Das Altpapier am 18. Februar 2022 ARD sortiert Besteckschrank

Das Erste baut sich mit Messern, Gabeln und Löffeln einen Nachrichtensender. Der Zeitungsverleger-Vize stimmt mit den Füßen ab gegen den Präsidenten. Und: Soziale Medien sind als Gerichte eher untauglich. Ein Altpapier von Ralf Heimann.

Teasergrafik Altpapier vom 18. Februar 2022: Porträt des Altpapier-Autoren Ralf Heimann
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Tagesschau24 wird leises CNN

In einem als "exklusiv" gelabelten Interview mit dem Tagesspiegel erklärt die ARD-Vorsitzende Patricia Schlesinger, was es mit dem Ausbau des Nischensenders Tagesschau24 zu einem Rund-um-die-Uhr-Nachrichtenkanal auf sich hat. Den haben die Intendantinnen und Intendanten am Dienstag beschlossen.

Der Sender liegt im Moment in Einzelteilen in einer Schublade, aber die ARD würde ihn gerne auf den Tisch legen und mit ihm essen. Oder so ähnlich. Am besten erklärt Patricia Schlesinger das noch mal selbst:

"Ich begebe mich mal in ein Bild: Geplant ist, das Besteck aus der Schublade zu holen, an den Tisch zu bringen, ordentlich zu sortieren und dann damit zu essen."

Haben Sie das verstanden? Nein? Dann schauen wir doch mal ins Handelsblatt, wo Patricia Schlesinger, möglicherweise ebenfalls exklusiv, mit Christian Rickens über den Umbau gesprochen hat. Dort ist nicht mehr nur von Plänen die Rede, es klingt schon etwas konkreter. Frau Schlesinger, bitte:

"Was wir vorhaben, ist betriebswirtschaftlich sinnvoll, denn wir haben das Besteck schon in der Schublade, wir müssen es nur auf den Tisch packen, richtig hinlegen und damit essen."

Weil damit aber noch immer nicht alle Fragen beantwortet sind, schauen wir schnell auf die Medienseite der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Dort kündigt die ARD-Vorsitzende im Gespräch mit Michael Hanfeld (€), dass es unmittelbar losgehen wird. Oder in ihren Worten:

"Wir haben das Besteck in der Schublade und holen es jetzt heraus, sortieren und legen es auf den Tisch."

Nun ist nichts dagegen einzuwenden, dass man sich für einen Exklusiv-Interview-Marathon ein paar Formulierungen zurechtlegt. Nur ist das Bild etwas kryptisch.

Gemeint ist: Die ARD möchte Tagesschau24 zu einem Livesender umsortieren. Nach der Darstellung von Schlesinger sind die Bestandteile vorhanden, es muss nichts Neues gekauft werden, im Prinzip kann danach also durch ein bisschen Aufräumen aus Tagesschau24 "ein veritabler Nachrichtenkanal" werden, so erklärt Schlesinger es in der FAZ, "ähnlich wie CNN" soll der Sender werden, "aber ohne dessen Lautstärke".

Dass so ein Kanal sinnvoll sein könnte, klang immer mal wieder an, zum Beispiel, als im April 2019 in Paris die Kathedrale von Notre-Dame in Flammen aufging und die ARD in einer gefühlten Übersprunghandlung eine Tierdoku sendete (Altpapier). Oder im vergangenen Jahr, als das Ahrtal eine katastrophale Flut erlebte und das öffentlich-rechtliche Fernsehen eine geruhsame Nacht.

Diesen Vorfall kommentiert Michael Hanfeld (€) heute auf der FAZ-Medienseite, denn auch die Aufarbeitung läuft nicht so ganz glatt. Der Wetterexperte Karsten Schwanke hatte vor dem Untersuchungsausschuss des rheinland-pfälzischen Landtags gesagt, er habe dem Sender vorher eine Sondersendung angeboten. Und damit sei er gewissermaßen schon zum Äußersten gegangen, denn so etwas habe er vorher noch nie gemacht.

Der Sender korrigiert seinen Wetterfrosch nun in einer Antwort auf eine Anfrage von Hanfeld. Es sei um ein kurzes Livegespräch gegangen, etwa eine Minute lang. Eine Sondersendung sei zu keiner Zeit im Gespräch gewesen. Schwanke hätten "keine Erkenntnisse zur Entwicklung einer Flutwelle eines solchen Ausmaßes" vorgelegen. Da hat er sich wohl geirrt. Hanfeld schreibt:

"Dass ein Wetterexperte sich dort deutlich äußert, seine Aussagen dann vom SWR relativieren lässt, ist – vorsichtig gesagt – fragwürdig",

Hätte ein Livesender diesen Fehler verhindern können? Möglicherweise. Wie so etwas in Zukunft ablaufen soll, erklärt Patricia Schlesinger in ihrem Gespräch mit dem Tagesspiegel:

"Wenn zum Beispiel in Bayern ein Tal überschwemmt wird oder in Köln eine Brücke einstürzt, können wir von den ARD-Regionalsendern durchschalten, zum Beispiel vom BR24."

