte, war ich zum Posterboy der Pressefreiheit geworden. Aber ich wollte nicht als Institution in Sachen Pressefreiheit rumlaufen") zu den größeren deutschen Feuilleton-/Mediendebatten über.

"Aber die Meinungsfreiheit wird nicht nur von den Bösen bedroht, sondern manchmal auch von den Guten. Und zwar im Namen von hehren Zielen, die ich sogar teile. Aber wenn es autoritär wird, muss ich sagen, auch zu den Guten, auch wenn es meine Freunde sind: Sorry, das ist falsch."

Geht's da um "rechte Verlage auf der Buchmesse", wie die SZ im Vorspann schreibt? Jawohl, zeigen seine Antwort auf Interviewerin Nele Pollatscheks Anschlussfrage und noch folgende scharfe Kritik am Frankfurter Oberbürgermeister. All die tobenden deutschen Debatten, in denen leidenschaftliches Beschimpfen Andersdenkender auf allen Seiten in ähnlichem Ausmaß eine Hauptrolle spielt, rückt Yücel so zurecht:

"Aber wenn ich von der Beerdigung getöteter junger Leute komme, oder wenn ich an der Küste mit Menschen spreche, die nie zuvor das Meer gesehen haben und gleich in ein Schlauchboot steigen, dann empfinde ich keine Leidenschaft für deutsche Debatten."

Womit noch längst nicht alle zitierenswerten Aussagen zitiert sind, aber womöglich genug aus einem Interview, das hinter einer Bezahlschranke steht. Um Springer (da fällt dann der Begriff "Autorenfreiheit") sowie die Lage in der Türkei geht es, wie die Überschrift schon andeutet, jedenfalls auch noch. Yücel möchte dazu beitragen, dass Deutschland die Erdogan-Regierung nicht mehr unterstützt. Auch in der Hinsicht könnte es also eine gute Nachricht sein, wenn mit der Bundeskanzlerin eine der stärksten internationalen Stützen dieses Regimes bald abtritt.

Interview zum Dokumentarfilm "Die letzten Reporter"

Zurück zu den starren Formen des linearen öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Beziehungsweise an deren Grenzen. Zwar nicht das Erste und das Zweite, die das Publikum, das sie erreichen, 24/7 mit formatierten Erfolgsprogrammen unterhalten, aber die nicht wenigen weiteren linearen Fernsehprogramme der Öffentlich-Rechtlichen lassen manchmal, wenn es gegen Mitternacht geht (und nicht gerade Wochenende ist), die Zügel schleifen und andere Formen auf Sendung. Sogar lange Dokumentarfilme werden gelegentlich noch ausgestrahlt. Heute Nacht tut's der NDR und zeigt das 94-minütige Werk "Die letzten Reporter" (jetzt schon in der Mediathek!).

Es geht um den "Enthusiasmus von Lokalreportern in medienökonomisch schwierigen Zeiten" sowie um Unterschiede zwischen den Leitmedien und dem Lokaljournalismus, leitet Altpapier-Autor René Martens sein medienkorrespondenz.de-Interview mit dem Regisseur Jean Boué ein. Diese Unterschiede liegen laut Boué, der bewusst aus Berlin weggezogen ist, da:

"Ob es nun der 'Spiegel' ist, die 'Süddeutsche Zeitung' oder die 'FAZ': Mir fallen immer wieder Artikel auf, die auf Studien basieren, aus denen die Autoren dann Mutmaßungen ableiten, die sie mit ein paar Konjunktiven und einem Fragezeichen in der Überschrift oder im Vorspann versehen. Solche fundierten oder scheinbar fundierten Hypothesen haben für mich nicht mehr viel mit journalistischer Beobachtung von Entwicklungen zu tun. Ganz anders die Reporter, die ich für den Film kennengelernt habe. Die haben wahnsinnig wenig Zeit, machen ein Foto, nehmen sich ein, zwei Leute, mit denen sie reden, und ob das die richtigen oder die falschen sind – die Frage stellt sich gar nicht, denn sie müssen ja gleich zum nächsten Termin. Sie arbeiten unter unglaublichem Zeitdruck, aber immer noch mit einem gewissen Enthusiasmus."

Eine Protagonistin des Films ist die Reporterin Anna Petersen. Die "stärkste Passage des Films" sei die, in der sie bei ihrer "Langzeitbeobachtung einer jungen Frau, die unter dem Fetalen Alkoholsyndrom leidet", zu sehen ist, die später mit einem Theodor-Wolff-Preis prämiert wurde, meint René.

