Das Altpapier am 22. November 2021 Der Fehler, von Fehlern zu sprechen

Die aktuelle "Anne Will"-Sendung war nicht aktuell. Max Czollek fragt sich, warum niemand bei ihm nachgefragt hat, als alle Feuilletons über ihn schrieben. Schon wieder wird an einer EU-Außengrenze ein Journalist festgenommen. Ein Altpapier von René Martens.

Teasergrafik Altpapier vom 22. November 2021: Porträt Autor René Martens
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

"Anne Will" hinkt hinterher

Zum inzwischen 35. Mal, wie der Tagesspiegel am Sonntagnachmittag wissen ließ, war gestern Corona das Thema bei "Anne Will", und an der Sendung selbst und an den Reaktionen darauf lassen sich mehrere grundsätzliche Probleme des medialen Umgangs mit der Pandemie festmachen.

Fangen wir mit dem Titel "Die Corona-Notlage – Kann Deutschland die vierte Welle noch brechen?" an. Abgesehen davon, dass viel dafür spricht, dass es fürs Brechen längst zu spät ist, ist die Frage vor allem in einer Hinsicht falsch formuliert. Treffender müsste sie, falls mit "Deutschland" die verantwortlichen Politikerinnen und Politiker gemeint sind, lauten: "Warum will Deutschland die vierte Welle nicht brechen?" oder "Warum wollte Deutschland die vierte Welle nicht brechen?" So muss man es formulieren, weil die Politik sich ja entschieden hat, die vierte Welle nicht zu verhindern (siehe auch Altpapier).

Anders formuliert:

"Das Nachdenken über Fehler in der Pandemiestrategie verfolgt die falsche Fragestellung: Es handelt sich nicht um Fehler. Wir haben ganz einfach die Corona-Politik, mit der die Behörden sich arrangiert haben. Mit der hohen Sterblichkeit, mit den vollen Intensivstationen, mit der Durchseuchung der Schulkinder, mit allen potenziell auch diesen Winter verheerenden Konsequenzen. Sollte uns im nächsten Winter eine neue Mutation in Atem halten, wird es wieder ganz genau so sein."

So kommentiert Daniel Binswanger für die Republik die Lage - ja, natürlich in der Schweiz, aber es ist erstaunlich, dass sich die Beschreibung der dortigen Verhältnisse so gut auf die hiesigen übertragen lässt.

Zurück zur Will-Sendung, Einen weiteren Kritikpunkt benennt der Philosoph Michael Oberst bei Twitter:

"Bei #AnneWill wurde fast nur über das Impfen geredet. Mittelfristig sind Booster-Impfungen und das Schließen der Impflücke sicher das Wichtigste. Aber das hilft uns nicht jetzt in diesem Moment. Wir sind in einer absoluten Notlage und müssen sofort hart auf die Bremse treten."

Dass die Sendung der Realität hinterher hinkte und eigentlich vor allem über eine Notbremse hätte geredet werden müssen, lässt sich auch mit Verweis auf einen Beitrag der Kolleginnen und Kollegen von MDR Wissen untermauern - und auf Äußerungen des MDR-Experten Alexander Kekulé (in seiner Focus-Online-Kolumne).

Michael Radunski kritisiert in seiner FAZ-Rezension Moderatorin Will.

Als der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans ein "herrliches Ablenkungsmanöver" startete und "als Grund für die steigenden Inzidenzen darauf verweist, dass die Schutzwirkung von Impfungen eben deutlich früher nachlasse als angenommen", habe Melanie Brinkmann die Aufgabe Wills übernehmen müssen, weil diese "völlig gebannt" gewesen sei. Radunski:

"Wo ist an dieser Stelle die Moderatorin, die aufmerksam zuhört, der Diskussion folgt und eingreift? Warum muss eine Virologin die Ausführungen der Politik hinterfragen und korrigieren?"

In der Tagesspiegel-Nachkritik der Sendung spricht Gerd Appenzeller von einer "Lehrstunde an Politikberatung" - was als Lob gemeint ist für Brinkmann und die Erfurter Gesundheitskommunkikationsprofessorin Cornelia Betsch. Die Formulierung erweckt aber (wieder) den falschen Eindruck, dass es den in der Sendung anwesenden Politikerinnen und Politikern bisher an Beratung gefehlt hätte. Klüger als manche Journalistinnen oder Journalisten ist Jörn Keller, ein parteiloser Bürgermeister aus dem nördlichen Niedersachsen, der aus einem dringenden Anlass am Sonntag twitterte:

"Ich wusste bereits seit vielen Monaten, dass uns die 4. Welle hart erwischt, wenn nicht ausreichend vorbereitet wird. Dass nun Entscheidungsträger auf höheren Ebenen sich überrascht geben, obwohl sie natürlich einen optimalen Zugang zu Beratern und Daten haben, enttäuscht mich maßlos und macht mich sehr zornig."

Dass sich am Abend bei Will Tobias Hans überrascht über die Entwicklung geben würde, konnte Keller da noch nicht wissen.

Was wird aus dem Kinderkanal?

