Das Altpapier am 25. April 2022 Oh-là-là-Land

In Frankreich wurde über Marine LePen berichtet, als sei sie nicht rechtsextrem. Über den neuen Chefredakteur der "New York Times" freuen sich manche in seinem Haus besonders. Und auf der Liste der "Vergessenen Nachrichten" wurden die Auslandsthemen vergessen. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Altpapier vom 25. April 2022: Porträt des Altpapier-Autoren Klaus Raab
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Aus Frankreich keine schlechten Nachrichten

Der französische Wahlkampf hat in Deutschland im Vergleich zur Wahl vor fünf Jahren erst relativ spät Interesse geweckt. Aber was ich mehrfach gelesen habe, ist, dass Amtsinhaber Macron und seine rechtsextreme Gegnerin LePen im Grunde in französischen Medien wie zwei Konkurrenten wirkten, die man mit größtmöglicher Neutralität zu behandeln habe. Gewinnt er, oder gewinnt die Rechtsextreme? Hey, wir berichten ja nur. "Es ist so normal geworden in Frankreich, dass eine Rechtsextreme in der Stichwahl ist, dass genau das in zwei Stunden Debatte nicht mal ausgesprochen wird: dass Le Pen eine Rechtsextreme ist", twitterte etwa Leo Klimm, der für den "Spiegel" berichtet, über eines der Fernsehduelle.

Am Sonntag fand nun die Stichwahl statt, und das Ergebnis ist zweischneidig, aber eindeutig. Erstens: Marine LePen von der rechtsextremen Partei, mit deren Gründung sie kaschieren wollte, dass ihr Vater eine rechtsextreme Partei gegründet hatte, hat die Präsidentschaftswahl verloren. Zweitens: Amtsinhaber Emmanuel Macron, der "das alte Parteiensystem dekonstruiert hat, ohne ein neues zu etablieren" (Nils Minkmar in seinem Newsletter), hat gewonnen. Ersteres ist gut und überlagert Zweiteres, völlig unabhängig davon, wie man zu Zweiterem steht. Aber wie könnte eine journalistische Einordnung lauten, die distanziert bleibt, ohne falsch ausgewogen zu sein? Die des Schriftstellers und Audiojournalisten Philip Meinhold vom gestrigen Abend war jedenfalls in ihrer Knappheit ziemlich gut: "Es gibt sie noch, die nicht schlechten Nachrichten."

Unter der Zeile lässt sich auch die Berichterstattung des Montags über die Wahl in Oh-là-là-Land zusammenfassen. "Ouf!" im Sinn von: nochmal knapp davon gekommen – das ist der Tenor in "FAZ" wie "Welt" wie "SZ" wie "taz". Nach hinten durchrutschen sollte vielleicht aber auch übermorgen in der deutschen Frankreich-Betrachtung nicht, dass eine rechtsextreme Rassistin gegen Macron 42 Prozent der Stimmen bekommen hat. Frankreich ist nicht nur in der Endphase des Wahlkampfs relevant.

Objektivität, was ist das, Joe Kahn?

Bleiben wir bei der Großbaustelle "journalistische Objektivität". Bei der "New York Times" hat, wie hier schon zu lesen gewesen ist, ein neuer Chefredakteur übernommen, Joe Kahn. Und der, schreibt Harald Staun in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", gilt…

"vor allem als klare Antwort auf die Frage, welches Verständnis von Objektivität die 'Times' in einer Zeit vertreten soll, in der ein schematisches Beharren auf journalistischen Prinzipien vor allem zu falscher Ausgewogenheit führt"

(was übrigens eine gute Formulierung von Staun ist, um zusammenzufassen, wodurch das False-Balance-Problem ausgelöst wird. –)

"In einer Rede im Jahr 2017 hat Kahn all jenen, 'die wollen, dass wir einem Präsidenten, den sie als Bedrohung der Demokratie und der amerikanischen Macht ansehen, energischer entgegentreten", entgegnet, dies sei "nicht in unserem journalistischen oder wirtschaftlichen Interesse'."

Das klingt, als sei es in der "New York Times" im Prinzip künftig denkbar, dass über den Wahlkampf eines – nur mal zum Beispiel – illiberalen Reaktanz-Putinisten, der die Welt brennen sehen möchte, berichtet wird wie über jeden anderen.

Aber Kahn sagt natürlich noch mehr. In einem Porträt im "New York Magazine" wird er konkret zur Frage zitiert, wie er sich in der Debatte über journalistische Objektivität positioniere. Hören wir mal kurz rein, weil das wirklich sehr interessant ist (wie Markus Lanz sagen würde):

"There is no such thing as perfect neutrality, and defaulting to 'both sides' framing on divisive issues can be insufficient and misleading. But the journalistic process needs to be objective and transparent, and we need to challenge ourselves and our readers to understand all the facts and explore a wider range of perspectives.”

