Das Altpapier am 4. April 2022 Die Nichtaufklärbarkeit der modernen Gesellschaft

Man kann "irre daran werden", dass es für den Angriff Russlands "deutliche Anzeichen gegeben hat", schreibt der Soziologe Armin Nassehi. In der Ukraine sind weitere Journalisten getötet worden. Das "ZDF Magazin Royale" über Ungarn wurde eine zweite "heute show". Und: das "Habeck-Paradox". Ein Altpapier von Klaus Raab.

Altpapier vom 4. April 2022: Porträt des Altpapier-Autoren Klaus Raab
Bildrechte: MDR | MEDIEN360G

"Titelfoto: Maksim Levin/REUTERS"

Am Wochenende wurde der Tod weiterer Journalistinnen und Journalisten gemeldet, die im Rahmen ihrer Arbeit als Kriegsberichterstatter aus der Ukraine gefallen seien. Einer von ihnen ist Maksim Levin. Er sei der sechste Journalist, der im Krieg in der Ukraine getötet wurde, twitterte die Organisation Reporter ohne Grenzen. Der ukrainische Fotograf und Dokumentarfilmer sei unbewaffnet gewesen und habe eine Jacke mit der Aufschrift "Presse" getragen.

Ganz klar ist es nicht, wie viele Reporterinnen und Reporter bislang in der Ukraine getötet wurden. Kurt Kister schrieb vor knapp drei Wochen in der "Süddeutschen Zeitung", es seien schon bis dato mindestens fünf (Altpapier). Michael Hanfeld erwähnt in seinem "FAZ"-Text nun neben Levins Tod auch noch den der russischen Journalistin Oksana Baulina, die ebenfalls bei einem russischen Raketenangriff ums Leben gekommen sei. "Sie arbeitete früher für die Stiftung des inhaftierten Oppositionellen Alexej Nawalnyj und zuletzt für das Inverstigativportal 'The Insider'" schreibt Hanfeld. Auch spiegel.de berichtet in der Meldung über Levins Tod auch vom Tod Baulinas.

Aber die Frage nach der Zahl ist nicht die entscheidende. Zahlen sind abstrakter als Namen und Gesichter. Noch wichtiger ist es derzeit daher, die Namen  der Journalisten zu nennen.

"Dieser Krieg ist Terror gegen Zivilisten. Mord, Massenvergewaltigung, Plünderei kennzeichnen das Vorgehen der Besatzer. Rund dreihundert tote Zivilisten haben die Ukrainer, nachdem die russische Armee vertrieben war, allein in dem Ort Butscha nahe Kiew gefunden und in einem Massengrab beerdigt. Dass dem vermeintlichen Frieden in den von den Russen eroberten Gebieten der Ukraine nicht zu trauen ist, unterstreichen diese Meldungen der letzten Stunden. Sie dokumentieren die Verwüstung, welche die russische Armee anrichtet. Ein besonderes Kapitel sind Journalisten",

so Michael Hanfeld am Wochenende. Danach schrieb er unter anderem über den Tod von Maksim Levin. Levin hatte, wie die anderen gestorbenen Reporterinnen und Reporter, ein Gesicht, einen Namen und öffentlich verfügbare Arbeitsnachweise. Und es ist richtig, dass einige seiner Arbeiten nun noch einmal gezeigt wird. Dadurch wird noch stärker unterstrichen, dass in diesem Krieg keine Zahlen sterben. Das ZDF etwa zeigte nun online einige seiner letzten Fotos. Eine von Levins Arbeiten konnten wir aber auch alle erst vor Kurzem in so gut wie jedem Zeitungskiosk sehen. Der "Spiegel" titelte am 5. März mit der Zeile "Kampf um Kiew". Auf dem Titel war eine zerbombte Hochhauszeile zu sehen, in deren Mitte ein Gebäude eingestürzt war. Auf Seite 5 stand links unten der Urheberhinweis. "Titelfoto: Maksim Levin/REUTERS".