Zum am Freitag an dieser Stelle kurz erwähnten "Diskussionsentwurf zu Auftrag und Strukturoptimierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks", der vorsieht, dass künftig nur noch das Erste Programm der ARD, das ZDF, die Dritten Programme, Arte und 3sat "fest" von der Politik beauftragt werden und über die zukünftige Gestaltung und Verbreitung der derzeitigen Spartenprogramme die Sender selbst entscheiden können, liegen mittlerweile natürlich Einschätzungen vor.

Daniel Bouhs sieht in einem Twitter-Thread nun die "Chance dafür, aus TS24/Phoenix/ZDFinfo ein großes ÖRR-Infoangebot zu machen, ggf. einen starken News-Kanal". Joachim Huber schreibt im Tagesspiegel dazu: "Selbst wenn die private Konkurrenz von ntv bis Welt aufstöhnt", dürfe die Diskussion nicht zu dem Ergebnis führen, dass man "lieber verzwergt weiter macht".

Das "ggf." in Bouhs' Formulierung weist darauf hin, dass ein gemeinsames großes Infoangebot ein Nachrichtensender sein könnte, aber nicht sein müsste. Ich hatte im Zuge der Flexibilisierungsdebatte, die uns ja auch schon ein bisschen länger begleitet, vor etwas mehr als zweieinhalb Jahren mal skizziert, warum der Kern eines fusionierten Programms das derzeitige Phoenix sein sollte.

Huber ist leicht entsetzt darüber, dass der Kinderkanal "in der Muss-Liste nicht auftaucht", dass also, wenn der Reformvorschlag in der vorliegenden Form umgesetzt werden würde, ARD und ZDF sich dafür entscheiden könnten, das Programm des Kinderkanals nicht mehr linear, sondern nur noch im Netz zu verbreiten. Recht hat Huber damit, dass der Kinderkanal "notwendig" ist. Die Krux beim KiKA, bei dem unser MDR federführend ist, ist allerdings, dass manche Programmstrateginnen und -strategen zwar gern selbstbewusst auftreten, die Programmqualität dies aber oft nicht (mehr) rechtfertigt.

Ein Shitstorm ohne Social-Media-Beteiligung

Im August hatte der Schriftsteller Maxim Biller den Schriftstellerkollegen Max Czollek in einer Zeit-Kolumne "aus dem exklusiven Judenclub ausgeschlossen", wie Biller selbst schrieb, und ihn als "Faschings- und Meinungsjuden" bezeichnet und ihm also seine jüdische Identität abgesprochen. Autorinnen und Autoren von NZZ, Welt und FAZ griffen Czollek ebenfalls an. Wer sich in das Thema einlesen will, dem sei ein Mitte September in der SZ erschienener Überblicksartikel empfohlen.

In einem Interview mit Tobias Becker vom Spiegel (€) übt Czollek Kritik an den beteiligten Redaktionen:  

"Nirgendwo hat jemand mal gesagt: Halt, stopp, den Biller, den Schuster, den Wolffsohn – die können wir nicht einfach machen lassen, ohne den Menschen, um den es geht, mal zu fragen, was er zu den Vorwürfen sagt (…) Für mich war das eine echte Erschütterung. Kein einziger Journalist der beteiligten Redaktionen hat bei mir nachgefragt, ob eigentlich wahr ist, was da behauptet wird. Sie waren der erste. Alle anderen haben munter Jüdinnen und Juden eingeladen, die Debatte für sie anzuheizen, haben das Popcorn rausgeholt und dann dabei zugeschaut, wie sie einen anderen Juden fertig machen. An so etwas delektiert sich offenbar die nichtjüdische deutsche Öffentlichkeit."

Ohne die Spezifika dieser Angelegenheit zu ignorieren: Völlig untypisch sind solche, vornehm gesagt: medialen Dynamiken ja nicht.

Ob ihn auf Twitter "viel Hass erreicht" habe, will Becker unter anderem wissen. Czollek dazu:

"Es war der erste Shitstorm, den ich erlebt habe. Aber der Shitstorm fegte fast ausschließlich durch die Printmedien und Radiostationen, auf Social Media blieb es weitgehend windstill."

Das sollte man auf jeden Fall im Hinterkopf behalten, falls mal wieder ein Printmedium oder eine Radiostation auf dem Twitter-Dämonisierungs-Trip ist.

Zweierlei Grenzüberschreitungen

Zu den wichtigen internationalen Medien-Kooperationen der vergangenen Monate gehören die im Oktober veröffentlichten Recherchen zu Pushbacks an der kroatisch-bosnischen Grenze. Auf deutscher Seite beteiligten sich an der Berichterstattung unter anderem "Monitor"  und Der Spiegel ("Reporterinnen und Reporter legten sich selbst auf die Lauer, als Fischer verkleidet. Sie steuerten Drohnen über die Grenzgebiete und werteten Satellitenaufnahmen und Hunderte weitere Videos aus, die ihnen zugespielt wurden").

