Das Altpapier am 19. November 2021 Kommunikativer Teufelskreis

Warum stecken wir trotz viel Corona-Wissen in Deutschland wieder in einer derart angespannten Situation? Welche Verantwortung Politik und auch Medien tragen und warum "Blame Games" dabei niemanden weiterbringen. Außerdem: ein paar Vorschläge fürs Corona-Bullshit-Bingo. Ein Altpapier von Nora Frerichmann.

Teasergrafik Altpapier vom 19. November 2021: Porträt Autorin Nora Frerichmann
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

Destruktive Corona-Kakophonie

Da ist es wieder, das vom Nachrichtenjournalismus so gehassliebte Ereignis der Corona-MPK. Wohl keine andere Pressekonferenz als die der Ministerpräsidentinnen und -präsidenten mit der Kanzlerin bringt in dieser Regelmäßigkeit solche grundlegenden Veränderungen des Alltagslebens in diesem Land mit sich – was einen hohen Nachrichtenwert verspricht, viel Diskussionsstoff und lange Nächte in Redaktionen und Homeoffices.

Nachdem dieser Melting Pot der bundesweiten Pandemiepolitik während der Covid-Verdrängung im Sommer und Frühherbst fast aus dem Gedächtnis geraten war, sind die Beratungen zwischen Bund und Ländern mit ihren anschließenden PKs zu den kommenden Infektionsschutzregeln seit gestern Abend wieder zurück (nächster Termin: 9. Dezember). Anlass genug, um sich die Prozesse politischer und medialer Kommunikation in der aktuellen Pandemiesituation etwas genauer anzusehen.

Man hätte, man müsste, wenn die neuen Koalitionsfraktionen nur, aber die CDU: Obwohl die Situation auf den Intensivstationen vielerorts ernst und die Infektionszahlen seit Tagen so hoch sind, wie nie zuvor, ergehen sich die Bundesregierung in spe und die scheidende Bundesregierung an vielen Stellen in einer destruktive Kakophonie aus Vorwürfen und Verantwortungsdrückebergerei.

So kritisiert etwa der Politikberater Johannes Hillje bei @mediasres vor allem mit Blick auf die gestrige Bundestagssitzung ein "Blame Game" zwischen geschäftsführender und sich bildender Regierung:

"Und Blame Games beschädigen Vertrauen immer grundsätzlich, und stiften auch meistens mehr Verwirrung, als dass sie Klarheit schaffen. Und Vertrauen und Klarheit sind ja aber die Grundlage, dass Menschen sich auch an die Corona-Regeln halten."

Neben anderen Faktoren spielt auch die Gegenwartsfixierung von Medien eine Rolle bei den Kommunikationsproblemen, um die Pandemie unter Kontrolle zu halten. Hätte es im Sommer schon umfassende Planungen gegeben, wie den im Herbst bei zu niedriger Impfquote wieder steigenden Infektionszahlen frühzeitig entgegengewirkt werden kann und wären die Warnungen aus der Wissenschaft ernst genommen wurden, sähe die Situation jetzt sehr wahrscheinlich anders aus.

Doch Politikerinnen und Politiker würden merken, dass langfristiges Denken medial nicht belohnt wird, sagt Hillje. Dabei hätten sie auch Bedenken, als Panikmacher abgestempelt zu werden:

"Wir können ganz grundsätzlich feststellen, das vorausschauendes Handeln und langfristiges Denken von den Medien leider selten belohnt werden. (…) Medien ticken kurzfristig, die Pandemie ist aber langfristig. Wenn man zum Beispiel im Sommer als Wissenschaftler gewarnt hat, dass die wissenschaftlichen Berechnungen sagen, dass in drei Monaten die Lage wieder deutlich schlechter sein wird, dann führt das maximal zu ner Meldung, aber nicht zu einer Debatte wie wir das präventiv verhindern können."

Problem der kurzen Frist

Das ist sicherlich ein Aspekt der aktuellen Misere in Deutschland. Als Ausrede für eine Politik des Zauderns kann es aber nicht dienen. Denn gewarnt wurde zu viel, als dass verantwortliche Politikerinnen und Politiker nun noch überrascht tun könnten von der Dynamik, die die Infektionszahlen in einem exponentiellen Wachstum halt erreichen.

Sehr anschaulich stellt Samira El Ouassil das in ihrer aktuellen Spiegel-Kolumne dar. Dort widmet sie sich auch der politischen Seite des Problems. In dem Text blickt sie zurück auf den Sommer, als die Warnungen von RKI, Christian Drosten und anderen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen im politischen Raum nicht für Präventionsmaßnahmen sorgten:

"Es hätte im Sommer ein 'Herbstproblem' gelöst werden müssen – und nichts hasst Politik mehr, denn sie arbeitet in einer Logik kurzfristiger Interessenverwaltung. Aus Angst, der Bevölkerung zu viel zuzumuten, insbesondere kurz vor einer Bundestagswahl, musste also gewartet werden, bis das Problem so präsent wurde, dass die Politik nicht mehr als Buhmann dastehen konnte – sondern eben die Wirklichkeit."