(Übersetzung: "Perfekte Neutralität gibt es nicht, und bei kontroversen Themen kann es unzureichend und irreführend sein, sich auf die Darstellung beider Seiten zu beschränken. Aber der journalistische Prozess muss objektiv und transparent sein, und wir müssen uns selbst und unsere Leser herausfordern, alle Fakten zu verstehen und ein breiteres Spektrum von Perspektiven zu erkunden.")

Besonders interessant ist dieses Zitat, wenn man es vor der Folie des wohl größten internen Aufruhrs liest, den die "New York Times" in ihrer Geschichte erlebt haben dürfte. Damals, 2020, wurde der Gastbeitrag eines republikanischen Senators veröffentlicht, der nach dem Tod von George Floyd forderte, militärisch gegen Demonstranten vorzugehen, die nicht nur Schilder durch die Straßen trugen. Der Redakteur, der die Veröffentlichung zu verantworten hatte, James Bennet, war bis dahin ein aussichtsreicher Kandidat für die Chefredaktion gewesen und stolperte über diesen Beitrag. Die Zeitung schien in Ältere und Jüngere, Liberale und Wokes gespalten (Altpapier), was allerdings, weil Zweiteilungsthesen bisweilen etwas simpel sind, nicht die Lesart aller Beobachter war und ist.

Diese Gräben, so es sie gab und gibt, versucht Kahn nun offensichtlich mit Bestätigung für beide Seiten zuzuschütten. Es ist für alle was dabei in seinem Statement. Er betont etwa, es gelte, ein breiteres Spektrum von Perspektiven zu erkunden. Das ist eigentlich genau das, was im Journalismus diejenigen fordern, die sich für mehr Diversität und weniger Altmännergemeine einsetzen. Es dürfte allerdings auch jene bestätigen, die sich in der "New York Times" dafür eingesetzt haben, dass man auch grenzwertige Thesen eines republikanischen Hardliners veröffentlichen sollte. Im "New York Magazine" wird ein dekorierter Reporter zitiert: "Man hat das Gefühl – und das macht viele Leute sehr glücklich –, dass er viel weniger bereit ist, dem Gejammer und den ständigen Aktivismusschreien nachzugeben, und dass er jemand ist, der wenig Geduld für die Kulturkriegsausbrüche in der Redaktion hat, die uns in letzter Zeit so sehr gestört haben." Nun. Ich habe wirklich keine Ahnung, auf welcher Seite dieser Reporter stehen könnte.

Interne Vorgänge bei der "New York Times" werden auch in Deutschland gerne wahrgenommen, weil es sich um die Zeitung der Zeitungen handelt, deren Entwicklung nicht nur für sie, sondern für die Zeitung als solche steht. Wir werden deshalb wohl sogar ohne regelmäßige Primärlektüre der "Times" erfahren, wohin die Reise geht.

Was in den TopTen der "Vergessenen Nachrichten" fehlt

Der Nachrichtenatlas von tagesschau.de, auf dem eingetragen ist, aus welchen Weltregionen die Redaktion zuletzt berichtet hat, zeigt, dass es am Wochenende bei tagesschau.de vor allem Beiträge gegeben hat, die ihre Ortsmarke im Zentrum Europas haben. Natürlich auch welche aus und über die Ukraine und einige aus den USA. Israel, Afghanistan und Nigeria tauchen auch noch auf der Weltkarte auf.

Einerseits ist das Weltnachrichtengeschehen aus Journalistenperspektive mit dieser Auswahl womöglich durchaus ordentlich abgedeckt. Andererseits erkennt man beim Blick auf den Nachrichtenatlas (der natürlich nicht die Nachrichtenverteilung "der Medien" zeigt, sondern nur die einer Redaktion, allerdings einer in Deutschland wichtigen) auch immer wieder, wie wenig Welt für Journalismus in Deutschland eine Rolle spielt. Es ist schließlich wohl kaum so, dass nichts Berichtenswertes passiert wäre in Indien, Japan, Tansania oder Chile. Es interessiert in Deutschland halt nur nicht so sehr. Womöglich liegt das am Publikum. Aber viele Medienhäuser geben sich auch nicht so wahnsinnig viel Mühe, Interesse zu wecken. In einem Übermedien-Text von Gemma Pörzgen über die Kriegsberichterstattung der ARD (der hier vergangene Woche schon einmal zitiert wurde), wurden WDR-Leute kürzlich sogar anonym mit Kritik am eigenen Haus zitiert: "Die Auslandsberichterstattung werde seit Jahren zugunsten der Regionalberichterstattung vernachlässigt".

Weil der journalistische Blick ein eingeschränkter Blick ist und die Themenauswahl nicht objektiv, sondern menschengemacht und verhandelbar ist, ist es gut, dass es die Initiative Nachrichtenaufklärung gibt. Einmal pro Jahr meldet sie sich mit einer Liste der vernachlässigten oder vergessenen Nachrichten zu Wort. Am Freitagnachmittag hat sie wieder mitgeteilt, welche relevanten Themen sie zuletzt für medial "vergessen" oder zumindest "vernachlässigt" hielt. Die "fortschreitende Abschaffung der Lernmittelfreiheit" steht ganz oben auf ihrer Liste.