Der stets gut gelaunte NDR wählt beim Anteasern des Films in seinem Internetauftritt lieber einen Blickwinkel, der klingt, als ließe sich aus dem Stoff auch eine hübsche Degeto-Schmonzette mit Potenzial für einen 20.15 Uhr-Sendetermin und zwölf Wiederholungen in 24 Monaten gestalten:

"Wenn Anna Petersen im Rock mit Block und blonder Mähne über den Acker stakt, nimmt nicht jeder Bauer sie sofort ernst. Doch ..."

lässt der NDR  nichts anbrennen und platziert dann immerhin noch zwei Gendersternchen im letzten Absatz des launigen Texts.


Altpapierkorb (Tiktoker auf Youtube, "funktionierende" Landesmedienanstalten, "präventive Massenüberwachung", Journalismus in Asien, einst in Erftstadt)

+++ Die Plattformen der großen Datenkraken schalten Konkurrenz durch Aufkaufen oder durch Kopien von deren Ideen aus. Ersteres wird Googles Youtube beim chinesischen Tiktok nicht gelingen, also soll die neue  Funktion "Youtube Shorts" helfen. Tiktoker "laden auf beiden Apps eins zu ein die gleichen Videos hoch", beobachtet die SZ-Medienseite. +++ ... die sich hauptsächlich mit einem eher Medienseiten-untypischen Thema befasst: der Frankfurter Ausstellung "Misconceptions/ Missverständnisse".

+++ In Deutschland "gibt es funktionierende Aufsichtsinstitutionen – das Bundeskartellamt ... und die Landesmedienanstalten": So was  können die deutschen Landesmedienwächter, außer in ihren eigenen Publikationen, selten lesen, konnten es aber neulich in der FAZ. Da ging es um hochkochende Kompetenz-Streitigkeiten zwischen den Bundesländer-Anstalten und der EU, die zwar derzeit auf kaum irgendeinem Feld praktischer Politik funktioniert, aber immerhin große Ambitionen hegt.

+++ Neue Pläne zur "präventiven Massenüberwachung", sowohl von verschlüsselten Messenger-Nachrichten als auch durch "proaktives" Durchsuchen der dazu benutzten Geräte, gehen nicht von der EU-Kommission, sondern von den "Innenminister:innen der EU-Staaten" aus (netzpolitik.org).

+++ Journalismus in Asien I: Kaum wurde der US-amerikanische Reporter Danny Fenster in Myanmar vom Militärgericht zu elf Jahren Gefängnis verurteilt (Altpapier), wurde er doch "überraschend freigelassen", berichtet etwa die taz. +++ Journalismus in Asien II: "Die hochschwangere Rascha Abdallah Al-Harazi wurde durch einen gezielten Anschlag mit einer Autobombe getötet", im Jemen, vermutlich durch schiitische Huthi-Rebellen, berichtet die FAZ unter Berufung auf die Reporter ohne Grenzen. +++ Und Journalismus nicht in, aber für Asien, nämlich Vietnam, macht die von Berlin aus betriebene Nachrichtenseite thoibao.de, die auch englischsprachige Nachrichten bietet. Außer mit Cyberangriffen hat der Exilblogger Bui Thanh Hieu, berichtet die taz, auch mit Facebook selbst zu kämpfen. Denn das "beugt sich ... seit zwei Jahren den Zensurwünschen des Regimes. Dies geht auf eine Entscheidung des Chefs Mark Zuckerberg zurück, wie zuletzt im Oktober auch die Whistleblowerin Frances Haugen im US-Senat berichtete und ein Dutzend von der Washington Post befragte Ex-Mitarbeiter des Netzwerks bestätigten. Demnach verdreifachte sich in Vietnam die Zahl zensierter Inhalte von Facebook, das dort das wichtigste Informationsmedium ist, in dem halben Jahr vor dem Parteitag der alleinregierenden Kommunistischen Partei im Januar 2020".

+++ "Erftstadt war damals ein regelrechter Hotspot für Agenten der HVA", also des DDR-Auslandsnachrichtendiensts. "Wie kam das?". So lautet eine der Fragen in noch einem großen, rund zwei Drittel der FAZ-Medienseite füllenden Interview (Blendle). Befragt wird Georg Bönisch, der 1978 bei der Kölnischen Rundschau den Wächterpreis der deutschen Tagespresse gewann und bis 2013 beim Spiegel arbeitete. Auch nicht unbedingt Medienseiten-typischer Anlass: das neue Buch "Fernschreiben 827. Der Fall Schleyer, die RAF und die Stasi", das Bönisch co-verfasste.

Neues Altpapier gibt's wieder am Mittwoch.

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