Da lag es nahe, dass nun Sebastian Leber vom Tagesspiegel im Auftrag seiner Redaktion "an die Grenze gereist (ist), um über die Situation der Flüchtlinge im Grenzgebiet und ihre umstrittene Rückführung durch die kroatische Polizei zu berichten". Die Zeitung selbst erwähnt das aus unschönem Anlass, denn Leber wurde, nachdem er die kroatisch-bosnische Grenze überschritten hatte, von der kroatischen Polizei festgenommen und kam erst nach 24 Stunden wieder frei.

Der Spiegel geht in seinem Bericht über die Festnahme Lebers auch auf die eigenen Recherchen aus dem Oktober ein. Und der MDR-Kollege Thomas Datt schreibt anlässlich des Vorfalls:

"2018 war es kein Problem, Migranten auf dem Weg von Bosnien nach Kroatien zu begleiten, heute werden Journalisten von der Pushback-Zone auf kroatischer Seite ferngehalten."

Ein anderes Beispiel dafür, wie die Polizei an den Außengrenzen der EU Grenzen überschreitet, hatte vor wenigen Wochen die polnische geliefert: Die Arte-Journalistin Ulrike Däßler musste Anfang Oktober eine Nacht in Einzelhaft verbringen.


Altpapierkorb (fehlende Vielfalt, Merkel-Hefte, Medienminister Wüst, TV-Höhepunkt "Oeconomia", ARD-Doku über Tönnies)

+++ Was ist das überraschendste Ergebnis der aktuellen Studie der Neuen Deutschen Medienmacher*innen zur mangelnden Diversität in in den "Tagesthemen", im "Heute Journal" und bei "RTL Aktuell"? Dass unter den dort im Untersuchungszeitraum vom 1. August 2021 bis 30. September 2021 zu Wort kommenden Menschen nur 30 Menschen mit Behinderung waren (und davon die meisten im Kontext der Paralympics). Das sagt Kira Schacht, eine der Autorinnen und Autoren der Studie, im Übermedien-Podcast "Holger ruft an". Konkret heißt es dazu bei den NdM: "Nur bei 0,7 Prozent aller auftretenden Menschen (unter 4.175 Auftritten) war eine Behinderung erkennbar."

+++ Imre Grimm hat fürs Redaktionsnetzwerk Deutschland Angela-Merkel-Verabschiedungs-Sonderhefte gelesen. Am besten schneidet das des Magazin-Tausendsassas Oliver Wurm ab ("kleines Feuerwerk für Polit- und Design-Nerds").

+++ Der frühere Geschäftsführer des Zeitungsverlegerverbandes Nordrhein-Westfalen und neue nordrhein-westfälische Ministerpräsident Hendrik Wüst ist nun auch neuer Medienminister des Bundeslandes (wie sein Vorgänger). Das meldet die Medienkorrespondenz. "Wüst dürfte für die NRW-Medienpolitik nun allerdings kaum ausreichend Zeit finden, was in den vergangenen Jahren größtenteils auch für Armin Laschet galt", schreibt der Mediendienst in seiner vorletzten Ausgabe. Zum Ende der Medienkorrespondenz (Altpapier) kolumniert aktuell Steffen Grimberg für die taz.

+++ Ich hatte die Ehre, für diese vorletzte Ausgabe in der 68-jährigen Geschichte der MK über einen der Höhepunkte des TV-Jahres 2021 schreiben zu dürfen: den Dokumentarfilm "Oeconomia", der sich mit grundsätzlichen Fragen rund um Geldschöpfung und Wirtschaftswachstum beschäftigt und den man durchaus als Offenbarung bezeichnen kann.

+++ Und auf der SZ-Medienseite empfiehlt Christian Wernicke heute die in der Reihe "Die Story" zu sehende ARD-Dokumentation "Die Schlachtfabrik". Gemeint ist jene von Clemens Tönnies. Wernicke schreibt: "Fast ein Jahr lang hat ein WDR-Team recherchiert, um in knapp 45 Minuten zu zeigen, wie es so zugeht in Europas größter Fleischfabrik. Die Reportage geht (laut Untertitel) der Frage nach, 'wie Tönnies um seinen Ruf kämpft'. Aber der Film leistet viel mehr: (Er) zerlegt das gesamte Schweinesystem. Innerhalb einer Dreiviertelstunde erfährt der Zuschauer vom Ferkel im Stall bis zum Filet, welchen Regeln und Zwängen Massentierhaltung und industrielle Fleischproduktion gehorchen. Und warum Clemens Tönnies, der mutmaßlich mächtigste Mann der Branche, daran selbst zugrunde gehen könnte."

Neues Altpapier gibt es wieder am Dienstag.

1 Kommentar

Niemann vor 1 Wochen

Wenn man mal etwas substanzloses lesen will dann nehme man dieses Altpapier zur Hand. Subtil verpackt bekommt man Regierungspropaganda serviert zu Impfdruck, ach so lieblichen Migranten die Grenzen durchbrechen und allerlei anderen Herlichkeiten. Realität, nun ja manchmal schimmert sie leicht verschämt durch, warum nicht hell und generell. Habe eben mal ein Kilo Altpapier der Werbeindustrie durchgesehen. Es wäre der Umwelt sehr hilfreich wenn alles Altpapier garnicht erst entsteht.