Es waren sehr wohl Journalisten in Butscha

Aus Butscha nahe Kiew gingen am Wochenende schwer erträgliche Bilder um die Welt. Dort sind verschiedenen Quellen zufolge hunderte von Zivilisten hingerichtet worden, offenbar von russischen Soldaten. "Alles spricht für ein russisches Kriegsverbrechen", so der Stand. "Weltweit sorgen die Aufnahmen für Entsetzen", hieß es in der "Tagesschau" am Sonntag um 20 Uhr. Aus Kiew wurde Georg Restle zugeschaltet, der für die ARD nun von dort berichtet. "Für Journalisten war es heute nicht möglich, sich ein eigenes Bild von der Lage in Butscha zu machen", sagte er in der Sendung. Eine Aussage, für die er kritisiert wurde (hier, hier oder hier) und die er später bei Twitter mit einer "Klarstellung" korrigieren musste. Denn es waren sehr wohl Journalisten in Butscha.

In Ungarn wurde gewählt

Auf dem "Nachrichtenatlas" von tagesschau.de sieht man die weltweite Verteilung der jüngsten Beiträge auf tagesschau.de. Egal ob man nach den Beiträgen der vergangenen zwei Wochen, der zurückliegenden Woche, der vergangenen drei Tage oder der letzten 24 Stunden sucht: Die Ukraine ist, abgesehen von Deutschland, das Land, aus dem wir momentan die meisten Nachrichten bekommen. Das ist kein überraschendes Ergebnis, aber dieser Nachrichtenatlas ist gerade auch in anderen Zeiten ein hilfreiches Tool, wenn man sich einen Eindruck davon verschaffen möchte, wie die Aufmerksamkeit der "Tagesschau"-Redaktion jeweils über die Welt verteilt ist. Und umgekehrt auch davon, wohin sie sich gerade nicht richtet.

Aktuell fällt auf, dass es gar nicht soo wenig Afghanistan-Berichterstattung gibt. (Mehr weiter unten im Altpapierkorb.) Sogar mehr Afghanistan- als Ungarn-Berichterstattung, auch wenn in Ungarn gewählt wurde. Am gestrigen Sonntagabend sah es so aus, als würde Ungarns Ministerpräsident Orbán vor einer fünften Amtszeit stehen (zeit.de, tagesschau.de u.v.a.); die freilich nie sehr große Chance für die Opposition, Fidesz und seine Partner zu schlagen hat sich demnach wohl zerschlagen.

"Es gibt ein Parlament, es gibt noch einige freie Medienhäuser, aber hinter den Fassaden sind die Mechanismen des freien Wettstreits der Meinungen, die 'Checks and Balances', die Mitbestimmung und das Prinzip der fairen Wahlen total ausgehöhlt", schreibt der "Spiegel" online.

Was das Orbán-Regime für die Pressefreiheit bedeutet – ihre Aushöhlung bis Abschaffung –, hat der ungarische Journalist Szabolcs Panyi am Freitag im Interview mit Jan Böhmermann dargelegt (ab Minute 4:20). Panyi war auch hier im Altpapier kürzlich Thema – mit seiner Kritik an einer Doppelmoral deutscher Medien im Umgang mit Ungarn: Sie "kritisierten zwar ausgiebig die Einschränkungen der Medienfreiheit und das Ausmaß der Korruption in Ungarn, blendeten aber aus, dass deutsche Unternehmen von EU-Subventionen profitierten – und indirekt auch von der Korruption".

Böhmermanns Interview ist nicht der einzige Aufschlag des ZDF zur Wahl. Es gibt etwa auch diese hier ebenfalls schon erwähnte Dokumentation. Etwas merkwürdig war es aber doch, dass das "ZDF Magazin Royale" sich darauf konzentrierte, Witze nachzuerzählen, die über Ungarn irgendwo herumlagen; die Frankfurter Rundschau meint online: Sie seien aus der Show des Komikers John Oliver abgeschaut, dessen Witze sogar "eins zu eins" übernommen worden seien. Das Interview mit Panyi wurde linear jedoch nur kurz angerissen und als Langfassung online gestellt. Das Satiremagazin ist keine Nachrichtensendung, aber es wurde ja auch schon für seine "nie dagewesene, journalistische Tiefe" gelobt (etwa bei DWDL). Bei der jüngsten Ausgabe handelte es sich eher um eine Verlängerung der "heute show".