Natürlich hätte dazu bei der Flut im vergangenen Jahr erstmal ein Regionalsender aufwachen müssen. Allerdings hätte sich vermutlich irgendwer vom Nachrichtensender darum gekümmert, denn im Verlauf des Abends wäre wahrscheinlich die Frage aufgekommen: Warum haben wir zur Schlagzeile im Crawler noch keine Bilder? Und nicht: Unterbrechen wir jetzt tatsächlich das wichtige Hauptprogramm?

Aber was wird zum Beispiel aus dem "ARD-Brennpunkt"? Patricia Schlesinger in der FAZ:

"Sobald ein Ereignis große Bedeutung bekommt, die 'Brennpunkt-Schwelle' erreicht, wird es Sondersendungen im Ersten geben."

Und was wird aus dem Hitler-Doku-Kanal Phoenix? Schlesinger:

"Phoenix bleibt der Ereigniskanal, die Heimat planbarer Aktualität mit dem Fokus auf Live-Verbreitung von politischen Ereignissen wie der Bundespräsidentenwahl, Kanzlerwahl, Bundestagswahl und Parteitagen."

Das klingt doch fantastisch. Ich hätte dazu noch einen Vorschlag für einen neuen Claim: Phoenix – Wir haben die Wahl. Oder: Phoenix – Alles, was wählt.

Zeitungsverleger: Der Vize geht

Nach den neuen Enthüllungen der Financial Times über den Versuch des Springer-Verlags, die Dimension der Vorwürfe gegen Julian Reichelt zu vertuschen, hat der Zeitungsverlegerverband am Montag entschieden: Schwamm drüber. Springerchef Mathias Döpfner bleibt Zeitungsverlegerpräsident (zuletzt gestern im Altpapier). Beziehungsweise: Laut Michael Hanfeld (€) kam es nicht einmal zu einer Aussprache, nachdem die Funke-Mediengruppe Döpfner "unterschwellig" zum Rücktritt aufgefordert hatte.

So brodelte es offenbar einige Tage, am Donnerstag trat Thomas Düffert, Chef der Madsack-Mediengruppe, von seinem Amt als Vizepräsident des Verbands zurück, berichtete am Donnerstag Marvin Schade für den Branchendienst "Medieninsider" (€). Schade schreibt, Düffert deute in einem Schreiben an den Verband an, es gebe keine vertrauensvolle Zusammenarbeit. Aus Branchenkreisen sei zu hören, sein Verhältnis zu Döpfner sei "massiv gestört".

Hanfeld deutet den Schritt als "Misstrauensvotum gegen den BDZV-Präsidenten". Für den, also für Mathias Döpfner endet die Woche trotzdem noch mit einer guten Nachricht. Er bekommt laut "Kress Pro" für seine erfolgreiche Arbeit im vergangenen Jahr einen Bonus in Höhe von geschätzt 35 bis 40 Millionen Euro, insgesamt gehen knapp 90 Millionen Euro an den Springer-Vorstand (auch auf presseportal.de). Damit lässt sich der ehrenamtliche Posten des Zeitungsverlegerpräsidenten auch in Zukunft noch halbwegs kostendeckend querfinanzieren.

Mockridge: Aufklärung oder Selbstjustiz?

Nun noch schnell zu einem 25 Minuten langen Film des NDR-Medienmagazins "Zapp", der gestern schon im Altpapierkorb stand und der sich mit dem Fall und dem tiefen Fall des Moderators Luke Mockridge beschäftigt. Ines Anioli, die Ex-Freundin von Mockridge, hatte diesem eine Vergewaltigung vorgeworfen. In dem NDR-Film geht es allerdings nicht um die Frage, ob die Vorwürfe stimmen, sondern um die Rolle der sozialen Medien in der Geschichte.

Zunächst aber zu dem Problem, vor dem der Journalismus an dieser Stelle steht. Das juristische Verfahren gegen Mockridge wurde eingestellt, "weil eine Verurteilung nicht wahrscheinlicher gewesen sei als ein Freispruch. Das ist oft so in Aussage-gegen-Aussage-Fällen", heißt es in dem Beitrag. Damit ist der juristische Fall erledigt.