Bemerkenswert ist aber, wie ich finde, dass es in diesem Jahr – anders als in den Vorjahren – kein einziges Auslandsthema in die TopTen der "Vergessenen Nachrichten" geschafft hat. Die Gründe dafür wären interessant. Liegt es daran, dass es, wenn man genau hinschaut, eben doch eine Menge Auslandsberichterstattung aus allen Ecken der Welt gibt, die nur nicht so prominent ausgespielt wird wie andere Inhalte? Oder liegt es vielleicht daran, dass zu wenig von dem auffällt, was von deutschen Redaktionen wenig beachtet worden ist, weil es so wenig Aufmerksamkeit bekommen hat, dass gar nicht auffällt, wenn es vernachlässigt wird?

Was dafür auf der Liste nicht fehlt, ist das Thema Sexismus in Parteien. Das ist, daran besteht kein Zweifel, ein relevantes Thema. Vielleicht hätte man im deutschen Journalismus mehr, auch viel mehr dazu recherchieren können. Aber wurde es wirklich vergessen? Womöglich ist es etwas unglücklich, dass die Liste in jener Woche veröffentlicht wurde, in der am Thema Sexismus in der Linkspartei kaum ein aktuell arbeitendes Medium vorbeigekommen ist.


Altpapierkorb (CNN+, Netflix, Nachdenkseiten, "SZ"-Feuilletonaufmacher, "WaPo", Castingshows, Joko&Klaas, Metaverse)

+++ Von den großen Streamingdiensten schauen gerade ein paar ziemlich lädiert aus der Wäsche. Warum das neue Portal CNN+ in den USA nach nur einem Monat wieder eingestellt wird, analysiert Jürgen Schmieder ("Süddeutsche").

+++ Und auch bei Netflix geht’s ja runter mit den Zahlen (Altpapier vom Donnerstag); eine weitere Analyse gab es im Bloomberg-"Today"-Newsletter vom Sonntag: "Great competitors like Disney+, HBO Max, Apple and Amazon are putting out phenomenally good shows, so having a distinct place that has truly great shows is no longer a Netflix differentiator. Having a lot of stuff is no longer a differentiator — Amazon has that, too. And when it comes to user experience, everyone essentially looks exactly the same.”

+++ Markus Linden, der als außerplanmäßiger Professor für Politikwissenschaft an der Universität Trier lehrt, hat sich für gegneranalyse.de die "Nachdenkseiten" als "Träger von Ideologie, Scharnier für Verschwörungstheorien und Agenda-Setzer der radikalen Systemopposition" vorgenommen.

+++ Den Feuilletonaufmacher von Hilmar Klute aus der "Süddeutschen" vom Freitag verräumt Stefan Niggemeier bei Übermedien: "Klute schreibt darüber, wie erstaunlich es ist, dass aus den Grünen, die einmal aus der Friedensbewegung hervorgegangen sind und sich mit Kriegseinsätzen wie dem im Kosovo außerordentlich schwer getan haben, eine Partei geworden ist, für die die Waffen, die Deutschland an die Ukraine liefern soll, gar nicht schwer genug sein können. (…) Leider ist er dabei nicht nur laut, sondern auch ungerecht und vage und kämpft sich an vielen Strohmännern ab statt an tatsächlichen Stimmen. Das macht seinen Text nicht nur wahnsinnig unüberzeugend, sondern auch unbrauchbar als Ausgangspunkt für eine ernsthafte Debatte."

+++ Peer Schader hat für seine DWDL-Kolumne wieder eine echte Fernsehperle ausführlich begutachtet: die Wasserschutzpolizeikrimis des ARD-Vorabends. "Das ZDF mag seit Jahren auf seine 'SOKOs' schwören (Leipzig, Kitzbühel, Köln, Wismar, Wien, Rhein-Main, Stuttgart, Hamburg, Potsdam, Linz) – aber die ARD kommt mit ihren 'WaPos' gerade erst so richtig in Fahrt!"

+++ Über eine "neue Art der Castingshow", die in den USA zu sehen ist, schreibt Anja Rützel im "Spiegel": "Das Schönste an 'Lizzo’s Watch Out for the Big Grrrls' … ist die Beiläufigkeit, mit der Menschen hier dick sein dürfen." Funktioniert besonders gut im Vergleich mit einem gewissen Topmodel-Format, das in Deutschland viel zu bekannt ist.

+++ "Die Entertainer Joko und Klaas haben zur besten TV-Sendezeit um 20.15 Uhr bei Pro Sieben den Auftritt einer ukrainischen Band aus einem Bunker in Charkiw gezeigt" (zitiert nach horizont.de).

+++ Ob die Welt das Metaverse braucht, an dem im Silicon Valley gebaut wird? Jannis Brühl meint: äh, nein. (sueddeutsche.de)

Neues Altpapier erscheint am Dienstag.

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