Das "Habeck-Paradox"

Hätte man es wissen müssen? Das ist eine der Fragen, die viele stellen. Hätte man wissen müssen, wohin Putins Russland steuert? Man hätte, schreibt der Soziologe Armin Nassehi in einem Essay im "Spiegel":

"Man kann im Moment zum Beispiel irre daran werden, dass es für den Angriff Russlands durchaus deutliche Anzeichen gegeben hat, ebenso übrigens wie Fachleute eine Pandemie schon lange erwartet hatten. Aber all das verschwand hinter der Normalitätsunterstellung der bestehenden Routinen. Deshalb ist es auch wohlfeil, jetzt darauf hinzuweisen, alles immer schon gewusst zu haben – die Nichtaufklärbarkeit der modernen Gesellschaft für unangenehme Gefahren ist stark."

Die "Normalitätsunterstellung der bestehenden Routinen". Die "Nichtaufklärbarkeit der modernen Gesellschaft für unangenehme Gefahren". Die Diagnosen kann man auch bei der Medienbetrachtung nutzen: weil es Medien sind, die Normalitäten unterstellen (oder nicht gegen sie ankommen).

Es passt, dass Wirtschaftsminister Robert Habeck in Nassehis Text auftaucht. Habeck, so eine derzeit verbreitete These, nimmt es mit der Normalitätsunterstellung und der Nichtaufklärbarkeit auf, indem er anders kommuniziert: nicht "normal". Nicht routiniert. Dafür bekam Habeck in den vergangenen Tagen viel Lob – weil er politische Komplexitäten zu erklären versuche und dadurch mit einer Medienroutine von Politikern breche. Habeck ist der Politiker der Stunde, könnte man sagen, wenn die Befüllung solcher Schubladen nicht auch nur eine Medienroutine wäre. Jedenfalls:

  • "Habeck hat geschafft, was [Bundeskanzler Olaf] Scholz bislang nicht gelungen ist: Er hat eine emotionale Brücke zu einer verunsicherten Gesellschaft gebaut, er ist Macher und Erklärer zugleich – und schreckt auch vor öffentlichen Selbstzweifeln nicht zurück", schreibt Gerald Traufetter in einem "Spiegel"-Porträt.

  • "Guter, seltener Moment: Als Donnerstagnacht dem Wirtschaftsminister Robert Habeck in der ZDF-Talkshow von Markus Lanz vorgeworfen wurde, wegen der deutschen Abhängigkeit von russischem Öl und Gas im Ukrainekrieg vor einem Dilemma zu stehen, gab einen Grundkurs über die Komplexität der Umstände zeitgenössischer deutscher Politik", lobt Jens-Christian Rabe in der "Süddeutschen Zeitung", nachdem Willi Winkler den Vizekanzler schon bei der "SZ" online dafür gefeiert hatte, "Deppenargumente" filetiert zu haben.

  • "Eine Sternstunde der politischen Kommunikation" sah Stefan Winterbauer (meedia.de) gar in Habecks Auftritt bei "Markus Lanz": "Ich kann mich nicht erinnern, schon einmal einen so hochrangigen Politiker in einer solchen Offenheit und Präzision in einer Talkshow sprechen gehört zu haben."

  • Der Soziologe Oliver Nachtwey fand "demokratiepolitisch interessant", dass Habeck "gerade einen neuen, einen fast nicht gekannten politischen Stil für einen Spitzenpolitiker erfindet: selbstkritisch, reflexiv, wahrsprechend".

  • Und selbst Armin Laschet von der CDU lobte den Stil des Grünen Habeck, "pro und contra abwägend, nachdenkend, gegen populistische und moralisch überhebliche Einfachlösungen".

Was ist da los? In einem instruktiven Text in der Monatszeitschrift "Merkur" (allerdings schon in der Ausgabe vom Februar, Volltext kostenpflichtig) wurden Besonderheiten von Habecks Kommunikation herausgearbeitet:

"Auf der einen Seite zelebriert Habeck den romantischen Gestus des ewigen Selbstgesprächs; auf der anderen Seite sieht er sich aber sehr wohl als Mann der Tat und zielt mithin auf die Überwindung jener Gegensätze, die das Denken, zumal das deutsche Denken, so lange beschäftigt haben."