Ann-Kathrin Müller hat für den Spiegel über die Vorwürfe berichtet. Das Landgericht Köln verbot einige Passagen ihres Artikels, nicht aber den gesamten Text. Das Landgericht Hamburg, ein Gericht auf gleicher Ebene, entschied später anders und zog den Beitrag aus dem Verkehr. Das zeigt, wie schwer eine Bewertung ist – und wie unterschiedlich die Bewertungen ausfallen können.

Ann-Kathrin Müller sagt:

"Es gibt nun mal einen Bereich, gerade in der Sexualität und in Beziehungen, der nicht strafrechtlich abgedeckt ist, und wo man trotzdem sagen kann: Das ist moralisch verwerflich. Und Journalismus kann nicht immer nur das abdecken, was sozusagen strafrechtlich vor Gericht entschieden werden kann."

In anderen Worten: Es geht um Verdachtsberichterstattung. Das bringt die schwierige Aufgabe mit sich, über einen Verdacht zu berichten, ohne den verdächtigten Menschen vorzuverurteilen. Journalistinnen und Journalisten müssen hier abwägen und besonders sorgfältig vorgehen, denn Vorwürfe können falsch sein. Auf der einen Seite stehen die Interessen eines mutmaßlichen Opfers, auf der anderen die Persönlichkeitsrechte eines mutmaßlichen Täters. Und einerseits ist da das Gefühl, dass es schrecklich ist, wenn Täter mit ihrer Tat durchkommen, weil Opfern nicht geglaubt wird. Andererseits gilt ein Mensch als unschuldig, bis das Gegenteil bewiesen ist.

Der NDR-Film arbeitet gut heraus, wie soziale Medien einerseits durch öffentlichen Druck die Aufmerksamkeit auf Fälle lenken können, die bislang keine oder zu wenig Aufmerksamkeit bekommen haben. Er zeigt aber auch die Gefahr, die sich ergibt, wenn Menschen sich zusammentun und die Sache selbst in die Hand nehmen.

Dahinter steht mitunter ein zweifelhaftes Rechtsverständnis. Die Aktivistin Jorinde Wiese gibt dafür ein gutes Beispiel. In dem Film sagt sie:

"Ich denke an Verantwortung nicht gegenüber mutmaßlichen Tätern, sondern gegenüber Betroffenen. Ich verstehe den Fokus nicht."

Im Grunde schließt sie einfach die Möglichkeit aus, dass Vorwürfe falsch sein können. Versteht man ihre Rolle einfach als Gewicht in einem Kräftespiel, könnte man sagen: Es gibt ja auch Menschen auf der Gegenseite, die auf ähnlich einseitige Weise urteilen, die vielleicht Fans sind und daher per se für ihr Idol, egal welche Vorwürfe im Raum stehen. Die Einseitigkeit sorgt also unter dem Strich für einen Ausgleich.

Damit hängt es aber nicht von den tatsächlichen Fakten, Hinweisen und sorgfältig begutachteten Belegen ab, was für oder gegen eine Tat spricht, sondern von der Macht einer Lobby, die sich auf Grundlage von Gefühlen für eine Seite entscheidet und sich für die Sachlage nur wenig interessiert.

Letztlich fällt damit in sozialen Medien ein Urteil durch Mehrheitsmeinung. Wer mobilisiert, hat Recht.

Jorinde Wiese sagt in dem Beitrag:

"Außerdem, ich weiß nicht, ist das der schlimmste Vorwurf, den man haben kann, dass man sexualisierte Gewalt ausgeübt hat? Gibt ja auch andere Vorwürfe. Und auf jeden kann man eigentlich reagieren, wenn sie falsch sind. So. Und auch diese Vorstellung, dass man denkt: Es gibt jetzt einen Vorwurf von sexualisierter Gewalt. Jetzt endet die Karriere. Echt? Wirklich? Ist das das Schlimmste? Selbst eine Verurteilung? Hören Karrieren auf?"

Man könnte dazu einmal Jörg Kachelmann oder Andreas Türck befragen. Aufgrund von blinder Parteilichkeit für eine bestimmte Gruppe oder in diesem Fall Opfern einer bestimmten Tat geht in solchen Fällen jede Empathie für andere, unter Umständen unschuldige Menschen verloren. Soziale Medien verstärken diese möglicherweise fehlgeleitete Kraft. Der Confirmation Bias lässt grüßen.