Am Ende steht also wieder mal die Erkenntnis: Politik und Medien sind Teil eines Kommunikationssystems und stehen damit natürlich in Wechselwirkung zueinander. Dabei hilft es in Krisensituationen aber nicht, die Verantwortung für Versäumnisse beim jeweils anderen abzuladen und so einen kommunikativen Teufelskreis zu beschwören. Politik täte es gut, sich weniger an Medienlogiken und -dynamiken zu orientieren. Und auch viele Medien dürften sich etwas mehr vom politischen Sekundentakt lösen und ihren Blickwinkel auf längere Zeiträume erweitern.

Corona-Bullshit-Bingo

Die mittlerweile wieder deutlich hochgefahrene Corona-Berichterstattung bietet auch jede Menge Material für Bullshit-Bingo-Liebhaber. Zum Beispiel die Formulierung "explodierende Zahlen" kann in dieses zugegeben zynische Spielchen aufgenommen werden.

Dieses irreführende Bild einer Explosion, die ohne Vorwarnung auf einmal für Zerstörung zu sorgen scheint, ist aktuell weit verbreitet: von Stern bis RND, in der Süddeutschen und bei n-tv, aber auch in der Cosmopolitan und beim BR. Dass das Bild auf den aktuellen Stand der Infektionszahlen nicht anzuwenden ist, erläutert El Ouassil ebenfalls in ihrer Kolumne:

"Der Witz an einer exponentiellen Kurve zum Beispiel ist, dass sie an jeder Stelle exponentiell ist und nicht erst 'plötzlich' ganz am Ende. Es gibt wenig Vohersagbareres als exponentielle Kurven (klar: das Amen in der Kirche). Dementsprechend ist es auch eine semantische Albernheit, von explodierenden Zahlen zu sprechen, als seien die Ziffern aus dem Hinterhalt geworfene Blendgranaten."

Und Zahlen selbst explodieren ohnehin nur, wenn sie aus Sprengkörpern geformt werden. Das ist vor allem in feierlichen Szenarien vorstellbar: bei Feuerwerkshows zu Firmenjubiläen/Geburtstagen/Neujahr oder vielleicht noch bei Böllerexperimenten von Pubertierenden. Aber keines davon hat mit der Pandemie zu tun...

Ein weiteres Element für dieses Bingo-Spiel hat Stefan Fries für @mediasres auseinander genommen: Die Formulierung, jemand habe sich "trotz Impfung" mit Corona infiziert sei ebenfalls irreführend, sorge für falsche Erwartungen und Skepsis.

Altpapierkorb (Press Freedom Award, Leistungsschutzrecht, Entwurf zum neuen Auftrag der Öffis)

+++ Der Press Freedom Award geht in diesem Jahr an die chinesische Journalistin Zhang Zhan, das "Pegasus-Projekt" und die palästinensische Journalistin Majdoleen Hassona. Zhang berichtete laut Reporter ohne Grenzen trotz ständiger Drohungen der Behörden im Februar 2020 über die Covid-19-Epidemie in der Stadt Wuhan. Die aufwändige "Pegasus"-Recherche habe die Weltöffentlichkeit auf das Ausmaß der Überwachung aufmerksam gemacht, der Medienschaffende in vielen Ländern ausgesetzt sind. Und Hassona sitze wegen ihrer kritischen Haltung und ihrer beharrlichen Berichterstattung seit zwei Jahren im Westjordanland fest.

+++ Zwischen Google und einzelnen deutschen Verlagshäusern regeln nun erste Verträge eine Vergütung nach dem lange diskutierten Leistungsschutzrecht. Mehr Einzelheiten gibt's im Google-Blog, bei Meedia und dem Standard.

+++ Entwurf für den neuen Auftrag der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten wird nun online gestellt, berichtet Helmut Hartung in der FAZ. Hier kann das Papier angesehen werden. Bis Mitte Januar 2022 sind Stellungnahmen über das Formular auf der Webseite möglich.

+++ Seit 2018 ist der Umfang von Cybermobbing deutlich gestiegen, berichten FAZ, ZDF und Heise. Laut einer Studie des Bündnisses gegen Cybermobbing wurde die Entwicklung zusätzlich begünstigt durch die Gegebenheiten der Pandemie. Besonders Frauen und junge Menschen seien betroffen.

Neues Altpapier gibt's wieder am Montag.

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