Es ist allerdings auch vom "Habeck-Paradox" die Rede:

"Kommunikationstheorien werden heute nicht im Hinblick auf ein Zuwenig, sondern oftmals eher im Hinblick auf ein Zuviel an Kommunikation formuliert. Das Ausstellen von Authentizität und gelebter Erfahrung lässt sich als Versuch verstehen, so etwas wie eine Stoppregel einzubauen, die Kommunikation zumindest temporär stillzustellen vermag. Im Mittelpunkt steht dabei eine bestimmte Redeweise, bei der die Demonstration der eigenen Selbstzweifel und Selbstreflexivität zu einer Immunisierungsstrategie wird, auch um sich vor den Kommunikationsdynamiken in digitalen Räumen zu schützen, und die dabei einer progressiven Politik nicht im Weg stehen soll".

Reflexivierte Dauerkommunikation als Immunisierungsstrategie gegen Kommunikation: Das klingt und ist nicht unkompliziert. Aber weil es womöglich auf die Spur von Habecks Sprache führt: Vielleicht könnte das mal "jemand" bei Lanz erklären?


Altpapierkorb (Medienentwicklung unter den Taliban, "Tagesschau24", Börsenmonitore von hinten, "Verstehen Sie Spaß?")

+++ Auf der Medienseite der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" ging es um Afghanistan: "Bis vor wenigen Wochen, so könnte man die Entwicklung beschreiben, war die Lage der Medien in Afghanistan zwar schrecklich, aber noch einigermaßen berechenbar. Wer damit leben konnte, die Taliban nicht mit der Darstellung von zu viel Freizügigkeit oder mit öffentlichen Verunglimpfungen zu provozieren, konnte wenigstens noch ein Mindestmaß an kritischem Journalismus aufrechterhalten", schrieb dort Harald Staun ("Was jetzt keiner mehr sagt", derzeit nur mit Abo lesbar). Er stellte die nun eingetretene Situation am Beispiel des Senders Tolo TV dar:

"Ausländische Serien dürften ab sofort grundsätzlich nicht mehr ausgestrahlt werden, nicht nur solche, in denen Frauen zu sehen waren, die gegen die strengen Kleidervorschriften verstießen. Frauen und Männer sollten nicht mehr gemeinsam in einer Sendung auftreten. Außerdem verboten sie, Nachrichten von ausländischen Sendern wie der Deutschen Welle oder der BBC zu übernehmen."

+++ "(W)as ist das für ein Setting? Was sind das für Kameraeinstellungen? Hat da beim Bau des Hauses niemand drüber nachgedacht?" – Da Boris Rosenkranz bei Übermedien aufgefallen ist, dass Tagesschau24 Teile des Programms von unterm Dach sendet, hier eine thematische Anschlussfrage, die schon länger mal gestellt werden muss. Sie betrifft die Börsenschalten von "Tagesthemen" und "heute journal": Warum sehen wir darin eigentlich ständig Monitore von hinten? Wer kommt auf sowas? Vergangene Woche gab es allerdings mal eine originelle Änderung: Valerie Haller präsentierte im ZDF die Informationen von der Frankfurter Börse mal vor dem Schriftzug "Börse Frankfurt".

+++ Verstehen Sie "Verstehen Sie Spaß?"? Die Rezensionen der ersten Ausgabe mit Moderatorin Barbara Schöneberger fallen gemischt aus, mit Tendenz zu durchwachsen. Joachim Huber fand im "Tagesspiegel" vor allem "die stets strahlende wie quicke Showmasterin" gut. Ebenso Anja Rützel bei spiegel.de: "Schöneberger könnte tatsächlich ein großer Gewinn für 'Verstehen Sie Spaß?' sein (…). Dazu müsste man ihr aber mehr Freiheiten einräumen". Trotz Schöneberger aber "wirkte die Live-Show am Samstagabend über weite Strecken hinweg nicht rund", so Alexander Krei bei dwdl.de. Nicht nur wegen eines Tonproblems zu Beginn, das so massiv war, dass es nirgends nicht thematisiert wurde.

Neues Altpapier erscheint am Dienstag.

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