Welche Folgen so etwas haben kann, zeigt eine Analyse der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, auf die Klaus Raab gestern im Altpapier hingewiesen hat. Es geht dort um etwas ganz anderes, um das Impfen – unter anderem aber auch darum, wie eine verhältnismäßig kleine Gruppe in sozialen Medien gelingt, sich zu etwas sehr großem aufzuplustern. Das ist eine Chance, zum Beispiel für unterprivilegierten Gruppen, aber ist gleichzeitig ein gefährlicher Hebel, der sehr viel Schaden anrichten kann.


Altpapierkorb (Deutsche Welle, Lauterbach und die Falschmeldung, Faeser + Telegram, Breloer wird 80, USA vs. Tech, Metaversum)

+++ Mehrere Bundestagsabgeordnete halten nach den Antisemitismusvorwürfen gegen die Deutsche Welle (Altpapier) strukturelle Veränderungen in der arabischen Redaktion für notwendig, berichtet "epd Medien", hier zu lesen in der Welt. Es reiche nicht aus, das Problem zu individualisieren, heißt es. Nötig seien "Mechanismen zur Konfliktlösung, die Beobachtung bestimmter Entwicklungen sowie Whistleblower-Regelungen für Hinweisgeber".

+++ Die "Bild"-Medien jubeln Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) eine falsche Aussage unter und bauen für die Print-Titelseite ein Zitat von Lauterbachs Ministerium zu einer Falschmeldung um, schreibt Frederik von Castell für Übermedien (€). Andere Medien wie das Putin-Fanportal RT DE springen bereitwillig auf. Die Springer-Pressestelle kann keinen Fehler erkennen. Von Castell: "Weder hat Lauterbach das gesagt, noch hat Lauterbach das gesagt, noch stimmt das, was Lauterbach auch nie gesagt hat."

+++ Der zwielichtige Messengerdienst Telegram und die Bundesregierung kommen sich langsam näher. Jetzt hat der Dienst von 68 zur Löschung gemeldeten Seiten immerhin 64 tatsächlich gelöscht, berichtet ein bisschen stolz Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) laut "epd Medien", hier zu lesen beim Redaktionsnetzwerk Deutschland. Unter anderen sei es um Gruppen gegangen, in denen Kommunalpolitiker bedroht wurden.

+++ Sebastian Wellendorf hat für das Deutschlandfunk-Medienmagazin "@mediasres" mit dem Regisseur Michael Souvignier über Heinrich Breloer gesprochen, der das Dokudrama erfunden hat, und der gestern 80 Jahre alt geworden ist. Souvignier: "Sie müssen sich das so vorstellen. Sie haben auf der einen Seite die reine Doku. Die Dokumentation ist komplett im Dokumentarischen verhaftet. Das heißt: Die Fakten müssen stimmen, weil das ist das Gesetze einer Dokumentation. Auf der anderen Seite gibt es den Spielfilm. In der Fiktion haben sie die Freiheit der fiktionalen Erzählform. Das heißt: Sie nehmen auch die Grundsätze der dokumentarischen Arbeit, also die Fakten auf, haben aber, was die Dramaturgie angeht, Freiheiten. Breloer hat diese beiden Sachen vermischt und zu einem sogenannten Dokudrama geführt."

+++ Die amerikanische Regierung nimmt den Kampf auf gegen die die ehemals geliebten Tech-Konzerne Facebook, Google und Amazon. Kerstin Kohlenberg beschäftigt sich in einem 36.000 Zeichen langen Beitrag für das "Zeit"-Dossier (€) mit der Frage, wie das passieren konnte.

+++ Nach der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (Altpapier gestern) hat auch die "Zeit" in ihrer aktuellen Ausgabe dem Metaversum einen Essay gewidmet. Thomas Assheuer fragt, ob man sich vor dieser Utopie fürchten muss. Im Text geht es auch um eine Alternative zu der kapitalistischen Idee, entworfen von einem Unternehmen namens Dynamicland: Assheuer: "Wie das Rennen zwischen Dynamicland und Metaversum ausgehen wird, ist nicht schwer zu erraten. Eines Tages wird jemand den digitalen Hippies ein Angebot machen und für sie ein Plätzchen am Narrensaum des Metaversums suchen. Zwischen dem Mark-Zuckerberg-Parlament, der St.-Jeff-Bezos-­Kathedrale und dem Elon-Musk-Weltraumbahnhof wird Dynamicland im Exotik-Zoo landen, zusammen mit jenen komischen Vögeln, Sonderlingen und Eigenbrötlern, die allen Ernstes geglaubt hatten, sie könnten sich den Krakenarmen des Digitalkapitalismus entziehen. 'Eintritt frei. Bitte nicht füttern.'"

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.

Neues Altpapier gibt es am Montag.

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